Was werden wir Arbeit genannt haben? Überblendungen literarischer Beschreibungen der Arbeitswelt im Ruhrgebiet bei Max von der Grün und Jörg Albrecht

In: Leben in der Arbeitslandschaft
Author:
Kevin Drews
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Einleitung

Die folgenden Überlegungen1 zu literarischen Inszenierungsformen und Darstellungsweisen von Arbeit in der Ruhrgebietsliteratur fragen vor dem Hintergrund arbeitsweltlicher Umbrüche, Abbrüche und Transformationen bewusst weder danach, was die Ruhrgebietsliteratur Arbeit genannt hat – als sei diese Vergangenheit abgeschlossen und für die Gegenwart nicht mehr relevant – noch was die Ruhrgebietsliteratur zukünftig Arbeit zu nennen haben wird – als bräche der entscheidende Wandel immer erst morgen an. Was in der Frage Was werden wir Arbeit genannt haben? hingegen angedeutet werden soll, ist die Tatsache, dass bestimmte Arbeitsformen erst dann theoretisch und literarisch beschreibbar werden, wenn sie ihre lebensweltliche Relevanz einzubüßen beginnen, ohne bereits von klar konturierten neuen Arbeitsformen ersetzt worden zu sein. Diese eigentümliche Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lässt sich als paradigmatischer Fall von Krisenmomenten ausweisen. Es geht nachfolgend also um eine Perspektive, die im Nebeneinander unterschiedlicher Arbeitsformen nach zukünftiger Vergangenheit und damit indirekt auch nach vergangener Zukunft in der Literatur über die Arbeitswelt Ruhrgebiet fragt. Denn bestimmte Versprechen, die an Arbeit geknüpft werden, erfüllen sich eben nicht, obgleich ihre semantischen Gehalte und ihr traditionelles Bildreservoir weiterhin als Restbestände überholter, fragmentierter Narrative bemerkenswerte Wirkungseffekte zeitigen.2 Dabei kann die Konfrontation und Überblendung literarischer Inszenierungen der Arbeits- und Alltagwelt des Ruhrgebiets als Bergbauregion und nach dem sogenannten Strukturwandel ein Profil vom Ruhrgebiet sichtbar werden lassen, das in seinen gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Veränderungen zeigt, inwiefern diese Erzählweisen gerade im Ruhrgebiet immer einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess unterliegen, der konstitutiv unabgeschlossen bleibt. Das Ruhrgebiet wird somit zum mikrokosmischen Erfahrungsraum für die gesamtgesellschaftliche Frage nach der Definition von Arbeit und ihren Transformationen. Gerade die analytische Überblendung unterschiedlicher Erzählweisen von Arbeit macht deutlich: Das Ruhrgebiet ist ein paradigmatischer Ort der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Diskurs über Arbeit.

Um diese Verschränkungen, Überblendungen und die Modi literarischer Darstellung von Transformationsprozessen in der Arbeitswelt beschreibbar zu machen, werden zunächst einige theoretische Vorüberlegungen zum Verhältnis von Arbeit und Krisennarrativen vorangeschickt, um die nachfolgenden Analysen literarischer Texte zu rahmen. Anschließend wird danach gefragt, wie sich Veränderungen in der Beschreibung der Arbeits- und Lebenswelt in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren bei Max von der Grün an die Erweiterung der Kritik spezifischer Arbeitsbedingungen durch eine globalere Kritik an der Universalität des anthropologischen Arbeitsparadigmas binden. Im letzten Abschnitt wird anhand des Science-Fiction- bzw. postapokalyptischen Romans Anarchie in Ruhrstadt (2014) von Jörg Albrecht dargestellt, wie sich mit den veränderten Arbeitsformen im 21. Jahrhundert auch die Kritik an Arbeitswelten erneut verändert.

Arbeit und Krise

Die Frage, was Arbeit ist, unterliegt einem stetigen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, den man im Feld des Literarischen vor allem an den »semantischen Ordnungen, Erzählmuster[n] und rhetorischen Figuren«3 von Arbeit ablesen kann. Mit dem Begriff der Creative Class und der Inszenierung von Arbeit als Kreativität, Performanz und Projektarbeit wurde in den vergangenen Jahren entweder das »Ende der Arbeit«4 verbunden oder emphatisch eine neue Arbeitsform5 ausgerufen. Zur Disposition stehen dabei zwei Figuren, die als Prototypen unterschiedlicher Arbeitswelten gelten können: Der Fabrikarbeiter des Nine-to-five-Jobs und der digitale Bohemien als Künstler und kreatives unternehmerisches Selbst6. Diese Theoretisierungen der Arbeitswelten und ihrer Protagonisten sind – was in der Natur von theoretischen Aussagen liegt – verallgemeinernd und bisweilen etwas schablonenhaft. Blickt man auf literarische Inszenierungen moderner Arbeitswelten, werden die Grenzen unschärfer und zum Problem eindeutiger Beschreibbarkeit. Literarische Erzählung von Arbeit ist dann an ein Moment von Krise gebunden, in dem dasjenige, was unter den Begriff der Arbeit fällt, gerade nicht mehr umstandslos angezeigt werden kann. Solche Krisensituationen ergeben sich etwa, wenn eine Arbeitsform verschwindet oder eine andere auftaucht, von der noch nicht endgültig entschieden werden kann, ob sie wirklich Arbeit genannt werden kann.7

Die Koinzidenz von ökonomischem und gesellschaftlichem Strukturwandel einerseits und der kritischen Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen der literarischen Beschreibbarkeit von Arbeitswelten vor dem Hintergrund zunehmender Uneindeutigkeit, Ununterscheidbarkeit und Vermischung der an Arbeit gekoppelten semantischen Gehalte und (literarischen) Bilder andererseits, wurde bereits an verschiedenen Stellen angemerkt.8 Außerdem wurde für die »Dortmunder Gruppe 61« bereits an verschieden Stellen betont, dass die literarische Beschreibung der Arbeitswelt im Ruhrbergbau durch die Gruppe eigentlich erst im Zuge des allmählichen Niedergangs des Bergbaus einsetzte.9 In Krisen- und Übergangszeiten wird aber nicht nur das Selbstverständnis von etablierten Arbeits- und Handlungsweisen fraglich. In diesen Randzeiten geraten auch das individuelle Selbstverhältnis und die gesellschaftlichen Subjektivierungsweisen ins Schwanken. Eine Bestandsaufnahme, wie der vorliegende Sammelband es sich zur Aufgabe gemacht hat, kann demnach auch darin bestehen, den historischen Abstand zu nutzen, um andere, verdeckte, nicht so prominente Erzählstränge der Arbeitslandschaft Ruhrgebiet in den Blick zu nehmen. Dann sind vielleicht Krisensituationen, strukturelle Umwandlungsprozesse besonders dafür geeignet, diese Frage nach anderen Erzählweisen aufzurufen, weil vorherrschende Arbeits- und Subjektivierungsweisen eben ihre Dominanz einzubüßen beginnen. Hinsichtlich der Arbeiten Max von der Grüns etwa besteht in der Forschung weitgehend Konsens darüber, dass er zwar immer wieder zwischen stereotypischen bzw. idealtypischen Arbeiterfigurendarstellungen und kritischer Reflexion über die Arbeitswelt schwankt, dabei aber letztlich eindeutig der kritischen realistisch-dokumentarischen Arbeiterliteratur zugeordnet werden kann, deren Stärke sich weniger aus innovativen erzählerischen Formexperimenten speist denn in politischen Intentionen und konkreten Wirkeffekten liegt. So ordnet Thomas Ernst im Zusammenhang mit seinem »Vorschlag, das Feld der Literatur über das Ruhrgebiet in sieben Bereiche aufzuteilen«,10 Max von der Grün der »(dokumentarischen) Arbeiterliteratur«11 zu, die sich von experimentelleren Literaturformen vor allem darin unterscheidet, dass eine gewisse Kontinuität zur Arbeiter- und Industrieliteratur vom 19. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besteht. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei betont, dass die folgenden Ausführungen zu Max von der Grün nicht gegen diese evidente Einteilung argumentieren wollen, um etwa zu behaupten, dass dessen Prosa experimenteller sei als allgemein angenommen. Im Gegenteil: In Bezug auf den Formaspekt sind vor allem die Romane sehr konventionell. Auf der thematisch-motivischen Ebene scheint die Bezeichnung als realistisch-dokumentarische Literatur allerdings etwas zu ungenau, wenn man nicht bestimmt, wie sich die Formen der Kritik an der Arbeitswelt in den Romanen Max von der Grüns genau verändern und unterscheiden: von der Kritik an der Arbeit im Bergbau (Männer in zweifacher Nacht, 1962; Irrlicht und Feuer, 1963) zu der Kritik an der Arbeit im Kraftwerk (Zwei Briefe an Pospischiel, 1968) oder der Kritik an der Arbeit eines Fernfahrers (Stellenweise Glatteis, 1973). Hier wird zu zeigen sein, wie sich bei von der Grün die gewerkschaftlich orientierte Kritik an spezifischen Arbeitsverhältnissen zunehmend in eine globalere Kritik an der (auch durch die Gewerkschaften repräsentierten) anthropologischen Universalisierung der Idee vom animal laborans übergeht, das sich ausschließlich über Arbeit zu definieren vermag. Damit wird die von Rolf Parr im Zusammenhang mit der Frage nach den Möglichkeiten einer regionalen Literaturgeschichte des Ruhrgebiets nochmals entschieden herausgestellte Feststellung, dass die Gleichsetzung von Ruhrgebiets- und Industrieliteratur und damit die Verengung auf eine einzige Arbeitswelt bereits für die 1960er Jahre »nicht haltbar ist«,12 auch für die vermeintlich eindeutige Arbeitsweltliteratur Max von der Grüns in Anspruch genommen. Die Bestandsaufnahme der Ruhrgebietsliteratur könnte dann auch darin bestehen, in etablierte Einteilungsschemata Differenzen einzuschreiben, die die Übergänge und Umbrüche vervielfältigen und die Aufmerksamkeit darauf richten, dass eine grundsätzliche Kritik am Arbeitsparadigma bereits in der kanonisierten Arbeits- und Industrieliteratur selbst angelegt ist.

