Der politische Leib

Drei Essays

Felix Heidenreich

Die Frage nach der Identität und Souveränität politischer Gemeinwesen wird erneut auf drängende Weise gestellt – und oft mit populistischen oder identitären Vorstellungen beantwortet.
Aus dem, was »wir sind«, soll angeblich ableitbar sein, was zu tun sei. Die eigentlich politische Frage – wie wollen wir leben? – wird so systematisch verdeckt. Was aber, wenn man umgekehrt davon ausgeht, dass wir erst durch unsere Entscheidungen bestimmen, was wir sind? In diesem Sinne können auch Demokraten emphatisch »Wir« sagen, auch wenn die Grenzen dieses »Wir« immer verhandelbar bleiben. Das Subjekt der Politik ist dann aber nicht als ein souverän über sich gebietender politischer Körper, sondern eher als ein von Ambivalenzen und Widerständen durchzogener politischer Leib zu denken. Die Aufgabe einer »Xenopolitik« (Waldenfels), eines Umgangs mit dem Fremden und den Fremden, stellt sich dann unter anderen Vorzeichen, nicht als bloßer Umgang mit einem Außen, sondern mit einer Erfahrung, die uns immer schon begleitet. In drei Essays spürt der Autor den Denkbildern vom politischen Leib, der Frage nach der demokratischen Identität und dem Thema der Xenopolitik nach.

Easier than Painting

Die Filme von Andy Warhol

Edited by Henning Engelke and Marc Siegel

Easier Than Painting nimmt das filmische Werk von Andy Warhol erstmals in seiner gesamten Breite in den Blick. Das Buch versammelt namhafte Autoren aus Filmwissenschaft, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, die sich aus einer Reihe ergänzender Perspektiven dem Werk nähern.
Warhols lange verborgen gebliebene Filme sind möglicherweise der wichtigste Teil seines Werkes, denn seine ästhetische Konzeption scheint generell auf den Film ausgerichtet: Zwischen 1963 und 1968 konzentrierte er sich vornehmlich auf dieses Medium. Es entstanden etwa 600 Filme.
Ihr Spektrum reicht von den Screen Tests berühmter Kunst- und Kulturpersönlichkeiten über die frühen minimalistischen Filme und experimentellen Narrative bis zu den kommerziell ausgerichteten Filmen der späten 1960er Jahre. Der Band zielt auf eine umfassende Neubewertung von Warhols Filmen.

Ralf Koerrenz

Es gibt eine spezifisch hebräische Kultur der Bildung – das ist der Leitgedanke dieser Grundlegung. In dieser Kultur der Bildung spielt neben Aspekten wie Freiheit und Individualität ein bestimmtes Verständnis der Verantwortung des Menschen gegenüber sich selbst, der Mitwelt und der Umwelt eine entscheidende Rolle.
Dabei wird der Mensch als ein Wesen verstanden, das von der unaufhebbaren Gleichzeitigkeit von Entfremdung (Sünde) und Freiheit (als Befreiung) geprägt ist. Mit »hebräisch« wird dabei ein kultureller Überlieferungskontext bezeichnet, der sich in den Schriften der hebräischen Bibel gebündelt hat. Schöpfung und Sündenfall, Befreiung und prophetische Kulturkritik werden mit Blick auf das Bildungsmotiv anthropologisch ausgedeutet. Insgesamt entfaltet der Hebräische Humanismus nicht nur ein Verständnis von Kultur und Bildung, sondern kann insgesamt als eine bestimmte Ausprägung einer Kultur der Bildung verstanden werden. Der Hebräische Humanismus bildet die gemeinsame Grundlage für entsprechende Strömungen im Judentum, Christentum und Islam.

Jean-Luc Godard

Film denken nach der Geschichte des Kinos

Edited by Vinzenz Hediger and Rembert Hüser

In einem Moment der Mediengeschichte, in dem der Film nicht mehr nur im Kino, sondern in allen Medien auftritt, nimmt der vorliegende Band das Werk des französischen Regisseurs Jean-Luc Godard zum Ausgangspunkt für eine vielstimmige Reflexion über die Geschichten und die Zukünfte des Kinos.
Wohl mehr als jeder andere Regisseur hat Godard sich bemüht, die Geschichte des Kinos im Medium selbst zu
schreiben, etwa in seinem monumentalen Filmessay Histoire(s) du cinéma. Und mehr als jeder andere Regisseur hat Godard immer wieder die Frage gestellt, was nach dem Kino kommt: Wie es mit der Geschichte der Kunst nach dieser »Erfindung ohne Zukunft«, wie Louis Lumière es einmal formulierte, weitergeht. Zugleich schreibt Godard dem Kino im 20. und 21. Jahrhundert eine besondere Rolle der historischen Zeugenschaft zu, was seinem Werk eine Relevanz weit über den Horizont einer Geschichte der Kunstform Film hinaus verleiht.

Die praktische Notwendigkeit des Guten

Handlungstheoretische Ethikbegründung im Ausgang von Gewirth und Korsgaard

Christoph Bambauer

In der jüngeren praktischen Philosophie sind verschiedene Theorien entwickelt worden, die das Problem der Rechtfertigung von praktischer Normativität mittels Rekurs auf handlungstheoretische Reflexionen zu lösen versuchen. In vorliegender Studie werden diese Theorien kritisch rekonstruiert.
Im Mittelpunkt der Analysen stehen vor allem die beiden Ansätze von Alan Gewirth und Christine Korsgaard. Sie dienen als Ausgangspunkte für weiterführende Argumente, die für die allgemeine Tragfähigkeit der Idee praktischer Ethikbegründungen entwickelt werden.

