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Die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober/November 1917 stellt ein historisches Faktum dar, aber handelte es sich dabei auch um eine ‚Revolution‘? Aus der Retrospektive anlässlich des einhundertjährigen Gedenkens an die Ereignisse von 1917 konstatiert der Osteuropahistoriker Dietmar Neutatz etwas ganz anderes, nämlich einen „strategisch geplante[n] Staatsstreich einer straff organisierten Minderheit“1 zum Zwecke der Errichtung einer Diktatur. Anders als bei der Februarrevolution gegen die Zarenherrschaft konnte bei der Machtergreifung der Bolschewiki unter Führung von Lenin und Trockij von einer Beteiligung der Massen nicht die Rede sein.

Das Substantiv ‚Revolution‘, in vielen europäischen Sprachen als dem lateinischen ‚revolvere‘ abgeleitet, gewann erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts seine moderne Bedeutung, in der zwei Komponenten zusammenkommen: Erstens muss die gemeinte Umwälzung der Staats- und Machverhältnisse als ‚plötzlich‘, ‚gewaltsam‘ und ‚total‘ beschreibbar sein. Diese semantische Komponente verhält sich gegenüber der Zeitgeschichte deskriptiv. Zweitens verlangt die Semantik von ‚Revolution‘ die Beteiligung einer größeren Gruppe, der ‚Masse‘ der Bevölkerung, wie man sie in der ‚Französischen Revolution‘, der ersten, auf die der moderne Begriff angewendet wurde, für gegeben hielt. Diese zweite Komponente verhält sich gegenüber der Zeitgeschichte deutend und macht aus der deskriptiven Kategorie eine emphatisch-ideologische, weil die Staatsumwälzung durch die Beteiligung der Massen ihre Legitimation erhält oder erhalten kann, sofern der „Wille des Volkes“, der „Wille der Masse“ im Deutungsnarrativ eine positive Leitkategorie darstellt.

Die Bolschewiki, die wie jede zur Macht gelangte Gruppe vor der Aufgabe standen, ihre Machtergreifung in einem Entstehungsnarrativ zu begründen und zu legitimieren, sahen sich entsprechend herausgefordert. Gerade weil ihre eigene marxistische Ideologie die Legitimierung der Macht zwingend an die Beteiligung der Massen band, musste eine solche nicht nur behauptet, sondern auch medial so durchgesetzt werden, dass sie Teil des kollektiven Bewusstseins, jetzt des neuen sozialistischen Kollektivs, werden konnte. Im anstehenden Kampf um die Deutung der Ereignisse, in der ein Staatsstreich zur ‚Revolution‘ und dann im emphatisch-propagandistischen Sinne zur „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ gewandelt wurde, setzten die Bolschewiki nicht nur auf das Wort, sondern – auf der Höhe der im Ersten Weltkrieg entwickelten Propaganda – auch auf das Bild, statisch in der Photographie, bewegt im Film. Neutatz bringt in Erinnerung, dass und wie ein in und außerhalb der Sowjetunion hundertfach reproduziertes Foto vom „Sturm auf den Winterpalast“ tatsächlich Teil der kollektiven Erinnerung geworden ist, nur dass die Aufnahme nicht aus dem Jahr 1917 stammt, sondern aus dem Jahr 1920 und nicht die „Revolution“ abbildet, sondern Proben zu einer Reenactment-Theateraufführung anlässlich des dritten Jahrestags der Oktoberrevolution unter der Regie von Nikolaj Evrejnov. Dieses inspirierte dann auch Sergej Ėjzenštejns Film Oktober von 1928.

Zugespitzt formuliert: Ob ein Ereignis zur ‚Revolution‘ wird, entscheiden der Deutungsdiskurs, der darüber geführt wird, sowie seine mediale Inszenierung. Dem Aspekt von Konstruktion und Perspektivierung der Ereignisse von 1917, und zwar in der eigenkulturellen Selbstwahrnehmung der Russen wie in der fremdkulturellen Beobachtung des Auslandes, gilt daher die erste Leitfrage des Bandes.

