Kapitel II Grundkonzepte: Inscriptiones, Massen, Versetzungen

In: Der Tempel der Gerechtigkeit
Author:
Jakob Fortunat Stagl
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§ 7. Die Inscriptiones als Tatsache und Text

Jedem Leser der Pandekten springen die etwas weniger als 9.1391 Angaben zu Autor, Werktitel und kompiliertem Buch (liber) ins Auge.2 Justinian bemerkt zu diesen sog. Inscriptiones in der Constitutio „Tanta“: Tanta autem nobis antiquitati habita est reverentia, ut nomina prudentium taciturnitati tradere nullo patiamur modo: sed unusquisque eorum, qui auctor legis fuit, nostris digestis inscriptus est […].3 Die Inscriptiones beeinflussten den Erkenntniszusammenhang Bluhmes entscheidend, störten sie ihn doch im Lesefluss, was ihn wiederum dazu inspirierte, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.4 Damit relevieren sie ihre Bedeutung nicht nur als Quelle, sondern auch für die Hermeneutik der Digesten: Die Inscriptiones sind die Conditio sine qua non, um die Massenfolge der Leges zu erkennen – so wie natürlich auch die Ausnahmen hiervon, die Versetzungen.5 Hierbei dreht man sich bisweilen freilich im Kreis, da es auch bei den Inscriptiones editorische Zweifel gibt.6 Gleichwohl, ohne die Inscriptiones wäre jede Palingenesie7 viel zu konjektural und damit praktisch wertlos.8 Zugleich sind die Inscriptiones nolens volens auch der Grund für die atomisierende Auslegung einzelner Pandektenstellen, der psychologische Hintergrund dafür, die Pandektentitel nicht als Ganzes zu sehen.

Zwar finden sich auch in den Fragmenta Vaticana Inscriptiones, doch kann man daraus nicht schließen, wie Bluhme das tat9, dass Justinian hier einfach einem Traditionszwang gefolgt sei: Die gleich den Pandekten aus einer Vielzahl von Werken ihrer Gattung kompilierten Institutionen10 weisen ja keine Inscriptiones auf. Außerdem ist die Angabe des liber in den Inscriptiones nicht als Anregung gemeint, die Authentizität nachzuprüfen – im Gegenteil: Das war ausdrücklich untersagt.11 Und damit sind wir bei dem Kern der Sache: Immerhin der fünfzehnte Teil des gesamten Pandektentextes wird von den Inscriptiones eingenommen.12 Somit entgehen der Überlieferung der Juristenschriften selbst ca. 60 von 896 Editio-minor-Seiten13 – ein erhebliches Opfer, wenn man bedenkt, dass das ungefähr dem Umfang des Corpus Iulianum oder Papinianium entspricht! Auch die graphische Gestaltung der Inscriptiones ist aufwendig: Im Codex Florentinus sind die Autorennamen durchgängig in größeren Buchstaben als der Rest geschrieben, und zwar mit roter Tinte,14 was einen Federwechsel voraussetzt.15 Damit stellt sich die Frage, warum die Kommission einen solchen Aufwand mit den Inscriptiones trieb.16 Das muss mit ihrer Funktion zu tun haben. Semantisch handelt es sich bei einer Inscriptio um einen Paratext:17 Damit meinen wir einen solchen, der den Leser zum Haupttext hinführt.18 Wer ist aber der Adressat der als Text verstandenen Inscriptiones und welche Botschaft richten sie an ihn? Das kann doch letztlich nur ein zeitgenössischer Jurist gewesen sein, der aus erster Hand mit den zitierten Werken der Klassiker etwas anfangen konnte, weil er sie aus Studium und Praxis kannte;19 nur einem solchen gegenüber war man gehalten, die Pandekten als eine brauchbare Alternative zu den vertrauten Klassikern darzustellen,20 nur ein Rechtsgelehrter verstand die Botschaft der Inscriptiones, sagen sie doch so ungefähr: Sieh, dieses Werk ist direkt aus den Schriften der Alten erstellt, wir führen ihre Tradition nach bestem Wissen und Gewissen weiter.21 Wie stark dieses Legitimierungsbedürfnis war,22 zeigt sich darin, dass die Pandekten selbst die veteres regelmäßig präziser zitieren, als diese es untereinander tun.23 Ohne die Kenntnis der prudentia Romana bei den Zeitgenossen hätten die Inscriptiones keinen Adressaten gehabt. Man hätte sie angesichts des mit ihnen verbundenen Aufwandes24 sonst nicht in die Pandekten inkorporiert. Bei den Glossatoren verminderte sich die Bedeutung der Juristenschriften und man behandelte die Pandekten als System.25 Erst Bluhme gelang es endgültig, nach Vorarbeiten der Humanisten26, den festgeknüpften Text der Pandekten wieder aufzulösen, wozu er sich eben der Inscriptiones bediente. Seitdem hält die Romanistik statt des Gewebes, welches der Text der Pandekten darstellt, ein Bündel von losen Fäden in der Hand.

§ 8. Morphologie der Bluhme’schen Massen

Es war Bluhmes ausgesprochenes Anliegen, die Auslegung der einzelnen Stellen der Pandekten aus ihrem aktuellen, pandektensystematischen Zusammenhang heraus methodisch zu unterbinden, womit er die „Palingenesia iuris civilis“ gewissermaßen erzwang. Denn die Hermeneutik der Texte kann einer systematischen Auslegung unmöglich entraten, wie es die Causa formalis des Aristoteles lehrt27 : Man kann die Form einer Sache nur erkennen, indem man sie in einen Kontext setzt.28 An die Stelle der traditionellen systematischen Auslegung der Leges der Justinian’schen Pandekten, die im Folgenden als „pandektensystematisch“ bezeichnet wird, trat im Gefolge Bluhmes die palingenetische Auslegung der zu Auszügen der Juristenschriften rückverwandelten Leges.29 Die pandektensystematische Auslegung setzt voraus, dass ein zur Lex (Zieltext) gewordenes Exzerpt einer klassischen Juristenschrift (Ausgangstext) seine Position innerhalb der Pandekten und innerhalb eines Pandektentitels seines Inhaltes wegen und nicht etwa eines Zufalls oder einer mechanischen Herstellungsrationalität wegen einnimmt. Demnach kommt es auf die Komposition der Titel an: Nur ein komponierter Titel kann systematisch ausgelegt werden und umgekehrt kann ein nicht komponierter, zusammengewürfelter Titel auch nicht systematisch ausgelegt werden. So sagt Friedrich Schleiermacher in seiner grundlegenden Hermeneutik:

„Da Kunst zu reden und zu verstehen (correspondierend) einander gegenüberstehen, reden aber nur die äußere Seite des Denkens ist, so ist die Hermeneutik im Zusammenhange mit der Kunst zu denken und also philosophisch. Jedoch so, daß die Auslegungskunst von der Composition abhängig ist und sie voraussetzt. Der Parallelismus aber besteht darin, daß wo das Reden ohne Kunst ist [, da] bedarf es zum Verstehen auch keiner.“30

Bluhme schloss, wie bereits gesagt, auf der Grundlage der von ihm erkannten Massen kategorisch aus, dass die Titel anders als nach einem mechanischen Herstellungsprinzip aufgefüllt seien. Damit entzog er einer pandektensystematischen Auslegung den Boden. Freilich muss sich dieser Schluss von der Genese auf die Morphologie zwei Nachfragen gefallen lassen: zum einen, ob eine Massenordnung der Titel unabweislich bedeutet, dass die Titel nicht komponiert sind, also die Abfolge der Fragmente, wie dieser Begriff suggeriert, jeglicher Systematik enträt. Wurde die im Ausgangstext vorhandene Systematik der Auszüge aus den Juristenschriften wirklich so regelmäßig und radikal zerstört, wie Bluhme uns das glauben machen wollte? Haben wir vielleicht die Inscriptiones nicht genau gelesen und es einfach dabei bewenden lassen, mit jeder beginne ein vollkommen neuer Sinnabschnitt? Zum anderen stellt sich die Frage, welches Gewicht den unbestreitbar und auch von Bluhme nicht bestrittenen komponierten Sequenzen zukommt, wie sie vor allem aus den Versetzungen, also letztlich aus den Inscriptiones resultieren. Wenn aber ein Text absichtlich aus der durch Kompilation hergestellten Massenordnung herausgenommen und in einen anderen Kontext versetzt wurde, so geschah dies sicherlich seines Inhaltes wegen – womit die pandektensystematische Auslegung von selbst in ihr Recht tritt. Dass sich die Versetzungen aus dem Inhalt des jeweiligen Fragments erklären, folgt aus dem Prinzip der Sparsamkeit bei der Kompilationsarbeit: Nur der Inhalt kann den Aufwand eines Abweichens vom Massenprinzip rechtfertigen, sieht man von redaktionsgeschichtlichen Zufällen ab.31 Bluhme selbst konzedierte viele dieser Ausnahmen. Eine vertiefte Beschäftigung mit den von ihm „Versetzungen“ genannten vorsätzlichen Verletzungen der Massenordnung wird zeigen, dass seine Theorie im Ausgangspunkt richtig ist, sogar sehr richtig, aber in den daraus von ihm selbst gezogenen Konsequenzen einer Revision bedarf.

