Vorbemerkung

In: Pathopoeia
Author:
Hanna Sohns
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Die Fragmente des Livro do Desassossego wurden erstmals 1982 bei Ática unter der Leitung von Maria Aliete Galhoz, Teresa Sobral Cunha und Jacinto do Prado Coelho herausgegeben. Seitdem kam es zu zahlreichen Neuausgaben. Meine Arbeit stützt sich in ihren Analysen auf die erste kritische Ausgabe des Livro: Fernando Pessoa, Livro do Desasocego, 2 Bde., hrsg. von Ivo Castro et al., Lissabon: INCM 2010 (Edição Crítica de Fernando Pessoa. Série Maior, Bd. XII, 1 und XII, 2). Auf der Grundlage dieser zweibändigen Ausgabe wurde 2013 eine leserfreundlichere einbändige Ausgabe (und 2014 eine Taschenbuchausgabe) mit nur kurzem kritischen Apparat und minimalen textlichen Veränderungen herausgegeben, nach der ich aufgrund der besseren Verfügbarkeit und Handlichkeit dieser Ausgabe nachfolgend zitiere: Fernando Pessoa, Livro do Desassossego, hrsg. von Jéronimo Pizarro, Lissabon: Tinta-da-China 2013. Die von der staatlich geförderten Equipa Pessoa herausgegebene kritische Ausgabe des Livro stellt zweifelsfrei einen Meilenstein innerhalb der komplizierten Editionsgeschichte Pessoas und der editorischen Bemühungen um eine verlässliche und kritische Ausgabe des Livro dar. Vgl. zu dieser verwickelten Editionsgeschichte v.a. Ivo Castro, Editar Pessoa, Lissabon: INCM 1990. Sowie: José Blanco, Art. „Livro do desassossego – História da edição“, in: Dic. Pessoa, 416–418. Weiterhin: Jorge de Sena, „Introdução ao Livro do Desassossego“, in: Ders., Fernando Pessoa & C.a Heterónima. Estudos coligidos 1940–1978, 2 Bde., Lissabon: Edições 70 1982. Sowie: Fernando Cabral Martins, „Editar Bernardo Soares“, in: Revista Colóquio/Letras. Ensaio 155, 156 (2000), 220–225. Vgl. auch die Einleitungen in den verschiedenen Editionen des Livro. In jahrelanger Arbeit wurde nun eine erneute Sichtung des Nachlasses und eine eigenständige Entzifferung der Fragmente vorgenommen. Der erste Teilband der kritischen Ausgabe präsentiert den Text des Livro. Die Herausgeber haben sich für die von Pessoa verwendete ältere und lateinnähere Orthographie entschieden, woraus sich auch die veränderte Schreibweise des Titels in der ersten, zweibändigen Ausgabe (desasocego statt desassossego) erklärt. Zudem, und hierin liegt die wohl offensichtlichste Neuerung, werden die Fragmente nicht nach thematischen oder motivischen Aspekten, sondern chronologisch – oder in dem Bemühen um eine chronologische Anordnung – abgedruckt. Diese chronologische Ausrichtung ist angesichts der Tatsache, dass es sich häufig um undatierte Schriftstücke oder um fiktive bzw. unsichere Datierungen handelt, wiederum nicht unproblematisch. Gleichwohl ist die Ausgabe damit an einer möglichst neutralen und historisch korrekten Anordnung orientiert, die in den früheren Ausgaben durch starke Eingriffe und dem Bemühen um Leserfreundlichkeit weniger gewährleistet war. Diese kritische Ausgabe erlaubt daher auch einen anderen Blick auf die Textgestalt des Livro. Denn erst in dieser veränderten Anordnung der Fragmente treten die unterschiedlichen Schreibphasen hervor, die durch die Anordnung der früheren Ausgaben verdeckt waren. Pessoas Arbeit am Livro gliedert sich in zwei Abschnitte: eine frühe Phase des Schreibens von 1913 bis 1920 und eine spätere Phase von 1929 bis 1934. Diese Unterbrechung des Schreibens markiert die Ausgabe durch eine Leerseite und durch die Unterteilung in zwei Abschnitte (ab Fragment 169 beginnt der zweite „trecho“ des Livro). Wie hier deutlich wird, differieren die frühen, symbolistisch geprägten Texte in verschiedener Hinsicht stark von dem Stil, dem Charakter und auch den Themen der späteren Phase. Die kritische Ausgabe weist zudem gegenüber den vorigen Ausgaben verschiedene textliche Veränderungen auf, die jedoch vor allem einzelne Begriffe