Das Revolutionsnarrativ stiftete für die Herrschaft der Bolschewiki jedoch nicht nur eine legitimierende Selbstbegründung, sondern war auch zentrales Element der frühen Außenpolitik. Bekanntlich suchten die Bolschewiki die Oktoberrevolution von 1917 außenpolitisch zunächst durch das Konzept der „Weltrevolution“ abzusichern. Der Funke der Revolution sollte auf die Nachbarländer und weiter überspringen, um die russische Revolution vor konterrevolutionären Einflüssen und Bedrohungen zu schützen und den Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus zu ermöglichen. Als erster Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten betrieb Trockij Außenpolitik nicht traditionell als Interessensicherung mit den Mitteln der Diplomatie, sondern „Export“ der permanenten Revolution, zunächst auf die Nachbarstaaten, prinzipiell aber weltweit. In diesem Zusammenhang fungiert das Revolutionsnarrativ als Grundlage wie auch als Mittel seiner auswärtigen Politik. Daraus entstanden zwei Aufgaben: Die Revolution musste erstens in allen Lebensbereichen als gestaltende Kraft praktisch und sichtbar werden; sie musste zweitens als ideologische Waffe ins Ausland übertragen und in anderen Kulturräumen aufgenommen und adaptiert werden.

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Transfer und Transformation von solchen selbstbegründenden Narrativen der Ausgangskultur in eine aufnehmende oder Zielkultur bilden den zentralen Gegenstand der Kulturtransferforschung, der der vorliegende Band methodologisch verpflichtet ist. Untersucht wurden nicht nur grenzüberschreitende Auswirkungen und Rezeptionsprozesse der eigentlichen Revolutionsereignisse in Deutschland und dem übrigen Europa, sondern auch deren Implikationen und Ansprüche einer fundamentalen Neugestaltung der Gesellschaft, angefangen vom Konstrukt des „Neuen Menschen“ bis hin zum Anspruch einer neuen, revolutionären Kunst. Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes stehen allerdings weniger die zeitgenössischen innerrussischen, binnensowjetischen oder von Emigranten geführten Diskurse, als vielmehr deren Wirkungsmacht in und für andere Kulturkreise, also Fragen nach Transferprozessen, Mittler- und Mittlerinnenfiguren, Netzwerken, Aufnahmekontexten, Adaptionen bis hin zu kollektiven und individuellen Identitätsbildungsprozessen. Einige der zentralen Fragestellungen lauteten beispielsweise: Wie wurden revolutionäre politische Ideen oder ästhetische Konzepte und Kunstauffassungen nach Westeuropa vermittelt und welche Medien oder Mittler- und Mittlerinnenfiguren waren daran beteiligt? Wie und in welchen Kreisen wurden diese Ideen und Diskurse in Deutschland und dem restlichen Europa aufgenommen? Und inwiefern wirkten sich diese Transferprozesse auf Konstruktionen nationaler beziehungsweise kultureller Identitäten oder Identitätszuschreibungen aus. Wie transformierten sich beispielsweise Zuschreibungen an „Russland“ und „die Russen“ im Zuge der Revolutionsereignisse aus deutscher Perspektive?

Aus der Beschäftigung mit diesen und ähnlichen Fragen sind die Texte für diesen Band entstanden. Sie adressieren unterschiedliche Disziplinen wie Literatur-, Musik-, Kunst-, Theater- und Geschichtswissenschaft. Durch die Adaption des von Michel Espagne und Michael Werner angestoßenen und inzwischen weiterentwickelten Konzepts der Kulturtransferforschung wird der Fokus auf die Rückkoppelung historischer Fakten an die Modi kultureller Selbstbeschreibung gerichtet. Terminologisch werden dafür die Kategorien der „entgegenkommenden Strömungen“ (vstrečnye tečenija nach Aleksandr Veselovskij) im Kulturgut der Ausgangskultur eingeführt, systematisch ergänzt um die des „aufnehmenden Bedürfnisses“ zur Kennzeichnung der Interessenlage in der Zielkultur. Das Zustandekommen von Kulturtransfer setzt eine zumindest partielle Schnittmenge zwischen beidem voraus, definiert als Komplex von Motiven und Interessen, der den Transfer initiiert und die Transformation des Transferierten steuert. Gerade die systematische Analyse dieser Schnittstelle ermöglicht es, Aspekte des Faktischen des Kulturtransfers mit den Ebenen der kulturellen Selbstbeschreibungen zu verbinden. Nach Jurij Lotman geht es darum, die Außensicht der retrospektiven Kulturgeschichte durch die Innensicht der am Transfer beteiligten Formationen zu ergänzen und zwar auch über mehrere Transferprozesse auf multilateralen Ebenen.

