Kapitel I Bluhme und die Folgen

In: Der Tempel der Gerechtigkeit
Author:
Jakob Fortunat Stagl
Search for other papers by Jakob Fortunat Stagl in
Current site
Google Scholar
PubMed
Close
Open Access

§ 2. Justinians „templum iustitiae“

Die Pandekten sind ein Teil einer umfassenderen Gesamtkodifikation, die von ihrem Auftraggeber Justinian als Romani iuris dispositio bezeichnet wurde.1 Diese Kodifikation besteht aus drei Teilen, den Justinian’schen Institutionen von 533, den Pandekten oder Digesten von 533, dem Codex von 534. Die Pandekten sind ein Florilegium oder besser noch eine Collage der antiquorum prudentium libros ad ius Romanum pertinentes2, also von Exzerpten aus den Schriften von ca. 40 Juristen der ersten drei nachchristlichen Jahrhunderte, mit dem enormen Umfang des Zwanzigfachen der aus ihnen kompilierten Pandekten.3 Sinn und Zweck dieser Kodifikationstechnik war es, Reichtum und Vielfalt der alten Jurisprudenz zu bewahren, zu ordnen und in einem Werk zu monopolisieren, wie Justinian in der Constitutio „Deo auctore“ § 5 ausführt:

[…] ut nihil extra memoratam consummationem possit esse derelictum, sed his quinquaginta libris totum ius antiquum, per millesimum et quadringentesimum paene annum confusum et a nobis purgatum, quasi quodam muro vallatum nihil extra se habeat: omnibus auctoribus iuris aequa dignitate pollentibus et nemini quadam praerogativa servanda, quia non omnes in omnia, sed certi per certa vel meliores vel deteriores inveniuntur.

Die Pandekten stellten Justinian und die von ihm zur Redaktion eingesetzte Kommission4 vor eine neue Aufgabe: Während die Institutionen sich vor allem an Gaius orientierten5 und die Titel des Codex chronologisch angeordnet waren, mussten die 9.1396 Leges7 der Pandekten nach einem anderen Prinzip arrangiert werden. In der Constitutio „Deo auctore“ von 530, welche den Befehl zur Schaffung der Pandekten erteilt, erläutert Justinian seine hohen Anforderungen an die herzustellende systematische Ordnung:

Cumque haec materia summa numinis liberalitate collecta fuerit, oportet eam pulcherrimo opere extruere et quasi proprium et sanctissimum templum iustitiae8 consecrare et in libros quinquaginta et certos titulos totum ius digerere.9

Ebendas ist es auch, als was die Pandekten von da an für lange Zeit erachtet wurden. So sprachen die Glossatoren von ihnen als einer Biblia minor10 und verstanden sie zusammen mit den anderen Gliedern der Kodifikation als einen einheitlichen Text.11 Insbesondere wurden die Leges der Reihe nach gelesen und aus ihrem aktuellen Kontext heraus interpretiert.12

§ 3. Bluhmes Massentheorie

Mit der Renaissance begann diese Harmonie von Intention und Perzeption sich aufzulösen,13 weniger die Systematik der Pandekten wurde kritisiert als vor allem die Ordnung innerhalb ihrer Titel.14 Im fünften Kapitel seiner für uns im Weiteren fundamentalen Monographie über „Die Ordnung der Fragmente in den Pandectentiteln“15 beschreibt Friedrich Bluhme das Hin- und Herwogen der Meinungen zu der Frage, ob die 432 Titel der Pandekten systematisch komponiert seien oder nicht. Als Ergebnis seiner Beschäftigung mit dieser imposanten Diskussion, an der Größen wie Leibniz teilgenommen hatten16, kristallisierten sich für Bluhme zwei Anforderungen an die Lösung des Problems der systematischen Ordnung der Titel heraus: Sie sollte für alle Titel einheitlich gelten und sie sollte – nach dem Vorbild der experimentellen Naturwissenschaft – objektiv nachvollziehbar sein. Das konnte nach der Lage der Dinge nur eine Theorie leisten, welche sich in radikaler Ausschließlichkeit auf die Inscriptiones stützte, also auf die bibliographischen Angaben zu jeder der 9.139 Leges, von denen man aufgrund von Vorarbeiten vor allem Hugos wusste17, dass sie für die Frage der internen Ordnung der Titel relevant seien. Die zuvor angewandte phänomenologische Methode hatte versagt, denn über die Komposition der Digestentitel konnte man geteilter Meinung sein. Das zeigt auch ein Vergleich mit einem aus der schönen Literatur herangezogenen Beispiel: Corneille (1606–1684) forderte die aristotelische Einheit von Handlung, Zeit und Ort,18 aber Shakespeare (1564–1616) beachtete sie nicht.19 Je nachdem, welchen Maßstab man anlegt, wird man das Urteil über die Ordnung der Pandektentitel also ganz unterschiedlich fällen. So verlangt etwa der gerade zitierte Leibniz: „Debent autem Leges quolibet Titulo disponi secundum Locos materiae Topicos, quales sunt: Forma Finis, Efficiens, Subjectum, modus causandi, objectum, effectus, contrarium.“20 Betrachtet man den von ihm nach diesen Kriterien analysierten Titel D. 3, 3 „De procuratoribus“, den er als Beispiel für einen „ordo confusissimus“ der Leges zitiert21, stellt man fest, dass sein Urteil sich sehr viel mehr gegen die antiken Autoren richtet als die Kompilatoren, ist dieser Titel doch in weiten Stücken ein mit Pauluszitaten angereicherter Auszug aus dem 9. Buch von Ulpians „Ad edictum“. Er gliche also einem an Corneille geschulten Kritiker der Werke Shakespeares. Ein solches Verfahren würde man heutzutage als hermeneutisch unzulässig erachten.

