Sigrid Weigel

Sigrid Weigel verfolgt die Kontaminierung des Generationengedächtnisses »nach 1945« durch eine monetäre Symbolik und deckt auf, wie vormoderne Konzepte der Entschädigung bis heute nachwirken.
Im Lichte der gegenwärtigen Debatte über die Verschuldung und die moralische Schuld gegenüber künftigen Generationen werden verschiedene Stationen der Konversion von Schuld und Schulden untersucht. Die Symbolik von Schuld und Zins, die im Gedächtnis »nach 1945« am Werk ist, wird als Wiederkehr dessen gedeutet, was im Projekt der »Wiedergutmachung« verdrängt und aus ihm herausgefallen ist: die an-ökonomischen Anteile dieser Art Entschädigung. Symptome dafür sind das Begehren nach einer Reinheit des Geldes und die Wiederkehr der Shylock-Figur auf die Bühne. Diese gegenwärtigen Schauplätze werden in kultur- und literaturgeschichtlichen Ausblicken vertieft: auf die plurale Semantik der Konversion, die kultische Herkunft des Geldes, vor-monetäre Formen der Entschädigung und Shakespeares geniale Inszenierung der unheilvollen Verquickung von genealogischer und monetärer Logik im Kaufmann von Venedig.

Joachim Bromand

Edited by Joachim Bromand

Ludwig Wittgenstein selbst hielt seine Überlegungen zur Mathematik für seinen bedeutendsten Beitrag zur Philosophie. So beabsichtigte er zunächst, dem Thema einen zentralen Teil seiner Philosophischen Untersuchungen zu widmen. Tatsächlich wird kaum irgendwo sonst in Wittgensteins Werk so deutlich, wie radikal die Konsequenzen seines Denkens eigentlich sind. Vermutlich deshalb haben Wittgensteins Bemerkungen zur Mathematik unter all seinen Schriften auch den größten Widerstand provoziert: Seine Bemerkungen zu den Gödel’schen Unvollständigkeitssätzen bezeichnete Gödel selbst als Nonsens, und Alan Turing warf Wittgenstein vor, dass aufgrund seiner scheinbar toleranten Haltung gegenüber Widersprüchen Brücken einstürzen könnten, die Mithilfe mathematischer Berechnungen in Wittgensteins Sinne errichtet würden. Die Beiträge des Bandes erklären zentrale Überlegungen Wittgensteins zur Mathematik, räumen weit verbreitete Missverständnisse aus und analysieren kritisch Wittgensteins Bedeutung für die traditionelle Philosophie der Mathematik. Ebenfalls wird die Frage verfolgt, inwieweit Wittgensteins Bemerkungen zur Philosophie der Mathematik über seine Philosophischen Untersuchungen hinausführen.

Martin Pleitz

The Liar paradox arises when we consider a sentence that says of itself that it is not true. If such self-referential sentences exist – and examples like »This sentence is not true« certainly suggest this –, then our logic and standard notion of truth allow to infer a contradiction: The Liar sentence is true and not true. What has gone wrong? Must we revise our notion of truth and our logic? Or can we dispel the common conviction that there are such self-referential sentences? The present study explores the second path. After comparing the Liar reasoning in formal and informal logic and showing that there are no Gödelian Liar sentences, the study moves on from the semantics of self-reference to the metaphysics of expressions and proposes a novel solution to the Liar paradox: Meaningful expressions are distinct from their syntactic bases and exist only relative to contexts. Detailed semantico-metaphysical arguments show that in this dynamic setting, an object can be referred to only after it has started to exist. Hence the circular reference needed in the Liar paradox cannot occur, after all. As this solution is contextualist, it evades the expressibility problems of other proposals.

Rechtfertigung solidarischer Gesundheitsversorgung

Warum Mitbestimmung gut für unsere Gesundheit ist

Daniel Friedrich and Daniel R. Friedrich

Wir leben in einer wertepluralen Gesellschaft. Aber aus der empirischen Feststellung einer weltanschaulichen und als positiv bewerteten Pluralität innerhalb (nicht nur) unserer Gesellschaft folgt noch kein Zwang zur Anerkennung all dieser unterschiedlichen Wertvorstellungen als legitim. So ist dort, wo weltanschauliche und wertende Unterschiede vorliegen, auch mit politischen Auseinandersetzungen um die Durchsetzung der jeweils präferierten Variante zu rechnen. Die solidarische Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist ein Bereich gesellschaftlichen Engagements, der sich in diesem Spannungsverhältnis zwischen Wertepluralismus und dem Versuch, einheitliche Wertvorgaben für alle zu etablieren, befindet. Mit diesem Buch wird ein Vorschlag unterbreitet, wie dieses Vorhaben legitim und für die Betroffenen akzeptabel umsetzbar werden kann.

