Is It Always Good to Be Reasonable? (Ist es immer gut, vernünftig zu sein?)

in Grazer Philosophische Studien
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  • 1 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg konstantin.weber@gmx.de

The claim that it is always good to be reasonable can be understood to mean either that being reasonable is always better than being unreasonable all things considered or that being reasonable is better than being unreasonable in at least one respect. This paper tries to evaluate both claims and argues for the second, weaker thesis while dismissing the first. To do this, two distinct ideas contained in our every-day understanding of reasonability are distinguished and formulated more precisely. It is then argued that, regardless of which idea we take to be fundamental, being reasonable is always good in at least one respect, though not always good all things considered.

Abstract

The claim that it is always good to be reasonable can be understood to mean either that being reasonable is always better than being unreasonable all things considered or that being reasonable is better than being unreasonable in at least one respect. This paper tries to evaluate both claims and argues for the second, weaker thesis while dismissing the first. To do this, two distinct ideas contained in our every-day understanding of reasonability are distinguished and formulated more precisely. It is then argued that, regardless of which idea we take to be fundamental, being reasonable is always good in at least one respect, though not always good all things considered.

* Winner of the first prize for the 2016 essay competition for students sponsored by the Gesellschaft für Analytische Philosophie (gap) in cooperation with the Grazer Philosophische Studien. The question for the 2016 competition was: Ist es immer gut, vernünftig zu sein? [Is it always good to be reasonable?]. After careful study, the jury (consisting of six members) chose two of the 20 submitted essays as deserving of the first prize. This is one of the two winning submissions.

1 Einleitung

Ist es immer gut, vernünftig zu sein? Eine Möglichkeit, diese Frage zu verstehen, fasst sie als die Frage danach auf, ob es gut ist, wenn wir in unserem Denken und Handeln vernünftig sind, d.h. wenn wir in jedem Fall das tun oder glauben, was die Vernunft von uns zu tun oder zu glauben verlangt.1 Intuitiv würden wir diese Frage wohl bejahen: Vernünftigkeit im Denken und Handeln scheint etwas Gutes und Erstrebenswertes zu sein. Wir können hier allerdings zwei verschiedene Thesen im Sinn haben. Zum einen können wir dieses meinen:

(T1) Eine vernünftige Handlung oder Überzeugung ist stets alles in allem betrachtet besser als eine unvernünftige.

Zum anderen bietet sich die folgende, schwächere Lesart an:

(T2) Eine vernünftige Handlung oder Überzeugung ist stets in mindestens einer Hinsicht besser als eine unvernünftige.

In diesem Essay will ich diese beiden Behauptungen überprüfen. Um dies zu tun, ist es nötig, zunächst eine Vorstellung davon zu haben, worin Vernünftigkeit genau besteht und was die Vernunft von uns fordert. Ich werde daher in einem ersten Abschnitt zwei Aspekte unseres Alltagsverständnisses von Vernünftigkeit vorstellen und etwas präzisieren. Vor diesem Hintergrund werde ich (T1) und (T2) dann einzeln in den Blick nehmen und in Hinsicht auf beide Aspekte von Vernünftigkeit untersuchen. Ich werde zu dem Ergebnis kommen, dass sich (T1) nicht plausibel machen lässt, wir aber gute Gründe haben, (T2) zu akzeptieren.

2 Worin besteht Vernünftigkeit?

Unser alltägliches Verständnis von Vernünftigkeit umfasst im Wesentlichen zwei Ideen. Zum einen halten wir Personen für unvernünftig, wenn sie Dinge tun oder glauben, die sie nicht tun oder glauben sollten. So handelt beispielsweise jemand, der ‚wider alle Vernunft‘ durch waghalsige Unternehmungen seine Gesundheit und sein Leben nachhaltig schädigt, klar unvernünftig. In analoger Weise ist jemand, der eine Überzeugung selbst im Angesicht überwältigender Belege für ihre Falschheit nicht aufgibt, nicht in vollem Maße vernünftig. Dieser Auffassung zufolge besteht Vernünftigkeit darin, richtig auf Gründe zu reagieren, also stets zu tun oder zu glauben, wozu man zwingende oder zumindest hinreichende Gründe hat, und zwar weil man die entsprechenden Gründe hat.