Die Inscriptiones der Pandektenstellen sind hingehen ein unbestreitbares Datum.22 Justinian hatte ja die Kommission angewiesen, zu jedem kompilierten Auszug die Fundstelle genau auszuweisen, also nach Autor, Werk und liber, woraus sich die Inscriptiones in den Pandekten ergaben. Und in der Tat gelang Bluhme der Wurf: In den Inscriptiones lassen sich durchgängig die drei „Massen“ erkennen.23 Die Kompilatoren hatten unter der Leitung Tribonians das Corpus der Juristenschriften, so Bluhmes Beobachtung, in drei Massen geteilt und diese in eine Ordnung nach Werkgruppen gebracht. Darauf lasen sie die zu jeder Masse gehörenden Schriften in ihrer festgelegten Ordnung, d.h. von oben nach unten, und beuteten sie, dem Lauf der Lektüre folgend, für die Übernahme in die Pandekten aus. In einem zweiten Schritt stellten sie die solchermaßen gewonnenen drei Exzerptgruppen in die der ersten Auflage des Codex von 529 entnommenen Rubriken ein, wobei die drei Exzerptmassen nach ihrem Umfang aneinandergereiht wurden. Damit finden sich in den Titeln jeweils Fragmente aus den drei Massen in der Reihenfolge der Lektüre bzw. Kompilation. Bluhme zufolge fand ein echter Abgleich der Massen nicht statt, jede Unterkommission arbeitete für sich. Entscheidend für die Genese der Pandekten, wie sie Bluhme vorschwebte, ist die Annahme eines solchen „industriellen“ Kodifikationsprozesses, wie Theo Mayer-Maly bemerkte24 : In dieser Theorie ist nämlich der Inhalt des jeweiligen Exzerptes nur ein einziges Mal, ganz am Anfang des Prozesses, von Bedeutung, dann nämlich, wenn die Entscheidung getroffen wird, ein Stück aus einer Juristenschrift zu exzerpieren und diesen solchermaßen dem Kontext entrissenen Auszug in die Pandekten zu integrieren; die weitere Verarbeitung des Exzerptes zur Lex, das Einstellen in die Titel, erfolgt aber regelmäßig nach abstrakten, der Arbeitsökonomie geschuldeten Kriterien. Der Ausdruck „Masse“ bezeichnet deutlich die Isoliertheit der einzelnen Exzerpte in der Bluhme’schen Theorie.

In einem regelhaften Titel kommen etwa zuerst Fragmente der Sabinusmasse (S), beginnend mit den Kommentaren „Ad Sabinum“ und dem mittleren Teil von „Ad edictum“ und fortschreitend zu immer speziellerer Literatur wie etwa den „Digesta“ Julians, anschließend folgt die nach dem gleichen Muster strukturierte Ediktsmasse (E) und schließlich die Papiniansmasse (P), deren Hauptwerke die „Quästionen“ und „Responsen“ Papinians sind. In den solchermaßen zustande gekommenen Titeln spiegelt sich also die Massenordnung, welche nichts anderes ist als ein Arbeitsprinzip der Kompilatoren. Im Gefolge Bluhmes wurde die Ordnung der Titel als genetisch bedingt angesehen, aber nicht als inhaltlich systematisch.25

