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Ediert von Lore Knapp, Sven Lindholm and Sarah Pogoda

Christoph Schlingensief lebt, die Avantgarde lebt. Beide totzusagen, wäre ein Abgesang auf die transformative Kraft der Kunst./br>Christoph Schlingensief setzte sich in seiner Arbeit über mehr als vier hochproduktive Jahrzehnte mit avantgardistischen Bewegungen der Musik, der darstellenden und bildenden Künste, der Literatur und des Films auseinander. Seine heterogenen Verweise stellen die Vielfalt dessen aus, was zwischen der performativen Lautmalerei des Dadaismus und dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys als Avantgarde gilt. In den Analysen, Theoriediskussionen und Erinnerungen dieses Bandes, die sich den prominentesten Bezugnahmen in Schlingensiefs Filmen, Inszenierungen, Aktionen und Installationen auf avantgardistische Stilrichtungen und Programme widmen, wird somit auch deutlich, wie Schlingensief selbst avantgardistisch wirksam wurde, und die Kunstwelt in ihrem Selbstverständnis transformierte und belebte.

Kunstwerk als Handlung

Transformationen von Ausstellung und Teilnahme

Marita Tatari

Das Buch zielt auf den Kern des Paradigmas gegenwärtiger Performanzforschung. Marita Tatari entwickelt eine originelle Position, die sich von jeglicher Überwindungslogik abgrenzt.
Wenn der Übergang vom Drama zu neuen Kunstformen analysiert wird, so geschieht dies zumeist in Begrifflichkeiten, die epistemologisch in Fortschrittsschemata verhaftet sind. Ein Eingriff ins Urmodell des Fortschrittsverständnisses, nämlich Hegels Ästhetik, bildet den Kern des Unterfangens, das Kunstwerk in einem eigenständigen, weder sozialen noch ethischen Sinn als Handlung zu denken, mit den technologischen Bedingungen der Gegenwart zu konfrontieren und aus der Überwindungslogik herauszulösen. Peter Szondis Dramenverständnis, Friedrich Kittlers Austreibung des Geistes, Paul De Mans Dekonstruktion und andere Theorieansätze werden so relativiert und neue Perspektiven auf die Entwicklung von Kunstformen eröffnet.

Gegenwartskunst und Oper

Beitrag zu einer Erfahrungsästhetik

Serie:

Felicia Rappe

Seit ihren Anfängen integriert die Oper als genuin plurimediale Kunstform auch die bildende Kunst. Felicia Rappe untersucht, wie sich bildende Künstler heute mit der Oper befassen und diskutiert Implikationen für eine Erfahrungsästhetik in der Gegenwartskunst.
Rappe entwickelt ihren theoretischen Rahmen anhand zweier Aufführungen, in denen die herkömmlichen Hierarchien der beteiligten Künste ausgehebelt werden: einer Arbeit des Videokünstlers Bill Viola für Richard Wagners Tristan und Isolde und einer Rauminstallation Olafur Eliassons für Hans Werner Henzes Phaedra. Untersucht wird, inwiefern die visuelle Komponente sich nicht in der Funktion eines ›Bühnenbilds‹ erschöpft, das die Opernerzählung interpretiert, sondern Teil eines intermedialen Gefüges wird, das auf der Erfahrungsebene zusätzliche Bedeutungsdimensionen eröffnet.

Habima

Eine hebräische Bühne in der Weimarer Republik

Serie:

Shelly Zer-Zion

Das Buch erforscht die Beziehungsnetzwerke, die die Habima, eine in Moskau gegründete zionistische Theatergruppe, mit der kulturellen und wirtschaftlichen deutsch-jüdischen Elite in Berlin entwickelte.
Die Habima ist vor allem durch ihre heroische Gründungsgeschichte als hebräische Theatergruppe aus Moskau bekannt. 1926 verließ die Habima die sowjetische Hauptstadt, verarmt, kurz vor der Auflösung. Bis 1931 tourte sie in Europa, in Mandatspalästina und in den USA. Berlin wurde vorübergehende Heimstätte der Truppe. Das Buch untersucht, wie sich Mitglieder der deutsch-jüdischen Elite in Berlin – Künstler, Theaterschaffende, zionistische Aktivisten, Intellektuelle, wohlhabende Kaufleute, Industrielle und Bankiers – zu einer Interessengemeinschaft für die Habima zusammenschlossen und die hebräisch-zionistische Theaterkultur gestalteten.