Die nachfolgenden Analysen zu Max von der Grün und Jörg Albrecht wollen vor diesem Hintergrund erproben, ob eine Bestandsaufnahme der Literatur über die Arbeitslandschaft Ruhrgebiet nicht nur darin bestehen könnte, andere Erzählungen über Arbeit zu entdecken (etwa bezüglich der Literarisierung sozialer Verwerfungen, der Geschlechterverhältnisse oder der Ökologie), sondern ob auch Erzählungen über das Andere der Arbeit ausfindig zu machen sind, die wiederum auf die Arbeitsverhältnisse kritisch zurückwirken und somit Irritations- und Provokationspotential für vorherrschende Erzählweisen (etwa vom Mythos ›Malochertum‹) bergen. Das Andere dieser Erzählung von der Arbeitslandschaft wäre dann vielleicht auch: die Nicht-Arbeit, die als Freizeit, Muße oder Müßiggang (Arbeitslosigkeit muss an dieser Stelle allerdings ausgeblendet bleiben) meist eher nur am Rande vorkommt oder nur als institutionalisierte kulturelle Betreuung in den Blick gerät. Im Zuge der Musealisierung und Archivierung des Ruhrbergbaus bekommt diese Frage neue Brisanz: Was passiert, wenn ehemalige ›Kathedralen der Arbeit‹ zu Freizeitorten werden? Aber hier zu beginnen würde bedeuten, das Pferd von hinten aufzuzäumen.

In den folgenden Ausführungen wird zunächst der Versuch unternommen, Texte Max von der Grüns aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren danach zu befragen, ob nicht gerade im Moment der Krise und des Strukturwandels die Frage nach dem Anderen der Arbeit dergestalt in den literarischen Texten aufgerufen wird, dass hier eine generelle Kritik an der einseitigen Betrachtung einer Region als Arbeitslandschaft laut wird. Bei jenem Schriftsteller also, der auch über das Ruhrgebiet hinaus als der Schriftsteller der Arbeitswelt des Ruhrgebiets wahrgenommen wird.13 Wir können bei ihm sehen, wie gerade die Spannung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit eine Kritik an der Arbeitslandschaft Ruhrgebiet zeitigt, die eben jenseits derjenigen Bildbestände angesiedelt ist, die sonst mit dem Ruhrgebiet verbunden sind: Ruß, Schlote, Fördertürme.14 In diesen übergreifenden Krisensituationen werden also nicht nur bestimmte Narrative über Arbeit und Leben fragwürdig, sondern auch die Möglichkeit ihrer literarischen Beschreibung. Anhand einiger Anmerkungen zur literarischen Darstellung von Arbeit bei Max von der Grün aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren sowie anhand des Romans Anarchie in Ruhrstadt von Jörg Albrecht möchte ich daher zumindest andeutungsweise den Aushandlungsprozess und die Veränderungen der Darstellungsweise von Arbeit an zwei Problemzusammenhänge anzeigen:

  • 1.) Was bedeutet es für die literarische Verhandlung von Arbeit in einer Region, die sich konstitutiv über Arbeit definiert, wenn diese nicht mehr umstandslos definiert, gedeutet und mit Sinn aufgeladen werden kann?

  • 2.) Wenn die Verhandlung darüber, was Arbeit genannt wird, an eine spezifische Arbeitslandschaft, an ein topografisches Gefüge geknüpft wird, stellt sich die Frage, welche literarischen Mittel zur Inszenierung dieser Landschaft im permanenten Umbruch15 gewählt werden, d. h. welcher Darstellungsmodus leitet hier die literarische Reflexion über traditionelle Arbeitsnarrative und ihrer gesellschaftlichen (Un-)Verhältnismäßigkeit an?

Um die für das Ruhrgebiet als Arbeitslandschaft gleichermaßen konstitutiven zeitlichen als auch räumlichen Verwicklungen und Uneindeutigkeiten, die sich von den beiden genannten Problemzusammenhängen her aufdrängen, an exemplarischen Textstellen entfalten zu können, scheint sich der Begriff der Überblendung anzubieten. Als Überblendungen der Zeiten, in denen Strukturwandel weniger den Übergang von einer Arbeitsweise zu einer anderen meint, sondern vielmehr jene Probleme, die sich aus der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ergeben,16 kann man diese Krisensituationen in zweierlei Hinsicht beschreiben.

  • 1.) Zunächst sind Krisensituationen immer auch Ausdruck des Zerbrechens von festgefügten, etablierten Einheiten. Ob diese Einheiten überhaupt je eine gesellschaftliche Realität beschrieben haben, spielt dabei keine vorrangige Rolle. Vielmehr geht es um die Erzählweisen und die Möglichkeiten, einem spezifischen topografischen Gefüge derart orientierende (vielleicht sogar: organisierende) semantische Gehalte einzuschreiben, dass sie die gesellschaftlichen Plätze aufteilen und damit Sicht-, Sag- und Wahrnehmbarkeit von Subjekten oder Gruppen reglementieren. In Krisen- und Übergangszeiten scheint es gerade der Literatur möglich, diese Aufteilung des Sinnlichen und damit die gesellschaftlich zugewiesenen Plätze auf den Prüfstand zu stellen.17 Um Zeiten, Bilder und Erzählweisen im Sinne dieser Krisenkonstellationen überblenden zu können, setzt das jedoch die relative Fragmentierung der Wirklichkeit selbst voraus. Das ist das Gegenteil eines homogenen Zeitverlaufs, wie ihn Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung (2006) implizieren. Das Ruhrgebiet als Arbeitslandschaft zeichnet sich eben vielmehr durch eine diskontinuierliche Struktur der sich überlappenden, überlagernden Schichten aus.

  • 2.) Zudem basiert die Wahl des Begriffs der Überblendung als immanentes literarisches Prinzip darauf, dass in den vorgestellten Texten immer wieder Inszenierungen von Überlagerungen, Mischungen, Ununterscheidbarkeiten vorzufinden sind. Bei Max von der Grün finden sich diese allerdings eher einseitig auf inhaltlicher Ebene (etwa in der Gleichzeitigkeit verschiedener Arbeitsweisen), bei Jörg Albrecht wird sich zeigen, dass Überblendung auch zum literarischen Stilmittel wird, um Vermischungen, Überblendungen und Fragmentierungen gleichermaßen auf formaler Ebene auszudrücken.

Max von der Grün – »Ich bin nämlich nicht zum Arbeiten geboren.«18

Kurz nachdem Paul Pospischiel einen Brief seiner Mutter bekommt, der die Handlung des Romans Zwei Briefe an Pospischiel (1968) nachfolgend anleitet, fährt er zum oberhalb Dortmunds liegenden Wochenendhaus seines Arbeitskollegen Wördemann, genannt Känguru, und betrachtet die Stadt. Für Überlegungen zur Veränderung von Arbeits- und Landschaftsbeschreibungen und ihren gesellschaftlichen Verhältnissen bei Max von der Grün ist diese Stelle bemerkenswert:

Ich sehe immer auf die Stadt, stehe ich in Kängurus Garten. Das also ist meine Stadt, dieses Panorama aus Grandiosität und Scheußlichkeit. Sie hat mich nicht geboren, ich habe sie mir ausgesucht vor Jahren, als ich längst erwachsen war, aber die Auswahl war nicht allzu groß. Ich bin nicht besonders stolz auf diese Stadt, mein Autokennzeichen zeigt DO. Immerhin fragt man mich auswärts manchmal, was Borussia macht, ob sie wieder Deutscher Meister werden oder nicht. Das letzte Europapokalspiel war klasse, aber sonst, nein, nichts, nur noch die Westfalenhalle, dann war schon Schluss mit meiner Stadt. Natürlich, das Bier. Hier im Süden begann die Stadt sich menschlich zu geben, hier war Ruhe und fast kein Staub, weit weg war die Stadt, wenn es auch so aussah, als brauchte man nur die Hand ausstrecken, um auf die Kuppel der Westfalenhalle zu klopfen.19

Diese Landschaftsbetrachtungsszene lässt sich sehr gut an einen klassischen literarischen Topos der Bergbesteigung und der Überblicksverschaffung anbinden. Joachim Ritter hat in seinem Aufsatz über die Funktion der Landschaft in der modernen Ästhetik gezeigt, wie bereits mit Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux 1335 die Landschaft als ästhetisches Phänomen im neuzeitlichen Denken auftaucht. Zwar versucht auch die ästhetische Betrachtung der Landschaft, so Ritter, das »Ganze« der Natur zu erfassen und zugleich auf das eigene Selbst rückzukoppeln, vermag dies aber nicht mehr im Modus begrifflicher Aneignung, wie es noch in der antiken Betrachtung der Natur der Fall war. Die ästhetische Betrachtung bemüht nicht mehr die begriffliche Erfassung, sondern das Gefühl im Modus freier, genießender Anschauung ohne unmittelbaren Zweck.20 Dieser ästhetische Prozess der freien, unmittelbaren Betrachtung formt Natur in Landschaft, wodurch diese dann als Ausschnitt zu einem Teil der eigenen Lebenswelt übergeht und zum Selbstverständigungsmedium des Menschen über sich selbst wird. Neben der wissenschaftlichen Objektivierung der Natur durch die neuzeitliche Naturwissenschaft tritt damit die ästhetische Vergegenwärtigung als Kompensation und Möglichkeit der Harmonisierung des Verhältnisses von Mensch und Natur. Dortmund scheint sich jedoch in Paul Pospischiels freier Anschauung ohne praktischen Zweck nicht nahtlos als ein (Selbst-)Verständigungsmedium gelingender Subjektivierung einerseits und harmonischen Ausgleichs mit dem eigenen Lebensraum andererseits anzubieten. Im anschauenden Spiel von Nähe und Ferne, also von zoom-in und zoom-out, schreiben sich vielmehr einige entscheidende Dichotomien ein: Die Landschaftsbetrachtung changiert zwischen den Gefühlen von Grandiosität und Scheußlichkeit, zwischen der Idee vom selbstgewählten Lebensraum und Keine-Wahlmöglichkeiten-Haben, zwischen dreckigem Zentrum und lebenswerter Peripherie. Was dabei jedoch noch auffälliger ist: keine rauchenden Schlote, keine Fördertürme, keine für die Arbeitslandschaft und ihre Literatur typischen Himmels- und Straßenbeschreibungen. Auf den ersten Blick scheint da nicht viel, was übrig bleibt – abgesehen vom Bier. Arbeit ist dasjenige, was hier nur als das Abwesende bemerkbar wird. Zwar gibt es bei Max von der Grün viele andere (positive und entschieden negative) Beschreibungen der Ruhrgebietslandschaft, die zitierte Beschreibung scheint jedoch symptomatisch, weil sich hier der Protagonist eines Romans in sehr existentieller Weise über sich selbst zu verständigen sucht, und zwar in Bezug auf eine Vergangenheit, die nicht unmittelbar auf Arbeit und deren spezifische Topografie verwiesen ist. Gerade für nicht unmittelbar mit der Arbeit zusammenhängende Selbstverständigungsversuche scheint es in der Arbeitslandschaft keinen Resonanzraum zu geben. Symptomatisch ist die Beschreibung auch, weil sie in von der Grüns Werk anschlussfähig ist und Querverweise zulässt.

