Kapitel III Katastase

In: Der Tempel der Gerechtigkeit
Author:
Jakob Fortunat Stagl
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§ 10. Morphologie statt Genese

Ihrem Zwecke gemäß gliedert sich diese Untersuchung in zwei Teile: Zunächst gilt es, die Morphologie der Pandekten phänomenologisch zu beschreiben, und im zweiten Schritt ist hieraus eine ihr angemessene Hermeneutik zu entwickeln. Sie ist dabei von folgender Überzeugung geleitet: Die Art, wie wir römisches Recht betreiben, wird von unserem Verhältnis zu den Pandekten bestimmt, und dieses wiederum ist seit zwei Jahrhunderten von Bluhmes Massentheorie geprägt.1 Diese Theorie steht, soweit sie auf Empirie gegründet ist, fest wie ein Rocher de Bronze. Das verabsolutierte Massenprinzip zerstörte jedoch das Fundament des Justinian’schen „Tempels der Gerechtigkeit“, nämlich die Textqualität der Pandekten. Jeder Versuch, diesem Bauwerk der Alten wieder gerecht zu werden, hat damit zu beginnen, der Bluhme’schen Theorie zwar nicht den Geltungsanspruch zu entziehen, wohl aber ihr die Spitze zu nehmen, also zu zeigen, wie die einzelnen Titel trotz des Massenprinzips inhaltlich systematisch geordnet sind. Die Bluhme’sche Alternativität, das strenge Entweder-oder von sturer Massentheorie und rein systematischer Ordnung, kann so nicht aufrechterhalten werden. Hingegen ist es nicht unser Ziel, die Genese der Pandekten um ihrer selbst willen zu untersuchen: Unser Bestreben ist theoretisch und nicht historisch. Es verwundert uns vielmehr, dass seit Bluhme dieses Thema der Genese wieder und wieder aufgegriffen wird,2 anstatt die Pandekten selbst zu betrachten. Dabei ist doch der Hergang der Kodifikation für den Juristen nur im Hinblick auf das Ergebnis wahrhaft interessant. In gewisser Weise bestand die Kunst Bluhmes darin, eine Theorie über die Genese als eine solche über die Morphologie auszugeben. Damit lenkte er das Interesse der Forschung von der vorrangigen Frage der Beschaffenheit der Pandekten3 zu der an sich weniger bedeutsamen Frage ihrer Entstehung. Wie fatal dieses Paradigma wirkte, zeigt die Arbeit Wieackers aus dem Jahre 1935 über „Die Struktur der Sabinusmasse“4 : Er hatte die Konturen der hier getroffenen Beobachtungen bereits gesehen und die Notwendigkeit betont, die Massentheorie zu korrigieren. Im zweiten Band seiner „Römischen Rechtsgeschichte“ von 2006 wiederholt er diese Forderung.5 Doch bleibt auch er in letztlich fruchtlosen Spekulationen über den Hergang der Kompilation stecken und unterlässt es, die Morphologie als solche zum Gegenstand zu machen – wohl spürend, dass dies ihn dazu gedrängt hätte, die überkommene Hermeneutik der Pandekten infrage zu stellen. Was Wieacker scheute, ist geradezu das Bestreben der vorliegenden Untersuchung: In allerletzter Konsequenz soll nämlich gezeigt werden, dass die Pandekten nicht nur eine Aneinanderreihung älterer Schriften sind, sondern auch aus ihrem aktuellen Kontext heraus, aus dem gegebenen Ort der Leges in den jeweiligen Titeln zu interpretieren sind. Das ist das Gegenteil von dem, was Bluhme der Pandektenhermeneutik verordnen zu können glaubte. Im Methodenkanon träte damit neben die palingenetische gleichberechtigt eine pandektensystematische Auslegung.

Die Notwendigkeit hierzu ergibt sich aus dem Umstand, dass schon Savigny eine pandektensystematische Auslegung im Allgemeinen für unzulässig erklärt hat, obgleich die empirische Basis diese Position nicht trägt. Unhaltbar ist dieser – zur unreflektierten, jedoch allgemeinen Meinung gewordene6 – Schluss Savignys, insoweit er nicht berücksichtigt, dass drei Viertel aller Titel nicht bloße Anhäufungen von Leges darstellen, sondern eine typische Struktur aufweisen – wir erlauben uns, die Ergebnisse der weiteren Untersuchung vorwegzunehmen: Im ersten Teil wird das Thema des Titels vorgestellt: Proömium; dieses wird daraufhin im zweiten Teil mit der Hilfe eines Leittextes entwickelt, der durch Einflechtungen aus anderen Texten angereichert sein kann: Expositio; daraufhin wird im dritten Teil der Stoff anhand von Fällen und Problemen wiederholt und vertieft: Argumentatio; zum Abschluss findet sich oftmals, wenngleich nicht durchgehend, ein vierter Teil mit einem prägnanten Gedanken oder einer Definition: Conclusio. Diese ebenso effiziente wie pragmatische Form der Titelkomposition ist das geplante Ergebnis der Arbeitsweise der Kommission, bediente sie sich doch der vorgegebenen Komponiertheit der kompilierten Schriften und verwendete in ausgiebiger Weise Versetzungen aller oben dargestellten Typen, vor allem aber die von Bluhme ignorierten Versetzungen zwischen Werken derselben Pars und Unterpars. Dies ist der Logos der Massen.