Wie diese Überlegungen zeigen, sind die beiden Grundkonzepte unserer Studie zum einen die Bluhme’sche Masse und zum anderen die Ausnahmen von ihr, die sog. Versetzungen. Wenn wir uns ihnen zuwenden, wird das Gelegenheit geben, die Hypothese unserer Untersuchung genauer zu entwickeln, insbesondere unsere Auffassung vom Verhältnis dieser beiden Konzepte.

1. Die Massenordnung

Die Grundidee Bluhmes ist, dass die kompilationstechnisch bedingte Reihenfolge der Lektüre der Schriften der veteres sich in der Ordnung der Leges in den Titeln fortsetzt. Im Einzelnen lautet diese Ordnung – sei es die der Lektüre, sei es die der Massen in den Titeln – in ihrer ursprünglichen Darstellung bei Bluhme folgendermaßen:

Erstens kommt als die größte die Sabinusmasse:

  1. Pars: Sabinuskommentare,

  2. Pars: mittlerer Teil der Ediktskommentare (bei Ulpian lib. 26–52),

  3. Pars: Institutionenwerke,

  4. Pars: „Libri de adulteriis“,

  5. Pars: „Regulae“,

  6. Pars: „Libri de appellationibus“.

Zweitens: Die Ediktsmasse enthält die

  1. Pars: bestehend aus dem ersten und dritten Teil der Ediktskommentare (bei Ulpian lib. 1–25 u. 56–81),

  2. Pars: „Libri ad Plautium“,

  3. Pars: Digestenwerke,

  4. Pars: „Briefe“ von Proculus und „Variae lectiones“,

  5. Pars: Bücher über die Lex Iulia et Papia

  6. Pars: Werke von Licinius Rufinus und Callistrat (Ed. mon.).

Drittens: Die Papiniansmasse hat zu Beginn die

  1. Pars: „Quaestionen“ Paulus’ und Scaevolas;

  2. Pars: „Responsen“ von Paulus und Scaevola,

  3. Pars: Bücher über die Fideikommisse,

  4. Pars: Werke von Paulus („Sentenzen“) und Hermogenian („Iuris Epitome“),

  5. Pars: Tryphonins Disputationen sowie Paulus’ „Manualia“.

Von den drei Massen, die im Größenverhältnis 2:2:1 stehen, dienen die ersten beiden mehr der Vermittlung des Stoffes, wohingegen in der Papiniansmasse die Kasuistik ihr Habitat hat.32 Dieses System wurde später von Paul Krüger im „Ordo librorum iuris veteris in compilandis Digestis observatus“ (genannt Massenordnung33 ) perfektioniert, zunächst in der Editio maior, dann bis zur 15. Auflage in der Editio minor von 192834, die z.B. zu Beginn der Papiniansmasse die von Bluhme offenbar vergessenen „Quaestionen“, „Responsen“ und „Definitionen“ Papinians nachträgt.35 Insgesamt hat die Massenordnung bei Krüger 275 durchlaufende Nummern. Die feststehenden Untergruppen der Massen, die Partes – wie etwa die aus Institutionenwerken bestehende dritte Pars der Sabinusmasse – oder die Unterpartes, d.h. bestimmte Bücher aus den Edikt- oder Sabinuswerken, werden von Krüger durch Akkoladen ({)36 ausgewiesen (z.B. Nr. 1–3 und 21–27 der Massenordnung). An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass Krüger in der Editio maior und in den Auflagen der Editio minor erhebliche Verwirrung stiftete,37 indem er die von Bluhme eingeführte Terminologie änderte, was damit zusammenhängen mag, dass jener lateinisch schrieb, dieser deutsch:38

Synpose der Terminologie Bluhmes und Krügers

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Synpose der Terminologie Bluhmes und Krügers

Nach Vorarbeiten Giovanni Rotondis39 und Hugo Krügers40 gelang es Mantovani 1987, die Massenordnung bezüglich der genauen Position einiger selten kompilierter Schriften zu korrigieren41 und insbesondere die Frage des Appendix zu klären: Entgegen der eingebürgerten Terminologie und den von ihr hervorgerufenen Vorstellungen handelt es sich hierbei nicht um eine vierte Masse im letzten Moment eingelangter und der Papiniankommission zugeschlagener Schriften, sondern um acht heterogene Werke,42 welche zu einem späteren Zeitpunkt gelesen wurden,43 und zwar von der Sabinuskommission. Die gegenständlichen Werke sind also als eine Art Pars der Sabinusmasse anzusehen.44

2. Die letzten Pandektentitel als die paradigmatischen Titel der Massentheorie

Es gibt zwei Titel, welche alle anderen in ihrer Bedeutung für die Massentheorie überragen. Wenden wir uns zunächst „De diversis regulis iuris antiqui“ zu. Bei keinem anderen Titel ist das Bluhme’sche Massenprinzip in einer solch reinen Form verwirklicht. Dass aber auch dieser scheinbare Zitatenhaufen eine Komposition aufweist, das sollte uns das Proömium dieses Titels indizieren, sicher eines der brillantesten der gesamten Pandekten (Lex 1): Regula est, quae rem quae est breviter enarrat […]. Diese Definition ist dem 16. Buch von Paulus’ „Ad Plautium“ entnommen, einem Werk, das in der Massenordnung an 129. Stelle steht, und zwar in der Ediktsmasse.45 Da aber der hier gegenständliche Titel mit der Sabinusmasse beginnt, ist dieses Fragment als versetzt anzusehen und damit seine Position das Ergebnis einer bewussten redaktionellen Entscheidung. Der Titel fährt im Weiteren wie mit einer Sonde die Sabinusmasse ab, zuerst auf der Schiene des Ulpian’schen Kommentares zu Sabinus und dann entlang dem zweiten Teil von Ulpians Ediktskommentar, dessen Bücher 26–52 ja zur Sabinusmasse rechnen:46 Immer wenn die Kompilatoren auf einen geeigneten Text treffen, wird das Fragment in den Titel eingestellt und thematisch nahestehenden Texten zugeordnet. Kurioserweise folgt in D. 50, 17 hernach eine Partie aus der Papiniansmasse (Leges 74–101). Seltsam ist dies insoweit, als diese Fragmente Bluhme zufolge an letzter Stelle stehen müssten, da ja die Massen innerhalb der Titel nach ihrer Größe aufgereiht seien.47 Den Anfang hätte, nach Bluhmes eigenen Kriterien, die hier den Abschluss bildende Ediktsmasse (Leges 102–211) machen müssen, ist sie doch mit ihren 109 Leges mit Abstand die umfangreichste. Auch dieser Teil des Titels ist insoweit geordnet, als die Fragmente mit derselben Methode aneinandergereiht sind wie bei der Sabinusmasse. Eine sehr ähnliche Struktur weist der vorangegangene Titel D. 50, 16 „De verborum significatione“ auf. Im Unterschied zu D. 50, 17 sind die Massen hier nach dem – im Sinne von Bluhme – zutreffenden Größenverhältnis geordnet. Für diese beiden Titel ist also die Genese oder Geschichte der entscheidende Faktor für die Allokation der Fragmente. Sieht man vom Proömium ab – welches in D. 50, 16 freilich fehlt –, wäre es daher in der Tat sinnlos, diese Titel systematisch auslegen zu wollen, mit Ausnahme von einigen systematischen Sequenzen, die wir noch betrachten werden.

Bei der Analyse dieser beiden Titel muss man sich vor Augen halten, dass die Kommission vor dem nicht geringen Problem stand, wie man ein Florilegium von Fragmenten epigrammatischer Kürze organisiert. Soweit wir über antike Anthologien informiert sind, scheint die alphabetische Ordnung erst allmählich vorgedrungen zu sein,48 war den Byzantinern aber bereits bekannt.49 Festus’ Werk „De verborum significatione“ ist alphabetisch geordnet.50 Es hätten sich unter den Kommissionären Argumente dafür anführen lassen, nach der Methode Festus’ vorzugehen, da das Alphabet ja gerade eine Lösung für Fälle ist, in denen eine sachlogische Ordnung nicht möglich scheint. Es muss also einen tieferen Grund gegeben haben, diese beiden anthologischen Titel massenmäßig zu ordnen.