Kulturelle Austauschprozesse werden in unserem Konzept nicht eindirektional modelliert, sondern als dynamischer Prozess in beide Richtungen der beteiligten Kulturräume. Daraus entstehen häufig mehrgliedrige Verkettungen, die als „spiralförmige Kulturtransferprozesse“2 beschreibbar sind. Mit dieser Metapher werden kulturelle Austauschprozesse gekennzeichnet, die zwischen zwei kulturellen Formationen in mehreren Stufen hin- und herlaufen. Damit kommen größere Einheiten von Transferprozessen in den Blick, die tiefenstrukturell häufig gegeben sind, in der Auseinandersetzung mit einem konkreten Forschungsgegenstand aber nicht immer sichtbar werden.

*

Aus verfolgten Leitfragen und methodischem Zugriff leitet sich der Aufbau des Bandes in drei Rubriken ab.

I Deutungen und mediale Inszenierungen

Auch wenn dem Begriff ‚Revolution‘ das Attribut der Plötzlichkeit eingeschrieben ist, kann eine revolutionäre Veränderung doch erwartet, prognostiziert oder befürchtet worden sein. So entstehen in der kulturellen Selbst- wie in der Fremdbeobachtung vorgängige Deutungsschemata. Bei Eintritt des erwarteten Ereignisses (heute zum Beispiel dem Wahlsieg einer bestimmten Partei oder eines Kandidaten) präfigurieren solche Schemata dessen erste Deutung nach dem hermeneutischen Schema der Self-fulfilling prophecy, indem das Ereignis mit dem Erwarteten identifiziert beziehungsweise als solchen konstituiert wird. Die Entstehungsgeschichte vorgängiger Deutungen der Russischen Revolution beschreibt Kemper als spiralförmige Bewegung: Die emphatischen Begriffe von ‚Volk‘ und ‚historischer Mission‘, wie sie in der deutschen Romantik entstehen, werden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von russischen Intellektuellen und Schriftstellern intensiv rezipiert, adaptiert und damit kulturell „verdaut“ (Lotman). Sie gehen nicht nur in die russische Literatur, sondern auch in das Denken der russischen Slavophilen ein, das wiederum am Ende des Jahrhunderts deutsche Schriftsteller und Intellektuelle vor allem des rechten Spektrums wie Thomas Mann fasziniert. In Spannungsfeld der Ideologeme von Panslavismus und Pangermanismus entstehen im deutschen wie im russischen Kulturraum Naherwartungen eines großen und unvermeidlichen Kriegs; in der binären Spannung von westlicher „Zivilisation“ und östlicher „Kultur“ erscheint eine revolutionäre Umwälzung als Entladung kultureller Spannungen unausweichlich und begrüßenswert. So entwickelt sich in Deutschland ein vorgängiges Deutungsschema für eine in Russland erwartete Revolution, die nach 1917 im rechten politischen Spektrum – etwa bei Arthur Moeller van den Bruck – auch virulent wurde.

Das Narrativ von der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ als Geburtsstunde einer Gesellschaftsform der Zukunft bedurfte ständiger Bestätigung. Der Blick von außen durch Schriftsteller, die die junge Sowjetunion besuchten und dann darüber schrieben, war als Bestätigungsinstanz von besonderen Wert. Deshalb wurden Reiseerlaubnisse nach Prüfungen und Vorverhandlungen unter Auflagen und Kontrolle immer wieder erteilt, trotz der Gefahr, dass das Narrativ dadurch beschädigt werden könnte, dass der begeistert Einreisende eventuell als Ernüchterter oder gar als „Renegat“ zurückkehren und entsprechende Texte verfassen könnte. Zu den internationalen Bestsellern über die Herrschaft der Bolschewiki zählte Charles Saroléas Impressions of Soviet Russia von 1924. Hier geraten die Strategien der Selbstinszenierung des Autors und seine politischen Intentionen in Konflikt: Einerseits sucht Saroléa, dem Manuel Geist seinen Beitrag widmet, ständig seine Fachkompetenz und Überparteilichkeit zu betonen, andererseits werden unter dieser dünnen Firnisschicht seine antibolschewistischen Absichten sofort erkennbar.