und nur am Rande die Auswahl des Textkorpus betreffen. Im zweiten Teilband der Ausgabe findet sich der kritische Apparat des Livro. Neben Ausführungen zum editorischen Vorgehen werden hier die Abweichungen zu allen vorangegangenen Editionen sowie die von Pessoa in Erwägung gezogenen Varianten und Textstufen aufgeführt. Ergänzt wird der Apparat durch kurze Ausführungen zur jeweiligen Text- und Manuskriptgrundlage, durch Register und Konkordanztabellen sowie einzelne Faksimiles. Zur Darlegung dieser kritischen Ausgabe vgl. neben der Einleitung der Ausgabe auch die folgenden Anmerkungen von Jéronimo: Pizarro, Pessoa existe? Ensaística Pessoana, Lissabon: Ática 2012, 261–282. Auf der Grundlage der Ausgabe bzw. Taschenbuchausgabe der kritischen Ausgabe des Livro existieren bereits eine italienische, spanische und englische Übersetzung. Eine deutsche Übersetzung befindet sich in der Vorbereitung. Die Übersetzung der in meiner Arbeit zitierten portugiesischen Textstellen entstammt dieser noch unveröffentlichten Neuübersetzung des Livro, an der ich gemeinsam mit Oliver Precht und Marcus Coelen arbeite. Seit der in vielerlei Hinsicht problematischen Erstveröffentlichung des Livro kam es schnell zu zahlreichen Übersetzungen. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1985 von Georg Rudolf Lind. Vgl. Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, übers. und hrsg. von Georg Rudolf Lind, Zürich: Ammann 1985. Vgl. zu einer Kritik der Übersetzung die Studie von Thomas J.C. Hüsgen, Vom getreuen Boten zum nachdichterischen Autor. Übersetzungskritische Analyse von Fernando Pessoas Livro do Desassossego in deutscher Sprache, Frankfurt am Main: Peter Lang 2005. Lind bezieht sich auf die mittlerweile veraltete Textgrundlage von 1982. Problematisch ist aber vor allem die „normative, selektiv bewertende, unter didaktischen Aspekten angelegte“ Auswahl und Anordnung der Textfragmente durch Lind, der hier stark in den Text und die Sammlung der Fragmente eingreift (ebd., 25). Das Bestreben, „ein lesenswertes Buch [aus diesem Text] herauszufiltern“ (Lind, „Nachwort“, 302), erlaubt sich im Dienste eines hermeneutischen Imperativs oder unter Berufung auf Geschmacksurteile große Freiheiten, um den Text lesbarer zu machen. Dies ist bezeichnend für die literarische und sprachliche Herausforderung dieses modernistischen Werks. Die revidierte, textgenauere, jedoch ebenfalls stark um erleichterte Lektüre bemühte Neuübersetzung von Inés Koebel erschien 2003: Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, übers. von Inés Koebel, Zürich: Ammann 2003. Diese stützt sich auf die vor Erscheinen der kritischen Edition des Livro wichtigste, von Zenith herausgegebene Ausgabe, die die Fragmente nach inhaltlichen Kriterien anordnet. Fernando Pessoa, Livro do Desassossego. Composto por Bernardo Soares, ajudante de guarda-livros na cidade de Lisboa, hrsg. von Richard Zenith, Lissabon: Assírio & Alvim 1998. Zur besseren Orientierung verweise ich mit der jeweiligen Fragment-Angabe immer auf die neue und die ältere Ausgabe des Livro: Die vordere Zahl bezieht sich auf die Ausgabe von Pizarro, die hintere Angabe nach dem Schrägstrich auf die bislang klassische Ausgabe von Zenith. Mit Asterisk sind die Fragmente versehen, die sich nur in der kritischen Ausgabe finden. Das Symbol ⸋ weist auf Lakunen im Originaltext. Sofern nicht anders vermerkt, stammen alle aufgeführten, teils noch sehr provisorischen Übersetzungen des Portugiesischen von mir bzw., im Falle des Livro, aus der gemeinsamen oben erwähnten, noch (sicher für einige Zeit) unabgeschlossenen Arbeit. Aus der gemeinsamen Beschäftigung mit Pessoa ist eine gemeinsame Studie hervorgegangen: Marcus Coelen, Oliver Precht, Hanna Sohns, Pessoa denken. Eine Einführung, Wien: Turia & Kant 2020.

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