Aus dieser Voraussetzung glaubte Bluhme den unwiderleglichen Schluss ziehen zu können, dass die Titel ausschließlich durch das Prinzip ihrer Herstellung, der Massenfolge eben, aber nicht nach ihrem Inhalt geordnet seien. Hieraus folgte für ihn – automatisch, ohne dass es für ihn einer weiteren Überprüfung bedurft hätte –, dass die Titel in sich nicht systematisch geordnet seien und dass man die Anordnung innerhalb der Titel also für die Auslegung der einzelnen Leges oder „Fragmente“ nicht zu berücksichtigen habe. Es ist wichtig zu betonen, dass er eine Theorie aufstellt, welche bezüglich der letzten beiden Titel empirisch ist, für die übrigen 430 Titel aber deduktiv vorgeht – von der Basis der letzten beiden empirisch analysierten Titel. Ob die von Bluhme selbst angestoßene Untersuchung der Ausnahmen zu der von ihm aufgestellten Regel, der „Versetzungen“, also jener Texte, die an einem Ort stehen, an dem sie nach der von ihm gefundenen Regel eigentlich nicht stehen dürften, empirisch bislang richtig gewürdigt wurde, ist eine der zentralen Fragen dieser Untersuchung.

Massenprinzip und systematische Titelkomposition schließen einander aus, so meinte Bluhme. Hiervon ausgehend erläutert er zu Beginn seiner Untersuchung seine grundlegende Hypothese:

„Der Verfasser ist auf diesem Wege zu der Überzeugung gelangt: daß durch alle Pandektentitel eine gleichmäßige Folge der Inscriptiones hindurchgeht; daß diese Gleichmäßigkeit als eine Folge von vorbereitenden Schritten der Kompilatoren, nicht aber von bestimmten Absichten für die Ordnung der einzelnen Exzerpte gedacht werden muß.“26

Bluhme will also die Anordnung der Pandektentitel rein genetisch erklären und von der Genese auf die Mophologie schließen, ohne diese analysieren zu müssen, was die Deduktion von den letzten beiden Titeln erlauben solle. Die einzelnen Fragmente hätten ihren Ort in den Titeln nur aufgrund eines quantitativen Kriteriums, nämlich ihres Stellenwertes im Massensystem, aber nicht aufgrund ihrer intrinsischen Qualität.27 „Man hat“, wie Franz Hofmann treffend sagt, „seinen Grundgedanken […] so auszudrücken: Das räumliche Nacheinander der Exzerpte ist die unabsichtliche Folge des zeitlichen Nacheinanders des Exzerpierens.“28 Dieser Gedanke passt schön zu der Grundidee der historischen Rechtsschule,29 das gewordene über das gesatzte Recht zu stellen, also die Geschichte über die Philosophie und damit auch über das systematische Denken.30 Die Schule Savignys gehört insoweit zu der größeren geistigen Bewegung des Historismus, welchem eigen ist, die Geschichte in Epochen zu teilen und diese in ihrer Eigenständigkeit zu begreifen sowie auch die Geschichte zum wesentlichen heuristischen Instrument zur Erklärung sozialer Phänomene zu erheben.31 Wissenschaftsgeschichtlich gesehen ist Bluhmes Theorie als radikaler Historismus zu begreifen: Er erklärt die Morphologie der Pandekten ausschließlich aus ihrer Entstehungsgeschichte, die er mit ihrer Morphologie gleichsetzt. Seit 200 Jahren folgt ihm die Romanistik darin,32 indem sie die Genese der Pandekten untersucht, aber nicht ihre Morphologie. Dabei war Bluhme selbst im Grunde anders vorgegangen, hatte er doch seine Privilegierung der genetischen Betrachtungsweise mit einer morphologischen Beobachtung begründet, jener der letzten beiden, in jeglicher Hinsicht besonderen Pandektentitel, und von diesen dann auf das Gesamtwerk zurückgeschlossen. Aus den Titeln D. 50, 16–17 folgt die Massentheorie, und hieraus folgt wiederum für den Historisten Bluhme, dass die Pandekten nicht eine logisch-intersubjektive, sondern nur eine massenmäßig-individuelle, nur aus ihrer spezifischen Entstehungsgeschichte zu erklärende Morphologie aufweisen. Die Methode der vorliegenden Studie unterscheidet sich von der Bluhme’schen insoweit, als sie die Genese nicht in den Blick nimmt und demzufolge den zirkulären Schluss von der morphologisch ermittelten Genese eines Teiles der Pandekten zurück auf die Morphologie des Ganzen vermeidet. Es geht hier ausschließlich um die Morphologie der Pandekten tel quel und ihre Implikationen für die Hermeneutik. Es geht nicht darum, zu schließen, sondern zu beobachten.