Barocktheater als Spektakel

Maschine, Blick und Bewegung auf der Opernbühne des Ancien Régime

Serie:

Ediert von Nicola Gess, Tina Hartmann and Dominika Hens

Die Opernbühne des Ancien Régime gehorcht dem Paradigma des Spektakels. Sie will Schaulust und Staunen hervorrufen und zielt auf die Konstitution und Repräsentation von Herrschaft. Der visuellen Überwältigungsrhetorik der Gegenreformation und des absolutistischen Hofes steht sie in nichts nach; sie ist Bestandteil von deren machtpolitischen Strategien. Zugleich bewirkt die spektakuläre Visualität eine Destabilisierung des dem Barock zugeschriebenen »Imperialismus des Bildes« und seiner visuellen Ordnungen.
Die französische Barockoper hat in Bezug auf diese Ordnungen stark desorientierende und verwirrende Implikationen. Aus interdisziplinären Blickwinkeln werden die historische Dimension der Praktiken des Spektakulären sowie Fragen der gegenwärtigen Aufführungspraxis erörtert.

Sowohl als auch dazwischen

Erfahrungsräume der Kunst

Ediert von Benjamin Wihstutz and Jörn Schafaff

Ästhetische Erfahrungsräume sind als Zwischenräume zu begreifen, die sowohl Aspekte des realen als auch des gedachten Raums aufweisen. Die Entgrenzung der Künste hat im 20. Jahrhundert dazu geführt, dass oftmals unterschiedliche Raumkonzepte innerhalb derselben künstlerischen Arbeit aufeinandertreffen. Welche Eigenschaften und Potenziale sich hieraus ergeben, ist die Frage, welcher der Band nachgeht.
Die Beiträge erörtern Raumerfahrungen zwischen An- und Abwesenheit, Selbst- und Weltbezug, zwischen sinnlichem Erleben und gedanklicher Reflexion, zwischen Immersion und Distanzierung. Damit sind sie Ausdruck einer Komplexität, die nicht nur das Verhältnis der Künste untereinander, sondern auch die soziale Lebenswelt auszeichnet, auf die sich die künstlerische Arbeit heutzutage bezieht.

Serie:

Ediert von Ulrike Haß, Norbert Otto Eke and Irina Kaldrack

Der vorliegende Band fragt nach dem Begriff der »Bühne« als Übergangszone par excellence, ihrer experimentellen Entgrenzung, Umformulierung bzw. ihres möglichen Verschwindens in der Gegenwart medialer Figurationen.
Historisch betrachtet wird die Bühne des Theaters im 18. Jahrhundert zunächst als Bild/Tableau definiert und erst in den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts als Raum entdeckt und begriffen. Zwar bilden Bild und Raum dabei ein Gegensatzpaar, die Vorstellung des Raums als Container allerdings bleibt davon unberührt. Die Bühne bleibt der Alternative von Nacheinander und Nebeneinander unterstellt und wird bis heute fast ausschließlich unter dem Aspekt der Zwei- oder Dreidimensionalität diskutiert. Demgegenüber beleuchtet der Band, welche Kategorien von Bühne zeitgenössische Theater- und Tanzperformances nahe legen.