Arnd Bauerkämper beschreibt die Auswirkungen der Februar- und der Oktoberrevolution in Großbritannien, die allgemein in der Geschichtswissenschaft als wenig bedeutsam angesehen werden. In seinem Beitrag zeichnet er nach, wie die britische Arbeiterschaft auf die Ereignisse in Petrograd reagierte und dass sie sich unter dem Motto Follow Russia sehr wohl gegen die Ungleichverteilung im eigenen Land mobilisierte. Diese Entwicklung rief Zugeständnisse seitens der Politik hervor, führte aber zugleich zur Herausbildung eines Überwachungssystems. Diese Auslandswirkung des Revolutionsnarrativs ist im Laufe der Historisierung nahezu vergessen worden, denn die Diskussionen um die Beteiligung Großbritanniens am Ersten Weltkrieg nahmen deutlich mehr Raum ein.

Die Frage, wie die Russische Revolution von den italienischen Faschisten und den deutschen Nationalsozialisten rezipiert wurde, wird von Ulrich Schmid verfolgt, der zunächst postuliert, dass Faschismus und Nationalsozialismus nicht als homogene Gebilde aufgefasst werden können und auch keine klare politische Unterteilung in „rechts“ und „links“ möglich erscheint. Die Russische Revolution hat allerdings eine neue, verheißungsvolle Heilsbotschaft angeboten, an der sich zahlreiche politisch extreme Bewegungen des 20. Jahrhunderts abgearbeitet haben. Obwohl der Bolschewismus, der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus politisch völlig unterschiedlich ausgerichtet waren, zeigen sie als Systeme durchaus verbindende Charakteristika, etwa die politische Theologie sowie eine revolutionäre Idee mit einem demiurgischen Anspruch.

In einen noch größeren Zusammenhang stellt Aleksej Žerebin die Deutungen der Russischen Revolution, indem er ihren Vorlauf in der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution ebenso einbezieht wie ihren Nachlauf bis in die Gegenwart der Postmoderne. Dabei beschreibt er eine Dialektik von einerseits Vorahnungen, Hoffnungen und Verheißungen, die auf die mit Revolutionen verbundenen Utopie- und Heilsversprechen reagieren, sowie andererseits Enttäuschung, Resignation und Verzweiflung: „Weltumfassend und permanent ist nicht die Revolution, sondern die Enttäuschung über ihre Ergebnisse geworden.“3 Bei Baudrillard werde sichtbar, dass der Deutungskampf um die Revolution(en) letztlich das Ringen um eine Leerstelle sei, wie sie etwa im Spannungsfeld der russischen Moderne zwischen „Verdiesseitigung des Göttlichen und Heiligung des Diesseitigen“4 greifbar werde. Gerade darin liege aber die Verführungsmacht der Revolution(en) in Permanenz.

II Transfer und Ausstrahlung

Wie konnten, wie sollten Schriftsteller und Intellektuelle in Westeuropa auf die Russische Revolution reagieren? Die Nachrichtenlage war dürftig, unüberschaubar und ihrer Provenienz nach kompliziert. Unter den Bedingungen der Propaganda des Ersten Weltkriegs war an eine „neutrale“ Berichterstattung nicht zu denken. Was aus Russland beziehungsweise von Russen selbst kam, unterlag grundsätzlich dem Verdacht bolschewistischer oder antibolschewistischer Propaganda. Und dennoch erschien diese gesellschaftliche Umwälzung als etwas Fundamentales mit gewaltiger Ausstrahlung, ja sogar mit unabsehbaren Folgen auch für den eigenen Kulturraum. In jedem Falle forderte die Russische Revolution eine eigene Positionierung heraus, eine Stellungnahme, eine Parteinahme. Das eigene Denken konnte „welthistorische“ Bestätigung erfahren oder aber sich zur Revision eigener Standpunkte genötigt sehen.