So berichtet etwa der Ich-Erzähler in dem kurzen Prosatext Ein Dortmunder in Dresden in seiner Kneipe, dass er demnächst nach Dresden fahren wird. Mit unerwartet hohem Interesse wird dann über Dresden geredet: was man weiß, wie es dort heute aussieht usw. Es geht um die Schönheit Dresdens, wie lebenswert die Stadt vor 1945 gewesen sein muss und um die Bombardierung. Das Bild ist zweigeteilt: Einerseits ein ästhetisches Urteil über den Glanz der Stadt, in der es sich nicht nur als Arbeiter, sondern auch als Mensch zu leben lohne, andererseits die Musealisierung dieses Bildes ohne Gegenwart, denn Dresden scheint hier 1945 aufzuhören zu existieren. Das Interesse der Arbeiter aus dem Ruhrgebiet für Dresden findet während der nachfolgenden Reisebeschreibung dann sein Gegenstück in einer Kneipe in Dresden, in der die Dresdener von ihren Assoziationen über Dortmund berichten. Ihre Bilder sind zwar nicht musealisiert, sondern aktuell, dafür aber genauso stereotyp: dreckige Luft, schlechte Arbeitsverhältnisse, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Borussia Dortmund. Hier ist (im Verhältnis zur Landschaftsszene aus Zwei Briefe an Pospischiel) diesmal nicht die Arbeit das Abwesende, dafür aber die Landschaft jenseits der Arbeit. Es ließen sich weitere Beispiele für diese Art der Landschaftsbeschreibungen bei Max von der Grün geben. Dass das grundlegende Problem in der Arbeitslandschaft selber liegt – unter rein funktionalen Aspekten und letztlich auf Zeit gebaut –, ist bereits mehrfach in den Blick genommen worden.

Ritters Vorstellung von der Kompensation der Widrigkeiten neuzeitlicher Lebenswirklichkeit durch die ästhetische Landschaftsbetrachtung ist in der zitierten Szene bei von der Grün mehr als problematisch. Eine ganz spezifische Form von Kompensation gibt es jedoch im Ruhrgebiet und vor allem in dessen Literatur zu Genüge: Die Überlagerung der Arbeitslandschaft mit Mythen, Klischees, Pathosformeln des heroischen Bergbaus. Und von der Grüns erster Roman Männer in zweifacher Nacht (1962) gehört sicherlich dazu. Die pathetischen Zuschreibungen bilden ein mögliches Bildreservoir für die literarische Beschreibung der Arbeitslandschaft Ruhrgebiet. Das symptomatische Fehlen des Arbeitskontextes in der Landschaftsbetrachtung Paul Pospischiels soll exemplarisch andeuten, dass Max von der Grün jedoch vor dem Hintergrund der sich wandelnden Arbeitsverhältnisse in den 1960er Jahren später andere Beschreibungsformen erprobt hat.

Sowohl in Romanen und Erzählungen als auch in Aufsätzen und Interviews hat Max von der Grün sich die kritische Frage nach den gesamtgesellschaftlichen Gründen dafür gestellt, warum das Bild der Ruhrgebietslandschaft (eben nicht nur als Arbeits-, sondern auch als Lebensraum) eben gerade dann eine frappierende Leerstelle aufweist, wenn es um das Andere der Arbeit geht. Die Latenz dessen, was nicht Arbeit ist, kommt hier in eine Literatur hinein, die zunächst scheinbar darauf angelegt ist, durch die Beschreibung der Arbeitswelt ganz offensiv Arbeits- und damit Machtverhältnisse zu beschreiben und zu kritisieren. Nicht-Arbeit, Freizeit, Müßiggang als das Andere der Arbeit tauchen aber bei von der Grün nicht bloß zunehmend häufiger auf, um so etwas wie Realitätseffekte zu erzeugen, sondern um diese Arbeits- und Machtverhältnisse auf eine viel grundsätzlichere Weise zu kritisieren.

Es ist im Zusammenhang mit der Frage nach Umbrüchen und Transformationsprozessen in der Arbeitswelt und ihrer literarischen Beschreibung bemerkenswert, dass diese Latenz der Nicht-Arbeit bei von der Grün gerade in dem Moment immer prominenter wird, als der Strukturwandel in der Montanregion Ruhrgebiet einsetzt, Arbeitsverhältnisse wechseln und dasjenige, was Arbeit ist und ausmacht, unscharf wird. In der Zeit des Strukturwandels stellt er also nicht nur die Frage, welche Verwerfungen mit neuen Arbeitsverhältnissen einhergehen, sondern auch, wie sich darüber hinaus ein Lebensraum denken lässt, dessen Narrative eigentlich nur aus Restbeständen überholter Selbstverständigungsweisen bestehen. Max von der Grüns kritische Hinterfragung der einseitigen Ausrichtung des Lebensraums auf Arbeit setzt in dem Begriff der Arbeitslandschaft gewissermaßen einen Bindestich ein (Arbeits-Landschaft), um die nur scheinbar organische Verflechtung im Wort Arbeitslandschaft, die aus der universalisierten Laborisierung des Lebensraums resultiert, zu hinterfragen.

In seinem Beitrag Arbeit – was das war und was das ist (1977) schreibt Max von der Grün eine kurze Geschichte des Arbeitsbegriffs und ruft dabei die bekannte Differenz von selbstbestimmter und entfremdeter, leichter und harter, menschlicher und unmenschlicher Arbeit, also von opera und labor, work and labor auf.21 Dabei kritisiert er vor allem die fehlende freie Zeit, die nicht bloß Reproduktions- oder Konsumtionszeit ist, sondern Zeit, die wirklich vollständig überflüssig ist:

»Hast du nichts zu tun?« fragte meine Mutter immer, wenn ich im Garten lag und mit dem Hund spielte; der hatte doch die Aufgabe zu wachen, der Rasen war da, um zu wachsen, damit es Gras gab für die Ziegen im Stall, die uns Milch lieferten. Alles war eingebaut in das Leben, alles hatte seinen Sinn, alles war notwendig, nichts Überflüssiges belastete unsere Leben – aber auch nichts Überflüssiges bereichert unser Leben, machte heller.22

Dass Müßiggang aller Laster Anfang sei, kriegt der Junge bereits früh eingeimpft. Selbst beim sonntäglichen Spaziergang mussten gleichzeitig noch Pilze gesammelt werden, damit die Zeit auch nicht vollkommen zweckfrei verbracht wurde. Was sich hier ausgedrückt findet, ist aber auch in der modernen Erzählung über Arbeit und Nicht-Arbeit anzutreffen. Martin Jörg Schäfer hat in seiner Arbeit über die Gewalt der Muße gezeigt, dass Nicht-Arbeit als Muße nicht einfach Untätigkeit sein darf, sondern bessere, produktivere und selbstbestimmtere Arbeit zu sein hat. Die Universalisierung der Kategorie ›Arbeit‹ sorgt dafür, dass auch Nicht-Arbeit sich immer wieder auf Arbeit rückgekoppelt sieht, und sei es nur, um sich selbst zu rechtfertigen.23 Was sich also in dem Zitat zunächst nur auf eine Kindheitserinnerung in ländlich-ärmlichen Verhältnissen zu beschränken scheint, bezieht Max von der Grün auch auf die moderne Arbeitswelt. In Zwei Briefe an Pospischiel gibt es etwa längere Passagen über die Verplanung des ganzen Arbeitslebens durch die Firma, in denen sich zeigt, dass die Arbeitswelt sich nicht nur verändert hat, sondern weiterhin Restbestände und sogar historische Kontinuitäten beobachtbar sind. Nachdem Paul Pospischiel beim Betriebsrat Bachmeier um drei Tage unbezahlten Urlaub ersucht hat und dieser diesen zwar nicht ablehnt, aber mit dem Vermerk ergänzt, dass Pospischiel eigentlich »verplant« sein, heißt es im Text:

Bachmeier sprach aus, was ich selbst wußte. Aber ich ärgerte mich plötzlich über ihn, vielleicht weil er meine Angelegenheit mit einer Handbewegung abtat, ärgerte ich mich plötzlich über das Wort verplant, wie der innerbetriebliche Sprachgebrauch war. Die da oben sollten sich einmal Gedanken über ihre Sprache machen. Von der Verwaltung kommt ein Ton wie beim Kommiß. Und Känguru sagte einmal: Nicht die alten und die neuen Nazis sind gefährlich, gefährlich ist die Sprache in unseren Betrieben. Sie hat sich seit hundert Jahren nicht geändert. Sie ist nicht mehr so brutal wie früher, sie ist infamer geworden.24

Max von der Grün beginnt bemerkenswerterweise gerade in jener Zeit, in der sich Arbeitsverhältnisse im Ruhrgebiet grundlegend verändern, etwa im Roman Stellenweise Glatteis (1973), aber auch in anderen Erzählungen und Aufsätzen der 1970er Jahre, dasjenige zu kritisieren, was eigentlich als Erfolg der Gewerkschaft ausgegeben wird: die Humanisierung der Arbeitswelt. Er kritisiert dabei jedoch weniger die durch solche Formeln abgeblendeten Kontinuitätslinien, wie sie sich in der gerade zitierten Passage ausdrücken, sondern die Kontinuität und Radikalisierung des hinter dieser Formel stehenden Menschenbildes. Humanisierung der Arbeitswelt bedeutet für die Gewerkschaft, so Max von der Grün, bloß die Aushandlung von Tarifen und besseren Löhnen, der Mensch hinter dem lohnabhängig Arbeitenden bleibt jedoch ausgespart. Das ist weniger eine Humanisierung der Arbeitswelt, so wäre von der Grüns Argumentation zusammenfassen, als eine Laborisierung des Humanen.25 Er versteht unter ›Humanisierung der Arbeitswelt‹ mehr als Lohnsteigerung und bringt damit jene Leerstelle ins Spiel, die sich in der eingangs zitierten Landschaftsbetrachtung bereits ausgedrückt fand:

