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Admiral Gustav Bachmann
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Die vorliegende Edition der „Lebenserinnerungen“ und des „Tagebuchs 1915“ sowie einer Dienstschrift über den Admiralstab der Kaiserlichen Marine des Admirals der Kaiserlichen Marine Gustav Bachmann verdankt sich zunächst der Anregung von Herrn Professor Dr. Michael Epkenhans, dem Leitenden Wissenschaftler des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam.

Ausgangspunkt war das Tagebuch des Admirals aus dem Jahre 1915, als er vom Februar bis September Chef des Admiralstabes der Marine war. Dieses Tagebuch, es hat den Titel „Sieben Monate im Großen Hauptquartier (Februar bis September 1915)“, führte Bachmann in ausführlicher Weise mit nahezu täglichen Eintragungen. Es besteht aus vier Heften etwa im Format DIN A 5. In recht gut leserlicher Handschrift – in Sütterlin – notierte Bachmann die Diskussionen und Verhandlungen über die Führung des U-Bootkrieges gegen die feindliche und neutrale Handelsschifffahrt, ausgehend vom 2. Februar 1915, als die erste Bekanntmachung erlassen wurde.1 Der Schwerpunkt liegt auf den Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Marine, dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Großadmiral v. Tirpitz, und Admiral Bachmann auf der einen Seite, und, auf der anderen Seite, dem Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg, den Vertretern des Auswärtigen Amtes, Kaiser Wilhelm II. sowie dem Chef des Marinekabinetts, Admiral v. Müller. Während Tirpitz und Bachmann sich gegen politisch begründete Einschränkungen der Führung des U-Bootkrieges wehrten, versuchten die Politiker aus Sorge vor einem möglichen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, Einschränkungen – in Bezug auf Schiffe der Neutralen und insbesondere bei Passagierdampfern – durchzusetzen. Beteiligt war außerdem der Chef des Generalstabes, General v. Falkenhayn, der insofern eigene Interessen verfolgte, als er den Kriegseintritt Hollands und der USA unbedingt vermeiden wollte. Die Versenkung des englischen Passagierdampfers „Lusitania“ mit sehr hohen Menschenverlusten, darunter viele amerikanische Staatsbürger, am 7. Mai 1915, verschärfte die Konflikte zwischen Politikern und Militärs. Der Kaiser schwankte in seinen Ansichten, der Kabinettschef neigte letztlich den Vertretern der Politik zu. Diese Auseinandersetzungen führten schließlich dazu, dass Bachmann im September 1915, als er feststellte, dass er sich nicht würde durchsetzen können, auf sein zweites Gesuch hin abgelöst und durch den bereits verabschiedeten Admiral v. Holtzendorff ersetzt wurde. Bachmann kehrte bis zum 31. Oktober 1918 in sein vorheriges Amt, Chef der Marinestation der Ostsee, zurück, das er bereits kurz vor Kriegsbeginn übernommen hatte. Tirpitz wurde trotz seines zeitgleich gestellten Abschiedsgesuches zunächst nicht verabschiedet, aber in seinen Funktionen im Großen Hauptquartier, wo er seit Kriegsbeginn, neben seinem Amt als Staatssekretär des Reichsmarineamtes, als Berater fungierte, weiter eingeschränkt.