Für Transfer und Transformation des Revolutionsnarrativs entstand so ein Zusammenspiel von ‚aufnehmenden Bedürfnissen‘ und ‚entgegenkommenden Strömungen‘. Der industrielle Take-off, verbunden mit seinen weitreichenden sozialen Folgen und Verwerfungen, hatte im Rahmen der ökonomischen wie kulturphilosophischen Kapitalismuskritik den Boden für Revolutionserwartungen bestens bereitet. Sofern die Russische Revolution einer marxistischen oder auch anders gearteten, ‚linken‘ Geschichtslogik zugeordnet wurde, entsprach ihre Nobilitierung als historisch ‚relevant‘, ‚gerechtfertigt‘ oder gar ‚notwendig‘ dem aufnehmenden Bedürfnis der Bestätigung der eignen Position durch „die Geschichte“ selbst. In diesem Falle wurde dem Revolutionsnarrativ zugesprochen, was man als entgegenkommende Strömung brauchen oder in die Revolutionsereignisse hineinprojizieren konnte. Projektionen dieser Art gab es aber nicht nur im linken Spektrum, sondern im rechten ebenso, wo man einen reinigenden Weltenbrand erwartete oder erhoffte, der die Schlacken einer sekuritätssüchtigen, innerlich vormodernen und in den eigenen politischen Fesseln erstickenden Bürgergesellschaft aufsprengen sollte. Projektion überwucherte also die Information; die Bestätigung eigener Interessenlagen war wichtiger als die vermeintlich neutrale Analyse historischer Ereignisse.

Die Verführungsmacht des Revolutionsnarrativs bestand vor allem darin, dass es vielfach transformierbar war, indem es konkretere Narrative oder Ideologeme ausdifferenzierte. Dazu zählten beispielsweise das Narrativ vom „Neuen Menschen“, die messianische Erwartung eines neuen „Führers“ oder die Eschatologie einer „verwirklichten Utopie“. – Diesen Diskursen gehen die Beiträge der zweiten Rubrik dieses Bandes in unterschiedlicher Weise nach.

Der „Neue Mensch“ ist Gegenstand der Untersuchung bei Jürgen Lehmann. Im Zentrum stehen vor allem solche Ideologeme, die an religiöse oder mythologische Traditionen anschließen. Der in der römischen Antike abwertende Begriff des ‚homo novus‘ („Emporkömmling“) war durch das Christentum emphatisch aufgewertet worden: Der „Neue Mensch“ ist der lebensgeschichtlich zu Christus durchgebrochene oder von Christus erweckte Mensch, wie er wirkungsmächtig in den Confessiones des Augustinus und dann jahrhundertelang in der christlich-pietistischen Autobiographie beschrieben wird. Die Moderne nimmt solche christlichen Narrative gern in säkularisierter Variante auf: Der religiöse Kern geht verloren, während der semantische Überschuss der Tradition den nunmehr völlig verweltlichten Begriff weiterhin zieren soll. Solche Überhöhungsfiguren sind in der Moderne verbreitet und greifen ineinander. Der durch Revolution und Sozialismus geschmiedete neue Menschentypus kann als „Gottmensch“, „Übermensch“ oder „Allmensch“ ausgewiesen und damit in unterschiedliche Diskurse eingebaut werden; er kann in messianischer Tradition einen „dux novus“, einen erwarteten „Führer“ darstellen oder – in der Tradition der antiken Mythologie – den „roten“ Prometheus, den Menschenbildner oder Kulturstifter oder halbgöttlichen Revolutionär. All das kann die neuartige Persönlichkeitsstruktur des großen Einzelnen wie auch das jeweils überhöhte Kollektivwesen (ob „Volk“ oder „Proletariat“) betreffen.

Ähnlich verhält es sich mit der alten Redensart „ex oriente lux“, die (auch) vom Christentum, das seine Ursprünge – aus westeuropäischer Sicht – im Osten sah, früh in das Bildreservoire seiner Selbstbeschreibung übernommen wurde. Die geographisch-konzeptionelle Verbindung des Ostens mit dem Westen einerseits, die aus christlicher Tradition entspringende Assoziation mit einer Heilsbotschaft andererseits, prädestinierten den Terminus für eine neue politische Transformation, die die Russische Revolution mit dem „Licht der Erkenntnis“ (Aufklärung) oder der „Sonne des Selbstbewußtseyns“ (Hegel5) in Verbindung brachte. Dieter Martin stellt fest, dass die Auseinandersetzung mit dem Bild „ex oriente lux für die Kulturtransferforschung fruchtbringend sei, „weil die Formel ein räumlich binäres und zugleich prozessual dynamisches Verhältnis anzeigt“6 und zudem selbst eine Transfermetapher darstellt. Beides, ihre bildliche Suggestionsmacht sowie die semantische Offenheit der Formel für Projektionen jeder Art, machten sie für deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach dem Ersten Weltkrieg insbesondere im Expressionismus zur Chiffre eines politischen Transfers, und zwar ganz gleich, ob diese nur als offenes und vages Utopieangebot einer gesellschaftlich besseren Zukunft oder als konkretes Handlungsschema etwa für die Münchener Räterepublik aufgefasst wurde.

