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Der vorliegende Aufsatz analysiert die Aktion André Bretons Zweites Surrealistisches Manifest, die im Juni 1996 im Rahmen des dreitägigen Prakterspektakels stattfand, eines Festivals, mit dem die Berliner Volksbühne ihre Spielstätte, den Prater im Prenzlauer Berg, einmal jährlich bespielte. Für dessen revolutionären Gestus diente die historische Performance Mise en accusation et jugement de M. Maurice Barrès par Dada als Vorlage. Im Rahmen der Performance übersetzte Schlingensief Bretons fragwürdige Behauptung, die erste und letzte surrealistische Tat sei der wahllose Schuss in die Menge, in die Aufforderung, sich eine Pistole zu besorgen und Helmut Kohl zu töten. Die Mitwirkenden rekrutierte Schlingensief während der vorangehenden Aufführung von Rocky Dutschke ’68, in der sich Schlingensief ebenfalls mit der Politikverdrossenheit der 1990er-Jahre auseinandersetzte. Gemeinsam zogen die Teilnehmer aus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zum Prater. Dort marschierte die Truppe lauthals Gesänge anstimmend und Parolen rufend ein – mit dabei eine lebensgroße Puppe. Sie ähnelte dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und wurde sodann an den Pranger gestellt und malträtiert. Die Presse skandalisierte diese Aktion, jedoch ohne diesen Ausbruch aus dem Theater und seine ästhetische Strategie des Schocks als Epilog zu Rocky Dutschke ’68 zu lesen.

In: Christoph Schlingensief und die Avantgarde