Der U-Bootkrieg des Ersten Weltkrieges und der Weg dorthin ist ausführlich in den in den Jahren zwischen 1932 und 1966 erschienen 5 Bänden „Der Handelskrieg mit U-Booten“ dargestellt. Band 1 enthält die Vorgeschichte des U-Bootkrieges, Band 2 das Geschehen von Anfang Februar 1915 bis September 1915, dem Monat, als Bachmann abgelöst wurde. Nach wie vor ist dies das Standardwerk über den U-Bootkrieg. Wenn man die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Marine und Politik, wie sie Bachmann in seinem Tagebuch beschreibt, mit dem Resümee für das Jahr 1915 vergleicht, das der Bearbeiter des Bandes 2, Konteradmiral Arno Spindler, zieht, so fällt Spindlers Schluss in seiner Ausgewogenheit auf: „Im Ganzen stellten somit die von der Politik diktierten Befehle geringere Einschränkungen für die Seekriegsführung dar, als von dieser empfunden wurden“.2 Das bezieht sich auch darauf, dass Bachmann die warnungslose Versenkung von Handelsschiffen durch Torpedos befürwortete, die U-Bootkommandanten jedoch sehr bald dazu übergingen, die feindlichen und ggf. neutralen Handelsschiffe durch Schüsse aus Kanonen oder Maschinengewehren zu stoppen und dann nach den Regeln der Prisenordnung zu verfahren. Damit gingen sie nach dem Völkerrecht vor. Dies erwies sich zudem anfangs als effizienter und zielführender als der Torpedoangriff. Es gab somit innerhalb der Marine einen Dissens über die erfolgreichste Art der Kriegsführung mit U-Booten. Die Mehrzahl der späteren Veröffentlichungen über den U-Bootkrieg bezieht sich, trotz seiner Schwächen,3 auf dieses Standardwerk.4 Tirpitz hat die U-Bootbände für seine Zwecke nicht mehr nutzen und auf sie Einfluss nehmen können, da er bereits 1931 starb, doch stützte er sich in seinen Nachkriegsveröffentlichungen in großem Umfang auf amtliche Dokumente, die sich in seinem Besitz befanden oder ihm zugänglich waren und die auch dem Admiralstabswerk zugrunde lagen.5 Unerlässlich ist es auch, das Tagebuch des Chefs des Marinekabinetts, Georg Alexander v. Müller, heranzuziehen.6 Er war bei den Gesprächen und Verhandlungen zwischen den Vertretern der Politik und denen der Marine des Jahres 1915 anwesend und beteiligte sich, nicht zuletzt als Berater des Kaisers. Zwei neuere und umfangreiche Darstellungen des U-Bootkrieges finden sich bei Joachim Schröder und Heinrich Kleist. Schröder berücksichtigt die bis 2000 erschienene Literatur, darüber hinaus hat er die U-Boot-Akten aus dem Militärarchiv sowie insbesondere die einschlägigen Akten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes ausgewertet.7 Kleist benutzt für seine Fragestellung zum Teil die gleichen Quellen sowie Schröders Arbeit.8 Das Tagebuch Gustav Bachmanns haben allerdings beide offensichtlich nicht im Original bzw. in der Freiburger Kopie verwendet. Schröder weist im Ergebnis Admiral v. Pohl, dem Vorgänger Bachmanns als Chef des Admiralstabes, die Hauptverantwortung dafür zu, dass der Reichskanzler dem von Pohl vorgeschlagenen Vorgehen der U-Boote und der deutschen Kriegsgebietserklärung Anfang Februar 1915 zustimmte. Er bezeichnet Pohls Verhalten als bewusste Täuschung des Reichskanzlers, um seine eigenen Vorstellungen durchsetzen zu können.9 Bethmann-Hollweg schrieb rückblickend, dass ihn die Zuversicht der Marineführung über den Erfolg des U-Bootkrieges beeindruckt habe; doch stellt er zugleich fest, dass er sich nicht mit der nötigen Schärfe dem widersetzt habe.10 Von Täuschung spricht er nicht, obwohl er, folgt man Schröder, durchaus Grund dazu gehabt hätte. Andere Autoren sind vorsichtiger in ihren Aussagen, zumal es über die entscheidende Besprechung am 1.2.1915 keine schriftliche Aufzeichnung gibt, was Assmann aufgrund der Bedeutung des Themas als „merkwürdig“ bezeichnet.11 Er interpretiert den Vorgang als ein wechselseitiges Missverständnis, einen Dissens, über den beide Gesprächspartner sich nicht bewusst waren.

Werner Rahn geht in seinem Beitrag „Die deutsche Seestrategie 1914-1918“ auf das grundsätzliche Problem von U-Bootkrieg (und Hochseeflotte) ein, wenn er schreibt: „Die Auseinandersetzungen über völkerrechtliche, politische und militärische Probleme eines Handelskrieges mit U-Booten überlagerten 1915 die Diskussion über die Einsatzmöglichkeiten der Hochseeflotte. Im Grunde erforderte der U-Boot-Krieg eine neue strategische Konzeption, die Konsequenzen für Einsatz und Struktur der Hochseeflotte hätte haben müssen. Doch die Marineführung hatte ein ’System der Halbheiten’ ohne klare Schwerpunkte entwickelt“.12

Insgesamt kann heute wohl davon ausgegangen werden, dass den Akten der Marine oder denen des Auswärtigen Amtes nichts entnommen werden kann, was zu einer Revision der über den Beginn des U-Bootkrieges ab Februar 1915 bestehenden Erkenntnisse führen müsste.