§ 4. Palingenetismus

Bereits in der Editio maior von 1870 wird die Leistung Bluhmes, von welcher Krüger sagt, dass sie „aliis adiciendum mutandumve nihil fere relinqueret“33, gleichsam auf Quellenstatus erhoben:34 Die Editio maior gibt in den Marginalien die Massenfolge zu jedem Titel an35 und weist zu jeder Lex die Massenzugehörigkeit aus, was Krüger dann in den Fußnoten zur Editio minor weiterführt.36 Diese editorische Entscheidung sowohl Mommsens als auch Krügers war aber alles andere als zwingend geboten: Mommsen selbst hatte als ekdotisches Ziel die Rekonstruktion des Justinian’schen Archetypus angegeben, „etsi in digestis non respicimus nisi eam operis formam, quam edi iussit Iustinianus“37 ; in diesem Archetypus waren aber die Bluhme’schen Massen nicht ausgewiesen. Wenn Mommsen gleichwohl einen Schritt hinter Justinian zurückging, die Spuren der Genese sichtbar machend, konnte das nur den Sinn haben, der Wissenschaft den Weg in einen Bereich jenseits der Pandekten zu weisen, sie darauf aufmerksam zu machen, dass die Pandekten nur eine spätere Stufe in der Geschichte der Schriften der „librorum iuris veteris“ sind. Mommsen edierte also die Pandekten, so gut er konnte, aber zugleich inokulierte er in sie den Keim ihrer Zersetzung: Bluhmes Massentheorie.

Wenig später zog Otto Lenel die Konsequenz aus dem solchermaßen vorgegebenen Programm: In klassisch gewordener Weise verwirklichte er in der „Palingenesia Iuris Civilis“ von 1889 den alten humanistischen Traum einer Wiederherstellung der Juristenschriften.38 Damit sollte sich die Statik der Quellen des römischen Rechts bis auf den heutigen Tag verschieben: Die Pandekten waren nun nicht mehr der „Tempel der Gerechtigkeit“, die mittelalterliche Rechtsbibel, sondern wurden zu einem Steinbruch,39 aus dessen Material die moderne Wissenschaft die Werke der Klassiker wiedererstehen lassen konnte. Auf diese Weise ging nicht nur der Respekt vor der Ordnung der Pandekten verloren, sondern auch vor den sie in ihrer Gesamtheit ausmachenden Texten – in einem Maße, dass auf dem Höhepunkt des Interpolationismus kein Stein auf dem anderen blieb40 und man sich die Quellen schuf, wie man sie haben wollte. Am höchsten verwirklicht ist dieses Programm bei Fritz Schulz: Seine „Geschichte der römischen Rechtswissenschaft“ von 1946 ist die zwingende Folge aus Lenels „Palingenesia Iuris Civilis“, ihre Vollendung, so wie die „Palingenesia“ die unausweichliche Konsequenz aus der Arbeit Bluhmes ist: Da man glaubte, er habe aufgezeigt, dass die Titel nicht systematisch geordnet seien, war der byzantinische Zusammenhang bedeutungslos geworden, und so entstand das Bedürfnis nach einer neuen Ordnung. Nach der Lage der Dinge konnte das nur eine Rekonstruktion der originalen Juristenschriften sein.

Zwar ist der Interpolationismus heute überwunden, doch erfreut sich der Palingenetismus solcher Beliebtheit, dass man mittlerweile sogar dazu übergangen ist, nicht nur mechanisch die Inscriptio, sondern überhaupt die Juristen nach der „Palingenesia Iuris Civilis“ zu zitieren – als ob diese eine Quelle wäre.41 Letzte und folgerichtige Konsequenz dieser Entwicklung ist das Projekt der „Scriptores Iuris Romani“, also die nach Autoren geordnete Edition der römischen Rechtsschriftsteller, welche danach strebt, zugleich eine neue kritische Edition und eine revidierte „Palingenesia Iuris Civilis“ zu bieten: ein Vorhaben, das nach der Intention des verantwortlichen Herausgebers Aldo Schiavone sowohl die Editio maior als auch die „Palingenesia“ überflüssig machen soll. An die Stelle der antiken Quelle, also der Pandekten, träte damit ein modernes wissenschaftliches Konstrukt. Die „Palingenesia“ als Quelle auszugeben, bedeutet aber einen methodischen Fehler, der letztlich demselben Urteil anheimfallen muss wie auch der Interpolationismus: Die Romanistik macht sich die Quellen nach ihrem Bilde und hört damit auf, eine Wissenschaft zu sein.42