Edited by Tobias Lachmann

Es gilt die kulturkonstitutiven Potentiale der Zerstreuung zu erforschen, weil sie unser Orientierungswissen in Frage stellen und die ‚Ordnung des Diskurses‘ karnevalistisch subvertieren.

Ausgangspunkt des Bands Ästhetik und Politik der Zerstreuung ist die Annahme, dass die eigentlich produktive Instanz von Kultur ein anonymer Prozess diskursiver Zerstreuung und Zerstreutheit ist, dem als entgegengesetzte Operationen Formen von Sammlung und Konzentration entgegenwirken. Während letztere die Funktionen der Hierarchisierung, Totalisierung und Identifizierung übernehmen, also Ordnung stiften in Bereichen, die eigentlich vom Prinzip der Dispersion gekennzeichnet sind, interessieren sich die Beiträge des vorliegenden Bands für ebenjene Momente kultureller Produktion, in denen das Prinzip der Zerstreuung entfesselt wird, Schlupflöcher findet, Grenzen überwindet und Fluchtlinien eröffnet. Angeregt von Überlegungen der Dortmunder Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Ute Gerhard widmen sie sich in exemplarischen Studien den Praktiken, Räumen, Dingen, Diskursen, Subjekten und Subjektivitäten der Zerstreuung und tragen so dazu bei, deren spezifische Ästhetik und Politik genauer zu konturieren.

Edited by Michael Quante, Hiroshi Goto, Tim Rojek and Shingo Segawa

Der Band bringt deutsche wie japanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, die sich dem Begriff der Person in seinen Dimensionen und vielfältigen Debattenkontexten sowie seinen historischen Prägungen widmen.
Die Beiträge des Bandes gehen den historischen Konturen sowie systematischen Potenzialen des Begriffs nach. So werden die zahlreichen Kontexte theoretischer wie praktischer, klassischer wie zeitgenössischer Philosophie explizit, für die der Begriff der Person eine zentrale Rolle spielt.

Gottlob Freges „Grundgesetze der Arithmetik“

Ein Kommentar des Vorworts, des Nachworts und der einleitenden Paragrafen

Rainer Stuhlmann-Laeisz

In seinem Hauptwerk Grundgesetze der Arithmetik stellt Gottlob Frege sein Logizistisches Programm – ausgearbeitet in der Philosophie der Mathematik – dar. Er leitet die Axiome der Arithmetik allein mit Beweismitteln der Logik aus logischen Wahrheiten, den Grundgesetzen der Arithmetik, ab.
Rainer Stuhlmann-Laeisz leitet ein in Gottlob Freges Philosophie der Logik und der Mathematik und kommentiert das Vorwort, das Nachwort sowie die einleitenden Paragrafen der „Grundgesetze“. Ebenfalls aufgenommen in den Band sind in leicht überschaubarer Zuordnung die kommentierten Fregeschen Texte. Das Buch ist auch für die akademische Lehre in den Anfangssemestern geeignet.

Herrliche Schwere

Bildkonzepte der Herrlichkeit Gottes nach Kunstwerken von Richard Serra

Kristin Riepenhoff

Für das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes hat die jüdisch-christliche Geschichte verschiedene Bildkonzepte entfaltet. Ihre gemeinsame Basis ist der alttestamentliche Herrlichkeitsbegriff, der ursprünglich auch die Grundbedeutung der physischen Schwere beinhaltet.
Durch Orientierung an den Arbeiten des Bildhauers Richard Serra, dem bildhaftes Experimentieren mit Gewicht und Schwere ein zentrales Anliegen ist, erschließt Riepenhoff neue Ansätze für das theologische Nachdenken über die Herrlichkeit Gottes als Schwere. Dabei geht es auch um die Frage nach der Entwicklung angemessener Interpretationsverfahren bildlich strukturierter Bedeutungen in theologischen Diskursen.

Im Gedränge

Figuren der Menge

Edited by Hermann Doetsch and Cornelia Wild

Der Band bestimmt die Arten und Weisen der Repräsentation der Menge in den Paradoxien ihrer Darstellbarkeit und medialen Inszenierungen, die Dispositive der Wahrnehmung, die sprachlichen Ordnungen und Mechanismen ihres Ausschlusses, ihre Epistemologien und Figuren in Literatur und Kunst, Diskursen und Theorien.
Die Modernität der Menge besteht in der Dynamik der Ströme von Körpern, der Vielheit, der multitude, des Schwarms oder des Gewimmels, obwohl die Figur selbst eine Figur des Singulars ist. Die Menge rückt im 19. Jahrhundert ins Zentrum der Aufmerksamkeit, da sich am Problemfeld der Masse auf vielfältige Weise die durch die Tendenzen der Modernisierung und deren Deregulierungen hervorgerufenen Probleme und Aporien exemplarisch verhandeln lassen. Mit Beiträgen von Friedrich Balke, Walburga Hülk, Wolfram Nitsch, Gianluca Solla, Hannah Steurer, u. a.