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Jakob Fortunat Stagl
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§ 42. Die Pandekten: Fels der Romanistik

Der Savigny und die Pandekten lesende Rechtsstudent Karl Marx schrieb seinem Vater von der „grotesken Felsenmelodie“ der Hegel’schen Philosophie, die ihm nicht behage;1 bekanntlich hat er später die Lehre dieses Philosophen „vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt“2, von Idealismus in Materialismus verwandelt. Was wir in dieser Studie mit der Methode Bluhmes unternommen haben, gleicht dieser Umkehrung. Vom Kopf auf die Füße gestellt, zeigt Bluhmes Lehre keine systematische Ungeordnetheit von beliebig aufgefüllten Titeln, sondern ihre durchgehende Komposition; die Melodie in unseren Ohren klingt nicht mehr grotesk, sondern harmonisch. Sie entspringt den Pandekten selbst – auf diesen Felsen gründen wir eine mit dem Gegenstand harmonisierende Auslegungslehre, so wie Marx seine Lehre auf den Materialismus gründete.3 Harmonisch ist das Verhältnis einer systematisch-juridischen Hermeneutik zur Morphologie der Pandekten insoweit, als diese ein systematisch komponierter juridischer Text sind und dieses Charakters nur um den Preis einer künstlichen Blindheit beraubt werden können.

Wenn man sich auf die Pandekten einlässt, dann wird man gewahr, dass sie vom Großen ins Kleine komponiert sind, dass sie in Wahrheit einen durchgehenden Text bilden, was an den Verflechtungen und Zusammenfügungen besonders augenscheinlich wird: Bei diesen werden aus grammatikalisch teilweise unselbstständigen Auszügen der Juristenschriften Perioden oder kleinere Orationes gebaut, im Fall der Exposition können sie sich dank des Leittextsystems über viele Seiten der Editio minor hinziehen. Zur Erkenntnis dieser Komposition ist neben der unvoreingenommenen Anschauung der Texte die Massentheorie unabdingbar, sind doch die Versetzungen ein zuverlässiges Anzeichen der Komposition, und ohne die Massen gäbe es keine Versetzungen. Völlig überraschen kann diese Umdeutung Bluhmes nicht, er selbst war ja einer systematischen Auslegung der Pandekten gegenüber durchaus aufgeschlossen. Insgesamt sind es drei – aus den drei Aggregatzuständen der Texte abgeleitete – Faktoren, welche die Struktur der Pandekten so mit Sinn aufladen, dass wir durch sie in ein hermeneutisches Gespräch mit den veteres eintreten können: Der in der „Palingenesia iuris civilis“ rekonstruierte Originalzustand der Juristenschriften wurde sehr viel weniger zerstört, als von Bluhme behauptet, sondern vielmehr ausgedünnt, das gilt vor allem für Gaius in den Justinian’schen Institutionen und Ulpian in den Expositionen der Titel; der Massenordnung eignet ein Logos, der dazu führt, dass die Titel regelmäßig das Studienprogramm wiederholen; und schließlich ist die Abfolge der Leges von Gedanken getragen, die in einer Kontinuität zum klassischen Gedankengut stehen.

Die damit vorgeschlagene Ergänzung und Umdeutung Bluhmes durch einen neuen Blick auf die Pandekten, diesen zugleich voraussetzend und hervorbringend, ist die Konsequenz des Bemühens von Romanisten, welche wie Riccobono die Kontinuität der Rechtsentwicklung erkannten, welche wie Giaro den Traditionalismus der veteres konsequent zu Ende dachten oder sich wie Mantovani nicht auf die Fabel einlassen wollten, das römische Recht sei in Konstantinopel als wissenschaftlicher Gegenstand wiederentdeckt worden, so wie das später dann in Bologna dem Anschein nach der Fall war. Denn mit dem veränderten Zugang besteht kein fundamentaler Unterschied mehr zwischen Tribonian und Papinian, sind beide aus demselben Stein gehauen. Hieraus ergibt sich ohne Weiteres, dass die Komposition der Pandekten als Ausdruck des Rechtsdenkens der veteres zu begreifen ist. Die Pandekten sind als solche, nicht nur die in ihnen überlieferten Exzerpte, sit venia verbo, klassisches römisches Recht. Damit schließt sich der Kreis. Wenn wir gezeigt haben, dass das Iter hermeneuticum der Romanistik bei den Pandekten als solchen beginnt, da sie der Endpunkt des Iter geneticum der Alten sind, dann haben wir die selbst gestellte Aufgabe erfüllt. Die Pandekten sind der Fels, auf dem die Wissenschaft vom römischen Recht steht. An ihn muss der Interpret schlagen und das Wasser zum Fließen bringen, dessen eingedenk, dass Ulpian uns, seine Kultivatoren, als sacerdotes bezeichnet4, gehört doch die Auslegung, wie es in der Josephs-Geschichte des 1. Buches Mose heißt, „Gott zu“5.

1

Marx, Brief an den Vater, 8.

2

Marx/Engels, Feuerbach, 293.

3

„Sensus non est inferendus, est efferendus“, lautet eine alte hermeneutische Regel; Betti, Auslegungslehre, 66.

4

D. 1, 1, 1, 1.

5

1. Mos. 40, 8 i.f.

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