Die Gewerkschaft hat verlernt – oder sie hat es noch nie gekonnt –, daß man nicht nur für Lohn und Tarife, was auch ihre Aufgabe ist, sondern auch für Menschen eintreten muß. […] Diese Humanisierung der Arbeitswelt ist auch zu einem Schlagwort geworden, und ich habe davon, und von Lebensqualität, schon vor zehn Jahren in meinen Büchern geschrieben.26

Für von der Grün ist diese Forderung nach Lebensqualität, aber auch nach einer Veränderung des Menschenbildes ganz grundlegend in der scheinbar nebensächlichen Aussage eingefangen: »Ich bin nämlich nicht zum Arbeiten geboren.«27 Das bedeutet vor allem zweierlei:

1.) Der arbeitende Mensch ist nicht der ganze Mensch, wobei Max von der Grün sich später eingestehen muss, dass die Trennung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit keineswegs so leicht funktioniert, wie er es noch in Irrlicht und Feuer (1963) beschreiben konnte, wo der Bergmann Adam nach der Arbeit seinen »Zechenadam« auszieht und den »Freizeitadam« anzieht:

Für mich spielt sich die Welt der Arbeit nicht mehr in einem kleinen Rahmen ab, die Welt ist nicht mehr nur das Fließband; sondern Arbeitswelt ist heute für mich in einem weit stärkeren Maße der freigesetzte Raum des Arbeiters, sein Leben außerhalb der Fabrik, und das ist noch wichtiger für mich als das, was er in der Fabrik macht. […] In »Irrlicht und Feuer« steht noch der Satz – ich zitiere aus dem Kopf –: »Ich ziehe mit der Grubenkleidung meinen Erdenadam aus und mit meiner Straßenkleidung ziehe ich meinen Straßenadam an.« Das war noch sehr naiv von mir gesehen, das stimmt ja gar nicht; ich schleppe diese Arbeitskleidung unsichtbar mit, ich schleppe diese Problematik mit, und diese Arbeitsweltproblematik schlägt sich heute immer mehr in Dingen, die außerhalb der Fabrik liegen, nieder.28

Mit der veränderten Perspektive auf den globaleren Zusammenhang, der aus der Laborisierung des Humanen resultiert und alle Lebensbereiche gleichermaßen berührt, revidiert Max von der Grün zugleich die prägnante, formelhafte Definition von Arbeit, die in Männer in zweifacher Nacht (1962) noch orientierend für das Selbstverständnis der Arbeiter gelten konnte: »Für Stacho war Arbeit Schweiß: Schweißgesicht = Arbeitsgesicht, trockenes Gesicht = Faulenzergesicht.«29

2.) Auf politischer Ebene der Repräsentation bedeutet die Kritik an der Universalisierung des Arbeitsbegriffs, dass die Kritik der Arbeitsverhältnisse nicht bloß den Arbeiter als authentischen Repräsentanten seiner Klasse adressieren kann; denn dieses Bild ist nicht nur überholt,30 sondern impliziert auch auf politischer Ebene eine Reduktion des Menschen auf seine Arbeit, die Max von der Grün immer häufiger als Zerrbild von der »Arbeit als Daseinserfüllung«31 kritisiert.

Die Tendenz zur Laborisierung des Humanen ergibt sich allerdings nicht erst mit dem Strukturwandel. Max von der Grün weist selbst darauf hin, dass diese schon im biblischen Satz »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen« angelegt ist.32 Diese Traditionslinie lässt sich natürlich weiterziehen: Ganz entscheidend, auch für die Arbeiterbewegung selbst, ist die Tatsache, dass auch in Karl Marx’ Vorstellung von der Selbsterzeugung des Menschen durch Arbeit, diese Universalisierung eingetragen ist. Martin Jörg Schäfer hat in seiner Arbeit über das Verhältnis von Arbeit und Nicht-Arbeit sehr anschaulich gezeigt, dass vor allem in der Kopplung von guter Arbeit und gelingender Individuierung ein spezifisches Gewaltmoment angelegt ist: Denn das Versprechen, durch Arbeit das Menschliche des Menschen selbst erst zu erzeugen, sorgt nicht nur dafür, dass Arbeit zum nahezu alleinigen Faktor des Humanen wird, sondern auch dafür, dass dieses Menschliche letztlich nicht erreicht werden kann. Das Versprechen von Menschlichkeit ist hier an einen konstitutiv unabschließbaren Prozess gebunden, der die Universalisierung des Arbeitsbegriffs permanent reproduziert.33

Von der Grün kritisiert in den 1970er Jahren zunehmend diese Universalisierung der Arbeit, die dazu führt, dass der Arbeitende in ein Narrativ eingeschlossen wird, das in dieser zirkulären und unabschließbar sich wiederholenden Struktur besteht. Welches Beschreibungspotential bindet sich bei ihm aber an diese kritische Perspektive? Es ist zunächst schlichtweg die generelle Hinterfragung der einseitigen Konzentration auf Arbeit, wenn es darum geht, was sich eine Gesellschaft über ihr Verhältnis zu Alltag und Arbeit erzählt. Das Verhältnis von Abbruch, Wandel und Restbeständen alter Arbeitswelten verhandelt Max von der Grün eben nicht dadurch, dass er bloß neue Arbeitsverhältnisse beschreibt, die er dann gleichsam im Sinne einer historischen Entwicklungs- und Ablösungslogik auf der linearen Zeitachse verhandelt, sondern dadurch, dass er die Veränderungen der Arbeitsverhältnisse zugleich an eine generelle Reflexion über den Stellenwert von Arbeit und der Abwesenheit des Anderen der Arbeit knüpft. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die für Strukturkrisen paradigmatisch ist, löst hier ein Nachdenken darüber aus, welche kritischen Dimensionen der Arbeitsbegriff in der modernen Welt für die anthropologische Bestimmung des Menschen einerseits und der Frage nach gelingender Subjektivierung andererseits hat.

Max von der Grüns literarische Vermessung der Universalisierung des Arbeitsbegriffs geht damit einher, nicht mehr den typischen, exemplarischen Arbeiter zu suchen, sondern Ausnahmegestalten, Einzelne, die sich in problematische Arbeitskonstellationen verfangen haben und Auswege suchen. Die Suche nach einem anderen Verhältnis zur Arbeit wird in den Romanen jedoch immer wieder von der omnipräsenten Wirkmächtigkeit der Arbeit als »universelle[m] Maßstab menschlicher Tätigkeit«34 ausgehebelt. Die Protagonisten der Romane scheinen den Versuch, aus dieser zirkulären Struktur auszubrechen, immer wieder entschieden zu verfehlen. Anmerkungen zu den Gründen dafür gibt es in von der Grüns Werken genug: Die Invaliden etwa, die jede Menge Zeit haben, aber eigentlich nur den alten Zeiten nachtrauern.35 Kai Maiwald aus Stellenweise Glatteis, der nervös wird, weil er am zweiten Weihnachtstag nichts mit seiner Zeit anzufangen weiß und immer wieder nur eine Lösung findet: die Kneipe.36 Jürgen Fohrmann in Irrlicht und Feuer, der sich einerseits wünscht, nicht arbeiten zu müssen und dann selbst vor diesem Gedanken erschrickt, weil er gar nicht wüsste, was er dann tun sollte.37 Der dressierte Arbeiter, wie Max von der Grün ihn einmal nennt,38 ist so sehr in das Paradigma universalisierter Arbeitsverhältnisse eingeschlossen, dass selbst sein Hobby, dem er im Keller nachgeht, nur etwas gilt, wenn man es als Hobbyarbeit39 bezeichnen kann. Was hier permanent ausgestrichen wird, ist ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass wir in den Romanen und Kurzgeschichten von der Grüns immer wieder Szenen finden, in denen die Protagonisten das Gleichgewicht verlieren. Das Taumeln und Schwanken Paul Pospischiels in der Schaltzentrale des Kraftwerks, das destruktive Energie freisetzt (er reißt die elektronischen Kabel aus der Wand), ist hierfür nur ein Beispiel.

Mit der Frage nach der Möglichkeit eines Gleichgewichts ist aber nicht der Ideologie der heutigen Work-Life-Balance das Wort geredet. Strategien der Herstellung eines anderen Verhältnisses zur Arbeit lassen sich vielleicht eher indirekt in der Beschreibung der eigenen Biografie finden: Es handelt sich um Strategien, die etwa das Kind in Max von der Grüns Arbeit – was das war und was das ist entwickelt, um heimlich lesen zu können. Sich verstecken, sich jede freie Minute mit Dingen zu beschäftigen, die nicht in das Arbeitsparadigma eingefasst sind, bedeutet hier die kurzfristige Rückeroberung der Souveränität über die eigene Zeit. Dieser Strategie der souveränen Zeitaneignung liegen zwei Grundannahmen zugrunde:

  • 1.) Der Mensch hat ein grundlegendes Kulturbedürfnis, das der Universalisierung der Arbeit vor allem durch mangelnde Zeit und umfassende Disziplinierung unterworfen ist.

  • 2.) Subversives Potential birgt vor allem die in der kindlichen Aneignung der Zeit repräsentierte Technik der Distanznahme, in der Abstand gewonnen werden kann von der Fetischisierung der Arbeit als Allheilmittel.

Denn insofern Arbeit als notwendiges Übel anerkannt wird, können in der restlichen Zeit Strategien entwickelt werden, die auf je individuelle Weise die dressierenden Subjektivierungsweisen erfolgreich zu durchkreuzen vermögen. Dass bei Max von der Grün, indem die Frage nach gelingender Subjektivierung in das Privatleben verlagert wird, aber keine Entpolitisierung der Frage nach Arbeitsverhältnissen einhergeht, zeigt seine oftmals wiederholte Kritik an den Gewerkschaften. Diese haben nicht nur die unmittelbaren Arbeitsverhältnisse in den Blick zu nehmen, sondern für gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu streiten, in denen der Mensch jenseits seiner Arbeit souveräner über seine Zeit verfügen kann.

