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  • Author or Editor: Jörg Schenuit x
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In: Geistige Existenz
In: Der Staub Gottes
In: Das gemessene Band
In: Der Anfang
In: Öffentliches Schweigen
In: Morbides Denken
Was wir uns hierzulande gestatten, als Autorität anzuerkennen, hat in der Regel mit ökonomischem Erfolg und politischer Macht mehr zu tun als mit der Befähigung und Begnadung des erzieherischen Menschen. Wohin ist der Sinn für jenes außerhalb des Menschen liegende Maß entschwunden, welches unser Leben lenken könnte?

Das beklagenswerte Los einer Lehrerschaft, das sich hinter dem Pseudonym des Bildungsbegleiters verbirgt, kann nicht als Unfall bezeichnet werden, sondern weist auf ein problematisches Verständnis der conditio humana. Obwohl kaum ein anderes Wort im öffentlichen Raum so sehr strapaziert wird wie das der Humanität, wird das Inferiore des Menschen, seine Verletzlichkeit und Angst, nicht in dem Maße gewürdigt, wie es zur Wahrscheinlichmachung einer starken Person nötig wäre. Hier darf die Asymmetrie in der Begegnung von Lehrer und Schüler, Wissendem und Lernendem nicht geleugnet werden, sie muss vielmehr anerkannt und mit Achtung durchwirkt werden.
»Das gemessene Band. Kulturkritik & Paideia« enthält Bei-träge von Anthony Carty, Norbert Hummelt, Stephan Steiner, Konrad Weiss u.a.
Humanismus und Anti-Humanismus (I)
In unserer Zeit von einer europäischen Identität zu sprechen, oder gar von einem humanistischen Erbe, das uns in die Hände gelegt worden ist, wäre frivol, ja ruchlos. Denn das hieße nichts Geringeres, als dass wir mit einiger Gewissheit sagen könnten, wie wir uns religiös, politisch und moralisch zu verstehen haben, welcher kulturelle Auftrag uns gegeben ist, was wir weiterzutragen und zu beschützen haben. Für den Einzelnen mag dies sogar möglich sein, und in religiöser Hinsicht ist es nie zu spät. Kulturell aber – und wir leben nun einmal im Hier und Jetzt, wir sind mit einer zweiten, für gewöhnlich rauen Haut überzogen – kann von solcher Gewissheit keine Rede sein. Eher verhält es sich so, dass die höchst unterschiedlich geformten, berückend schönen Kristalle der abendländischen Tradition frei durch den Raum schweben und die Geistesarbeiter unablässig damit beschäftigt sind, die besten von ihnen einzufangen, sie zusammenzulegen und darüber nachzudenken, ob und wie sie zueinander passen könnten. Ob die friedliche Ruhe oder Zustände des Glückes, die sich im Blick auf geordnete und schöne Dinge einstellen, nur eine menschliche Einbildung oder bereits eine Ahnung vom Höheren sind, ist die religiöse Kardinalfrage, die jenseits der kulturellen Zersplitterung, bereits als Problem formuliert, Trost zu spenden vermag.
Die hohe Wertschätzung, ja der Glaube an Institutionen gehört zu den unverkennbaren Merkmalen der Moderne. Die Vorteile liegen auf der Hand. Wo Institutionen mit festgeschriebenen Regeln die Beziehungen der Menschen untereinander regeln, entstehen Räume, in denen das unkontrollierbare Herrschaftsgebaren Einzelner keinen großen Schaden anrichten kann. Zugleich aber wissen offenherzig Suchende die ausrichtende Empfehlung von Berufenen, die über die sachdienliche Nutzung von Datenbanken hinausreicht, zu schätzen. Wenn sich Bewunderung, Begeisterung, Entzündung an einem Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ereignen, leuchtet ein Versprechen auf und Eros betritt die Bühne. Wo immer er uns begegnet, herrscht Ausnahmezustand: Schönste Erfahrungen des Ergriffenseins und der lebendigen Weitergabe von Gütern des Geistes gehen auf sein Konto. Doch ist ihm deshalb schon zu trauen? Dürfen wir ihm freies Geleit geben? Immerhin steht er nicht ganz zu Unrecht in dem Ruch, sexuelle Versuchungen zu befördern.
Bedenkt man, wie vielen Versuchungen und Anfechtungen ein Mensch tagtäglich ausgesetzt ist, will es wie ein Wunder erscheinen, dass er dem etwas entgegenzusetzen hat. Bei aller Schlechtigkeit, die dem Menschen eignet, lässt er sich doch in der Regel vom Guten leiten. Woher kommt der Widerstand in uns? Ist er das Werk von Erziehern, die auch heute noch, aller routinierten Skepsis zum Trotz, so machtvoll in uns wirken, dass wir uns auf den ausgesetzten Pfaden des Lebens zurechtfinden? Oder sind wir selbst es, die sich, wie Oliver Twist, der fast nie etwas Gutes sah und trotzdem zum Guten fand, an der Hand nehmen, sich selber führen?
Man wird selbsterzieherische und fremderzieherische An-teile nicht auswiegen können. Klar ist nur, dass auch gut erzogene Menschen Böses tun und schlecht erzogene Men-schen Gutes. Erziehung stößt an Grenzen.
Und die Angewiesenheit auf Gnade, die einem Einzelnen zuteil werden muss, damit er sich sammeln kann, ist nur um den Preis des Hochmuts zu bestreiten. So behält der alte Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts einen fahlen Beigeschmack: Erziehen lassen sich allem Anschein nach nur Einzelne – und auch diese nur begrenzt.