Translatio Babylonis

Unsere orientalische Moderne

Was, wenn sich jenseits gängiger Definitionen, Legitimationen und Konstruktionen des Orients eine andere Genealogie auftäte? Eine Linie, die zeigte, wie die westliche Moderne das Orientalische in seinem Herzen findet und gegen sich wendete? Das erforderte eine neue Einschätzung der Reden vom Orient. Dieser Band bietet eine grundsätzliche Neuveranlagung des Orient-Komplexes, der auch nach neueren Orientalismus-Gemeinplätzen der postkolonialen Welle nicht überflüssig ist. Der Band, der mit »Babylon« das Reizwort der Nachaufklärung mit der Leistung der westlichen Traditionsvermittlung kurzschließt, geht wissensgeschichtlichen Formations- und Rezeptionsmechanismen des Orients in der Literatur nach. Von ihren Ursprüngen in der Antike bis ins Europa des 19. Jahrhunderts rücken die Beiträge die narrativ-hegemonialen Überschreibungsstrategien zwischen Orient und Okzident in den Blick. Sie erkunden Phänomen und Persistenz einer veritablen translatio Babylonis in ihren Vorgeschichten, Randerscheinungen und mythen-analogen Strukturen, die den zeitgenössischen politischen Diskursen häufig verborgen bleiben.
Barbara Vinken ist Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie der LMU München. Sie hat in Konstanz und Yale promoviert und hatte Lehrstühle in Hamburg und Zürich inne, sowie zahlreiche Gastprofessuren in Paris und Bordeaux, New York, Johns Hopkins und Chicago. Neben literaturwissenschaftlichen Werken zur Renaissance, Aufklärung und zum 19. Jahrhundert, so zuletzt einer großen Flaubert-Monographie (2010), hat sie eine Reihe von gesellschafts- und geschlechterpolitischer Büchern geschrieben und Modetheorie als wissenschaftliches Thema in Deutschland mitbegründet, zuletzt in dem Bestseller „Angezogen: Das Geheimnis der Mode“ (2013). Barbara Vinken schreibt regelmäßig für DIE ZEIT, NZZ und CICERO.
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