Diese Freiräume politisch zu erkämpfen, ist allerdings, so scheint es, vor allem im Ruhrgebiet schwierig, ein Umstand, der sich auch an einer anderen Landschaftsbetrachtung Max von der Grüns festmachen lässt. Die Universalisierung des Arbeitsbegriffs, die in der anfangs zitierten Passage dadurch präsent ist, dass sie fehlt, wird in der folgenden Landschaftsbetrachtung aus Irrlicht und Feuer zur scheinbar unaufhaltsamen Realität. Eine Realität, die keine Fluchtlinien und keine Selbstverständigung mehr für den Protagonisten Jürgen Fohrmann zulässt:

Auf der Anhöhe blieb er stehen und sah lange auf das flache Land hinunter, das nun in einem weißen Schleier vor ihm lag. Zur Rechten lag Unna, links vorn Kamen und weiter hinten Bergkamen. Auch die hohen Schlote von Pelkum und Hamm waren zu sehen. Und weit, weit links roter Dunst, Schlot an Schlot, die Fabrikvororte Dortmunds. Das wird in Jahren alles eine einzige Stadt sein, keine Felder mehr. Schrecklich. Na, vielleicht lebe ich dann nicht mehr, dachte Fohrmann.40

Jörg Albrecht – »Wie kommen wir je wieder davon weg, nur glücklich zu sein, wenn wir arbeiten?«41

Die totale Verdichtung der Städtelandschaft als totale Laborisierung der Lebenswelt, in der Arbeit nicht mehr das Abwesende, sondern das einzig Präsente ist, führt geradewegs zu Jörg Albrechts Roman Anarchie in Ruhrstadt. Der Roman spielt zugleich auf zwei Ebenen und wechselt permanent zwischen ihnen hin und her. Auf der ersten Zeitebene beschreibt der 2014 veröffentlichte Roman das Ruhrgebiet im Jahre 2015, also in der nahen Zukunft: Das Ruhrgebiet hat dabei mit dem Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 kein neues kreatives Narrativ für sich entwickeln können und ist daher einem unaufhaltsamen Schrumpfungs- und Verfallsprozess unterworfen. Auf der zweiten Zeitebene, im Jahre 2044, ist dann jene Phantasie realisiert, die man von jeher mit dem Ruhrgebiet verbindet: es ist zu einer einzigen großen Ruhrstadt geworden. Die Kreativen haben sich im Ruhrgebiet durchgesetzt und haben eine riesige, scheinbar dezentral organisierte Metropole mit 17 sogenannten Modulen errichtet, wobei jede Kreativbranche (Mode, Musik, Gaming, Literatur etc.) einem Modul zugeordnet ist. Wie aber kam es dazu?

Nachdem sich 2015 immer noch keine nennenswerten Effekte aus dem Kulturhauptstadtjahr ergeben haben, nehmen junge Menschen, die entweder im Ruhrgebiet geblieben sind oder (wie György Albertz42) aus Berlin zurückkehren und in der Kreativbranche tätig sind, das Zepter in die Hand. Sie proklamieren die »dritte […] Zukunft«43 des Ruhrgebiets nach dem Bergbau und der Dienstleistungsgesellschaft: den Kreativsozialismus. Sie besetzen die »ehemaligen Kathedralen der Arbeit, jetzt Kathedralen der Nicht-Arbeit«,44 diese »Monster […] der Nachnutzung«,45 bilden hippie- und kommunenartige Netzwerke und planen so den großen Umsturz, der sich dann überraschend im Jahre 2015 kurz darauf realisiert: Hannelore Kraft verkündet freiwillig ihren Rückzug und macht Platz für jene Kreativen.

Die erste Phase der Besetzung und Umgestaltung des Ruhrgebiets ist dann durchaus vergleichbar mit der ersten Phase einer urbanen Gentrifizierung, die zunächst ein Aufwertungsprozess ist und bislang vernachlässigte Stadtteile revitalisiert. Auch die Kritik am verordneten, bürokratisch-institutionell eingefassten Strukturwandel scheint in mancherlei Hinsicht plausibel:

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges verpasste den Architekten und Stadtplanern vor allem hier im Ruhrgebiet eine Chance, die sie sonst nie gehabt hätten: die moderne Stadt als eine Stadt der Moderne aufzubauen. Die Zerstörungen, die gerade passieren, aber werden nicht erst zu einer neuen Urbanität führen. Diese neue Art von Urbanität IST die Zerstörung: Synthetische Seen, wo vorher Zechen waren. Shopping Malls, wo vorher Brauereien waren. Yachthäfen, wo vorher einfach das Ufer eines Flusses war. Das Weltall ist längst verteilt. Und was dir übrigbleibt, ist, das zu akzeptieren und nicht sein zu wollen, was du nicht mehr sein kannst: Bürger. Werde Benutzer!46

Dass Albrecht seinen bisweilen etwas thesenhaften Roman über die Frage, was passiert, wenn die Creative Class an den Schaltstellen der Regierung und Stadtplanung sitzt, gerade im Ruhrgebiet spielen lässt, scheint nur auf den ersten Blick kontingent. Bedenkt man jene Universalisierung des Arbeitsbegriffes, die sich, wie im ersten Teil anhand der Texte Max von der Grüns nachgezeichnet wurde, bis in die Wahrnehmung der Topografie einsenkt, wird der Zusammenhang zwischen dem Ruhrgebiet und dem neuen allumfassenden Arbeitsimperativ »Sei kreativ!« plausibel: Die veränderten Zumutungen und Unwägbarkeiten im eigentümlichen Zusammenhang von neuen »semantischen Ordnungen, Erzählmuster[n] und rhetorischen Figuren«47 im Kreativitätsparadigma der neuen Arbeitswelt lassen sich an diesem Ort voller Restbestände alter arbeitsweltlicher Repräsentationsformeln mit ihren traditionellen semantischen Gehalten plakativ konfrontieren und durchdeklinieren. So kann im Laufe des Romans für jenen Kreativsozialismus, der zugleich ein sehr durchsichtiger Kreativkapitalismus ist,48 auch das ganze Tableau aufgefahren werden, mit dem in den letzten Jahren versucht wurde, diese neuen Arbeitsverhältnisse zu beschreiben: Postfordismus, digitaler Kapitalismus, flexibler Kapitalismus, kreatives Selbstunternehmertum, Kollektiv- und Projektarbeit mit flachen Hierarchien, vermeintlich liberale Selbstverwirklichungsrhetoriken usw.

Wenn die ästhetische Inszenierung für die gesellschaftliche Vermittlung und für die stabile Etablierung eines integrierenden Narrativs über Arbeit entscheidend ist, binden sich diese Erzählmuster und das in ihr angelegte Bildinventar in der kreativsozialistischen bzw. -kapitalistischen Ruhrstadt zugleich an die Laborisierung der Ästhetik und wird zu einem ununterscheidbaren Geflecht von neuen Arbeitsformen, klassischer Ausbeutung, Freizeitaktivitäten und künstlerischer Selbstverwirklichung. Zudem wird jede Form von Projektarbeit (und es gibt nur noch Arbeit in Projekten) durch Eventmanager verwaltet, wodurch die Anerkennung des kreativen Prozesses als Arbeit gewährleistet werden soll. Dass diese Form des Arbeitens sich permanent über ihren legitimen Status als Arbeit vergewissern muss, zeigt, wie prekär diese vermeintlich selbstbestimmten, künstlerisch-kreativen Subjektivierungsweisen sind. Daher gibt es in Ruhrstadt auch nur noch Riesenevents, die in der Logik der Überbietung immer noch größer, individueller, kreativer werden müssen, um sichtbar zu bleiben – und dabei natürlich letztlich alle gleich werden.49 Selbst die Taxifahrerin muss als Kleinstunternehmerin den Status als Kreativkraft erlangen und sei es nur, indem sie einen Künstlernamen trägt. Sei kreativ! ist daher auch die Losung als Imperativ, an der alles gemessen wird: »Ruhrstadt: ein dezentraler Gigant, in dessen einzelnen Teilen die Menschen sich selbst verwirklichen werden. Und die Verwaltung wird sie nicht davon abhalten, sondern alles tun, um ihre Kreativität zu triggern und zu multiplizieren.«50

Dieses Triggern und Multiplizieren inszeniert sich ideologisch51 als große Liberalisierung und Freisetzung menschlicher Kreativkraft. Tatsächlich wird die scheinbar dezentral aufgebaute, rhizomatisch52 organisierte Ruhrstadt aber durch eine Art Headquarter verwaltet und der Imperativ der Kreativität in Echtzeit und mit den neuesten Technologien kontrolliert. Damit jeder auch tatsächlich wird, was er sein kann, so das obligate narzisstische Selbstbespiegelungsphantasma,53 vermischen sich kreatives Selbstunternehmertum mit klassischen Disziplinierungstechniken.54 Die freischwebende-spontane Kreativität, Phantasie und Kooperationsideologie ist außerdem durch umfassende Laborisierung etwa als Verpflichtung zur Erzeugung verwertbaren, kreativen Outputs in einen staatssozialistischen Fünfjahresplan eingebunden, der ebenfalls unausgesetzt überwacht wird. Dabei manifestiert sich dieser Plan vor allem topografisch. Die Aufteilung in Kreativbranchenmodule soll so erfolgen, dass in jedem Sektor die höchste Effizienz, d. h. der größtmöglich verwertbare, eventisierbare Output entsteht. Kreativität wird eingefasst in die Dauerschleife ökonomischer Verwertungslogiken.