Insoweit sich die Titel konsequent an der Struktur der beiden Ulpian’schen Kommentare orientieren, setzen sie das grundlegende Ordnungsprinzip der Pandekten einfach fort: Die Inscriptiones erzeugen und unterstützen die Ordnung der beiden Titel, indem sie den Leser darauf hinweisen, dass er an einem der großen Kommentare entlanggeht. Sie sind also – aus Sicht der Kompilatoren – ein Handlauf: Indem die Inscriptiones die Massenordnung explizit spiegeln, erzeugen sie im Leser das beruhigende Gefühl, nicht orientierungslos in einem Wirrwarr von Fragmenten zu stehen, sondern an den Klassikern der Jurisprudenz entlangzuwandeln und Schritt für Schritt die Blüten daraus präsentiert zu bekommen. In gewisser Weise legte die Kommission mit diesen beiden Titeln ihre Arbeitsweise offen oder setzte sie vielmehr als selbstverständlich voraus.

Für den Erkenntniszusammenhang Bluhmes waren diese beiden Titel fundamental,51 und Wieacker lobte ihn dafür, sie nicht als eine Ausnahme, sondern als den „Schlüsselcode der Entzifferung des gesamten Digestenplans“52 behandelt zu haben. Aber wenn das stimmt – und es spricht viel dafür53 –, dann begegnen dieser Methode ernste Zweifel: Warum findet sich das Massenprinzip gerade an solch exzentrischem Ort so rein verwirklicht und nicht gleich in den ersten Titeln? Sind die Schlusstitel nicht eher eine Ausnahme und müsste die Regel nicht zu Beginn statt zu Ende der Pandekten statuiert werden? Was ist dann aber diese zu Beginn statuierte Regel der Titelkomposition? Auf diese Frage werden werden wir zurückkommen.

3. Drei Aggregatzustände der Juristenschriften

Nach der Erkenntnis Bluhmes sind drei Aggregatzustände der Texte zu unterscheiden: erstens die originalen Juristenschriften, also das der Kommission vorliegende, zur Kompilation bestimmte Material; zweitens die Massenordnung, also die zur Übernahme in die Pandekten ausgewählten und zugerichteten54 Texte in ihrer Massenordnung; drittens die Pandekten selbst – diese können, müssen aber nicht vollständig mit der Theorie Bluhmes übereinstimmen.

Die erste Transformation zerstörte die originale Systematik der Juristenschriften – je nach der noch zu besprechenden Texthierarchie mehr oder weniger vollständig. Der zweite Zustand der Schriften, die Massenordnung, ist das Produkt einer Herstellungsrationalität, wozu auch gehört, ohne viel Aufwand Sinn zu stiften, also z.B. die großen Kommentare „ad edictum“ und „ad Sabinum“ an den Anfang der Massen zu stellen. Die Frage, und in gewisser Weise das zentrale Problem der vorliegenden Arbeit, ist: Was passierte dann im Zuge der zweiten Transformation, jener der Exzerpte aus der Massenordnung zu Leges der Pandekten? Schlossen sich die Pandekten automatisch der Herstellungsrationalität der Massenordnung an oder fand eine Systematisierung der nunmehrigen Leges statt? Damit ist zugleich die Frage der Abweichungen von der Massenordnung zur Ordnung der einzelnen Titel, der Versetzungen also, angeschnitten. Wir sind über den Hergang der Kompilation nicht hinreichend informiert, um genau zu wissen, was in diesem Stadium passierte. Deswegen ist es die unumgängliche und vornehmste Aufgabe der Beschäftigung mit den Pandekten, ihre Morphologie zu erkunden. Die hierbei sich auftuende Differenz zwischen dem dritten und dem zweiten Aggregatzustand lässt sich dann, wenn einem daran liegt, mehr oder minder gewagt in eine genetische Theorie übersetzen – die aber niemals ihren rein spekulativen Charakter aufgeben sollte.55 Angesichts der Quellenlage müssen Aussagen über die Genese notwendigerweise immer ein Derivat der Morphologie bleiben. Das Iter hermeneuticum geht – Schritt für Schritt – von den Pandekten über die aus diesen zu erschließende Massenordnung hin zur noch spekulativeren „Palingenesia iuris civilis“.56 So wie die Natur keine Sprünge macht, lässt auch die Hermeneutik keine zu.

Diese Aggregatzustände werden in der hier verwendeten Terminologie reflektiert: Von „Auszügen“ sprechen wir, wenn es um die Herkunft eines bestimmten Textes aus den Juristenschriften geht, von „Fragmenten“ in Bezug auf die Massenordnung und von „Leges“ als den in die Pandekten rezipierten Fragmenten.

§ 9. Versetzungen: die Regel als Ausnahme?

Wer die Bluhme’sche Massentheorie im Grundsatz akzeptiert, wie dies der Autor der vorliegenden Studie tut, der konzediert auch, dass es Versetzungen gab – Bluhme selbst widmet ihnen ja das gesamte zweite Kapitel seiner Untersuchung.57 Aus der hier unten als Additamentum I wiedergegebenen Übersicht zur Komposition der Pandektentitel ergibt sich, dass von den 9.139 Leges der Pandekten 2.398 versetzt sind. Hiervon hatte Krüger auf der Grundlage Bluhmes selbst bereits 1.532 Versetzungen zugegeben,58 welche er in den letzten Ausgaben der Editio minor durch einen Asteriskus kennzeichnete,59 eine Zahl, die Honoré 2010 nach mehrmaliger Prüfung bestätigte.60 Nach Bluhme ist also jede sechste, nach unserer eigenen, im Folgenden noch zu begründenden Methode praktisch jede vierte Lex versetzt, d.h., sie steht nicht an dem Ort, an dem sie nach der Massentheorie stehen sollte. Negiert wird hier also nicht das Phänomen der Massen selbst, sondern nur das, was Bluhme und die spätere Romanistik im Hinblick auf ihren Zweck damit machten. Es liegt auf der Hand, dass vom Standpunkt der Massentheorie die Versetzungen eine Ausnahme darstellen, die eine solide Rechtfertigung verlangt: Solcher Ausnahmen darf es nicht zu viele geben, weil die Massentheorie sonst ihr Telos verfehlte, zu beweisen, dass die Titel nicht systematisch geordnet sind: Je mehr Versetzungen sich nachweisen lassen, desto mehr spricht dafür, dass die Fragment-Massen nicht einfach unbedacht-mechanisch hintereinandergereiht wurden, sondern zumindest teilweise nach systematischen, die Textqualität in Betracht ziehenden Gesichtspunkten geordnet wurden. Fällt dann nicht die Massentheorie mit dieser Anzahl an Versetzungen? Keineswegs, sie würde sich nur als unvollständig erweisen, als eine plausible Theorie über den ersten Rohzustand der Pandekten, auf welchen jedoch weitere Bearbeitungsschritte gefolgt sein müssen. Für diese unsere Ansicht spricht, dass die Sekundärliteratur sich im Hinblick auf Bluhme fast ausschließlich mit der Genese der Pandekten beschäftigt61, aber mit ihrer Morphologie eben nicht. Man hat den Widerspruch zwischen Bluhme’scher Theorie und Tribonian’scher Praxis schlichtweg übersehen.

Die Versetzungen sind, wie gesagt, das zentrale Problem der Massentheorie,62 können sie doch schlechterdings nur aus inhaltlich-systematischen Bestrebungen der Kompilatoren erklärt werden. Bluhme hat dies klar gesehen. Im weiteren Verlauf unserer Untersuchung wird sich zeigen, dass die hier vertretene Grundposition, die Pandekten als einen bewusst komponierten Text zu lesen, eine Bestätigung findet, wenn man die Massentheorie und das Versetzungsproblem gemeinsam zu Ende denkt. Von dem auf solche Weise gewonnenen Standpunkt, der aus Bluhmes Erkenntnis andere Schlüsse zieht, als er selbst sie zog, ist seine Theorie als eine solche über die Komponiertheit der Pandektentitel zu qualifizieren. Man könnte diesen Schluss als einen Fall „des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt“ (Friedrich Engels63 ) bezeichnen. Grundvoraussetzung dafür, die Bluhme’sche Beobachtung zu Ende zu denken, ist es, einen adäquaten Versetzungsbegriff aufzustellen – weder Bluhme noch seine Nachfolger haben das ernsthaft getan.64 Zur Erfassung dieses Problems gilt es, von außen, den Massen selbst, weiter nach innen bis zu deren Partes vorzudringen.