Das „Tagebuch 1915“ erscheint wie „aus einem Guss“ geschrieben. Daraus, sowie aus den in ihm eingeklebten Fotografien und Ansichtskarten, lässt sich schließen, dass es eine Bearbeitung früherer Notizen sein muss, wobei nicht klar zu erkennen ist, ob die Eintragungen seinerzeit mit einigen Tagen Verzögerung vorgenommen oder sogar erst nach Bachmanns Ablösung Anfang September 1915 geschrieben wurden. Bachmanns Eintrag im Tagebuch vom 7. Februar 1915 „Ich lasse jetzt meine in Briefen enthaltenen Tagebuchnotizen folgen“ ist nicht eindeutig. Doch sogar wenn dieses Tagebuch erst mit gewissem zeitlichem Abstand geschrieben worden sein sollte, so spricht gegen eine spätere, inhaltlich überarbeitete und eventuell „geglättete“ Fassung gegenüber den früheren Notizen (die allerdings ebenso wenig wie die erwähnten Briefe überliefert sind), dass an keiner Stelle im Tagebuch Aussagen enthalten sind, die andeuten oder erkennen lassen, dass spätere Ereignisse, Erkenntnisse oder Ansichten in die täglichen Eintragungen eingeflossen sind. Gegen eine inhaltliche Überarbeitung spricht ebenso, dass Bachmann sich sehr offen und auch kritisch über andere Offiziere und deren Verhalten oder Qualifikation äußert, auch über den Großadmiral v. Tirpitz, als dessen Gefolgsmann er galt. Dass Bachmann sich in seinem Tagebuch wegen der Meinungsverschiedenheiten kritisch über die politischen Vertreter des Kaiserreiches auslässt, versteht sich fast von selbst, sah er sie doch als seine Kontrahenten. Dennoch verwundert die Überheblichkeit und Arroganz von Bachmanns Kommentaren zu dem äußeren Erscheinungsbild des Reichskanzlers und des Staatssekretärs des Äußeren, Jagow. Doch schont er auch den Kaiser mit seinen kritischen Bemerkungen nicht. Darin ist er jedoch keine Ausnahme unter den hohen Marineoffizieren. Das Tagebuch ist demnach als authentische Quelle zu bewerten. Es wurde auch in der Vergangenheit von Marineangehörigen und Wissenschaftlern ausnahmslos so bewertet.

Bachmann hat dieses Tagebuch, das nach dem Ende des Weltkrieges in seinem Privatbesitz war bzw. Auszüge daraus, nach 1918 Tirpitz für dessen Lebenserinnerungen und den Dokumentenband zur Verfügung gestellt.13 Das Tagebuch wurde auch für das Admiralstabswerk, vor allem für die Bände über den U-Bootkrieg verwendet.

Nach dem Tod Gustav Bachmanns 1943 verblieb das Tagebuch im Privatbesitz von Herbert Bachmann, dem Sohn Gustav Bachmanns. Erstmals nach Ende des 2. Weltkrieges wurde es verwendet, und zwar von Walther Hubatsch für seinen Aufsatz „Linienschiffe oder U-Boots-Einsatz? Die Krise in der deutschen Flottenführung 1915. Nach dem Tagebuch des Chefs des Admiralstabes Bachmann“.14 Außerdem benutzte Hubatsch es für seine Studie „Der Admiralstab und die obersten Marinebehörden in Deutschland 1848-1945“. Danach wurde das Tagebuch anscheinend nicht mehr benutzt, bzw. Zitate aus ihm entstammen den Veröffentlichungen von Tirpitz bzw. Hubatsch. Erst in jüngerer Zeit hat dann Granier in seiner Dokumentensammlung nochmals auf das Tagebuch zurückgegriffen und einige wichtige Auszüge daraus publiziert, insbesondere im Band 2.15

Es handelt sich also bei dem Tagebuch 1915 um ein nicht sehr häufig und im Übrigen sehr selektiv benutztes Dokument, sodass die Herausgabe einer vollständigen Fassung angemessen, wenn nicht sogar dringend empfehlenswert erschien. Dafür spricht auch, dass Bachmanns Handschrift für jüngere Wissenschaftler nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit lesbar ist, wie für ältere, die mit der alten Schrift vertrauter sind. Letztlich ist die in Freiburg liegende Kopie des Tagebuchs nicht für jeden Wissenschaftler ganz einfach nutzbar, sind die Arbeitsmöglichkeiten im Bundesarchiv in Freiburg doch zeitlich und räumlich begrenzt und die Nutzung des Archivs mit Reiseaufwand verbunden. Eine digitalisierte Form des Tagebuchs, die über das Internet benutzbar ist, existiert derzeit nicht.