Andererseits gibt es bestimmte paradigmatische Beispiele für Unvernünftigkeit, die sich nur schwer nach diesem Schema verstehen lassen. Ein übereifriger Tourist, der die vatikanischen Museen zu besuchen beabsichtigt, zugleich aber einen Stadtbummel plant, obwohl er weiß, dass sich nicht beides realisieren lässt, ist unvernünftig. Dies scheint aber nichts mit den jeweiligen Gründen für die Optionen zu tun zu haben – der Ursprung seiner Unvernünftigkeit liegt vielmehr in der spezifischen Kombination von Absichten. Eines ähnlichen Fehlers macht sich ein Hypochonder schuldig, der zwar einsieht, dass das Kratzen im Hals harmlos ist, zugleich aber nicht von der Überzeugung abrückt, dass es mit der eigenen Gesundheit bergab gehe. In solchen Fällen scheint Vernünftigkeit darin zu bestehen, dass die eigenen mentalen Einstellungen kohärent sind.

Diese beiden Aspekte unseres Alltagsverständnisses von Vernünftigkeit – Vernünftigkeit als richtiges Reagieren auf Gründe einerseits und Vernünftigkeit als mentale Kohärenz andererseits – finden sich auch in der philosophischen Fachdebatte wieder, wobei häufig einer der beiden Ideen der Vorrang eingeräumt wird. So versteht, um jeweils nur ein Beispiel zu nennen, Derek Parfit Vernünftigkeit vornehmlich nach dem ersten Modell (Parfit 2011, besonders 111–129), während für John Broome die zweite Idee zentral ist (Broome 2013, 90: „The centre of rationality is such things as avoiding contradictory beliefs and intentions“). Mir wird es hier nicht darum gehen, zwischen diesen beiden Auffassungen zu entscheiden (tatsächlich bin ich der Ansicht, dass eine überzeugende Konzeption von Vernünftigkeit beide Aspekte berücksichtigen sollte). Ich werde die eingangs formulierten Behauptungen daher im Folgenden jeweils für diese beiden Aspekte unseres Alltagsverständnisses von Vernünftigkeit diskutieren.

Bevor wir uns dieser Diskussion zuwenden, lohnt es sich jedoch, die jeweiligen Ideen noch etwas präziser zu fassen. Beginnen wir mit dem ersten Aspekt von Vernünftigkeit, dem richtigen Reagieren auf Gründe. Gründe sind, nach einer plausiblen und verbreiteten Auffassung, der ich mich hier anschließe, Tatsachen. Beispielsweise ist die Tatsache, dass ich meinem Freund versprochen habe, nach seiner Katze zu sehen, ein Grund, dies auch zu tun. Was in einer bestimmten Situation ein Grund wofür ist und welche Stärke ein bestimmter Grund hat, kann dabei zudem von weiteren Tatsachen abhängen, die selbst keine Gründe sind. Wir können Tatsachen, die selbst Gründe sind oder in einer dieser Weisen mit gründe-konstituierenden Tatsachen interagieren, als normativ relevante Tatsachen bezeichnen. Ein erster Versuch, das richtige Reagieren auf Gründe genauer zu fassen, könnte nun folgendermaßen aussehen: Wir reagieren genau dann richtig auf Gründe, wenn wir das, was wir im Lichte aller normativ relevanten Tatsachen zu tun oder zu glauben zwingende oder hinreichende Gründe haben, deshalb tun oder glauben, weil wir diese Gründe haben.2