Mario Zanucchi zieht das Deutungsschema der Russischen Revolution im deutschsprachigen Expressionismus weit auf: Die bekenntnishaft apologetische Feier der Revolution bei Johannes R. Becher kontrastiert mit der anarchistischen Deutung etwa Erich Mühsams, beide wiederum mit der kulturpessimistischen Diagnostik bei Gottfried Benn und der Revolutionskritik bei Klabund. Sowohl mit Solidarisierungsbekundungen als auch mit Pathos oder Skepsis wurden die Ereignisse in Russland diskursiv begleitet. Auch die Auseinandersetzungen um die deutsche geistige und politische Neuausrichtung nach dem Ersten Weltkrieg waren davon zutiefst geprägt.

Eine besondere Herausforderung stellte die Russische Revolution für Rainer Maria Rilke dar, der sich im Vorfeld seiner bekannten Russlandreisen von 1899 und 1900 zusammen mit Lou Andreas-Salomé und Akim Volynskij ein vollkommen romantisiertes Russlandbild slawophiler Prägung zurechtgelegt und während der Reisen dann das erlebte Russland bedingungslos dem erlesenen unterworfen hatte.7 Soziales kam so überhaupt nicht in den Fokus oder wurde – aus heutiger Sicht skandalös – unter den Leitbegriffen von zivilisationsferner Natürlichkeit, Bauerntum und Orthodoxie umgedeutet: „Ich fürchte nicht, daß das russische Volk an Hunger sterben könnte, denn Gott selbst ernährt es mit seiner ewigen Liebe.“8 Jurij Lileev legt jedoch dar, wie sich Rilkes Wahrnehmung sozialer Realität in der Auseinandersetzung mit der Russischen Revolution und den deutschen Revolutionsversuchen entwickelte und differenzierte.

Das Beispiel Rilkes zeigt auf, welch wichtige Rolle Mittlerinnen und Mittler in Transferprozessen spielen, denn durch ihre Handlungen und Netzwerke werden nicht nur die Wege des Transfers bestimmt, sondern auch die Auswahl der transferierten Güter, deren Anpassung an die Zielkultur sowie deren Auswirkungen auf die kulturelle Identität des Aufnahmelandes. Eine solche Position nahm bis weit in die 1950er Jahre der Schriftsteller Edwin Erich Dwinger ein. In den 1920er und 1930er Jahren hat er sich selbst zu einem ausgewiesenen Russland- und Sowjetkenner stilisiert und wurde in der deutschen Öffentlichkeit auch als solcher wahrgenommen. Weertje Willms untersucht das Russland- und Sowjetbild, das dem deutschsprachigen Publikum durch Dwingers Romane wie zum Beispiel das Sibirische Tagebuch vermittelt wurde. Die Russische Revolution wird darin mit älteren Stereotypen und Diskursfragmenten zusammengebracht, was in einer eindringlichen Warnung vor dem Bolschewismus mündet. Trotz der rechtskonservativen Geisteshaltung von Dwingers Werken konnten verschiedene Gesellschaftsschichten an die Bücher anknüpfen, so dass der Autor sowohl in rechten als auch in linken Kreisen große Popularität genoss und viele seiner Werturteile über Russland in das kollektive Gedächtnis Deutschlands eingingen.

Es gibt aber auch Beispiele für Transfergüter, die zunächst hoch akzeptiert, dann aber – politisch motiviert – aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt werden, um schließlich wieder neu eingespeist oder reanimiert zu werden. Solche Konjunkturen erfuhr das Konzept der „roten“ Frau, das in Deutschland anhand der berühmtesten Vertreterin der Frauenbewegung in der Sowjetunion, Aleksandra Kollontajs, rezipiert wurde. Die emanzipierte Schriftstellerin, Ministerin und Diplomatin mit der ihr zugeschriebenen „Glas-Wasser-Theorie“ war im Deutschland der 1920er Jahre äußerst populär. Während ihre Erzählsammlung Ljubov’ pčel trudovych in der Sowjetunion aus moralischen Gründen abgelehnt wurde, erfuhr die Übersetzung unter dem Titel Wege der Liebe. Drei Erzählungen in der Weimarer Republik mehrere Auflagen. Elisabeth Cheauré kontextualisiert diese Schilderungen der freien Liebe im Rahmen der revolutionären Ereignisse in Russland, die auch ein neues Frauenbild in Deutschland inspirierten, ehe spätestens in den 1930er Jahren mit einer ideologischen Gleichschaltung in der Sowjetunion und in Deutschland dieser Rezeption vorerst ein Ende gesetzt wurde. Jahrzehnte später bot Kollontaj allerdings wiederum eine perfekte Identifikationsfigur für feministische Bewegungen; die Wiederentdeckung Kollontajs erstreckte sich sogar auf die DDR. Zugleich wurden mit dieser „roten Frau“ aber eigene, vergessene westeuropäische feministische Diskurslinien überdeckt. Anders formuliert: Die Revolution kommt wieder aus dem Osten.