Seinen Wert als Quelle hat das Tagebuch insbesondere durch die ausführlichen Schilderungen der Konflikte um die Führung des U-Bootkrieges im Jahr 1915. Die politische Führung des Reiches wie die militärische Führung standen vor folgendem Problem: Es hatte sich bald nach Kriegsbeginn herausgestellt, dass die englische Flotte – entgegen allen deutschen Annahmen aus der Vorkriegszeit – keine enge Blockade der Nordsee begann. Somit konnte die deutsche Schlachtflotte nicht gegen sie entsprechend den Vorstellungen der deutschen Marineführung eingesetzt werden. Wie sollte also mit der Schlachtflotte verfahren werden? Auf der anderen Seite hatte der Handelskrieg mit U-Booten bereits begonnen und erste Erfahrungen wie Erfolge hervorgebracht. Doch war dieser Handelskrieg unter völkerrechtlichen, politischen und militärischen Gesichtspunkten Neuland, nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Feindstaaten und die Neutralen.16 Das Tagebuch beschreibt diese Konflikte, zumeist aus dem Blickwinkel der Marine, wohingegen die politischen Aspekte – Umgang mit den Neutralen, hier insbesondere das mögliche Verhalten der Vereinigten Staaten – zwar von Bachmann im Tagebuch festgehalten, aber als nicht ausschlaggebend für die Marineführung betrachtet wurden. Sie ließ sich aus diesem Grund, aber auch, weil sie sich selbst unsicher war, nicht auf feste Zusagen oder Garantien gegenüber der politischen Führung ein, wann der Anfang Februar 1915 begonnene Handelskrieg mit U-Booten zu einem Erfolg führen würde.

Das Tagebuch ist über das inhaltliche Ringen zwischen Marineführung und politischer Leitung hinaus eine Quelle und Beleg für die Atmosphäre bei den Verhandlungen zwischen der politischen Reichsführung und der Marineführung und geht damit deutlich über die Sachfragen hinaus. Die Beschreibungen des Lebens im Großen Hauptquartier in Charleville und Pless geben zudem Einblicke in das dortige Zusammenleben der insgesamt etwa 25 Personen, die zum Großen Hauptquartier gehörten, zuzüglich des gesamten Personals. Dabei wird mehrfach das Auftreten und Verhalten Wilhelms II. beschrieben, die gemeinsamen Essen und die abendliche Gestaltung. Trotz seiner Inanspruchnahme als Chef des Admiralstabes hatte Bachmann insbesondere in Charleville genügend Zeit, sich dem „Schlachtfeldtourismus“ zu widmen, sowohl hinsichtlich des Geschehens im 1. Weltkrieg als auch, für ihn fast noch wichtiger, des Krieges 1870/71. Und schließlich nutzte er die Gelegenheit, belgische und französische Städte zu besuchen und unter touristischen Gesichtspunkten eingehend zu beschauen. Die laufende Arbeit erledigten in dieser Zeit sein Stellvertreter in Berlin, Paul Behncke, sowie vor allem Hans Zenker als Abteilungschef bzw. Chef des Stabes des Admiralstabs.

Admiral Gustav Bachmann starb nach kurzer Krankheit 1943 in Kiel. Sein Sohn, Herbert Bachmann, hatte nach dem 2. Weltkrieg Kontakt zu Walther Hubatsch, dem er das Tagebuch zur Verfügung stellte. In Kopie liegt es im Militärarchiv in Freiburg. Es ist anzunehmen, dass über Hubatsch die Kopie ins Militärarchiv gelangte. Dieser Kopie vorangestellt ist ein Auszug aus dem Testament von Gustav Bachmann, in dem er verfügte, dass Herbert Bachmann die bei seinem Vater zur Zeit der Erstellung des Testamentes noch vorhandenen Unterlagen – er nennt Lebenserinnerungen, Tagebücher, sonstige Schriften – zur Kaiserlichen Marine und zur Reichsmarine nach Einholung des Rates der Admirale Raeder und v. Trotha im Interesse der Geschichtsschreibung zur Nutzung zur Verfügung stellen sollte, allerdings „keinesfalls zu irgendeiner sensationellen, meinen Kaiser und andere, hochgestellte Personen bloßstellender oder kränkender Weise“. Das Original des Tagebuchs blieb im Besitz der Familie Bachmann. In dem Briefwechsel mit Hubatsch aus den 1950er Jahren erwähnte Herbert Bachmann auch 10 Hefte mit Lebenserinnerungen seines Vaters, die zu einem großen Teil auch dienstliche Sachverhalte betreffen würden.17 Ob Hubatsch daran Interesse zeigte, ist nicht bekannt, zumindest lässt sich den Briefen in seinem Nachlass nichts entnehmen.