Diese Erläuterung passt mit einem zentralen Merkmal von Vernünftigkeit aber noch nicht zusammen. Es scheint eine begriffliche Wahrheit zu sein, dass zwei Personen, die sich mental in jeder Hinsicht gleichen (sowohl synchron wie diachron), auch gleich vernünftig sein müssen. Wir können hier davon sprechen, dass Vernünftigkeit auf dem Geist superveniert (Broome 2013, 89). Diese Form der Supervenienz hat zwei wichtige Konsequenzen. Einerseits sollten wir nicht verlangen, dass man nur dann richtig auf Gründe reagiert, wenn man das tut, was man tun soll – es ist ausreichend, die entsprechende Absicht zu fassen. Andererseits sollten wir aber auch davon absehen, die tatsächlichen Gründe einer Person als ausschlaggebend anzusehen. Stellen wir uns dazu zwei mental identische Personen vor, die auf demselben, vernünftigen Weg zu einer bestimmten Überzeugung über normativ relevante Sachverhalte kommen. Wir können nun weiter annehmen, dass diese Personen sich tatsächlich in unterschiedlichen Situationen befinden, sodass die Überzeugung im Falle der einen Person wahr, im Falle der anderen Person jedoch falsch ist. Die Person mit der falschen Überzeugung ist aber, wenn sie nun tut, was sie im Lichte der Dinge, die sie irriger Weise über ihre Situation glaubt, tun soll, nicht weniger vernünftig als die, die sich nicht im Irrtum befindet, obwohl sie unter Umständen nicht das tut, wozu sie tatsächlich zwingende Gründe hat. Gleiches gilt für eine Person, der bestimmte normativ relevante Tatsachen unbekannt sind (Broome 2013, 74 f.) Wir sollten das für Vernünftigkeit relevante Reagieren auf Gründe also vielmehr folgendermaßen verstehen:

(rrg) Wir reagieren genau dann richtig auf Gründe, wenn wir die Einstellungen, die wir im Lichte aller unserer Überzeugungen über normativ relevante Sachverhalte haben oder ausbilden sollen, haben oder ausbilden.3

Nachdem wir damit die Vorstellung, Vernünftigkeit beinhalte das richtige Reagieren auf Gründe (oder besser: das richtige Reagieren auf scheinbare Gründe), präzisiert haben, können wir uns dem zweiten Aspekt von Vernünftigkeit zuwenden. Verstehen wir Vernünftigkeit in diesem Sinn primär als Kohärenz der eigenen mentalen Einstellungen, folgt, dass die Vernunft bestimmte Kombinationen von Einstellung verbietet. Was inkohärent ist, ist zugleich zu glauben, dass p, und zu glauben, dass nicht-p. Die entsprechenden Gebote der Vernunft, die wir Kohärenzgebote nennen können, haben damit ganz allgemein die folgende logische Form:

(kg) Die Vernunft fordert, dass man Folgendes sicherstellt: Man hat nicht zugleich die Einstellung E und die damit unverträgliche Einstellung F.4

Wichtig ist dabei, dass die Vernunft keine einzelne Einstellung fordert. In der entsprechenden Fachterminologie ausgedrückt können wir sagen, dass Kohärenzgebote der Vernunft einen weiten Skopus haben, der Operator „Die Vernunft fordert, dass“ sich also auf den gesamten folgenden Ausdruck bezieht. Eine wichtige Folge davon ist, dass man, wenn man ein solches Kohärenzgebot verletzt, seine Vernünftigkeit stets auf verschiedene Weisen wiederherstellen  kann: Einerseits, indem man die Einstellung E aufgibt, andererseits, indem man F ablegt. Kohärenzgeboten kommt damit die Eigenschaft der Symmetrie zu.

3 Ist es immer alles in allem gut, vernünftig zu sein?

Nachdem wir uns nun über die Natur von Vernünftigkeit etwas klarer geworden sind, können wir nun der Frage nachgehen, ob es immer gut ist, in so verstandener Weise vernünftig zu sein. In diesem Abschnitt werde ich mich der ersten Lesart dieser These, nämlich (T1), widmen und sie für die beiden Aspekte von Vernünftigkeit einzeln prüfen. Es wird sich ergeben, dass es bezüglich beider Aspekte von Vernünftigkeit gute Gründe gibt, (T1) zu verwerfen.

Beginnen wir mit dem ersten Aspekt von Vernünftigkeit, dem richtigen Reagieren auf Gründe. Auf den ersten Blick scheint es eine nahezu triviale Behauptung zu sein, dass man, indem man seinen Gründen folgt, zu den besten Ergebnissen kommt. Dass etwas gut oder wertvoll ist, bedeutet schließlich, dass wir auch einen Grund haben, es zu realisieren (zumindest will ich diese Annahme hier treffen). Tatsächlich liegen die Dinge allerdings anders. Wir hatten im letzten Abschnitt gesehen, dass es bei dem für Vernünftigkeit relevanten Reagieren auf Gründe nicht um tatsächliche, sondern um scheinbare Gründe geht: Es ist vernünftig, die Einstellungen zu haben, die man im Lichte der eigenen Überzeugungen über normativ relevante Sachverhalte haben soll. Dies eröffnet uns nun eine Möglichkeit, (T1) in Zweifel zu ziehen.

