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Vorrede





                   Dies ist ein Buch über die philosophischen Probleme in ihrem Zusammen-
                   hang. Insofern enthält es, was man früher ein System genannt hat, und so er-
                   klärt sich seine Mehrbändigkeit. Mir ist wohl bewusst, dass philosophische

                   Systeme seit dem Zusammenbruch des Deutschen Idealismus in der Mitte
                   des neunzehnten Jahrhunderts in Verruf geraten sind. Seither hat sich in der
                   Philosophie mehr und mehr die Aufffassung durchgesetzt, dass sich der einzel-
                   ne Denker um seine Disziplin weniger dadurch verdient macht, dass er einen
                   grundlegend neuen Gesamtansatz zur Diskussion stellt, als vielmehr dadurch,
                   dass er unser  Wissen mittels vertiefender Forschung in ausgewählten  Teil-
                   bereichen der Philosophie – etwa der Philosophie des Geistes oder der an-

                   gewandten Ethik – voranbringt, wo er zu einzelnen, zum Teil sehr spezifijischen
                   Fragestellungen publiziert, sagen wir dem Problem der Willensschwäche oder
                   der Frage nach der ethischen Legitimation gentechnischen Enhancements
                   kognitiver Fähigkeiten bei Kindern.
                      Nun möchte ich den Wert solcher Untersuchungen keineswegs in Frage
                   stellen. Meine Aufffassung ist vielmehr nur die, dass auch heute noch zumindest
                   einige Philosophen das Abenteuer wagen sollten, in ihrer Arbeit »aufs Ganze
                   zu gehen«. Denn ein besseres Verständnis unserer Welt erreichen wir nun ein-
                   mal durch Bereitstellung immer neuen Detailwissens alleine nicht, sondern

                   nur dadurch, dass wir die je einzelnen Resultate auch in einen systematischen
                   Gesamtzusammenhang einordnen.
                      Allerdings gebe ich sofort zu, dass die Empfehlung, man möge sich als
                   Philosoph um das Ganze kümmern, unter heutigen Bedingungen eine Zu-
                   mutung ist. Das ist mir selbst in seinem ganzen Ausmaß erst während der
                   Arbeit – als es längst kein Zurück mehr gab – klargeworden. Die Sache steht
                   unter einem gewichtigen Caveat: Man sollte unbedingt wissen, worauf man

                   sich einlässt – und es dann  trotzdem noch wollen. Auf dem Hintergrund
                   dessen, dass mich die Arbeit an diesem Buch so viele Jahre begleitet hat, hofffe
                   ich, dass man es mir nicht verübelt, wenn ich hierauf im Folgenden kurz etwas
                   näher eingehe.
                      Ein erster Punkt ist dieser: Will man das Ganze in einer Detailtiefe arti-
                   kulieren, die auch nur im Mindesten die Tragfähigkeit des Ansatzes zu be-
                   urteilen erlaubt, dann erfordert dies Zeit. Dabei will ich nicht auf den längst
                   müde gewordenen Topos der Vorwortrhetorik hinaus, dass man im Dienste
                   der großen Sache seine Freizeit opfert und die Familie sträflich vernachlässigt

                   (obwohl das selbstverständlich unweigerlich der Fall ist). Was ich mit dem Er-
                   fordernis von Zeit meine, ist der Umstand, dass man mit Bezug auf das Projekt

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