Dem Literaturbetrieb der Ruhrstadt wird dabei die Aufgabe zuteil, Arbeit in ihren historischen Formen darzustellen, wodurch aus »historischen Altlasten […] Neulasten werden«:55

Die Kuratoren nahmen eine umfassende Neugestaltung der Literaturbetriebsinfrastruktur für die Stadt vor. Neben der Zusammenfassung und Neuprofilierung von Verlagshäusern sowie einigen Neugründungen, die den Wettbewerb anheizen sollten, ging es um eine strikte programmatische Ausrichtung. Und die formulierten die Kuratoren in Form eines Plansolls. Und so kamen wir eben zum Thema ARBEIT, dozierte Hyazinth […]. Schluss mit Reduktion auf Sprache, Schluss mit Beziehungsgeschichten und Schluss mit Theorieklamauk! Die ARBEIT sollte Thema für alle sein.56

Die Metropole als große Inszenierungsmaschine sorgt jedoch dafür, dass die Literatur nicht wirklich kritische Erinnerungsarbeit leistet, um vergangene Arbeitswelten als möglichen Erfahrungsraum für die Gegenwart zu erforschen. Das Kalkül größtmöglicher Wirkeffekte führt vielmehr zu einer Konfusion von Zeiten und Stilen, Arbeits- und Lebensformen in einem hybriden Spektakel voller Klischees, Hohlformen und Anachronismen. Vergangene Arbeitswelten des Ruhrgebiets sind dann nur noch literarisches Bildreservoir eines Phantasmas, das man als medialen und performativen Pseudo-Historismus bezeichnen könnte:57 Nichts ist endgültig vergangen, kann aber auch nicht als kritischer historischer Erfahrungsgehalt aktualisiert werden. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die zu Beginn des Beitrags für das Ruhrgebiet seit den 1960er Jahren als paradigmatisch bezeichnet wurde, ist in der kreativwirtschaftlichen Selbstperformanz von einem existenziellen Erfahrungsraum zu einer reinen Kulisse und einem Instrument der Selbstvermarktung geworden. Aus dem spannungsgeladenen Gefüge verschiedener Zeitschichten ist die Ruhrstadt in der ideologischen Selbstdarstellung zum Verwertungsgegenstand von »City-Branding-Experten«58 verdinglicht. Die Frage, was Arbeit genannt werden wird, scheint sich hier in einer permanenten Synchronisierung der Zeiten in einer geschichtslosen Gegenwart eingelöst zu haben.59 Die Zukunft wird mit der Gegenwart identisch, weil sich die All-Gegenwart in ihrer synchronisierenden Inszenierung aller Zeitschichten bemächtigt. Der kreative Imperativ des Gestalten-Müssens des ganz und gar Einzigartigen führt genau zu dieser performativen Synchronisation der Zeiten, die nur eine stetige Wiederholung der eigenen Gegenwart in immergleichen Events ist. Diese Überbelendung der Zeiten in einer unbeweglichen Gegenwart, die sich unablässig ihrer eigenen Dynamik versichern muss, schlägt sich wiederum bis in die Topografie der Stadt nieder. Der Plan der Ruhrstadt, der im Headquarter beobachtet wird, ist mit der Realität identisch, denn diese ist die Inszenierung des Projekts:

Früher, sagt Rozalija Astrauckas, nannte man diese Region – beugte sich zu Julietas Ohr und flüsterte hinein: das Ruhrgebiet – auch so: Zwischenstadt. – Wieso Zwischen? – Ich weiß nicht mehr. Aber wir Stadtplaner waren von Anfang an da, um jegliches Zwischen aufzulösen. – Die Ruhrstadt wollte nicht mehr zwischen sein, sondern mittendrin und gleichzeitig überall, ergänzt Joon Kwan. Da erscheint ein Plan auf dem riesigen Bildschirm. Doch es ist nicht die dynamische Real-Time-Stadtkarte, sondern eine aus den Anfängen der Ruhrstadt. Der Masterplan!, ruft Joon Kwan. Das war der Masterplan von 2017, so sollte es 2027 hier aussehen. Und jetzt vergleich mal mit der Realität von 2027! Astrauckas drückte einen anderen Knopf, und über den computeranimierten Plan fährt ein Foto. Auf den ersten Blick gibt es keinerlei Unterschied. Der Plan ist die Realität im Foto. Und umgekehrt.60

Alle Restbestände des alten Ruhrgebiets sind dem neuen Masterplan als großer Inszenierung einverleibt, werden selbst zu Teilen der Inszenierung von Vergangenheit.

Dieser mediale Pseudo-Historismus, der vor allem durch die Literatur performt wird, ist in Anarchie in Ruhrstadt aber nur die eine Seite und wird von einer anderen literarischen Darstellungsweise immer wieder spielerisch, satirisch und zeitkritisch flankiert: der sowohl inhaltlichen als auch formalen Überblendung unterschiedlicher Zeitebenen durch den Roman selbst. Die Anarchie in Ruhrstadt lässt sich nicht nur auf die unterschiedlichen kleinen Gruppen und politischen Bewegungen beziehen, die durch ihre subversiven Aktionen, ihre spirituellen Suche nach neuen Gemeinschaftserfahrungen oder ihre faustischen Verdunklungsphantasmen die Ruhrstadt bekämpfen. Die Anarchie wirkt noch viel grundlegender, bis auf die formale Ebene des Kompositionsprinzips des Romans: als Anarchie der Zeiten.61 Keine Kontinuitäten, keine Fortschritts- oder Verfallsgeschichten werden hier erzählt, sondern eine Landschaft in den Blick genommen, in der auf verschiedenen Zeitschichten Arbeitsverhältnisse, Lebensformen und Subjektivierungsweisen abgelagert sind, die sich durch unterschiedliche Grade von latenter Wirkmächtigkeit auszeichnen. Ein Flickenteppich ist diese (Arbeits-)Landschaft Ruhrgebiet mit verschiedenen Zeitmodi und unterschiedlich stark präsenten Narrativen. Das Resultat aus dieser Konfrontation der Zeitschichten, an der sich der Roman durchgehend ›abarbeitet‹, ist eine diskontinuierliche Landschaft voller wirkmächtiger Restbestände, gegenwärtiger Transformationsprozesse ökonomischer, sozialer, politischer Art und nicht eindeutig bestimmbarer utopischer/dystopischer Zukunftsvisionen, die sich permanent überblenden und so der topografischen Ordnung eine Uneindeutigkeit, bisweilen Ununterscheidbarkeit einschreiben, die einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess über Arbeits- und Lebensformen allererst möglich macht.62 Die sich aus der Korrelation von Form- und Inhaltsebene ergebende Signatur des Ruhrgebiets als Landschaft der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ermöglicht nicht nur eine kritische Reflexion über das stereotype Bildreservoir und den an das Ruhrgebiet geknüpften Repräsentationsformeln mit ihren traditionellen semantischen Gehalten, sondern eröffnet vielleicht auch den Möglichkeitsraum für die Diskussion einer Frage, die in diesem Beitrag keinen Platz gefunden hat und nur in einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess gestellt werden kann, der weder auf die Vergangenheit noch auf die Zukunft gerichtet ist, sondern stets gegenwärtig bleibt: Wie wollen wir arbeiten und leben?

1

Dieser Text ist Prof. Dr. Martin Jörg Schäfer (Universität Hamburg) in Dankbarkeit dafür gewidmet, dass er mir als Betreuer meiner Doktorarbeit stets den nötigen Freiraum für die Muße gelassen und dazu angespornt hat, auch abseits der Dissertation nach spannenden Forschungsthemen zu suchen.

2

Marianne Schuller hat in ihrem Buch Moderne, Verluste. Literarischer Prozeß und Wissen (1997) diese Perspektive als konstellatives Verfahren ausgewiesen. Im Gegensatz zur Metapher des Einflusses (hier: des Einflusses alter Arbeits- und Lebensformen nach grundlegenden strukturellen Veränderungen), die einen kontinuierlichen Zeitverlauf voraussetzt, »spannt die theoretische Figur der Konstellation ein Netzwerk aus, das sich unter dem unumgänglich nachträglichen Blick erzeugt. Denn das Gegenwärtige ist nicht einfach Resultat einer Vergangenheit, sondern es bildet sich in dem Licht, das aus der Zukunft des Vergangenen auf diese fällt. Die Gegenwärtigkeit des Erkenntnis-Objekts wird notwendig die verschränkte Form des zweiten Futur angenommen haben« (Marianne Schuller: Moderne, Verluste. Literarischer Prozeß und Wissen. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld 1997, S. 10 f.). Für die Betrachtung der Arbeitslandschaft Ruhrgebiet bedeutet dieses konstellative Verfahren nachfolgend vor allem, literarische Beschreibungen in den Blick zu nehmen, die bestimmte lineare Narrative von der Arbeitslandschaft Ruhrgebiet aufbrechen (etwa dasjenige vom zeitlichen Nacheinander des Kohlenpotts mit seinem Malocher-Mythos, der Dienstleistungsgesellschaft mit ihren neuen sozialen und ökonomischen Verwerfungen und zuletzt die an das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 geknüpfte kreative Aufbruchsstimmung einer neuen großen Metropolregion mit ihrer Reaktivierung alter Ruhrstadt-Phantasien) und komplexere Beschreibungsformen der Überblendung verschiedener Zeiten, Arbeitsweisen und Lebensformen erproben.

3

Martin Jörg Schäfer: Die Gewalt der Muße. Wechselverhältnisse von Arbeit, Nichtarbeit und Ästhetik. Zürich/Berlin: diaphanes 2013, S. 13.

4

Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Aus dem Englischen von Thomas Steiner. Frankfurt am Main: Campus 1995.

5

Vgl. Holm Friebe/Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. München: Heyne 2006.

6

Vgl. Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007.

7

Dieser spannungsgeladene Aushandlungsprozess lässt sich am Beispiel der manifestartigen Schrift Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung (Anm. 5) zeigen, demgegenüber der folgende Beitrag bereits mit der Frage Was werden wir Arbeit genannt haben? auch eine ›Gegenperspektive‹ einnimmt. Sieht man einmal davon ab, dass sich 2006, im Erscheinungsjahr des Buches von Holm Friebe und Sascha Lobo, vielleicht noch die gesellschaftlichen Effekte von Prekarisierung, Selbstoptimierungszwang und Flexibilisierung zugunsten des avantgardistischen kreativen Selbstunternehmens als selbstbestimmte, freie Lebens- und Arbeitsform emphatisch betonen ließen, bleibt bei diesem Lob auf das kreative Kleinstunternehmertum dennoch die Frage nach dem Zeitmodell, das hier an Arbeit geknüpft wird. Die Art und Weise der Erzählung des Bruchs mit der Festanstellung als vorherrschendem Arbeitsmodell impliziert bei Friebe/Lobo implizit die Idee einer historischen Linearität, in der Wechsel, Bruch und Ablösung letztlich relativ reibungslos auf einen übergeordneten Fortschrittsgedanken verpflichtet sind. Es wird nicht einmal mehr die Frage gestellt, was unter den Bedingungen von Technologisierung, Digitalisierung und Globalisierung zukünftig möglicherweise Arbeit genannt werden wird. Wir nennen es Arbeit ist diejenige Proklamation, die, wie noch zu zeigen sein wird, bei Jörg Albrecht zum schonungslosen Imperativ wird: Sei kreativ!