Wenn wir uns nämlich über normativ relevante Sachverhalte täuschen oder uns wichtige Tatsachen unbekannt sind, kann es geschehen, dass wir, wenn wir vernünftig sind, zu Ergebnissen kommen, die alles in allem sehr viel schlechter sind als die, die wir durch Unvernünftigkeit hervorbrächten. Nehmen wir beispielsweise an, Peter stehe vor der Frage, wie er den Nachmittag verbringen sollte. Peter glaubt, irriger, aber vernünftiger Weise, dass er sehr viel Geld gewinnen werde, wenn er die Grashalme in seinem Garten zähle. Reagiert Peter nun richtig auf seine (scheinbaren) Gründe, wird er den Rest des Tages auf dem Rasen zubringen. Tatsächlich scheint daran aber nichts Gutes zu sein. Hätte Peter, um die Langeweile dieser repetitiven Tätigkeit zu vermeiden, stattdessen unvernünftiger Weise einige noch ausstehende Besorgungen erledigt, wäre dies alles in allem besser gewesen.

Ebenso wenig ist (T1) plausibel, wenn wir den Aspekt von Vernünftigkeit in den Blick nehmen, der vornehmlich mit Kohärenz befasst ist. Wir hatten zuvor festgestellt, dass Kohärenzgebote symmetrisch sind und stets auf mehrere Weisen erfüllt werden können. Eine Person kann Inkohärenzen damit aber stets auf eine Weise auflösen, die dazu führt, dass sie Einstellungen hat, die alles in allem keineswegs gut sind. Auch ein bösartiger, dummer und ignoranter Mensch kann vollständig kohärent sein.

Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man beide Aspekte gemeinsam betrachtet. Auch dann, wenn wir sowohl um Kohärenz bemüht sind als auch unseren (scheinbaren) Gründen folgen, hängt es von unseren Überzeugungen über normativ relevante Sachverhalte ab, welche Einstellungen wir ausbilden oder ablegen sollen. Damit ist zwar sichergestellt, dass wir Inkohärenzen nicht auf die falsche Weise beseitigen, wenn wir uns im Irrtum befinden. Es ist aber weiterhin möglich, dass wir Einstellungen wählen, die alles in allem nicht gut sind. Wenn Peter, der zwar der Meinung ist, er solle Grashalme zählen, dies aber noch nicht zu tun beabsichtigt, diese Inkohärenz im Lichte seiner Überzeugungen über normativ relevante Sachverhalte vernünftiger Weise dadurch beseitigt, dass er die entsprechende Absicht fasst, ist das alles in allem schlechter als wenn er unvernünftiger Weise die Überzeugung aufgeben würde. (T1) sieht sich damit bezüglich aller Aspekte von Vernünftigkeit mit erheblichen Bedenken konfrontiert.

4 Ist es immer in irgendeiner Hinsicht gut, vernünftig zu sein?

Es bleibt (T2), die zweite Lesart der These, dass es immer gut sei, vernünftig zu sein. (T2) scheint angesichts der vorangegangenen Überlegungen einen schweren Stand zu haben. Diese deuten nämlich darauf hin, dass eine vernünftige Handlung oder Überzeugung in jeder Hinsicht schlechter sein kann als eine unvernünftige: Wenn Peter Grashalme zählt, scheint daran überhaupt nichts Gutes zu sein. Ich glaube jedoch, dass es zumindest eine Sache gibt, die wir auch in solchen Fällen zu Gunsten der Handlung anführen können. Auch wenn es alles in allem sicherlich nicht gut war, so zu handeln, war es, so können wir sagen, immerhin vernünftig. Dies lässt sich darüber hinaus in jedem Fall anbringen, in dem jemand eine vernünftige einer unvernünftigen Option vorzieht. In diesem Abschnitt werde ich versuchen, diesen Ausdruck mit Inhalt zu füllen. Meine These ist, dass eine vernünftige Handlung oder Überzeugung zumindest in der Hinsicht gut ist, dass sie eine wertvolle Disposition manifestiert, nämlich eben die Disposition, vernünftig zu sein.