§ 5. Didaktische Ausrichtung der Kodifikation

Das Kodifikationswerk Justinians muss auch aus seiner didaktischen Bestimmung heraus verstanden werden43, und diese wiederum war eng mit der Arbeitsmethode der Kompilationskommission verbunden: Nicht nur die Institutionen, auch die Pandekten und der Codex sind auf den Rechtsunterricht hin konzipiert, es handelt sich um Lehrwerke mit Gesetzeskraft.44 Das ergibt sich aus der Justinian’schen Studienordnung in der Constitutio „Omnem“ in den §§ 2–6:

FIG130001

Vorjustinianische und Justinian’sche Studienordnung

Diese didaktische Bestimmung schlägt sich im Hergang der Kompilation selbst nieder, wie sich einer wenig beachteten Äußerung Bluhmes entnehmen lässt:

„Sehen wir auf den Studiencursus, der bis zur Abfassung der Pandekten üblich war, so zeigt sich eine auffallende Ähnlichkeit: die erste Classe [d.h. Masse] enthält diejenigen Schriften, welche im ersten Jahr erläutert werden, nämlich die Institutionen des Gajus und die libri singulares des Edicts (bei Ulpian B. 33–52, bei Paulus B. 35–48, bei Gajus B. 11–18), dieselbe Übereinstimmung herrscht zwischen der zweiten Classe und dem zweiten Studienjahre, denn die Commentare über die pars prima und de judiciis stehen an der Spitze dieser Abtheilung; die dritte Masse endlich hat beinahe immer am Eingang Papinians responsa, das Hauptbuch im 3ten Jahre, worauf sogleich des Paulus Quaestionen, der Gegenstand des vierten Studienjahres, folgen.“46

Die Hauptschriften der jeweiligen Massen laufen also parallel zum vorjustinianischen Studienplan:

FIG130002

Studienordnung und Bluhme’sche Massen

Grob gesagt entspricht der Stoff der Sabinusmasse dem ersten, der der Ediktsmasse dem zweiten und der der Papiniansmasse dem dritten Studienjahr der alten Studienordnung.48 Die Studenten des jeweiligen Jahres hießen im Universitätsjargon dupondii, dann edictales, Papinianistae und schließlich λύται.49 Die von Bluhme gewählten Bezeichnungen der Massen reflektieren deren Zusammenhang mit der Didaktik.

Massenprinzip und didaktische Bestimmung sind in der Auswahl und Reihenfolge der Massen miteinander verzahnt. Es waren also nicht nur praktische Erwägungen, sondern inhaltliche, nämlich solche der Didaktik und der überkommenen Studienordnung, welche zur Herstellung der Massen tel quel führten. Dieser Logos der Massen, wie wir ihn nennen wollen, setzt sich nach unten in die Titel hinein fort,50 und zwar dergestalt, dass eine simple Befolgung des Massenprinzips eine in diesem angelegte systematische Komposition des jeweiligen Titels zur Folge hat51 – in gewisser Weise zumindest.

§ 6. Pandectae: Sive templum sive sepulcrum

Mommsen schreibt im Proömium der Einleitung zur Editio maior der Pandekten:

„Reprehenderunt in digestis Iustiniani multi multa nec sine causa, et, ut fit, quae olim nimia fuit admiratio iam coepta est compensari quodammodo contemptione non minus iniusta: pauci tamen homines aequi et cordati negabunt recte referri ad hoc prudentiae Romanae sive templum sive sepulcrum quod ait poeta noster solem vel occidentem esse eundem.“52

Die Metapher des „poeta“, also Goethes, von der Identität des Aufgangs und Untergangs der Sonne53 erlaubt es, in den Pandekten etwas anderes zu sehen als entweder den „Tempel“ oder das „Grabmal“ der römischen Jurisprudenz, haben doch Aufgang und Untergang etwas, die Röte nämlich, gemeinsam, sind also phänomenologisch verwandt.54 Wenn wir das Urteil Mommsens anerkennen wollen – und wer wollte ihm abstreiten, einer der größten aller Kenner der Pandekten gewesen zu sein? –, dann scheint es geboten, die immerhin noch der Antike angehörende Ordnung der Pandekten als mindestens ebenso bedeutsam für die römische Jurisprudenz anzusehen wie die genannten Rekonstruktionen aus dem 19. Jh., welche bei all ihrer wissenschaftlichen Bedeutung doch niemals Quelle sein können, sondern immer nur eine – reifizierte55 und damit höchstgefährliche – Form der Quelleninterpretation.56