Tierische Organe in menschlichen Körpern

Biomedizinische, kulturwissenschaftliche, theologische und ethische Zugänge zur Xenotransplantation

Edited by Jochen Sautermeister

Die Knappheit an Spenderorganen ist ein großes Problem. Um diesem abzuhelfen, gibt es Forschungsbemühungen, tierische Zellen und Organe als Ersatz zu verwenden. Bei der sogenannten Xenotransplantation sollen Zellen und/oder ganze Organe vom Tier dem Menschen implantiert werden. Wenngleich sich die medizinische Forschung noch im vorklinischen Stadium befindet, ist in absehbarer Zeit mit klinischen Studien zu rechnen. Mit der Xenotransplantation gehen zentrale Fragen zum praktischen und ethischen Selbstverständnis des Menschen einher, die verschiedene Felder der Angewandten Ethik betreffen: Wie ist die Xenotransplantation ethisch zu bewerten? Was bedeutet sie für die personale Identität? Wie lässt sich das Verhältnis von Mensch und Tier in ethischer und anthropologischer Perspektive begreifen? Was bedeutet dies für den Umgang mit Tieren? Und welche kulturellen und religiösen Herausforderungen können sich ergeben? Das Buch geht diesen und weiteren Fragen nach, indem es den gegenwärtigen biomedizinischen Forschungsstand der Xenotransplantation anschaulich darstellt, um diese dann aus kulturwissenschaftlicher, theologischer und ethischer Perspektive zu reflektieren.

Die Unverfügbarkeit der Kraft und die Kraft des Unverfügbaren

Subjekttheoretische und gnadentheologische Überlegungen im Anschluss an das Phänomen der Kontingenz

Sarah Rosenhauer

Menschliche Praxis ist kontingent. Wir können das Gelingen unserer Vollzüge nicht nur durch unsere Vermögen sicherstellen. Gelingen hat immer auch Widerfahrnischarakter.
Will man dieses Phänomen ernst nehmen, muss man die Grundbegriffe, mit denen wir unsere Praxis denken – und das heißt seit der Moderne vornehmlich: die Begriffe des Subjekts und der Autonomie –, anders und neu denken. Das Subjekt kann nicht nur Instanz autonomer Aktivität sein, es muss zugleich als Instanz der Bestimmbarkeit durch das unverfügbar Entgegenkommende gedacht werden. Es reicht aber nicht, das Subjekt innerlich zu dialektisieren. Dem Widerfahrnischarakter des Gelingens eignet eine theologische Dimension, die den Begriff des Subjekts in den Horizont einer Theologie der Gnade stellt. Diesen Weg von einer kontingenz-sensiblen philosophischen Subjekttheorie zu einer subjektsensiblen Theologie der Gnade lotet das Buch argumentativ aus.

Series:

Edited by Andreas Kablitz and Otfried Höffe

Die Europa-Idee, die in den Nachkriegsjahren wirksam war, ist heute verdunstet. Diese Idee war stark geprägt vom Christentum, dem der alte Kontinent seine geistige Einheit verdankt. Die Institutionen des Christentums sind dabei konkurrierenden Interessen ihrer Mitglieder ausgesetzt, verlieren deren Zustimmung in unterschiedlicher Weise und haben das konfliktträchtige Potential ihrer konfessionellen Vielfalt noch nicht ganz überwunden. Daneben haben sogenannte fundamentalistische Richtungen innerhalb traditioneller Weltreligionen – in Europa außer dem Christentum auch das Judentum und der Islam – regen Zulauf.
Der Band hinterfragt die traditionelle Rolle religiöser Werte für die Union, ihre Transformation in der Geschichte und behandelt ihre Gegenwart und Zukunft. Letzteres tut er zum einen mit Hinblick auf die Frage nach der Zugehörigkeit des Islam zu Europa – in seiner gegenwärtigen Präsenz als auch in seinem historisch-kulturellen und philosophischen Einfluss –, zum anderen im Vergleich zwischen der (in sich noch unterschiedlichen) europäischen Konzeption des Verhältnisses von Religion und Staat und anderer westlicher Staaten, namentlich den USA.

Michael Quante

Leading one’s life as a person is an essential feature of our human existence which is constitutively characterized by finiteness, sociality and vulnerability. Within the framework of a pragmatistic anthropology central features of our being persons (i.e. personal identity, self-consciousness, freedom, autonomy and responsibility) are made explicit in this study. The such unfolded conception is anthropological in the sense of being restricted to the human life-form. The explication is pragmatistic in a double sense: Firstly, action is taken as a complex and not reducible basic feature; secondly, the study is committed to the pragmatistic model of justification. Leading one’s life as a human person, this is the study’s central thesis, is realized in constellations of recognition (intersubjective or institutionally framed). These can be made explicit as basic grammar of our evaluative Praxis within an ascriptivist framework.

Edited by Daniel Hornuff, Christian A. Bauer and Sebastian Baden

Klagen über den Verfall der Kultur gehören zu den beliebtesten Übungen von Intellektuellen. In welchen Formen sich diese Klagen äußern, untersuchen Beiträge namhafter Wissenschaftler.
Viele empfinden die Gegenwart als zu hektisch, zu laut, zu oberflächlich, zu chaotisch. Doch diese Diagnosen unter dem Vorzeichen von Kulturkritik sind so alt wie die Moderne selbst. Was sich allerdings wandelt, sind die Medien von Klagen über Entfremdung und die Inszenierungen des Niedergangs. Der Band nimmt diese Klagetradition zum Anlass, um die Modalitäten von Kulturkritik näher zu beleuchten: In welchen Rede- und Schreibweisen, Erscheinungsbildern, Zeichen- und Ausdruckswelten nehmen kulturkritische Leidensemphasen Gestalt an? Und wie konsumieren zeitgenössische Rezipienten die alltäglichen Angebote der Kulturkritik?