1. Problem der Massenabfolge

Besonders rein ist das Massensystem, wie gesagt, in den anthologischen Titeln D. 50, 16–17 zu erkennen, doch dort zeigt sich bereits auch eine erste Aporie: Es läge in der Konsequenz der angeblichen industriellen Geisteshaltung der Kompilatoren, immer nach dem Schema SEP zu verfahren, entspräche eine solche Vorgangsweise neben der Öknomie doch der Rangfolge der Massen.65 Allein, so wurde im paradigmatischen letzten Titel D. 50, 17 nicht verfahren: Dieser ist nach SPE geordnet, ohne dass es eine massentheoretische Rechtfertigung gäbe, die Ediktsmasse an das Ende des Titels zu stellen. Weiterhin interessiert die Frage, mit welcher der 275 Stellen der Massenordnung die Kompilatoren einsetzten. Ein Beispiel für dieses Problem ist der folgende Titel:

D. 20, 1 „De pignoribus et hypothecis“:

Nach Bluhme-Krüger lautet die Massenfolge SEPA. Schon ein erster Blick lehrt, dass das nicht stimmt, da dieser Titel mit drei Leges aus der Papiniansmasse beginnt. Dies hat seinen Grund in der Kompositionsidee der bellissima machinatio66 : Nach dem alten Studienplan lasen die Studenten des dritten Jahres Papinian und hießen dementsprechend Papinianistae; Justinian nahm dieser Tradition mit der Einführung der Pandekten als Reader die Legitimation, wollte aber gleichwohl die ehrwürdige Tradition des Bergfests der Papinianistae67 nicht unterbinden. Er wies daher die Kommission an, die Titel des 20. Buches mit Papinian-Auszügen zu beginnen.68 Demzufolge rückten die als Proömium viel besser geeigneten Ulpian-Auszüge an den Schluss der entsprechenden Titel. Auf die drei Eingangstexte folgen sieben Fragmente der Sabinusmasse (Leges 4, 5, 9, 11, 13, 15, 16), welche von immerhin sechs Fragmenten aus der Ediktsmasse unterbrochen werden (Leges 6, 7, 8, 10, 12, 14); die Leges 17–27 gehören zur Ediktsmasse, 28–33 zur Papiniansmasse. Die Leges 34 f. bilden den Appendix. Richtig müsste die Masseneinteilung im Fall dieses Titels also P(S)EPA lauten, wobei die Klammer andeutet, dass hier eine konsequente Sabinussequenz nicht vorliegt. Der ganze Titel ist mithin massentheoretisch nur unvollständig zu erklären, insbesondere versagt die Bluhme-Krüger’sche Auffassung bei der ersten Papiniansequenz und hinsichtlich der durchstochenen Sabinussequenz.

Der Begriff der Versetzung geht von einer festen, stets wiederholten Folge der Massen aus und beschreibt die Unregelmäßigkeiten innerhalb dieser Folge. Was der Begriff aber nicht erfasst, sind Unregelmäßigkeiten bei der Abfolge der Massen als solcher. Diese können sich zu einem derartigen Durcheinander steigern, dass von einer Massenfolge sinnvollerweise nicht mehr die Rede sein kann – was eigentlich zur Konsequenz haben müsste, alle Leges eines solchen Titels als versetzt anzusehen. Wenn sich die Massen auflösen, steht eben alles außerhalb ihrer.69 Ein Beispiel hierzu ist:

D. 28, 1 „Qui testamenta facere possunt“:

Blickt man bloß auf die Massenzugehörigkeit der 31 Leges dieses Titels, ergibt sich folgendes Bild (das Symbol | zeigt Fünfer-Schritte an):

EAPSS|SESSP|SSSSE|SPSES|SSSSS|EEEPP|P

Krüger zufolge ist der erste, 18 Leges umfassende Teil – seiner Erwartungshaltung entsprechend – der Sabinusmasse zuzuschlagen. Krüger notiert pflichtschuldig die vielen Versetzungen und begreift im Weiteren die Lex 19 als Exponenten der Ediktsmasse – die anderen Texte dieser Masse seien Versetzungen. Die Massenfolge insgesamt notiert er mit SEPA. Ganz offensichtlich ist selbst bei dieser Reduktion noch viel guter Wille im Spiel: Wie, außer durch ein Kompositionsbestreben, soll man denn das Auf- und Abtauchen von S und P hier erklären? Auch E steht nicht in einem Block, und wie erklärt sich gar das Vorziehen einer Lex des Appendix und wieso setzt Krüger dann aber A an den Schluss? Das Massenschema funktioniert hier vorne und hinten nicht. Dieses und verwandte Phänomene sind alles andere als selten, wie unser Additamentum I zeigt.

Es gibt auch Titel, bei denen die Theorie Bluhmes in solchem Ausmaß scheitert, dass sich die Frage stellt, ob sie wirklich nach dem Massenprinzip erstellt wurden, also ob Bluhmes Theorie überhaupt auf sie anwendbar ist. Ein Beispiel hierfür ist D. 1, 3 „De legibus“, ein Titel, den wir noch ausführlicher besprechen werden. Oftmals ist eine Masse nur durch eine einzige Lex im Titel repräsentiert. Dann stellt sich die Frage, ob es sich hierbei um das Vorkommen dieser Masse im Sinne von Bluhmes Theorie handelt oder einfach nur um eine Versetzung. Dieses Problem stellt sich deshalb, weil nach einem Grunddogma der Bluhme’schen Theorie die drei Massen regelmäßig in den Titeln repräsentiert sein sollen.70 Ein Beispiel hierzu ist:

D. 34, 2 „De auro argento“:

Der Titel ist massenmäßig wie folgt aufgebaut:

SSEES|SEEEE|EPASA|ASASS|SSSSS|SSSSS|AEEEP|PPPSA

Hierbei fällt die Wiederholung, vor allem aber die bunte Mischung von S, E und A auf, welche durch die Masseneinteilung nur schamhaft kaschiert wird; Krüger notiert sie mit SEPASEA und übersieht das Wiederauftauchen von P auf den Positionen 35–38. Besondere Aufmerksamkeit erheischt aber P auf Position 12. Nach der Editio minor handelt es sich einfach um das Vorkommen der Papiniansmasse, also nicht um eine Versetzung. Unseres Erachtens ist die Position 12 (P) sehr wohl als Versetzung zu qualifizieren und nicht als ein – unschuldiges – Vorkommen der Papiniansmasse. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, ist freilich vorausgesetzt, dass man den Inhalt der Leges in Betracht zieht, genau das aber wollte Bluhme in seinem Methodenmonismus vermeiden. Setzen wir uns also über seinen Schematismus hinweg. Die Stelle lautet im Kontext:

[Lex 11, Proc. 5 epist.]: Si quis legaverit aurum gemmas margaritas quae in eo auro essent, etiam id aurum, cui neque gemmae neque margaritae inessent, legasse videtur. [Lex 12, Pap. 17 quaest.:] Si imaginem legatam heres derasit et tabulam solvit, potest dici actionem ex testamento durare, quia legatum imaginis, non tabulae fuit.

Im ersten Fall ist das Trägermaterial Gold auch im Rohzustand mitvermacht, im zweiten Fall gilt das nicht, weil das in einem Kunstwerk verarbeitete Material viel weniger wert ist als das Kunstwerk selbst: Hat der Erbe also das Bild gelöscht, kann er sich durch Übergabe der Tafel nicht von seiner Haftung befreien. Beide Leges sind aufeinander bezogen, zusammengefügt, wie wir sagen, und das Papinianfragment ist daher als Versetzung zu qualifizieren: Es hat seine aktuelle Position nämlich seines Inhaltes wegen, der Inhalt deteriminiert die Qualifikation als Versetzung.71 Als Vorkommen von P wird man wohl die Positionen 35–38 bezeichnen dürfen. Dass das Ganze nur aus der Massentheorie – von Krügers Fehler einmal abgesehen – nicht zu erklären ist, dürfte auf der Hand liegen.