All diese Tatsachen liegen offen zutage in dem für jedermann zugänglichen Text der Pandekten. Wenn die Romanistik, insbesondere Bluhme, sie dort nicht mehr gesehen hat, wird man das auf eine hermeneutische Voreingenommenheit zurückführen dürfen. Die historische Rechtsschule hegte eine Abneigung gegen Kodifikationen, wusste sie doch nur zu gut, dass diese das freie Gespräch der Gelehrten unterbinden. Nicht die Rechtssätze sind das Entscheidende, sondern die Methode. Savigny schreibt im „Beruf“:

„Betrachten wir zuerst die Justinianischen Rechtsbücher, […], so ist in ihnen eine Zeit des Verfalls nicht zu verkennen. Der Mittelpunkt dieser Rechtsbücher ist eine Compilation aus Schriften einer classischen Zeit, die als verloren und jetzt unerreichbar dasteht, und Justinian selbst hat dessen kein Hehl. Diese classische Zeit also, die des Papinian und Ulpian ist es, worauf wir unsre Blicke zu richten haben […]. Es ist oben gezeigt worden, daß in unsrer Wissenschaft aller Erfolg auf dem Besitz der leitenden Grundsätze beruhe, und gerade dieser Besitz ist es, der die Größe der römischen Juristen begründet.“7

Worauf es ankommt, sagt Savigny, sind die Juristenschriften, in ihnen ist das Wichtigste vom römischen Recht überliefert: die Methode der veteres. Von dieser Warte aus konnte Savigny den Eigenwert der Pandekten unmöglich erkennen, sie waren für ihn einfach nur ein störendes Vehikel der Konservierung der kostbaren Reste. Eine Theorie, die genau das bewies, musste ihm umso willkommener sein.

Zu dieser Voreingenommenheit gehört es auch, den unbestreitbaren Charakter der Pandekten als isagogisches Werk außer Acht zu lassen. Wie sehr Justinian darauf bedacht war, seine Kodifikation an den Erfordernissen der Didaktik auszurichten, zeigt das Proömium seiner „Institutionen“, wo es heißt, dass der Stoff zunächst in einfacher Form, wie eben in dem vorliegenden Werk, und hernach in vertiefter Form anhand der Pandekten durchgenommen werden soll, damit den Studenten nicht unnötige Mühen aufgebürdet oder sie gar zum Abbruch des Studiums verleitet würden:

His generaliter cognitis et incipientibus nobis exponere iura populi Romani ita maxime videntur posse tradi commodissime, si primo [d.h. in den Institutionen] levi ac simplici, post deinde [d.h. in den Digesten] diligentissima atque exactissima interpretatione singula tradantur. alioquin si statim ab initio rudem adhuc et infirmum animum studiosi multitudine ac varietate rerum oneraverimus, duorum alterum aut desertorem studiorum efficiemus aut cum magno labore eius, saepe etiam cum diffidentia, quae plerumque iuvenes avertit, serius ad id perducamus, ad quod leniore via ductus sine magno labore et sine ulla diffidentia maturius perduci potuisset.8

Es ist wenig plausibel, dass eine Kodifikation, die so bewusst an der Didaktik ausgerichtet ist, den Studenten im Anschluss an die vollkommen durchkomponierten Institutionen einen nur durch die Titelüberschriften organisierten Zitatenhaufen zugemutet haben soll.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich das Programm der vorliegenden Untersuchung: Zunächst gilt es, die These zu beweisen, wonach ein Gutteil der Leges ihres Inhaltes wegen an ihrem aktuellen Ort in den Titeln positioniert wurde. Dies führt in einem zweiten Schritt zu einer Revision der Theorie Bluhmes, insoweit sie die Genese der Pandekten sehr viel besser erklärt als deren Morphologie. Zuletzt ist die systematische Auslegung als möglich und notwendig zu erweisen, insoweit der Inhalt einer Lex Einfluss auf deren Allokation hatte: Damit soll in letzter Konsequenz Harmonie zwischen der Morphologie der Pandekten und ihrer Hermeneutik hergestellt werden.

Wir tun dazu nicht mehr, als die Pandekten als einen Text zu lesen, sie als ein Werk ernst zu nehmen; sie beschreiben den Umkreis unseres Bestrebens. Damit erläutert sich unser Motto aus dem Evangelium nach Johannes: Veni et vide.

1

Im Urteil übereinstimmend Wieacker, Sabinusmasse, 292.

2

Bezeichnend der Satz Honorés: „Efforts to investigate the compilation of Justinian’s Digest go back in one way or another to Friedrich Bluhme’s 1820 article on the regular sequence of inscriptions in the Digest titles, a sequence that is especially visible in D 50.16 and 50.17“; Duplicate Texts, 1. Bezeichnend auch das große Lehrbuch von D’Ors, DPR, § 67: Er erklärt, wie die Pandekten zitiert werden, und berichtet kurz über ihre Genese, ihre Morphologie erwähnt er nicht.

3

Es ist methodisch etwas unpräzise, wenn Pugsley, Digest I, 19, an erster Stelle als Quelle der Kodifikationsgeschichte die Einführungs-Constitutionen nennt und an zweiter die „internal evidence“ der Pandekten selbst. Vielmehr gilt: Alles muss sich an den Pandekten beweisen, sonst ist es bestenfalls Spekulation.

4

Wieacker, Sabinusmasse, 292 ff.

5

Wieacker, RRG II, 303.

6

Statt aller Guarino, L’esegesi, 572 f. Das folgt logisch zwingend daraus, so meint man, dass die Justinian’sche Kodifikation nicht mehr geltendes Recht ist, man also unweigerlich auf die Systematik einer Palingenesie zurückgreifen muss.

7

Savigny, Beruf, 28.

8

I. 1, 1, 2.

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