In: Poetica
In: Poetica
In: Staunen als Grenzphänomen
Authors: Klaus Ridder and Darwin Smith

Religiöses Wissen versteht das Tübinger Kolleg als Prozessbegriff. Dieser umschreibt den Vorgang des Transfers, der Umarbeitung, der Aktualisierung oder der Ästhetisierung von Offenbarungsgehalten und vorausgehenden Ausformungen des religiösen Wissens. Eine der zentralen Thesen des Kollegs betrifft die Verfahrensweisen, die für Transfers und Transformationen des religiösen Wissens entwickelt wurden. Diesen Kulturtechniken kommt insofern besondere Bedeutung zu, als sie auch dann weiter produktiv sind, wenn die Verbindlichkeit religiösen Wissens in Frage steht. Das geistliche Schauspiel als eine Großveranstaltung der mittelalterlichen Städte ist als wirkungsmächtige Form der Produktion, der sozialen Aktualisierung und der Vermittlung von religiösem Wissen zu betrachten. Die Autoren und Kompilatoren der Spieltexte greifen auf die kanonisierten Schriften, aber ebenso auf apokryphe und legendenhafte Werke zurück, um Heilsgeschichte zu vergegenwärtigen. Mit dieser Art der Textkonstitution geht die Anpassung des religiösen Wissens an die spezifischen Anforderungen des Mediums einher: Selektion, Kombination und Strukturierung religiöser Inhalte orientieren sich an performativen Gesichtspunkten, um die Wirksamkeit der Aufführung zu gewährleisten. Weitgehender Konsens besteht darin, dass zwischen deutschen und französischen Passionsspielen zwar deutliche Korrespondenzen, aber keine textgenetischen Beziehungen (im Sinne einer Übersetzung) anzusetzen sind. Mit Hilfe der im Tübinger Kolleg entwickelten Kriterien lassen sich Vergleichspunkte definieren, um französische und deutsche Schauspiele strukturiert auf unterschiedlichen Ebenen in Beziehung zu setzen. Der Artikel analysiert exemplarisch die Darstellung von Maria Magdalena sowie der Judasfigur in der Passion des Arnoul Gréban sowie im Frankfurter und Donaueschinger Passionsspiel. In der Orientierung auf die Formen der Transformation religiösen Wissens in szenisches Geschehen sehen wir eine Möglichkeit, französische und deutsche Passionsspiele vergleichend zu analysieren – unabhängig von textgenetischen Beziehungen. Auch nachdem der Spieltypus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nicht mehr produktiv ist, bleiben charakteristische Verfahrensweisen der großen Passionsspiele in nachfolgenden Theaterformen präsent.

In: Religiöses Wissen im vormodernen Europa
Der Auftaktband der neuen Reihe Poetik und Ästhetik des Staunens beschäftigt sich mit dem Staunen als einem Moment der Grenzerfahrung und Grenzziehung, der Neugier und Überwältigung, der Erkenntnis und Blindheit, aber auch als Anfang von Denken, Erkennen, Sehen und Dichten.
Staunen indiziert eine (noch) nicht kategorisierbare Fremdheit und konstituiert damit eine Grenze des Verstehens und Wissens. Damit wird es zum Ausdruck einer semantischen Leere vor dem Fremden. Als Moment der verunsichernden Reflexion kann es so zum Stimulus eines Begehrens nach Grenzüberschreitung werden. Andererseits kann es Ausdruck eines Zustands sein, in dem sich ein radikal anderes, nicht mehr an Körper und Verstand gebundenes Wissen ereignet. In den interdisziplinären Beiträgen des Bandes wird Staunen, historisch und diskursiv je unterschiedlich akzentuiert, als Phänomen der Grenze reflektiert, das dann im Kunstdiskurs, von der Antike bis heute, zu einem Moment des lustvollen Verharrens auf den Grenzen der Wahrnehmung, des Wissens und der Erfahrung werden kann.
Mit Beiträgen von Udo Friedrich, Jan Niklas Howe, Reinhard Möller, Anna Laura Puliafito, Stefan Matuschek, u.a.