Es zeigt sich bereits an dieser Stelle, dass die Massentheorie zu ihrer Durchführung sehr wohl darauf angewiesen ist, den Inhalt der Leges in Betracht zu ziehen, so wie umgekehrt die Auslegung der Leges in der Massentheorie einen verlässlichen Helfer hat: Es kann einfach nicht von ungefähr kommen, wenn sich inmitten eines Titels eine verlorene Lex aus einer der drei Massen findet – statt am Ende, wo nach der Massentheorie konsequenterweise ihr Platz wäre. Massentheorie und pandektensystematische Auslegung schließen einander eben nicht aus, im Gegenteil: Sie befruchten einander wechselseitig.

Das Bluhme’sche Dogma des regelmäßigen Vorkommens der drei Massen ist unhaltbar. Dessen Kanonisierung in den beiden Editionen der Pandekten erweckt den Verdacht, dieser Umstand solle verschleiert werden, so z.B. in:

D. 25, 2 „De actione rerum amotarum“:

Die Leges dieses Titels verteilen sich folgendermaßen auf die der Massen:

SESSP|SSSSS|SSSES|PSPSE|SSSSS|EPPPP|

Nach Meinung Bluhmes und Krügers ist die Masse E, die an vier getrennten Stellen vorkommt, nur auf der Position 2 versetzt. Die Positionen 14, 20 und 26 sehen sie hingegen als Vorkommen der Ediktsmasse und damit als unversetzt an.72 Das verwundert und ist eigentlich nur aus dem Bestreben zu erklären, nicht zu viele Versetzungen ausweisen zu müssen. Vermutlich kommt die Masse E in diesem Titel gar nicht selbstständig vor, vielmehr sind einfach Fragmente aus E in Masse S eingeflochten, was bedeutet, dass sie allesamt als Versetzungen anzusehen sind, da sie ihre Position im Titel nicht von der Massenlogik her haben, sondern ihres Inhaltes wegen.

Aus der Genese zu erklären ist die Verdopplung der Massen bei den Fällen, wo aus zwei ursprünglich geplanten Titeln einer gemacht wurde, wie man aus einem Vergleich der Titelüberschriften im Codex schließen kann. In diesen Fällen kommen in den Titeln also die drei Massen zweimal vor.73 Hier zeigt sich, wie so oft, der heuristische Wert der Massentheorie: Es gibt kein besseres Kriterium, dieses Phänomen zu erkennen, als die Massengaben und die hieraus resultierenden Versetzungen.

2. Versetzungstypen: Masse, Pars, Unterpars

Unter einer „Versetzung“ ist zunächst zu verstehen, dass eine Lex nicht innerhalb ihrer angestammten Masse steht, sondern sich in eine andere Masse transponiert findet. Beginnt also ein Titel mit der Sabinusmasse und findet sich dort eine Lex der Ediktsmasse, so handelt es sich um eine Versetzung zwischen zwei Massen; ein Beispiel hierfür ist die bereits erwähnte Lex 1 von D. 50, 17. Dieser Typ bildet die klarste und stärkste Ausnahme vom Massenprinzip, setzt er doch den größten Arbeitsaufwand voraus: Die versetzte Lex muss ja von weit her geholt werden.

An zweiter Stelle stehen Versetzungen zwischen unterschiedlichen Gliedern einer Masse: Der Titel D. 8, 2 „De servitutibus praediorum“ beginnt mit der Ediktsmasse, genauer gesagt mit Auszügen aus den Ediktskommentaren. Vor und nach einem Exzerpt aus Gaius’ 7. Buch zum Provinzialedikt (Nr. 98 der Massenordnung) findet sich die Lex 7, welche aus dem 26. Buch von Pomponius’ „Ad Quintum Mucium“ stammt, ein Werk, das an 154. Stelle der Massenordnung steht. Die Lex 7 ist ohne Zweifel versetzt und wird dementsprechend von Krüger auch so qualifiziert.

Doch gehört zur Bluhme’schen Theorie nicht nur die Erkenntnis der Gliederung der Titel nach Massen als solcher, sondern auch die Ordnung innerhalb der Massen, also die nach Werkgruppen geordneten Partes und die nach Kapiteln (libri) geordneten Unterpartes. So wurden etwa die Sabinuskommentare gleichzeitig gelesen und bilden insoweit eine Pars. Innerhalb derselben finden sich aber weitere von Bluhme identifizierte Einheiten, die Unterpartes: Sie bestehen aus Gruppen von parallel gelesenen libri. Wenden wir uns diesem weniger prominenten, nicht so leicht zu erkennenden, aber für die Frage der Ordnung der Titel kaum weniger wichtigen74 Typus von Versetzungen innerhalb der Partes zu. Hier kommt es in Hunderten von Titeln (genaue Angaben finden sich in der Tabelle im Additamentum I) zu einem Hin- und Herspringen auf derselben Ebene der Massenordnung, d.h. innerhalb derselben Pars. In solchen Fällen wird die Unterpars nicht von oben nach unten abgearbeitet, wie es die Massentheorie erfordern würde, sondern springt die Fragmentfolge in manchen Beispielen über ein Dutzend Mal zwischen den Gliedern derselben Unterpars hin und her, also z.B. von den libri 44–50 aus Ulpians Sabinuskommentar zu den libri 11–12 aus dem entsprechenden Kommentar von Paulus, dann wieder zurück zu Ulpian usw. Dieses Hin und Her kann im Gefolge unseres Additamentums in Zukunft nicht mehr ignoriert werden – schon gar nicht kann es banalisiert werden, handelt es sich hierbei doch offenbar nicht um Zufall, sondern um eine Form der Titelkomposition. Diese Einsicht stellt die Massentheorie als solche infrage, darf es ihrer Auffassung nach gerade keine Titelkomposition geben. Dabei sind Versetzungen innerhalb einer Pars oder Unterpars quantitativ bedeutend: Sie erklären den Unterschied von gut 900 Fällen zwischen den von Bluhme und Krüger einerseits und von mir andererseits identifizierten Versetzungen – einmal ganz abgesehen davon, dass nach unserer Methode andere Leges als versetzt zu gelten haben als bei Bluhme und Krüger. Zur Erhellung dieser Frage nehmen wir zunächst:

D. 35, 3 „Si cui plus, quam per legem Falcidiam licuerit, legatum esse dicetur“:

Dieser Titel ist dadurch charakterisiert, dass in einen dominanten Ulpianauszug (79 ad ed.) kürzere Paulusauszüge (75 ad ed.) gleichsam eingeflochten sind. Blicken wir auf die Leges 1, 15–2–3pr. (Paulus ist im Zitat fett gesetzt):

Si res, quae legata sit, apud legatarium interierit, probandum est exceptione succurri ei qui promisit, etiamsi quanti ea res sit promisit, nisi si dolo ipsius aliquid factum sit: tunc enim etiam ex doli clausula, quae in ista stipulatione continetur, tenebitur et replicatione repelli poterit.

Das 79. Buch von Ulpians und das 75. Buch von Paulus’ „Ad edictum“ gehören zu derselben Unterpars, bestehend aus den Büchern 56–81 des Ulpian’schen und den Büchern 53–87 des Paulus’schen Werkes. Aus Sicht von Bluhme und Krüger ist Lex 2 aus diesem Grunde nicht versetzt,75 nach unserer Auffassung ist sie es sehr wohl: Der Text ist, wie wir uns ausdrücken, eingeflochten, was bedeutet, dass die Unterpars nicht von oben nach unten abgearbeitet wurde, sondern nach oben zurückspringt, nämlich zum 79. Buch aus Ulpians Kommentar. Die Fragmentfolge geht also nicht von oben nach unten, wie sie das nach Bluhme-Krüger eigentlich müsste, sondern vielmehr hin und her. Es ist bestenfalls naiv, zu glauben, dass man einfach eine Akkolade vor dieses Phänomen setzen und es damit zum Verschwinden bringen kann.

War es also angemessen, so müssen wir fragen, dass Bluhme und – ihm folgend – Krüger die Versetzungen innerhalb einer Pars weitgehend außer Betracht ließen,76 sie insbesondere nicht als Versetzungen qualifizierten? Bluhme war ein zu feiner Geist, als dass er die Gefahr nicht gewittert hätte, welche die Versetzungen für das Telos seiner Lehre bedeuten. So greift er denn im „Anhang zur dritten Tabelle“ ganz am Ende seiner Untersuchung die Frage der Versetzungen wieder auf und analysiert für sechs exemplarische Titel alle Veränderungen, insbesondere auch die internen Versetzungen, also diejenigen innerhalb derselben Masse:

  • a) D. 6, 1 „De rei vindicatione“ (Edikt): Hier anerkennt Bluhme, dass immerhin fünf Fragmente zu Anfang des Titels intern versetzt, also absichtlich dorthin gesetzt wurden – nach unserer Aufassung sind die Leges 2 und 4 eingeflochten und aus diesem Grunde versetzt; Lex 6 ist in der Tat ein Sprung nach oben und damit versetzt; s. das Additamentum I.