Ein vergleichbares Schicksal, diesmal in der bildenden Kunst, erfuhr auch die Russische Avantgarde, die mit der „Ersten Russischen Kunstausstellung“ in Berlin 1922 eine prominente Plattform in der Weimarer Republik bekam und auf ein großes Interesse seitens Kunstkritik und Kunstschaffenden traf (Elena Korowin). Die neue Kunst aus der Sowjetunion begeisterte durch die Radikalität ihrer Ideen und Verfahrensweisen; charismatische Figuren wie Vasilij Kandinskij, Kazimir Malevič und Ėl’ Lisickij hinterließen in der deutschen Kunstlandschaft viele Spuren als Vermittler und Netzwerker. Auch hier wurden die 1930er Jahre zu einer Zäsur.

Doch einige Dekaden später erfuhr – wie eben für Kollontaj beschrieben – auch die Russische Avantgarde in der Bundesrepublik der 1960er bis 1980er Jahre eine regelrechte Renaissance. Allerdings hatten die ungegenständlichen Werke der Russischen Avantgarde keine Chance im politisch-ästhetischen System des Sozialistischen Realismus der DDR. Gemeinsam ist aber diesen beiden Transferobjekten, dass sie auf ein starkes aufnehmendes Bedürfnis stießen. Ihre Vermittler und Vermittlerinnen platzierten Kollontaj in die Kontexte der 68er-Bewegung sowie innerhalb derer neomarxistischer und feministischer Strömungen, während die Russische Avantgarde als Vorgängerin und Begründerin der abstrakten Tendenzen und der westeuropäischen und amerikanischen Neo-Avantgarde betrachtet wurde. Die Konjunktur der Russischen Avantgarde bestimmte zudem die Rezeption aktueller sowjetischer nonkonformistischer Kunst in der Bundesrepublik, die lediglich an ihrem progressiven Potential gemessen wurde.

III Realisierungsversuche

Das starke Interesse, das im Westen den revolutionären Ereignissen in Russland entgegengebracht wurde, darf nicht den Blick darauf verstellen, dass in Russland selbst trotz aller Umbruchs- und Erneuerungsrhetorik der Blick auf den Westen gerichtet blieb. Damit sind nicht nur das zunächst rhetorisch massiv vertretene Vorhaben der Weltrevolution gemeint und auch nicht nur das zunehmend attraktiv scheinende westliche Vorbild im Rahmen der Industrialisierung, sondern zugleich auch der Anspruch, Anschluss an die Moderne zu finden und sich dadurch in die „Welt“ zu integrieren. Dafür schien das Feld der Kultur besonders geeignet.

In diesem Kontext ist Maksim Gor’kijs von 1919 bis 1924 existierender Verlag Vsemirnaja literatura (Weltliteratur) von großer Bedeutung, an den Natalia Bakshi in ihrem Beitrag erinnert. Redaktionsstruktur, Verlagsprogramm und insbesondere die Übersetzungen deutschsprachiger Vorlagen zeigen, dass der Verlag zwar einerseits ein offizielles Projekt der sowjetischen Regierung war und damit eine klare literaturpolitische Funktion erfüllte, zugleich aber die Redakteure durchaus Spielräume hatten, um über die Aufnahme einzelner Werke in das Verlagsprogramm entscheiden zu können. Es ist tatsächlich erstaunlich, dass sich Gor’kij für die Auswahl und Übersetzungsarbeit auch an die Vertreter und Vertreterinnen der „alten“ Intelligenzia, wie Aleksandr Blok, Lev Gumilëv, Zinaida Gippius und andere, wand, um den klassischen Kanon der Weltliteratur nach neuestem wissenschaftlichem Kenntnisstand in der Sowjetunion zu etablieren. Freilich sind die ideologischen Implikationen nicht zu übersehen: Ein wichtiges Kriterium war zweifelsohne, dass die übersetzte deutsche Literatur mit den revolutionären Ideen irgendwie noch vereinbar schien. Bakshi beschreibt die theoretischen Vorlagen des Verlags sowie die Probleme, die sich in den ersten Jahren der Verlagsarbeit konkret zeigten und die letztlich das ambitionierte Vorhaben scheitern ließen: zu enge ideologische Vorgaben, zu große Editionspläne und nicht zuletzt auch die Folgen des Bürgerkrieges und der politisch-ideologischen Konsolidierung.