Damit ist die Aufgabe der vorliegenden Studie umrissen. Sie will keineswegs den Tempel wieder aufbauen und nach dem Vorbild der Präraffaeliten eine künstliche Naivität erzeugen, sondern – der Worte Mommsens eingedenk – den Pandekten den ihnen gebührenden Platz zuweisen als einem Phänomen, das zugleich „Grab“ und „Tempel“ der römischen Rechtswissenschaft ist. Hierzu tut es not, die Auffassung Bluhmes infrage zu stellen, wonach genetisch bedingte Fragmentenfolge und systematische Titelkomposition einander ausschließen. Vielmehr soll gezeigt werden, dass die Titel trotz ihrer Genese aus dem Massenprinzip zugleich auch inhaltlich komponiert sind, dass also die von Bluhme konstruierte bedingungslose Ausschließlichkeit nicht gegeben ist. Hierzu müssen wir die Morphologie der Pandekten von außen nach innen hin untersuchen:57 von der Einbettung in das Kodifikationswerk über die äußere und innere Systematik hin bis zu den Titeln selbst und von dort hinunter bis auf die Ebene der einzelnen Leges. Dieser Weg ins Innere der Pandekten nimmt indes nur die Morphologie in den Blick, die Gestalt der Pandekten, aber nicht ihre chemische Konsistenz. Die Justinian’schen Interpolationen und Fragen der Textkritik sind also nicht Gegenstand der Untersuchung, sehr wohl aber die Methode des Interpolationismus, insoweit sie eine Form der Pandektenhermeneutik darstellt.

Als modernen Vorläufer unserer Gedanken wollen wir zunächst Franz Wieacker anführen: Bereits im Jahre 1935 erkannte er die Reformbedürftigkeit der Bluhme’schen Theorie, welche die systematische, auf die Studienordnung gerichtete Struktur der Massen zu wenig berücksichtige und vor allem nicht die sich in der Fragmentenfolge niederschlagenden „Sacheinheiten der Exzerption“.58 In dieselbe Richtung gehend beobachtete Mayer-Maly, dass sich in den Pandekten „Textgruppen“ erkennen lassen.59 Hans-Dieter Spengler untersuchte in der Festschrift für den Vorgenannten einige Proömien der Pandektentitel60 – eine schon von Bluhme selbst zugegebene61 Ausnahme vom Massenprinzip und Indiz ihrer Komponiertheit. Ein weiterer Vorläufer ist Tony Honoré mit seiner Untersuchung über die von ihm als „links“ bezeichneten, also grammatikalisch-syntaktisch miteinander verbundenen Fragmente.62 Besonderer Erwähnung bedarf auch die jüngst publizierte Gaiusmorphologie von Federico Battaglia: Seine Leistung besteht darin, zu zeigen, wie Inhalt und Form bei Gaius sich wechselseitig bedingen – das ist ein Vorbild auch für unsere Untersuchung.63 Hermeneutisch in besonderer Weise inspirierend sind die Ausführungen Riccobonos mit seiner Insistenz auf der Interpretatio duplex sowie die Hermeneutik Emilio Bettis, der die klassische deutsche Lehre mit der Erfahrung des Romanisten vereinigt. Unter den älteren Autoren ist vor allem Gottlieb Hufeland (1760–1817) zu nennen, der Lehrstuhlvorgänger Savignys an der Universität Landshut.64 Er kannte die Bluhme’schen Massen zwar noch nicht, doch ahnte er sie bereits;65 und über die Pandekten, welche ihm noch unzerstört, als geistiges Ganzes also, vorlagen, sagte er:

„Tribonian scheint nämlich häufig vorzügliche Sorgfalt angewendet zu haben, die Gesetze in einem Titel gut zu stellen und zu ordnen. Ich sage häufig, und will also keineswegs behaupten, daß dieß immer geschehen sey“66

– also kein strenges Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.67

1

Const. Tanta § 12.

2

Const. Deo auct. § 5.

3

S. Const. Tanta § 1: Reduktion von 3.000.000 auf 150.000 versus. Hierzu etwa Hofmann, Compilation, 8; Riccobono, Fasi, 281.

4

Zu dieser Wenger, Quellen, 576.

5

Const. Imperatoriam § 6.