Der Hinweis Herbert Bachmanns und die Erwähnung weiterer Unterlagen in Gustav Bachmanns Testament gaben den Anstoß, dass ich mich auf die Suche nach Nachfahren des Admirals machte. Da der Familienname Bachmann nicht ganz selten ist, erwies sich die Suche via Internet, Einwohnermeldeämtern usw. als recht mühsam und führte zu mehreren Fehlversuchen. Letztlich war aber die Suche von Erfolg insofern gekrönt, als ich auf einen in Bremen wohnenden Urenkel von Gustav Bachmann stieß. Dieser rief mich, nachdem ich ihn wie einige andere Bachmanns auf gut Glück angeschrieben hatte, an und bestätigte, dass in seinem Besitz sich Unterlagen von Gustav Bachmann befänden. Beim persönlichen Kennenlernen und einer Durchsicht der Unterlagen ergab sich, dass sich in Familienbesitz noch immer die 10 Hefte Lebenserinnerungen – Bachmann gab ihnen den Titel „Beiträge zu meinen Lebenserinnerungen“ – befinden, dazu das Original des Tagebuchs von 1915 und ein Exemplar der Dienstschrift über den Admiralstab. Der Urenkel, Dr. Jochen Bachmann, erklärte sich bereit, mir die Nutzung der 10 Hefte zu gestatten. Da die Originale jedoch aufgrund ihres Alters schutzbedürftig sind, verblieben wir so, dass die Hefte gescannt und mir in dieser Form zur Verfügung gestellt werden sollten. Die recht mühsame Arbeit des Scannens habe ich Paula Bachmann zu verdanken, der Ururenkelin von Gustav Bachmann. Diese Lösung hatte nicht nur den positiven Aspekt des Schutzes der Originale, wichtiger war für mich noch, dass ich die gescannten Hefte am PC besser lesen und transkribieren konnte, als wenn ich das anhand von Kopien hätte tun müssen, denn Bachmann hatte eine sehr kleine Handschrift, sodass das Lesen sehr schwierig geworden wäre. Wir verblieben so, dass ich als Dank für die Nutzungsmöglichkeit die kompletten Lebenserinnerungen transkribiere, also nicht nur die für die Marinegeschichte relevanten Teile. Die komplette Version hat die Familie erhalten, sie ist mit über 700 Seiten (ohne Fotos und sonstige Beigaben) deutlich umfangreicher als die hier publizierte „Marine-Version“. Ich habe die Masse der rein familiären Darlegungen Bachmanns für die Marine-Version weggelassen, wozu vor allem die sehr umfangreichen Beschreibungen der Urlaube gehören, wobei festzustellen ist, dass Bachmann mit seiner Familie viel gereist ist und viel gesehen hat. Ebenso wurden die Erinnerungen an Bachmanns Jugendzeit – Teil I der „Beiträge zu meinen Lebenserinnerungen“ – weggelassen; sie enthalten insbesondere die Geschichte der Familie Bachmann, die sich bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt. Die Beschreibungen aus seinen ersten Jahren als Seekadett und Leutnant z.S. im Auslandseinsatz wurden gekürzt. Bachmann schildert in ihnen ausführlich die fremden Städte und Landschaften, die ihn als jungen Mann offensichtlich sehr beeindruckt haben. Gelegentlich verfällt er dabei in einen etwas dozierenden Ton, wenn er beispielsweise die Geschichte einzelner Bauten erläutert, Dinge, die man durchaus auch in den damaligen Reiseführern, z.B. dem „Baedeker“, finden kann. Bachmann notiert zwar anlässlich eines Besuchs in Rom, er wolle keinen weiteren „Baedeker“ schreiben, seine Notizen lesen sich mitunter gleichwohl so.