  • b) D. 22, 1 „De usuris“ (Papinian): Bluhme erkennt keine absichtliche Versetzung, wir schon: nämlich die nach oben springende Lex 18 und die eingeflochtene Lex 22; s. das Additamentum I.

  • c) D. 23, 3 „De iure dotium“ (Sabinus): Drei absichtliche Versetzungen zu Anfang; anders unser Ausweis der Versetzungen im Additamentum I.

  • d) D. 41, 2 „De adquirenda vel amittenda possessione“ (Edikt): Hier wird keine absichtliche Versetzung gesehen. Ganz anders ist das Ergebnis nach unserer Methode: So ist insbesondere die zu einer niedrigen Unterpars gehörende Lex 2 eingeflochten; s. das Additamentum I.

  • e) D. 46, 8 „Ratam rem haberi“ (Papinian): Keine absichtliche Versetzung; auch in diesem Fall kommen wir zu einem anderen Ergebnis, so ist insbesondere die Lex 11 eingeflochten; s. das Additamentum I.

  • f) D. 47, 2 „De furtis“ (Sabinus): Acht Versetzungen zu Beginn. Fundamental anders ist auch hier unser Ergebnis, wie sich aus dem Additamentum I erhellt: Die Versetzungen zu Beginn sind komplexer, als Bluhme dies haben wollte; insgesamt kommt es bei diesem stark durchflochtenen Titel zu 32 Versetzungen bei 93 Leges.

Man muss sich fragen, warum Bluhme es bei dieser sporadischen Untersuchung der Versetzungen innerhalb einer Masse beließ. Wieso hat er nicht einfach alle Titel auf interne Versetzungen untersucht? Bei den Versetzungen zwischen den Massen hat er sich dieser Mühe ja unterzogen. Wir können nicht umhin, hier eine gewisse Scheu zu unterstellen, eine Scheu davor, zugeben zu müssen, wie groß das Ausmaß der Versetzungen tatsächlich ist und wie wenig die Massentheorie eigentlich für die Morphologie leistet – in ihrem Dogma leistet, denn ihre wahre Leistung sehen wir in ihren Aporien. Bluhme entwickelte, das kann nicht stark genug betont werden, seine Massentheorie ja nur, um gerade diese Morphologie der Pandekten erklären zu können: Sie sollte ja die empirisch-theoretische Voraussetzung dafür bilden, eine pandektensystematische Auslegung methodologisch auszuschließen.

3. Inhaltsbezogener Begriff der Versetzung

Es gilt hier nachzuholen, was in der Vergangenheit versäumt wurde: eine Kritik des Versetzungsbegriffs. Dies ist umso mehr angezeigt, als die Kriterien Bluhmes und Krügers nicht immer konsequent scheinen: So differenzieren sie z.B. nicht nach Versetzungstypen und kommen in den oben angeführten sechs Fällen von Versetzungen innerhalb der Masse zu erheblich anderen Ergebnissen.77 Einzig Mantovani hat sich der Frage gestellt, bezeichnenderweise aber ohne Aplomb in einer Fußnote: Versetzt sei eine Lex dann, wenn sie in dem Pandektentitel einen anderen Platz einnimmt als denjenigen, welcher ihr in dem von Bluhme erkannten Ordnungsschema zukäme.78 Versetzung ist also, tout court, eine Ausnahme von der als richtig vorausgesetzten Massentheorie. Mantovanis Versetzungsbegriff hat jedoch die Schwäche, dass er Bluhmes Theorie als vollumfänglich richtig voraussetzt und deshalb immer nur zu deren Bestätigung, aber nie zu deren Revision führen kann.79 Man könnte insoweit von einem affirmativen Versetzungsbegriff sprechen, was aber methodologisch bedenklich ist, da es sich ja um erklärungsbedürftige Ausnahmen handelt, und diese haben das Potenzial, die Theorie als solche infrage zu stellen.

Im Gegensatz zu Bluhme und seinem Nachfolger Mantovani fassen wir die Versetzung nicht rein technisch auf, sondern beziehen den Inhalt der Leges in die Frage der Versetzung mit ein. Die Massentheorie muss an ihrem eigenen Maßstab gemessen werden, und dieser ist ihrer Teleologie zu entnehmen, nämlich zu belegen, dass die Pandektentitel ihre Morphologie der kompilatorischen Herstellungsmechanik verdanken und somit nicht logisch geordnet seien, also keine systematische Auslegung duldeten.80 Die Massentheorie privilegiert den Inhalt der Titel gegenüber der Positionierung der Fragmente, also muss auch der Versetzungsbegriff als Manifestation ihrer Ausnahmen oder gar Aporien auf den Inhalt zielen.81 Unter „Versetzung“ ist füglich jedwede Abweichung vom Massenprinzip zu verstehen, welche dazu führt, dass eine Lex aufgrund ihres Inhaltes dorthin gestellt wurde, wo sie jetzt steht, wo also die Redaktoren bei der Allokation dieser Lex nicht ausschließlich nach einem numerisch-mechanischen, sondern zumindest auch nach einem inhaltlich-systematischen Kriterium verfuhren. Klargestellt sei auch, dass daher nach unserer Wahrnehmung selbst die mindeste Abweichung von der Massenfolge als Versetzung zu qualifizieren ist.

An dieser Stelle gilt es auf eine Besonderheit hinzuweisen: Die Fragmente der Appendixmasse verdanken ihre Allokation in aller Regel ganz spezifischen redaktionsgeschichtlichen Umständen,82 sie ist also in den meisten Fällen dementsprechend inhaltlich neutral. Daher haben diese Leges keine besondere Bedeutung für die Versetzungsfrage, sind also auch insoweit Appendix.

4. Qualifikation des Hin- und Herspringens als Versetzung

Mit diesem inhaltlich ausgerichteten Versetzungsbegriff sind gerade auch Sprünge zwischen Werken derselben Pars und den korrespondierenden Büchern der Unterpartes erfasst. Ein Hin und Her auf derselben Ebene der Pars oder Unterpars, von Ulpian zu Florentinus z.B. und zurück, kann nur aus dem Inhalt der verflochtenen Leges vollständig erklärt werden.83 Unabsichtliche Versetzungen, das sei hinzugefügt, kommen auch vor, sind aber – nach zutreffender Meinung Mantovanis84 – zu vernachlässigen.

Die Qualifikation dieses Hin- und Herspringens innerhalb derselben Pars oder Unterpars als Versetzung setzt den bislang nicht präzise dargestellten Umstand voraus, dass alle Partes und Unterpartes geordnet sind. Schauen wir etwa auf die Sabinuspars, erste Unterpars (Nr. 1–3):

  • 1) Ulp. lib. 1–14 ad Sab.

  • 2) Pomp. lib. 1–4 ad Sab.

  • 3) Paul. lib. 12 ad Sab.

Die Reihenfolge der Autoren ist keineswegs willkürlich, wie der Vergleich mit der ersten Unterpars aus dem Ediktsteil der Sabinusmasse (Nr. 4–9) zeigt, oben steht Paulus an dritter, unten an zweiter Stelle:

  • 1) Ulp. lib. 26–30

  • 2) Paul. lib. 2830

  • 3) Gai. lib. 9–10

  • 4) Paul. lib. 6 brevium

Würden diese Unterpartes tatsächlich die Realität der Pandekten abbilden, dann müssten der Reihe nach Unterpars 1–3 oder 4 compiliert werden. Das ist aber nicht der Fall: Die Fragmentenfolge springt tausendfach zwischen den Unterpartes hin und her, in der Regel immer wieder zurück zur ersten Position, auf welcher Ulpian steht. Das für die Kompilatoren, die Schreiber und letztlich auch die Leser arbeitsintensive Hin- und Herspringen kann nur aus einer kompositorischen Absicht erklärt werden und ist damit als Versetzung zu qualifizieren. Vor allem Krüger scheint geglaubt zu haben, dass die Akkoladen vor Versetzung schützen, dass sie eine Art Schale für ein Potpourri an Texten bildeten. Das ist aber nicht der Fall: Auch innerhalb der Akkoladen herrscht eine Ordnung, die das Hin und Her verletzt. Die Richtigkeit der Qualifikation als Versetzung ergibt sich aus der Gegenüberstellung des Bluhme’schen Sollzustandes in D. 50, 17 „De regulis“ einerseits und des Tribonian’schen Istzustandes in D. 39, 3 „De aqua et aquae fluviae arcendae“ andererseits (jeweils in parallelen Auszügen).