Fragen des Umgangs mit westlicher Kunsttradition werden auch von Charlotte Krauss thematisiert, die die postrevolutionäre Neupositionierung Jurij Tynjanovs in seinen „Notizen über die westliche Literatur“ (1921/1922) in den Blick nimmt. Dieser „Brief eines Blinden, der anderen Blinden die Farben beschreibt“, wie es im ersten Satz heißt, beginnt mit einer pessimistischen Positionierung, die von Oswald Spengler inspiriert ist. Tynjanov glaubt allerdings immer noch an die westliche Literatur, vor allem an den Expressionismus, an dem er den Versuch der Synthese verschiedener Künste und die Darstellung des Menschen ohne Nebensächlichkeiten lobt. In seinem Text plädiert er für einen Neuanfang, losgelöst von den Traditionen und von einer internationalen Kunst. Hierin sieht Krauss zum einen eine neue Haltung gegenüber westlichen Ideen in der Sowjetunion, zum anderen eine Transformation, die den Kulturtransfer auf wissenschaftlicher Ebene bereicherte.

Die Produktivität von Kulturtransferprozessen auch in politisch fundamental erschütterten Zeiten erstreckte sich nicht nur auf die bereits relativ gut erforschten Diskurse in Literatur, Film oder bildenden Künsten, sondern ist auch für den Bereich Musik zu beschreiben. Mit deren mannigfaltigen Vernetzungen und Wechselwirkungen beschäftigt sich Eckhard John in seinen Überlegungen zum „Orchester ohne Dirigent“, das das deutsche Publikum in den 1920er Jahren durch ein neues Erscheinungs- und Klangbild faszinierte. Der Ursprung und das große Vorbild dafür war das Moskauer Orchester „Persimfans“ (1922-1933). Wie John zeigt, unterliegt das ästhetische Urteil über das dirigentenlose Orchester einem ähnlichen Mechanismus, wie andere künstlerische Artefakte der Zeit: Die Ästhetik wird unmittelbar in ihrem Verhältnis zur Politik wahrgenommen und bewertet. Ungeachtet der politischen Vorbehalte wurde das Modell für einige Jahre dennoch erfolgreich weltweit umgesetzt, von der Ukraine bis in die USA. Die Emanzipation der Musikerinnen und Musiker fand allerdings Anfang der 1930er Jahre mit der Etablierung mächtiger Führerfiguren weltweit ein Ende.

Literatur

  • Kemper, Dirk; von Bülow, Ulrich; Lileev, Jurij (2020): Kulturtransfer um 1900. Rilke und Russland, München: Wilhelm Fink (= Schriftenreihe des Instituts für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen an der RGGU Moskau, 20).

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  • Historisches Wörterbuch der Philosophie, herausgegeben von Joachim Ritter [ab Bd. 4: und Karlfried Gründer]. Völlig neubearbeitete Ausgabe des <Wörterbuchs der philosophischen Begriffe> von Rudolf Eisler, 13 Bde., Basel, Stuttgart 1971–2007.

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1

Neutatz in diesem Band, S. 11.

2

Der Terminus wurde im Rahmen der Arbeit im IGK 1956 entwickelt. Vgl. dazu in diesem Band Kemper, S. 34-35, Cheauré, S. 208-211, Korowin, S. 233-235.

3

Žerebin in diesem Band, S. 105.

4

Žerebin in diesem Band, S. 103.

5

Vgl. Hühn, H.: „Westen. Okzident“, in: HWPh XII, S. 664.

6

Martin in diesem Band, S. 127.

7

Zuletzt dazu Kemper/von Bülow/Lileev 2020.

8

Brief an Sof’ja Šill vom 29. August 1900, zit. nach Lileev in diesem Band, S. 167.

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