Intermediale Szenographie

Raum-Ästhetiken des Theaters am Beginn des 21. Jahrhunderts

Birgit Wiens

Das Theater erkundet seit einiger Zeit Räume, die ihm eigentlich fremd sind. Im Spannungsfeld zwischen Bühne, dem sogenannten »Realraum« und virtuellen Räumen werden neue Relationen erforscht: sei es im kaleidoskopischen Zusammenspiel mit Fernsehen und Film oder »verschaltet« mit den globalen Netzwerken und Online-Zonen des Internets. Diese am Beginn des 21. Jahrhunderts erkennbar werdende Vielfalt künstlerischer Konfigurationen diskutiert die vorliegende Studie als Ästhetik des Raums und entfaltet ihr Spektrum unter dem Leitbegriff Intermediale Szenographie. In einer Reihe exemplarischer Analysen – v.a. von Arbeiten von Penelope Wehrli, Bert Neumann, Rimini Protokoll und Christopher Kondek – sowie im Anschluss an den Spatial turn unternimmt die Studie eine Revision der bisher geltenden theaterwissenschaftlichen Kategorie ›Raum‹ und ermöglicht einen differenzierenden Blick auf Spielarten eines Theaters »zwischen den Räumen«.

Theater der Zäsur

Antike Tragödie im Theater seit den 1960er Jahren

Matthias Dreyer

Theater sucht das Zeitgenössische – und findet es in der Auseinandersetzung mit der antiken Tragödie. Besonders seit den 1960er Jahren wird sie zentral für die ästhetische Erneuerung. Das Fremde des Materials eignet sich, um das gegenwärtige Theater anders zu denken. Das schafft nur, wer mit der Antike nicht das ›Zeitlose‹ verfolgt, sondern mit der produktiven Kraft des Geschichtlichen experimentiert.
Die Studie deckt die ›andere‹ Geschichte der antiken Tragödie auf, die von Brechts Theaterarbeit ausgeht, Künstler wie Klaus-Michael Grüber, Einar Schleef oder Robert Wilson betrifft und bis zum experimentellen Theater und zur Performance unserer Zeit führt. Die ästhetischen Positionen werden in ihren Kontexten von Tragödientheorie, Ästhetik und Geschichtsphilosophie dargestellt. Sie widersetzen sich einer herkömmlichen Vergegenwärtigung, die universelle Wahrheiten beschwört. Stattdessen arbeiten sie die historischen Spuren heraus, von denen die Präsenz des Theaters durchzogen ist. Jenes Bewusstsein für Geschichtlichkeit, das in der Begegnung mit der antiken Tragödie entsteht, ist für die Entwicklung des kritischen Theaters von zentraler Bedeutung. So wird die Tragödie wieder zu einem Ort, um die Möglichkeiten eines verändernden Einschnitts zu denken, einer Zäsur.

Die Kunst des Kollektiven

Performance zwischen Theater, Politik und Sozio-Ökonomie

Kai van Eikels and Kai van Eikels

Konzepte einer zerstreuten, sich selbst organisierenden Kollektivität geben uns heute die Möglichkeit, unser Zusammenhandeln neu zu bestimmen. Die Kunst des Kollektiven erforscht dies in den Beziehungen zwischen künstlerischer Performance, politischem Handeln und ökonomischem Agieren.
Ein Kollektiv ist weder notwendig eine Gruppe, die der Vielzahl ihrer Mitglieder eine institutionelle Einheit überstülpt, noch bedarf es eines starken emotionalen Bandes. Kai van Eikels verknüpft Erkenntnisse aus Organisationstheorie, politischer Philosophie und Medienwissenschaft miteinander, um Formen kollektiver Praxis zu untersuchen. Die Potenziale und Probleme dieser schwarmartigen Kollektivitäten werden dort analysiert, wo der Begriff
»performance« im 21. Jahrhundert Praxisfelder übereinander treten lässt: an Techniken des Übens in Kunst und Politik, des Improvisierens in Kunst und Wirtschaft sowie des Rühmens und Ehrens in Kunst und social networking.