Bluhmes Sollzustand und Tribonians Istzustand

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Bluhmes Sollzustand und Tribonians Istzustand

Zwischen dem Bluhme’schen Sollzustand, wie er in D. 50, 17 verkörpert ist, und dem Sollzustand der übrigen Digestentitel, wie er hier anhand von D. 39, 3 dargestellt wird, besteht in zweierlei Hinsicht ein fundamentaler Unterschied: Im Soll-Titel D. 50, 17 werden die Unterpartes von oben nach unten einsortiert, der Titel springt nie zurück. Ganz anders im Ist-Titel: Hier springt die Fragmentenfolge viermal zu Ulpians 43. Buch „Ad edictum“ zurück. Die Unterpars wurde von den Kompilatoren nicht von oben nach unten einsortiert, sondern horizontal verflochten. Zum zweiten finden sich im Soll-Titel alle drei Autoren der entsprechenden Unterpartes, der Rhythmus ist dementsprechend 1, 2, 3 | 1, 2, 3 | 1, 2, 3. Hingegen besteht der Ist-Titel aus der Abwechslung zweier Autoren, sein Rhythmus ist dementsprechend 1, 2 | 1, 2 | 1, 2, wo bisweilen 3 an die Stelle von 2 tritt, was aber den Rhythmus nicht ändert.

Das Hin- und Herspringen beim Istzustand bedeutet für die Kompilatoren einen zusätzlichen Energieaufwand, den sie nur dann aufgebracht haben werden, wenn sie damit bestimmte Zwecke verbanden. Nach der Lage der Dinge kann das ausschließlich die inhaltliche Verschränkung oder, wie wir sagen, „Verflechtung“ der Texte gewesen sein. Das Hin und Her ist also in dem von uns teleologisch definierten Versetzungsbegriff erfasst. Damit ist ein Leitmotiv der nachstehenden Untersuchung formuliert: Die Theorie Bluhmes, welche vorgibt, die Morphologie der Pandekten zu beschreiben, beschreibt in Wahrheit nur die Morphologie ihrer letzten beiden Titel. Die von Bluhme behauptete „regelmäßige Inscriptionenfolge“ ist nicht mehr als ein Mythos der modernen Romanistik.

5. Hypothese der Regelhaftigkeit der Versetzungen

Unter Anwendung unseres Versetzungsbegriffs kommt man dazu, dass praktisch ein Viertel aller Pandektenstellen versetzt ist. Berücksichtigt man zudem, dass sich jedes versetzte Fragment auf mindestens ein anderes bezieht, bildet mindestens die Hälfte aller Pandektenstellen mehr oder minder umfangreiche semantische Systeme. Im obigen Beispiel D. 35, 3 „Si cui plus, quam per legem Falcidiam …“ bezieht sich Lex 2 auf Lex 1, 15 und auch auf die Lex 3pr. Diese Lex bildet also zusammen mit den Leges davor und dahinter einen einzigen Satz im grammatikalischen Sinne. Diese Überlegung erlaubt es uns, die Hypothese für die nachfolgende Untersuchung aufzustellen, dass in den Pandekten Versetzungen nicht eine Ausnahme darstellen, sondern geradezu die Regel konstituieren, dass also die Massentheorie als genetisch zutreffend, aber morphologisch als falsch bezeichnet werden muss und somit die Pandekten in letzter Konsequenz als im Wesentlichen komponiert angesehen werden müssen.

6. Hypotext und Hypertext

Das zuvor aus Sicht der Massentheorie beschriebene Phänomen des Hin und Her führt zu Verbindungen von Texten: Das ist der ausschließliche Zweck. In Bezug auf solche Verbindungen sprechen wir im Laufe der Untersuchung von „Einflechtungen“ bzw. „anflechten“, „Flechtwerk“ oder „Verflechtung“; das Produkt dieser Technik bezeichnen wir als „Zopf“. Wo es darum geht, dass eine Lex zunächst semantisch-grammatikalisch selbstständig war, aber gleichwohl von der Kommission alloziert wurde, wodurch eine neue Sinneinheit geschaffen wurde, sprechen wir von „Zusammenfügungen“ – dies aber nur dann, wenn es gerade hierauf besonders ankommt. Ansonsten bleibt es bei dem allgemeinen Begriff der Einflechtung und seinen Derivaten.

In der Literaturwissenschaft heißen die solchermaßen erzeugten Gebilde, wenn ihre Textqualität hervorgehoben werden soll, Hypertexte, ihr Ausgangsmaterial, einerseits untergeordnet, andererseits dank der Inscriptiones sichtbar, Hypotexte.85 Wie die Gesamtheit dieser Textformen gattungsmäßig zu qualifizieren ist, wird im zweiten Teil der Arbeit erörtert werden.

1

Es gibt einige irreguläre Fälle, die bei Pezzato, Inscriptiones, 2 f. mit N. 3, aufgeführt sind.

2

Das Thema ist literarisch kaum behandelt; Wacke, Inscriptiones, 92. Am ergiebigsten nach wie vor die beiden im Folgenden zitierten Werke Krügers.

3

Const. Tanta § 10.

4

S. den ersten Brief bzw. Briefentwurf Bluhmes an Savigny in: Briefwechsel, hrsg. von D. Strauch, 4; s. auch Riccobono, Interpretatio duplex, 8.

5

Zu ihrem heuristischem Wert Mantovani, Cent’anni, 433.

6

P. Krüger, Quellen, 384 f. Ein interessantes Beispiel ist D. 47, 2, 21: Sieht man in die Florentina (F1), stellt man fest, dass dort ursprünglich „Paulus“ als Autor genannt war, was von F2 zu „Ulpianus“ korrigiert wurde. Mommsen hält trotz erheblicher Zweifel Paulus für wahrscheinlicher als Ulpian, wohl deswegen, weil im § 3 i.f. der lex cit. Ulpian zitiert wird. Nach der von uns erkannten Leittextmethode der Kommission (s. unten S. 112 ff.) muss hier Ulpian der Autor sein. Der Fehler wird sich daraus ergeben haben, dass die Schreiber zuerst den Text schrieben und dann den Namen des Autors. Zu den Korrektoren jetzt Kaiser, Schreiber, 170 ff.

7

Hinweise zur Arbeit an einer neuen Palingenesie und auch einer Revision des Lenel’schen „Edictum perpetuum“ finden sich bei Fernández de Buján, Derecho público, 285 ff.

8

P. Krüger, Quellen, 384 f.

9

Bluhme, Ordnung, 373; s. auch H. Krüger, Herstellung, 187.

10

Ferrini, Fonti, 307 ff.; P. Krüger, Quellen, 384.

11

Const. Tanta § 19.

12

Es gibt in den Pandekten ungefähr 135.000 vv. Text. Da jede Inscriptio ungefähr einen Vers der Ed. min. beansprucht, entfallen also 9.139 vv. der Ed. min. auf die Inscriptiones.

13

Eine Durchschnittsseite der Ed. min. weist 150 vv. auf.

14

Mommsen, Praefatio ed. mai., XXVI f.

15

Hierzu Kaiser, Schreiber, 142 f.; Mommsen, Praefatio Ed. mai. XXXII f.

16

S. Schulz, Geschichte, 361; s. aus anderer Perspektive auch Hofmann, Compilation, 87.

17

Hierzu die Ausführungen von Mantovani, Juristes écrivains, 241 ff., der freilich die Inscriptiones als solche nicht behandelt.

18

Erstaunlich ist die Auffassung P. Krügers, Quellen, 384, bei den Zitaten der libri handele es sich um „Schmuckwerk“; s. auch Gradenwitz, Interpolationen, 18 f. Ins Absurde geht die Meinung von H. Krüger, Herstellung, 188: Die Inscriptiones seien eine Angeberei Justinians, um die Welt glauben zu machen, die Schriften der Alten seien tatsächlich kompiliert worden. Dieser Gedanke stammt von Hofmann, worauf wir noch eingehen werden.

19

Und offenbar auch noch bis zur Kompilation benutzte; hierzu jetzt Rodríguez Martín, Valor, 117 ff. m.w.N., zu Beispielen und der älteren Literatur, namentlich Riccobono.