Übernommen in die „Marine-Version“ wurden hingegen alle Beschreibungen des militärischen Werdeganges von Gustav Bachmann, seine (gekürzten) Auslandseinsätze, seine Teilnahme an Übungen und Manövern in den heimischen sowie europäischen Gewässern, seine Landkommandos – vor allem als Lehrer an der Marineakademie, beim Oberkommando und Reichsmarineamt –, als Kommandant eines Linienschiffes, als Befehlshaber der Aufklärungsschiffe, als Stationschef in Kiel. Lediglich über seine Zeit als Chef des Stabes des Kreuzergeschwaders in den Jahren 1901 bis 1903 sind keine Erinnerungen überliefert. Bachmann hat darüber ein eigenes Tagebuch geführt, das samt einem dazugehörigen Fotoalbum jedoch nicht überliefert ist. Seine Erinnerungen an das gesellschaftliche Leben in den großen Marinegarnisonen Kiel und Wilhelmshaven, an die Besuche fremder Schiffe und Fürstlichkeiten, die Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals 1895 sind gut geeignet, um dem Leser einen Eindruck über das rein militärische Leben in der Marine hinaus in den Jahren zwischen 1880 und 1918 zu vermitteln. Die Lebenserinnerungen geben weiterhin Aufschluss über sehr viele Seeoffiziere der Marine, nicht nur die bekannteren Personen wie die Großadmirale Alfred v. Tirpitz, Prinz Heinrich v. Preußen, Hans v. Koester oder Henning v. Holtzendorff, sondern auch eine Vielzahl anderer Offiziere, mit denen es Bachmann im Laufe seiner langen Dienstzeit zu tun hatte, sei es als Untergebener, als Kamerad oder als Vorgesetzter.

Die Erinnerungen an die unmittelbare Zeit beim und nach dem Umsturz von 1918 habe ich, auch wenn Bachmann da bereits im Ruhestand war, weitgehend ungekürzt übernommen. Grund dafür ist, dass diese Erinnerungen einen Einblick geben in Bachmanns Wahrnehmung der revolutionären Vorgänge in Kiel, aber auch in die schwierige finanzielle und familiäre Situation entlassener Marineoffiziere. Insofern können diese Schilderungen als ein über das Schicksal der Familie Bachmann hinausgehendes Beispiel angesehen werden, wobei man sich darüber klar sein muss, dass Bachmann aufgrund seiner Pension als Admiral zu den privilegierten ehemaligen Offizieren gehörte.

Die Lebenserinnerungen schrieb Gustav Bachmann in der Zeit von März 1922 bis Sommer 1926. Ihr Wert für die Marinegeschichte kann darin gesehen werden, dass hier in großer Ausführlichkeit der Werdegang eines einzelnen Offiziers vom Eintritt in die Marine als Kadett bis zum Ausscheiden als Admiral beschrieben wird. Zugleich sind die Lebenserinnerungen eine Geschichte der Entwicklung der Kaiserlichen Marine vom Ende der 1870er Jahre bis 1918, dem Jahr ihres Endes. Bachmann stützte sich dabei auf Aufzeichnungen, die er während seines Lebens gemacht hatte und auf sein Gedächtnis. Aus der Zeit als angehender junger Offizier standen ihm dabei die „Logbücher“ zur Verfügung, die alle jungen Offiziere führen mussten. Diese Aufzeichnungen müssen recht umfangreich gewesen sein, denn es fällt auf, wie detailliert Bachmann Sachverhalte, die bis zu 50 Jahre zurücklagen, schildert. Gleiches gilt für die ausführlichen Beschreibungen seiner Urlaube, während der er ganz offensichtlich eingehende Notizen machte, anhand derer er seine Lebenserinnerungen ausarbeitete.18 Zu sonstigen verwendeten Unterlagen äußert er sich nicht, ausgenommen zu den Lebenserinnerungen ab September 1915 bis zum Ende des Krieges, als er wieder Chef der Marinestation der Ostsee in Kiel war. Hierzu notiert Bachmann, dass seine eigenen Aufzeichnungen über diesen Zeitraum verloren gegangen waren, sodass er sich bei der Beschreibung der Geschehnisse, neben seinem Gedächtnis, vor allem auf die Akten der Marinestation der Ostsee stützte.19 Dies ist daran zu erkennen, dass es sich dabei oftmals um Aufzählungen einzelner Vorkommnisse und Anordnungen des Gouvernements handelt, wohingegen weiterführende Gedanken und Reflexionen eher fehlen. Gleichwohl sind auch diese Notizen von Interesse, weil über die Tätigkeit der beiden Marinestationen in der Vergangenheit wenig geforscht und publiziert wurde, wenn man von Wilhelm Deists Beitrag absieht.20