8

Steffen Stadthaus: Befreiung »von der Fron unter Tage«. Wolfgang Körners Roman Nowack als Literatur nach dem Ende der Arbeitsgesellschaft. In: Ute Gerhard/Hanneliese Palm (Hg.): Schreibarbeiten an den Rändern der Literatur. Die Dortmunder Gruppe 61. Essen: Klartext 2012, S. 89–110, hier S. 92. Ebenfalls sehr pointiert parallelisiert Dirk Hallenberger den »Strukturwandel im Revier und im Roman« (Dirk Hallenberger: Verortung in den frühen Industrieromanen von Max von der Grün. In: ebd., S. 111–135, hier S. 114). Eine systemtheoretische Perspektive auf den Strukturwandel in Arbeit/Gesellschaft und Literatur findet sich bei Gerhard Rupp: Literatur als Indikator des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Von Max von der Grüns Irrlicht und Feuer bis zu Frank Goosens Pink Moon. In: Jan-Pieter Barbian/Hanneliese Palm (Hg.): Die Entdeckung des Ruhrgebiets in der Literatur. Essen: Klartext 2009, S. 37–52.

9

Dass die literarische Repräsentation der Arbeitswelt hier erst im Moment der allmählichen Auflösung dieser Arbeitswelt einsetzt, mag man als tragisch bewerten, wie es Guido Hitze tut. Andererseits ließe sich aber auch fragen, ob die Möglichkeit der kritischen Beschreibung von Arbeitswelten nicht vielmehr notwendigerweise an Umbruchs- und Transformationsmomente gebunden ist. Bei Hitze heißt es dazu: »Das Tragische an dieser Entwicklung bestand nur darin, dass just in dem Moment, als Raum- und Zeitbilder ihre Kongruenz miteinander fanden, sich die Grundlagen eben jener Kongruenz schon in der Auflösung befanden« (Guido Hitze: Aufbrüche, Umbrüche, Wendepunkte. Die 1960er Jahre und der Wandel der kulturellen Identität an Rhein und Ruhr. In: Gertrud Cepl-Kaufmann/Jasmin Grande [Hg.]: Schreibwelten – Erschriebene Welten. Zum 50. Geburtstag der Dortmunder Gruppe 61. Essen: Klartext 2011, S. 58–65, hier S. 63).

10

Thomas Ernst: Das Schwarze sind die Buchstaben. Das Ruhrgebiet in der Gegenwartsliteratur – ein Überblick. In: Ders./Florian Neuner (Hg.): Das Schwarze sind die Buchstaben. Das Ruhrgebiet in der Gegenwartsliteratur. Oberhausen: asso 2010, S. 216–273, hier S. 232.

11

Ebd., S. 255 f.

12

Rolf Parr: Das Projekt einer ›Literaturgeschichte des Ruhrgebiets seit 1960‹. In: Britta Caspers u. a. (Hg.): Theorien, Modelle und Probleme regionaler Literaturgeschichtsschreibung. Essen: Klartext 2016, S. 5–29, hier S. 16.

13

Dass dieses Bild sowieso eher einer Projektion geschuldet ist, zeigen die mehrfach wiederholten Aussagen Max von der Grüns, wonach er gar nicht wisse, was Arbeiterliteratur im Allgemeinen und der (typische) Arbeiterschriftsteller im Besonderen sei: »Weil ich Bergmann war und schrieb, musste ich ein Arbeiterdichter sein. Das hängt mir an und wird mir bis an mein Lebensende anhängen; es tut mir auch nicht weh. Nur frage ich immer: Was ist das, ein Arbeiterdichter? Erklärt mir das bitte! Die Leute, die dieses Wort benutzen, kann man in die größte Verlegenheit bringen, wenn man sagt: Bitte erklärt mir, was das ist« (Heinz-Ludwig Arnold: Gespräch mit Max von der Grün [1974]. In: Ders.: Gespräche mit Schriftstellern. Max Frisch, Günter Grass, Wolfgang Koeppen, Max von der Grün, Günter Wallraff. München: C.H. Beck 1975, S. 142–197, hier S. 151). Das Bild vom prototypischen Schriftsteller des Bergbaus hat dabei viele Echokammern; neben der gesellschaftlichen Rezeption ist dieses Bild auch wiederum in die Literatur eingegangen und hat sich so verfestigt. So heißt es beispielsweise in der Reflexion über die fehlende gute Literatur über das Ruhrgebiet in Wolfgang Welts Roman Peggy Sue (1986): »Aber zu mehr als zu einem Max von der Grün hat es nicht gereicht, der festgelegt war auf seinen Pütt« (Wolfgang Welt: Peggy Sue. In: Ders.: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe. Drei Romane. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 7–122, hier S. 28).

14

Einen ersten Hinweis hierfür kann man darin sehen, dass Max von der Grün sich eigentlich immer eher mit den peripheren, beinahe dörflichen Lebensräumen des Ruhrgebiets beschäftigt.

15

Zur permanenten symbolischen Neubesetzung dieser Landschaft im Umbruch vgl. Rolf Parr: Ab in die »Mitten«. Von alten und neuen »mental maps« des Ruhrgebiets. In: Gerhard Rupp/Hanneliese Palm/Julika Vorberg (Hg.): Literaturwunder Ruhr. Essen: Klartext 2010, S. 21–42.

16

In den nachfolgenden Anmerkungen zu (Arbeits-)Landschaftsbeschreibungen bei Max von der Grün und Jörg Albrecht wird mit dem Begriff der Überblendung eine Art mediale Übersetzung erprobt: Von der Überblendung einzelner Bilder im Film hin zur Überblendung verschiedener Landschaftsbilder im Medium der Literatur. Dabei soll vor allem gezeigt werden, dass auch für die literarische Überblendung von Landschaftsbildern gilt, was Joachim Paech für die Überblendung im Film herausgestellt hat. Als eine spezifische Schwellensituation zwischen An- und Abwesenheit von Bildern, entsteht in der Überblendung »[f]ür einen kurzen Moment […] die paradoxe Figur der Gleichzeitigkeit in der Binnendifferenz oder Überlagerung zweier Formen, deren Auflösung oder gegenseitige Durchdringung zugleich die Form des (fotografischen) Mediums betonen« (Joachim Paech: Paradoxien der Auflösung und Intermedialität. In: Martin Warnke/Wolfgang Coy/Georg Christoph Tholen [Hg.]: HyperKult. Geschichte, Theorie und Kontext digitaler Medien. Basel: Stroemfeld 1997, S. 331–367, hier S. 358 f.). In den literarischen Beschreibungen der Arbeitslandschaft Ruhrgebiet entstehen in solchen Überblendungen bei Max von der Grün und Jörg Albrecht in je spezifischer Form Landschaftsbilder, die in ihrer Verschränkung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem die Frage nach dem Subjekt in dieser Landschaft aufwerfen. Bei Albrecht spiegelt sich diese Frage dann zudem auch noch auf der Formebene, wenn der literarischen Darstellungs- als Überblendungsweise auf formaler Ebene zugleich eine Montagetechnik entspricht, die permanent zwischen den Zeiten oszilliert.

17

Vgl. zur Aufteilung des Sinnlichen und der kritischen Intervention der Literatur in Hinsicht auf diese politischen Repräsentationsweisen Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. Aus dem Französischen von Maria Muhle, Susanne Leeb und Jürgen Link. 2. Aufl. Berlin: b_books 2008.

18

Max von der Grün: Arbeit – was das war und was das ist [1977]. In: Ders.: Klassengespräche. Aufsätze, Reden, Kommentare. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1981, S. 141–149, hier S. 149.

19

Max von der Grün: Zwei Briefe an Pospischiel. Roman. Neuwied/Berlin: Luchterhand 1968, S. 48 f.

20

»Landschaft ist Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist […].« Zur Landschaft wird Natur erst, »wenn sich der Mensch ihnen [den Feldern, Gebirgen, Steppen usw.] ohne praktischen Zweck in ›freier‹ genießender Anschauung zuwendet, um als er selbst in der Natur zu sein. Mit seinem Hinausgehen verändert die Natur ihr Gesicht. Was sonst das Genutzte oder als Ödland das Nutzlose ist und was über Jahrhunderte hin ungesehen und unbeachtet blieb oder das feindlich abweisende Fremde war, wird zum Großen, Erhabenen und Schönen: es wird ästhetisch zur Landschaft« (Joachim Ritter: Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft [1963]. In: Ders.: Subjektivität. Sechs Aufsätze. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974, S. 141–163, hier S. 150 f.).

21

Vgl. von der Grün: Arbeit – was das war und was das ist (Anm. 18), S. 141 f. Vgl. zu diesen Dichotomien im Allgemeinen auch Schäfer: Muße (Anm. 3), S. 19–22.

22

Von der Grün: Arbeit – was das war und was das ist (Anm. 18), S. 145 f.

23

Vgl. Schäfer: Muße (Anm. 3), passim.

24

Von der Grün: Zwei Briefe an Pospischiel (Anm. 19), S. 122.

25

Konrad Paul Liessmann hat gezeigt, wie Arbeit als »universelle[r] Ausdruck für Lebenstätigkeit« anthropologische Konzepte der Moderne grundlegend bestimmt. Vgl. Konrad Paul Liessmann: Im Schweiße deines Angesichts. Zum Begriff der Arbeit in den anthropologischen Konzepten der Moderne. In: Ulrich Beck (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 85–107, hier S. 86. Diese »Laborisierung menschlicher Tätigkeiten seit dem 19. Jahrhundert« (ebd., S. 88) greift in alle Lebensbereiche und stellt sie unter Leistungs- und Effektivitätsmaßstäbe.

26

Arnold: Gespräch mit Max von der Grün (Anm. 13), S. 190 f.

27

Von der Grün: Arbeit – was das war und was das ist (Anm. 18), S. 149.

28

Arnold: Gespräch mit Max von der Grün (Anm. 13), S. 180.

29

Max von der Grün: Männer in zweifacher Nacht. Roman. Recklinghausen: Paulus 1962, S. 68.

30

Vgl. Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 61 – Versuch einer Präsentation. In: Ders. (Hg.): Gruppe 61. Arbeiterliteratur – Literatur der Arbeitswelt? München: Boorberg 1971, S. 11–36, hier S. 33.