20

Zu dieser Notwendigkeit s. Nörr, Kodifikationsbewegung, 279 f., unter Hinweis auf die Kritik an Justinians Tätigkeit bei Prok. anekd. VI 21 und XI; Maas, Justinianic Reform Legislation, 26 m.w.N.

21

Schindler, Klassik, 342. In diese Richtung auch Riccobono, Verità, 251, und Schulz, Geschichte, 361. Baumbach, Poiesis of Cento-Writings, 12 f., spricht von „hervorgehobener Intertextualität“.

22

S. hierzu Varvaro, Justinian Legislation, 70.

23

Nachweise bei Giaro, Dogmatische Wahrheit, 30 f. mit N. 96.

24

Wie groß dieser auch redaktionell war, zeigen die „confronti“ bei Pezzato, Inscriptiones, 12 f.

25

Hinweise bei Orestano, Introduzione, 146 ff.

26

Riccobono, Verità, 252.

27

Stagl, Eigentumsübertragung, 10 ff. m.w.N.

28

S. auch Betti, Auslegungslehre, 515 f.

29

Meisterhaft findet sich diese Methode bei Daube, Palingenesie, 149 ff.

30

Schleiermacher, Hermeneutik, 9.

31

Um einen solchen Fall dürfte es sich bei D. 50, 7, 14 handeln, ein Text, der nach der Meinung Mommsens eigentlich ein Bestandteil der vorangehenden Lex 8 ist; s. Ed. min. 902 N. 14 u. 20.

32

Arangio-Ruiz, Precedenti, 331.

33

Der von Honoré eingeführte Begriff „BK-Ordo“ wird hier vermieden, weil er zumindest im Deutschen ironisch klingt und suggeriert, dass diese Ordnung von Bluhme und Krüger geschaffen worden sei. Das ist aber nicht der Fall, die Massenordnung stammt von den Kompilatoren.

34

Additamentum I I der Ed. min.; Ed. mai., Additamenta, 50 ff.; erneut überarbeitet von Mantovani, Masse, 87 ff., und Honoré, Digest, 151 ff.

35

Ed. min., Additamentum I I, Nr. 180–182.

36

Zu diesen Kaiser, Digestenentstehung, 330 f.

37

Kaiser, Digestenentstehung, 330, spricht von einem „Manko“.

38

Ebenfalls kritisch gegenüber der Leistung Krügers ist Pugsley, Digest I, 17 ff.

39

Rotondi, L’indice fiorentino, 298 ff.

40

H. Krüger, Römische Juristen, 303 ff.

41

Mantovani, Masse, 75 ff., 90 ff., 104 ff.

42

Mantovani, Masse, 112 mit N. 8.

43

Hierzu bietet eine Theorie Pugsley, Digest I, 1 ff.

44

Mantovani, Masse, 109 ff., 124. Kaiser, Digestenentstehung, 338, führt präzise Gegenargumente an. Eine Auseinandersetzung mit seinen Kritikern liefert Mantovani, Le masse bluhmiane sono tre, 87 ff.

45

Ed. min., 929.

46

Ed. min., 927.

47

Bluhme, Ordnung, 349 ff.

48

Schmidt, Anthologia, in: RE I/2, Sp. 2380–2391.

49

Genzmer, Just. Kodifikation, 350.

50

Weitere Nachweise: Genzmer, Just. Kodifikation, 350 f.

51

Mantovani, Masse, 8 ff.

52

Wieacker, RRG II, 302.

53

S. Bluhme, Ordnung, 265. Diese Kritik wurde schon von Hofmann, Compilation, 113 mit N. 7, erhoben; hierzu auch P. Krüger, Reihenfolge, 17.

54

Die Zurichtung der Texte für die Kodifikation ist nach Chiazzese, Confronti, 475 f., das Motiv aller Motive zur „Interpolation“.

55

S. hierzu die Bemerkungen von Osler, Following Bluhme, 158.

56

Hierzu die brillante Rez. zu Lenel von Kipp, 481 ff.

57

Grundlegend Bluhme, Ordnung, 288 ff. Neben Mantovani und Honoré hat hierzu Falchi, Spostamenti, 291 ff., Stellung genommen.

58

Honoré, Digest, 82. Bisweilen vergaß Krüger, die Versetzungen auszuweisen, so etwa im Titel D. 28, 1 „Qui testamenta facere possunt“. Offenbar hatte er unkritisch Bluhmes Ergebnisse ad h.t. übernommen; Bluhme, Ordnung, 476.

59

Praefatio Mommsens zur Editio minor v. 1868, N. 3 von P. Krüger (ohne Seitenangabe). S. hierzu auch die Bemerkung von P. Krüger, Reihenfolge, 12.

60

Honoré, Digest, 82.

61

Mit teilweise absurden Fragestellungen; hierzu Osler, Compilation, 129 ff.

62

Nicht nur ein Aspekt, wie Falchi, Spostamenti, 2695, meinte.

63

Marx/Engels, Dialektik, 348.

64

Hierunter leidet insbesondere auch die Bemühung Honorés, Digest, 94 ff.; zu Mantovani sogleich im Haupttext.

65

S. Bluhme, Ordnung, 269.

66

Zwalve/de Vries, Navel, 593 ff.

67

Const. „Omnem“ § 4: festum diem, quem, cum primum leges eius accipiebant, celebrare solebant.

68

Bluhme, Ordnung, 294; Const. „Omnem“ § 4: Ne autem tertii anni auditores, quos Papinianistas vocant, nomen et festivitatem eius amittere videantur, ipse iterum in tertium annum per bellissimam machinationem introductus est: librum enim hypothecariae ex primordiis plenum eiusdem maximi Papiniani fecimus lectione, ut et nomen ex eo habeant et Papinianistae vocentur et eius reminiscentes et laetificentur et festum diem, quem, cum primum leges eius accipiebant, celebrare solebant, peragant, et maneat viri sublimissimi praefectorii Papiniani et per hoc in aeternum memoria hocque termine tertii anni doctrina concludatur.

69

S. hierzu die Beobachtungen von Hofmann, Compilation, 70 f.

70

Mantovani, Masse, 5 f.

71

Ein ähnlicher Fall ist D. 26, 4, 11. Nach der Meinung Bluhmes und Krügers (Ed. min., 374 N. 11) behandelt Lex 11 einfach das Vorkommen von E (Lex 4 ist ihrer Auffassung nach versetzt). Aus dem Inhalt und der Qualifikation als Conclusio (hierzu unten S. 129 ff.) ergibt sich jedoch, dass es sich bei D. 26, 4, 11 nicht um das Massenvorkommen handelt, sondern um eine Versetzung.

72

Ed. min., 364 N. 6.

73

D. 1, 3 „De legibus“, erster Abschnitt bis Lex 31; ab Lex 32 folgt ein zweiter Abschnitt „De longa consuetudine“; D. 23, 2 „De nuptiis“ bis Lex 51 und „De incestis nuptiis“ ab Lex 52; D. 28, 1 „Qui testamenta facere possunt“ bis Lex 19 und „Quemadmodum testamenta fiant“ ab Lex 20; D. 34, 2 „De auro argento“ ist freilich durcheinandergekommen; D. 39, 1 „De operis novi nuntiatione“ bis Lex 19 Edikt, ab Lex 20 Interdiktenschutz.

74

Bluhme, Ordnung, 289.

75

Ed. min., 560 N. 7.

76

Mantovani, Masse, 12, trifft die gleiche Beobachtung, stört sich aber nicht daran; ebenso Falchi, Spostamenti, 2695.

77

Die Auffassung P. Krügers findet sich in einer Fußnote am Beginn jedes Titels in den späteren Ausgaben der „Editio stereotypa“.

78

Mantovani, Masse, 12 mit N. 11, dort auch Hinweise zu älterer Literatur.

79

Insoweit war es konsequent, dass er nicht dazu schritt, Krügers Ergebnisse selbstständig zu überprüfen.

80

Genau das unterschlägt oder vergisst P. Krüger, Reihenfolge, 12, 30 f., wenn er so tut, als seien die Ausnahmen irrelevant, da es um die Richtigkeit der Bluhme’schen Theorie gehe. Es geht ausschließlich um die Hermeneutik der Pandekten, und für diese ist Bluhme nur eine Voraussetzung.

81

Falchi, Spostamenti, 2695 f., meint, die internen Versetzungen hätten keinen heuristischen Wert; das ist mir unbegreiflich.

82

Mantovani, Le masse bluhmiane sono tre, 119.

83

Anders Mantovani, Masse, 39.

84

So auch Mantovani, Masse, 13.

85

Bažil, Centones Christiani, 47 et passim.

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