Gustav Bachmanns Lebenserinnerungen sind eindeutig für die Familie geschrieben worden, nicht für eine eventuelle Publikation, wie dies beispielsweise für – um nur drei ehemalige hochrangige Seeoffiziere zu nennen – Admiral Reinhard Scheer in seinen Büchern,21 Vizeadmiral Albert Hopman22 sowie vor allem für Großadmiral Alfred v. Tirpitz galt.23 Es lohnt sich, diese verschiedenen Erinnerungen bei bestimmten Ereignissen von Fall zu Fall parallel zu lesen. Die ausführlichen Beschreibungen Bachmanns über die Einsätze in den Kolonien in den späten 1870er und 1880er Jahren – Westafrika, Ostafrika, Südsee – lassen einen Eindruck gewinnen vom Vorgehen der deutschen Marine, um den Besitz der Kolonien zu sichern oder zunächst einmal bestimmte Territorien als deutsche Interessengebiete zu reklamieren. Dabei geht es in den „Lebenserinnerungen“ weniger um die historische Korrektheit der Schilderungen als vielmehr um die Einstellung des jungen Seeoffiziers zu den Einsätzen gegen die „Eingeborenen“ und seinen Blick auf sie; diese Schilderungen können als typisch auch für andere Offiziere gelten. Auch die Bemerkungen über die konkurrierenden Kolonialmächte, vor allem England und Frankreich, geben einen Einblick in die Gedankenwelt eines deutschen Marineoffiziers dieser Jahre.

Die Übertragung der „Lebenserinnerungen“ und des „Tagebuchs“ aus der handschriftlichen Fassung Bachmanns in die für einen Druck geeignete Form geschah unter Beibehaltung von Orthographie und (weitestgehend) Interpunktion so, wie Bachmann selbst geschrieben hat. Dabei wurde in Kauf genommen, dass Bachmann selbst mitunter verschiedene Schreibweisen benutzt, beispielsweise „Rhede“ und „Reede“ oder „Marinekabinett“ und „Marinekabinet“. Bedauerlicherweise konnten nicht alle Wörter und Begriffe von mir mit Sicherheit gelesen werden. In allen diesen Fällen wurde die Unsicherheit durch [?] gekennzeichnet. Am häufigsten musste davon Gebrauch gemacht werden bei geographischen Namen, beispielsweise in Japan, Afrika oder Norwegen. Gleiches gilt für Personennamen, so vor allem bei Namen aus Afrika und der Südsee. Mitunter konnten auch Wörter nicht entziffert werden, wenn sie bis tief in den Falz der Hefte geschrieben bzw. abgekürzt wurden. Trotz dieser Einschränkungen ergeben sich dadurch jedoch – vor allem im marinegeschichtlichen Zusammenhang – keine Einschränkungen bei den von Bachmann getroffenen Aussagen.

Gustav Bachmann hat die 10 Hefte seiner Lebenserinnerungen ebenso wie das Tagebuch aus dem Jahre 1915 illustriert. Es finden sich Fotografien ebenso wie Pläne, Drucke, eigene Handzeichnungen, Einladungskarten, Speisekarten usw. darin. Bei den Fotografien handelt es sich teilweise um solche, die er offensichtlich gekauft hat; als Beispiel mögen einige derjenigen vom Kaiserbesuch in Kiel im September 1918 dienen, deren Herkunft an den aufgetragenen Nummern der Fotostudios zu erkennen ist. Bachmann hat jedoch auch selbst fotografiert. So entstanden sowohl Familienbilder als auch Fotos aus dem Marinealltag, die bislang unbekannt sein dürften. Diese Fotos sind von ihm beschriftet, sodass sowohl das Entstehungsdatum als auch die abgebildeten Personen identifiziert werden können. Das ist nicht nur für die Familiengeschichte, sondern auch unter marinegeschichtlichen Gesichtspunkten von Wert. Nur ein Teil dieser Fotos wurde in die vorliegende Edition übernommen, vor allem diejenigen, die Marineangehörige und Schiffe zeigen.

Der Erschließung der „Lebenserinnerungen“ wie des „Tagebuchs“ dient das gemeinsame, recht umfangreiche Personenregister. Aus diesem Grund wurden auch keine Fußnoten zu den Personen angelegt. In das Personenregister wurden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sämtliche genannten Personen aufgenommen, auch wenn sie nur ein einziges Mal genannt wurden. Bei den Marineoffizieren wurde, vor allem, wenn sie zu Flaggoffizieren aufstiegen, der zuletzt erreichte Dienstrang, soweit ermittelt, aufgeführt, auch wenn sie – wie bei einer Anzahl von ihnen – in den „Lebenserinnerungen“ noch als Kadetten oder Subalternoffiziere genannt worden sind.