Um diese These plausibel zu machen, muss ich zeigen, dass eine vernünftige Disposition etwas Gutes ist. Wie wir im ersten Abschnitt gesehen haben, können wir diese Disposition, entweder als die Disposition, richtig auf (scheinbare) Gründe zu reagieren, oder als die Disposition, kohärent zu sein, oder als die Disposition zu beidem verstehen. Dass man in solcher Weise disponiert ist, bedeutet nicht, dass man stets tut oder glaubt, was zu tun oder zu glauben vernünftig ist, sondern nur, dass man dies in hinreichend vielen Fällen beziehungsweise unter bestimmten Umständen tut. Im Folgenden werde ich diese Dispositionen gesondert betrachten und jeweils dafür argumentieren, dass es etwas Gutes ist, die entsprechende Disposition zu haben.

Wir haben im letzten Abschnitt gesehen, dass es dann nicht gut sein muss, richtig auf (scheinbare) Gründe zu reagieren, wenn wir uns über normativ relevante Sachverhalte im Irrtum befinden oder von bestimmten Tatsachen keine Kenntnis haben. Solche Situationen sind aber gewiss nicht der Normalfall. Oft genug wissen wir über unsere Situation hinreichend genau Bescheid, um zu einer tauglichen Einschätzung derselben zu gelangen, sodass unsere scheinbaren auch unsere ‚echten‘ Gründe sind. Wären wir in diesem Fall aber unvernünftig, d.h. würden wir nicht tun oder glauben, was wir im Lichte unserer (wahren und vollständigen) Überzeugungen über normativ relevante Sachverhalte tun oder glauben sollen, wäre dies offenkundig schlecht.

Man mag bezüglich der Reichweite dieser Erklärung noch Zweifel haben. Während umfassende Irrtümer selten sein mögen, sind uns Situationen, in denen uns bestimmte Informationen fehlen, durchaus bekannt. Auch hier ist eine Veranlagung zu Vernünftigkeit aber wünschenswert. Es ist zwar möglich, dass wir durch unvernünftiges Verhalten zu besseren Ergebnissen kommen, es ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Uns steht üblicherweise eine Vielzahl von Optionen offen, die ganz unterschiedlich zu bewerten sind. Stehen uns nun auch Optionen offen, die hochgradig schlecht sind, kann Unvernünftigkeit dazu führen, dass wir diese Optionen wählen und damit furchtbare Dinge tun oder irreparable Schäden anrichten. Wem eine vernünftige Disposition fehlt, läuft damit stetig Gefahr, sich erheblicher Fehltritte schuldig zu machen (und wird dies oft wohl auch tun). Richtig auf (scheinbare) Gründe zu reagieren ist im Allgemeinen also der beste Weg, Gutes zu tun, weshalb auch eine entsprechende Disposition wertvoll ist.

Auch der Wert der Disposition zu mentaler Kohärenz lässt sich plausibel machen. Während nämlich die Disposition, richtig auf Gründe zu reagieren, dazu führt, dass wir in unserem Handeln und Denken im Allgemeinen Gutes hervorbringen, ist die Disposition zu mentaler Kohärenz notwendig, um überhaupt handeln oder denken zu können (Davidson 1985, 351–353). Stellen wir uns dazu eine Person vor, die mit der Zeit immer mehr inkohärente Einstellungen aufweist. Zu Beginn werden wir darüber hinwegsehen können, dass die Person in manchen Fällen widersprüchliche Überzeugungen hat oder manchmal nicht beabsichtigt, was für die Erreichung gesetzter Ziele notwendig ist. Umso mehr die Person aber in die Inkohärenz abgleitet, desto schwerer wird es, von ihr zu sagen, sie habe eine bestimmte Einstellung, bis wir schließlich zu einem Punkt kommen, an dem wir ihr überhaupt keine mentalen Einstellungen mehr zuschreiben können.