6

Die Zahl stammt von Honoré, Digest, 82. Ich habe sie überprüft und bin zu demselben Ergebnis gekommen. Orestano, Introduzione, kommt auf „circa“ 9.150, Hugo, Digesten, 13, und Eyssenhardt, Justinian’s Digesten, kommen auf 9.123 Leges. Der freilich geringe Unterschied zu diesen gründlichen Studien mag auch auf den Unterschied der benutzten Ausgaben zurückzuführen sein – die Editio maior lag damals ja noch nicht vor.

7

„Lex“ ist jedes Exzerpt, das eine Inscriptio trägt; zum Begriff Riccobono, Corso II, 643.

8

Zur religiösen Bedeutung des Begriffs Meier, Zeitalter Justinians, 111.

9

Constt. Deo auct. § 5; Tanta § 20: Ne autem incognitum vobis fiat, ex quibus veterum libris haec consummatio ordinata est, iussimus et hoc in primordiis digestorum nostrorum inscribi, ut manifestissimum sit, ex quibus legislatoribus quibusque libris eorum et quot milibus hoc iustitiae Romanae templum aedificatum est.

10

Lange, Römisches Recht im Mittelalter I, 112; ausführlich Genzmer, Just. Kodifikation, 381 ff., 388 f.; s. auch Fernández de Buján, Derecho público, 424 f. Der in diesem Zusammenhang gerne zitierte Begriff der „ratio scripta“ (z.B. Wieacker, Privatrechtsgeschichte, 55) meint etwas anderes, nämlich die schriftliche Fixierung des Rechts; s. Guzmán Brito, Ratio, 4 ff.; zustimmend D’Ors, Rez. zu demselben, 761 ff.

11

Hierzu insbesondere Riccobono, Verità, 273; Wieacker, Privatrechtsgeschichte, 52 ff.

12

Chiodi, Ius civile, 9; Genzmer, Just. Kodifikation, 381 ff.; 391 f.; Riccobono, Corso II, 677 f.; ders., Interpretazione del C.J., 41 ff.; ders., Verità, 252.

13

Wieacker, RRG I, 40 ff.; s. auch die Hinweise bei Varvaro, Critica interpolazionistica, 33 ff.

14

Hufeland, Verbindung, 3 ff.

15

Bluhme, Ordnung, 377 ff.

16

Der Titel seiner Schrift ist „Ratio corporis juris reconcinnandi“, sie stammt aus dem Jahr 1668; s. Lit.-Verz.

17

Hierzu Hofmann, Compilation, 60 m.w.N.

18

„Aristote veut que la tragédie bien faite soit belle et capable de plaire sans le secours de comédiens, et hors de la représentation. Pour faciliter ce plaisir au lecteur, il ne faut non plus gêner son esprit que celui du spectateur, parce que l’effort qu’il est obligé de faire pour la concevoir et se la représenter lui-même dans son esprit diminue la satisfaction qu’il en doit recevoir“, Discours des trois unités d’action de jour, et de lieu; Œuvres I, 101, 109.

19

Samuel Johnson schreibt im „Preface“ zu seiner Shakespeare-Ausgabe (London 1765) § 49: „To the unities of time and place he has shown no regard; and perhaps a nearer view of the principles on which they stand will diminish their value, and withdraw from them the veneration which, from the time of Corneille, they have very generally received, by discovering that they have given more trouble to the poet, than pleasure to the auditor“.

20

Leibniz, Ratio, § 67.

21

Leibniz, Ratio, § 65 mit Schema III.

22

P. Krüger, Quellen, 384 f. und 101. Zur Überlieferung und Editorik Reinoso-Barbero, Inscripciones inciertas, 397 ff.

23

Das ist durch die Untersuchung Mantovanis, Masse, 124 ff., ein weiteres Mal bestätigt worden. Derselbe weist aber auch darauf hin, dass die Massenordnung bezüglich der selten kompilierten Schriften stark auf Vermutungen beruht.

24

Mayer-Maly, Pandektentitel, 878.

25

Mantovani, Le masse bluhmiane sono tre, 92.

26

Bluhme, Ordnung, 262.

27

S. auch Mantovani, Masse, 1 f.

28

Hofmann, Compilation, 110; Hervorhebung im Original.

29

Mantovani, Le masse bluhmiane sono tre, 91.

30

Savigny, Beruf, 6 ff.; hierzu Haferkamp, Rechtsschule, 500 f. (zu diesem die kritische Rez. von Moriya, 473 ff.); Rückert, Rechtsschule, 1 ff.; im Hinblick auf die allgemeine Geistesgeschichte Troeltsch, Historismus, 277 ff.