Die „Lebenserinnerungen“ und das „Tagebuch“ wurden in eine chronologische Abfolge gebracht, auch wenn es sich um zwei verschiedene Quellen handelt. Dies erschien geboten, weil an einigen Stellen sich beide Quellen aufeinander beziehen. Abgesehen davon bleibt so der Werdegang Bachmanns erhalten. Die „Lebenserinnerungen“ sind nicht paginiert; somit konnte bei Zitaten nur das jeweilige Heft angegeben werden, aus dem das Zitat stammt.

Im dritten Teil dieser Edition ist schließlich eine von Gustav Bachmann in den späten 1930er Jahren erstellte Dienstschrift für die Kriegsmarine abgedruckt, und zwar deshalb, weil sie nie publiziert wurde, sondern nur in den Marineakten enthalten ist. Diese Dienstschrift stellt die Entwicklung des Admiralstabes dar sowie die Einsatzplanung der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg. Ihr Zustandekommen wird in der Einleitung zu Teil III dargestellt.

1

Krieg zur See / Handelskrieg mit U-Booten, Bd. 1, S. 85 ff.

2

Handelskrieg mit U-Booten, Bd. 2, S. 291.

3

Rahn, Auswertung und Bedeutung der Kriegserfahrungen, in: Die Kaiserliche Marine im Krieg. 2017. S.43 ff.

4

Z.B. Michelsen, Der U-Bootkrieg 1914-1918. 1925; Lierau, Der U-Bootkrieg im Weltkrieg. 1935; Bauer, Als Führer der U-Boote im Weltkriege. 1942; Birnbaum, Peace Moves and U-Boat Warfare. 1958.

5

Tirpitz, Deutsche Ohnmachtspolitik im Weltkriege. 1926.

6

Müller, Regierte der Kaiser?. 2.Aufl. 1959. S. 79ff.

7

Schröder, Die U-Boote des Kaisers. 2. Aufl. 2003.

8

Kleist, U-Boothandelskrieg im I. Weltkrieg und Völkerrecht. 2013. Dissertation Potsdam.

9

Schröder, S. 95 ff.

10

Bethmann-Hollweg, Betrachtungen zum Weltkriege. Teil 2. 1922. S. 116.

11

Assmann, Deutsche Seestrategie in zwei Weltkriegen. 1957. S. 77. Im gleichen Sinne Bidlingmeier, Seegeltung in der deutschen Geschichte. 1957. S. 153 ff. Das fragliche Gespräch wurde 1928 durch Auskünfte des damaligen Staatssekretärs Zimmermann rekonstruiert, s. dazu: Handelskrieg mit U-Booten, Bd. 1. S. 79.

12

Rahn, Die deutsche Seestrategie 1914-1918, in: Der Erste Weltkrieg zur See. 2017. Ebenso Rahn, Strategische Optionen und Erfahrungen der deutschen Marineführung 1914-1944, in: Deutsche Marinen im Wandel. 2005. S. 203-206. So auch Stachelbeck, Deutschlands Herr und Marine im Ersten Weltkrieg. 2013. S. 73.

13

Tirpitz, Erinnerungen. 1919; Tirpitz, Deutsche Ohnmachtspolitik im Weltkriege.1926.

14

Marinerundschau 50.1953. S. 52-63. Ebenso: Hubatsch, Die Ära Tirpitz, 1955, S. 113ff.

15

Granier, Die deutsche Seekriegsleitung im Ersten Weltkrieg. 4 Bände. 1999-2004.

16

Rahn, Die deutsche Seestrategie 1914-1918, in: Der Erste Weltkrieg zur See, S. 31.

17

Universitätsarchiv Bonn, Nachlass Walther Hubatsch, Bachmann an Hubatsch v. 10.11.1952.

18

Lebenserinnerungen, Heft 7, in dem er auf ein separates Heft mit Aufzeichnungen aus dem Urlaub in Rom verweist.

19

Lebenserinnerungen, Heft 8.

20

Deist, Kiel und die Marine im Ersten Weltkrieg, in: Kiel, die Deutschen und die See.

21

Scheer, Vom Segelschiff zum U-Boot. 1925 und: Deutschlands Hochseeflotte im Weltkrieg. 1920.

22

Hopman, Das Logbuch eines deutschen Seeoffiziers. 1924 und: Das Kriegstagebuch eines deutschen Seeoffiziers. 1925.

23

Tirpitz, Erinnerungen. 1919.

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