Hintergrund dieser Beobachtung ist, dass mentale Einstellungen wie Überzeugungen oder Absichten mit bestimmten Dispositionen einhergehen. Jemand, der glaubt, es regne, wird beispielsweise einen Regenschirm mitnehmen oder eine wetterfeste Jacke anziehen, wenn er das Haus verlässt, seine draußen zum Trocknen aufgehängte Wäsche ins Haus holen, oder keine wichtigen Dokumente auf dem Gartentisch ablegen. Wenn eine Person einen gewissen Grad an Inkohärenz erreicht hat, ist ihr Verhalten nicht mehr in dieser Weise interpretierbar: Sie wird im einen Moment zum Regenschirm greifen, im anderen die Wäsche wieder nach draußen bringen usw. Hier ist unklar, was die Person eigentlich glaubt. Je häufiger wir uns in dieser Weise unsicher sind, welche Einstellung eine Person denn nun hat, desto eher sind wir geneigt, in Frage zu stellen, ob sie tatsächlich eine Person, d.h. ein denkendes und handelndes Wesen, ist.

Hieraus ergibt sich, dass in ausreichendem Maße kohärent zu sein eine konstitutive Bedingung dafür ist, zu handeln und zu denken. Donald Davidson formuliert prägnant: „Rationality, in this primitive sense, is a condition of having thoughts at all“ (Davidson 1985, 352). Verstießen wir zu oft gegen Kohärenzgebote, wären wir also nicht dazu disponiert, unsere mentale Kohärenz sicherzustellen, würden wir aufhören, Handelnde und Denkende zu sein. Dieser Preis scheint mir zu hoch. Wer diesen Eindruck teilt, sollte geneigt sein, einer vernünftigen Disposition Wert zuzuschreiben. Man könnte hier das Bedenken haben, dass der Kohärenz-Grad, der für Denken und Handeln notwendig ist, zu gering sein könnte, um die Güte einer entsprechenden Disposition zu begründen. Diesen Einwand können wir ausräumen, wenn wir nicht nur Handeln und Denken per se, sondern effektives Handeln und folgerichtiges Denken für wertvoll halten (Korsgaard 2013, 32f. und 82–84). Um dies verwirklichen zu können, müssen wir nämlich nicht nur kohärent genug sein, um überhaupt als Akteure oder Überlegende gelten zu können, sondern einen höheren Grad an Kohärenz aufweisen. Auch die Disposition, Kohärenzgeboten zu entsprechen, ist damit etwas Gutes.

Wir können nun ein Fazit ziehen. Unabhängig davon, welcher der angeführten Konzeption von Vernünftigkeit man im Detail anhängt, gilt, dass wir von der Idee, es sei stets alles in allem gut, vernünftig zu sein, Abstand nehmen sollten. Dies heißt jedoch nicht, dass sich nicht generell etwas zu Gunsten vernünftiger Handlungen und Überzeugungen sagen ließe. Auch wenn diese in manchen Fällen nicht alles in allem betrachtet gut sind, sind sie doch in jedem Fall Ausdruck einer wertvollen Disposition. Es ist damit in jedem Fall zumindest in einer Hinsicht gut, vernünftig zu sein.

Danksagung

Für aufschlussreiche Diskussionen, hilfreiche Ratschläge und anregende Kommentare möchte ich Dorothee Bleisch, Thomas Grundmann und den anderen Mitgliedern der Jury, Sebastian Schmidt und besonders Christian Seidel herzlich danken.

Literatur

1

Ich beschränke mich hier und im Folgenden auf Vernünftigkeit in Bezug auf unsere Hand­lungen und Überzeugungen. Die nachfolgenden Überlegungen lassen sich aber grundsätzlich auch auf weitere unserer mentalen Einstellungen oder Zustände übertragen, die rationalen Anforderungen unterliegen (ein möglicher Kandidat dafür sind beispielsweise unsere Emotionen).

2

Im Folgenden werde ich der Kürze halber auf den Zusatz „weil wir diese Gründe haben“ verzichten.

3

So auch Parfit: „While reasons are given by facts, what we rationally want or do depends on our beliefs. […] We ought rationally to respond to apparent reasons even if, because our beliefs are false, these reasons are not real“ (Parfit 2011, 111).

4

Um einer einfacheren Darstellung willen verwende ich den Ausdruck „Einstellung“ in eigentlich sprachwidriger Weise so, dass er auch das Fehlen einer Einstellung bezeichnet. Zu diesem Gebrach vergleiche Broome 2013, 188.

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