31

Von der Grün: Arbeit – was das war und was das ist (Anm. 18), S. 141. Max von der Grün koppelt diese Analyse aber nicht an eine grundsätzliche Absage an die Arbeit als Daseinserfüllung. In dem zitierten Aufsatz besteht die grundsätzliche Differenz vielmehr darin, dass Arbeit als Daseinserfüllung zur »Farce« in jenem Moment wurde (ebd., S. 144), in dem durch die moderne Arbeitsteilung der Arbeiter von seinem Produkt entfremdet wird. Implizit steckt hier in dem Verweis auf die Reformation und auf den Calvinismus auch die Idee, dass Arbeit dann Daseinserfüllung sein kann, wenn diese Entfremdung wieder aufgehoben werden könnte. Prototypisch für diesen nicht-entfremdeten Arbeiter, der souverän über seine Zeit verfügt, ist der Künstler, wenngleich die Gesellschaft ihn nicht als Arbeiter ansieht.

32

Ebd., S. 141.

33

Vgl. Schäfer: Muße (Anm. 3), S. 16–19. Vgl. ergänzend: »Die von der Arbeit versprochene Autonomie reproduziert eine Heteronomie, die sich über ihr eigenes Autonomieversprechen in die Zukunft ausweitet und diese Zukunft bereits fernsteuert: Die Zukunft vollzieht sich kaum zukünftig, sondern als wiederholte Gegenwart des Arbeitens« (Martin Jörg Schäfer: Rechten um … (Eigentum, Arbeit, Faulheit, Dummheit). In: Jörn Etzold/Ders. [Hg.]: Nicht-Arbeit. Politiken, Konzepte, Ästhetiken. Weimar: Bauhaus-Universität Weimar 2011, S. 138–153, hier S. 142).

34

Liessmann: Im Schweiße deines Angesichts (Anm. 25), S. 90.

35

Max von der Grün: Am Tresen gehn die Lichter aus. In: Ders.: Am Tresen gehn die Lichter aus. Erzählungen. Reinbek: Rowohlt 1974, S. 7–39, hier S. 19. Einige Seiten später heißt es dann sehr deutlich: »Was sollen Menschen in ihrer freien Zeit tun, die nie gelernt haben, mit freier Zeit umzugehen« (ebd., S. 23).

36

»Es war gar nicht so einfach, einen Feiertag totzuschlagen« (Max von der Grün: Stellenweise Glatteis. Roman. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1973, S. 105).

37

Max von der Grün: Irrlicht und Feuer. Roman. Recklinghausen: Paulus 1963, S. 232.

38

Arnold: Gespräch mit Max von der Grün (Anm. 13), S. 166.

39

Vgl. Liessmann: Im Schweiße deines Angesichts (Anm. 25), S. 86.

40

Von der Grün: Irrlicht und Feuer (Anm. 37), S. 228.

41

Jörg Albrecht: Beim Anblick des Bildes vom Wolf. Roman. Göttingen: Wallstein 2012, S. 15.

42

Die vielen verschiedenen ironischen, doppelbödigen und intertextuellen Anspielungen auf Namen, wie hier auf denjenigen des Autors, auf Ereignisse, auf Filme usw. müssen an dieser Stelle unberücksichtigt bleiben.

43

Jörg Albrecht: Anarchie in Ruhrstadt. Roman. Göttingen: Wallstein 2014, S. 13.

44

Ebd., S. 13 f.

45

Ebd., S. 20.

46

Ebd., S. 33.

47

Schäfer: Muße (Anm. 3), S. 13.

48

»Und der Kapitalismus hat sich in ihr [der Ruhrstadt, K.D.] in eine neuere und noch wendigere Form transformiert, in einen modularisierten Stadtstaat, Sozialismus und Kreativität im Ansatz, Kapitalismus im Ergebnis« (Albrecht: Anarchie in Ruhrstadt [Anm. 43], S. 157).

49

Dabei werden die Menschen permanent durch staatliche Subventionen zur Kreativität angehalten und gleichzeitig zum Konsum der Kulturveranstaltungen verpflichtet; vgl. ebd., S. 155 f.

50

Ebd., S. 35.

51

Der Roman ist der zweite Teil einer Serie, die den Titel Eine kurze Geschichte der Ideologie der Geschichten trägt und mit dem Roman Beim Anblick des Bildes vom Wolf (Anm. 41) beginnt. Die ideologische Rückseite und die ökonomischen Verwerfungen in den bisweilen pathetisch vorgetragenen, selbstreferentiellen Erzählungen, Bildern und Sprechweisen, die sich an die neuen (kreativwirtschaftlichen) Arbeits- und Lebenszusammenhänge knüpfen, darzustellen, scheint das verbindende Thema dieser Serie zu sein. Dass diese neue »kreative[ ] Arbeiterklasse« (Albrecht: Anarchie in Ruhrstadt [Anm. 43], S. 51) die eigenen prekären Arbeitsverhältnisse nicht nur durch Selbstverwirklichungsrhetorik, sondern vor allem durch inszenierte Selbstironie und -distanz über- und verblendet, scheint dabei die strukturellen/objektiven ideologischen Zusammenhänge in die subjektive Selbstwahrnehmung zu verlängern. Damit realisiert diese selbstironische Subjektivierungsweise eine (post-)moderne Ideologieform, die glaubt, nur (noch) eine Komödie zu spielen, um tatsächlich aber umso verbissener an den Rhetoriken und Versprechen dieser Arbeits- und Lebensformen zu hängen. Mit der Umkehrung der Vorstellung Karl Marx’, wonach sich die Geschichte immer zweimal abspielt: einmal als Tragödie und anschließend als Farce, hat Slavoj Žižek diesen ideologischen Zusammenhang folgendermaßen beschrieben: »Wir bilden uns nur ein, nicht mehr ›wirklich‹ an unsere Ideologie zu glauben – trotz dieser imaginären Distanz üben wir sie weiterhin aus. Wir glauben nicht weniger, sondern viel stärker als wir uns zu glauben einbilden« (Slavoj Žižek: Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Frank Born. Frankfurt am Main: Fischer 2011, S. 8).

52

Bezieht man das auf die von Thomas Ernst vorgeschlagene Einteilung der Ruhrgebietsliteratur in unterschiedliche Felder (vgl. Anm. 10), so lässt sich Jörg Albrechts Roman als Bespiel für literarische Versuche ausweisen, das Ruhrgebiet, also »diese zentrumslose ›Stadt der Städte‹ als ein Rhizom zu bezeichnen und damit als einen exemplarischen Stadtraum des 21. Jahrhunderts« (Thomas Ernst: Das Schwarze sind die Buchstaben [Anm. 10], S. 225). Im Roman wird dabei jedoch die »rhizomatische Struktur« als »außergewöhnliche[s] Merkmal des Ruhrgebiets, die man in ähnlicher Form nirgendwo anders findet« (ebd.), nicht nur auf die Chancen veränderter, differenzierter Darstellungsweisen hin erprobt, sondern auch hinsichtlich neuer Verwerfungen kritisch befragt. Zu den »Aporien der ›Netz‹-Symbolik« vgl. Parr: Ab in die »Mitten« (Anm. 15), S. 35–37.

53

»Die Menschen wandern und lassen sich neu nieder. Und warten. Darauf, dass die Creative Industries ihnen Arbeit schenken, Arbeit, durch die sie endlich zu dem werden können, was sie sind.« (Albrecht: Anarchie in Ruhrstadt [Anm. 43], S. 56). Außerdem: »Hey, das hier bin ich, und ich bin mein Geschäft!« (ebd., S. 47)

54

Diese Vermischung von Selbstverwirklichungsrhetorik und Disziplinierungstechniken ist typisch für jene modernen Arbeits- und Lebensformen, in denen die Selbstüberwachung die Grenzen des Arbeitskontextes überschreitet, um sich auch in den Privatbereich einzusenken. Wenn alles zur Arbeit wird und die Grenzen zu Formen der Nicht-Arbeit verwischen, weil Selbstverwirklichung und ›Arbeit am Selbst‹ zum umfassenden Paradigma wird, »sehen sich die Arbeitnehmenden in ihren fragilen Arbeitsverhältnissen zu Verhaltensweisen aufgefordert, die traditionell der Freizeit oder dem Sonderbereich der Kunst zugeordnet waren: zu kreativen Verhaltensweisen und ›Selbstverwirklichung‹ im Job« (Jörn Etzold/Martin Jörg Schäfer: Zum Geleit: Politiken, Konzepte, Ästhetiken von ›Nicht-Arbeit‹. In: Dies. [Hg.]: Nicht-Arbeit [Anm. 33], S. 6–13, hier S. 11).

55

Albrecht: Anarchie in Ruhrstadt (Anm. 43), S. 49.

56

Ebd., S. 48.

57

Am Beispiel des Ruhrstadtromans »Das Zigarettengirl von Kaliningrad« heißt es fast schon programmatisch: Das Buch habe »– typisch für die Ruhrstadt – etwas als Inszenierung präsentiert, um es damit zu einer Wirklichkeit zu machen« (ebd., S. 42 f.).

58

Ebd., S. 40.

59

Diese geschichtslose Gegenwärtigkeit in der performativen Aneignung aller Zeiten drückt sich vor allem auch in der Utopielosigkeit aus; das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird zu einem Spektakel umfunktioniert, das sich selbst ein Rätsel ist: »Wie ein Theater, das zwar super aussieht, aber überhaupt nicht weiß, was auf die Bühne soll« (ebd., S. 216).

60

Ebd., S. 38 f.

61

In der »kruden Mischung von Jahrhunderten« (ebd., S. 11) entsteht ein Bild vom Ruhrgebiet, in dem die Anarchie der Zeiten jeden linearen Geschichtsverlauf sprengt, wodurch stets gleichzeitig unterschiedliche Zeiten präsent bleiben: die 1920er Jahre mit der Roten Ruhrarmee, das Kulturhauptstadtjahr 2010 als »Hochglanzkunstprojekt[ ]« (ebd., S. 131), der Aufbruch in einen kreativwirtschaftlich organisierten Modulstaat in den Jahren 2015–2044 und das Jahr 2044, das wiederum eine uneindeutige Schwellen- und Aufbruchssituation markiert.

62

Die topografische Aushöhlung der Landschaft durch die Schächte des Bergbaus leitet ein Geschichtsbild vom Ruhrgebiet an, in dem sich Spuren des Vergangenen nicht nur ablagern, sondern auch als konfliktgeladene Energiespeicher ihres erneuten Ausbruches harren. Beispielhaft für diese iterative Konfrontation verschiedener Zeitschichten und ihrer latenten Spannungen, unerfüllten Hoffnungen und konfliktgeladenen Aufarbeitung ist die Rote Ruhrarmee, die durch den Roman geisterhaft spukt und aus den Tiefenschichten der Zeit immer wieder an die Oberfläche drängt.

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