31

S. die Auseinandersetzung mit und die Nachweise zum Phänomen des Historismus bei Troeltsch, loc. cit., 191 ff.

32

Den Siegeszug Bluhmes beschreibt eindrücklich Hofmann, Compilation, 59 ff.

33

Ed. mai. II, Additamenta, 50.

34

Ähnlich, aber mit anderen Nuancen Hofmann, Compilation, 62, und Mantovani, Masse, 7.

35

Das war schon in der Kriegel’schen Ausgabe der Fall; Mantovani, Le masse bluhmiane sono tre, 93 f.

36

S. auch die Praefatio Mommsens zur Ed. min. von 1868.

37

Mommsen, Praefatio zur Ed. mai., LXVIII.

38

P. Krüger, Quellen, 140 N. 7, bespricht die Rekonstruktionen vor Lenel; s. auch Lenel, Pal. Praefatio, § 1.

39

S. hierzu die Bemerkung von D. Simon, Animusbesessen, 277.

40

Hierzu der Überblick bei Andrés Santos, Interpolacionismo, 558–595.

41

So Babusiaux in ihrer Monographie über Papinians „Quaestionen“.

42

S. hierzu Stagl, Scriptores, 578 ff.

43

Honoré, Tribonian, 49.

44

Das resultiert im Wesentlichen aus der Const. „Omnem“; hierzu Wenger, Quellen, 602, 636 f.

45

Const. „Omnem“ § 5.

46

Bluhme, Ordnung, 267. Anderer Ansicht Guarino, Compilation, 269 ff.; grundlegend hierzu Wieacker, Technik, 304 ff.

47

Const. „Omnem“ § 10.

48

So auch H. Krüger, Herstellung, 5; P. Krüger, Quellen, 394 ff; Peters, Entstehung, 49 f.; Wieacker, Sabinusmasse, 298 ff., und ders., Technik, 305.

49

Const. „Omnem“ §§ 2–5.

50

Fundamental hierzu die Untersuchung von Wieacker, Sabinusmasse, 292 ff.

51

S. hierzu auch die Ausführungen von Mantovani, Masse, 149 f., bezeichnenderweise unter der Überschrift „Le masse e la materia“.

52

Mommsen, Ed. mai., V. Mit Giacomo Leopardi (Canto XXVII) könnte man auch sagen: „Fratelli, a un tempo stesso, Amore e Morte/Ingenerò la sorte.“

53

Morgen- und Abendröte entstehen aus derselben Ursache. Die Sonne wird durch eine Röte verkündigt, indem sie durch eine große Masse von Dünsten zu uns strahlt, je weiter sie heraufkommt, desto heller und gelber wird der Schein“; Goethe, Zur Farbenlehre XXIII/1, 74 f.; Hervorhebung im Original.

54

S. Stagl, Farbenlehre, 227 ff.

55

„Reifikation bedeutet, menschliche Phänomene so zu begreifen, als wären sie Dinge, das heißt als etwas Nichtmenschliches oder möglicherweise Übermenschliches. Anders gesagt: Reifikation ist, die Produkte menschlicher Aktivität so zu verstehen, als wären sie etwas anderes als menschliche Produkte – wie etwa Gegebenheiten der Natur [oder Quellen!], Auswirkungen kosmischer Gesetze oder Manifestationen eines göttlichen Willens“; Berger/Luckmann, Konstruktion, 82.

56

Hierzu Stagl, Scriptores, 578 ff.

57

Battaglia, Strutture espositive, 210, 268, weist auf dieses Phänomen der Entsprechung des Kompositionsprinzips bei Gaius hin.

58

Wieacker, Sabinusmasse, 295.

59

Mayer-Maly, Pandektentitel, 878 ff.

60

Spengler, Beginn, 735 ff.

61

Bluhme, Ordnung, 262.

62

Honoré, Justinian’s Digest, 90 ff.

63

Battaglia, Strutture espositive, 205 ff., 275 ff.

64

J. A. v. Eisenhart, s.v. Hufeland, Gottlieb, in: Allgemeine Deutsche Biographie, XIII, 296 ff.

65

Hufeland, Verbindung, 10.

66

Hufeland, Verbindung, 10.

67

S. hierzu bereits Hofmann, Compilation, 119. Das Sowohl-als-auch ist empirisch gemeint und nicht etwa logisch, ist also kein Versuch, sich durch den Ausschluss des Satzes vom Widerspruch gegen Kritik zu imprägnieren; zu diesem Verfahren und seinen fatalen Folgen bei Hegel und noch fataler natürlich bei Marx s. Popper, Dialektik, 1 ff.

  • Collapse
  • Expand