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Die Leiter in Jakobs Traum: Spekulationen zu einem Symbol

The Ladder in Jacob’s Dream: Speculations about a Symbol

In: Interdisciplinary Journal for Religion and Transformation in Contemporary Society
Author:
Richard Heinrich Ao. Professor i.R., Department of Philosophy, University of Vienna Vienna Austria

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https://orcid.org/0000-0002-5032-9133
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Abstract

The article discusses interpretations of the ladder image in Genesis 28:10–12 from the perspective of Austin’s speech act theory and the development of its symbolic content in Christian tradition. In particular, the contrasting interpretations of Pico della Mirandola and Martin Luther are discussed. A separate section is devoted to the ladder image in Wittgenstein’s ‘Tractatus’ and Schönberg’s fragmentary oratorio ‘Die Jakobsleiter’.

Vous reconnaìtrez la Philosophie à l’échelle (du savoir) placée devant sa poitrine.

Marcel Proust1

1 Vorbemerkung

Zur Deutung des Leiterbildes (Gen. 28,12–13) im Gesamtkontext der Bibelstelle Gen. 28,10–22 sind verwandte Vorstellungen aus der hebräischen Bibel (wie der babylonische Turmbau Gen. 11,1–9) und aus historisch älteren Zusammenhängen herangezogen worden, sowie biblische Textstellen über göttliche Verheißungen, Kenntnisse über Gründung und Bedeutung von Kultstätten, Vorstellungen über den Aufstieg in göttliche beziehungsweise himmlische Sphären, und schließlich noch allgemeinere Erkenntnisse über Umwelt und Geschichte der hebräischen Bibel, der Bibelexegese und der Archäologie.2 Die folgenden Reflexionen gelten, im Unterschied dazu, einzig gewissen symbolischen Potentialen, die aus dem Leiterbild als solchen, wie es sich in dem engen Rahmen der Verse 12–14 darstellt, entfaltet werden können.3 Verweise auf weiter ausgreifende textuelle, historische und exegetische Zusammenhänge dienen allein der Verdeutlichung.4

2 Exposition

Jakob wandert nach Norden, auf dem Weg von Beerscheba nach Haran. Es wird Abend und kalt. Er findet einen Haufen Steine, nimmt einen davon, rückt ihn am Boden zurecht und legt seinen Kopf darauf (oder daran)5 um zu schlafen.

Und ihm träumte; und siehe, eine Leiter stand auf der Erde, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder; und der Herr stand obendarauf und sprach: Ich bin der Herr, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinem Samen geben […].6

So hat, gibt die Schrift zu lesen, vor Zeiten der Herr zu Jakob gesprochen – ein Versprechen von Gewicht. Kann es Geltung beanspruchen? Geltung aber vor welcher Instanz? Diese Nachfrage könnte zum Anlass allgemein-systematischer Überlegungen (etwa zu den Begriffen von Erzählung, Deutung, Autorschaft und Autorität) genommen werden. Die folgenden Reflexionen stellen sich diesem Anspruch nicht. In ihnen wird gleichwohl Grundsätzliches thematisch, indem sie verschiedenen Motiven nachgehen, die Geltung des Versprechens zu problematisieren.

An erster Stelle steht dabei – trivialerweise – die Infragestellung der Existenz Gottes. (Sie schließt sinnvolles Reden von Gott nicht aus).7 Letztlich hat dieser Vorbehalt allerdings vor der tatsächlichen Erzählung in ihrer (offenen) historischen Identität keine Kraft: Die Existenz Gottes steht in der hebräischen Bibel (und in der Wirklichkeit des Glaubens) nicht in Frage.8

Zweitens: Man müsste also, um dem Impuls des ersten Vorbehaltes zu folgen, den Berichts-Status der Erzählung als solchen in Zweifel ziehen. Denn wer – aus welchen Gründen immer – von der Existenz Gottes überzeugt ist, kann gleichwohl die Wahrhaftigkeit der biblischen Erzählungen bestreiten. Auch dieser Vorbehalt soll aber im Folgenden nicht berücksichtigt werden. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass der Glaube an den Gott der hebräischen Bibel sich als Glaube an diesen bestimmten Gott Abrahams nur unter der Bedingung verstehen kann, dass die Vätererzählungen eine reale Grundlage im Sinn einer unabhängigen Referenz haben; ohne ein derartiges Zugeständnis ist der Glaube an den biblischen Gott nicht der Glaube an diesen einen und spezifischen „Gott Abrahams“9 – so wenig wie die Bewunderung der Gedichte Ossians die Bewunderung der Werke eines gälischen Barden namens Ossian ist (und jemals war). Das gilt allerdings nur im Sinne einer allgemeinen Voraussetzung und entscheidet nicht über den Berichtscharakter (Wahrheitsgehalt) der besonderen Erzählung vom Traum Jakobs in Beht-El (oder irgend einer anderen bestimmten biblischen Erzählung).

In der Hebräischen Bibel liegen alle erzählten Träume als lang tradierte und schließlich kanonisierte Literatur vor. Deshalb ist den Erzählungen nicht mehr anzusehen, ob ihnen reale Träume zugrunde lagen. Oft übernehmen sie lediglich literarische Funktionen im Erzählzusammenhang.10

Die Frage, ob vor dem Hintergrund einer prinzipiell-realistischen Auffassung der Vätererzählungen diese spezielle Geschichte als verlässlich gelten kann, ist nicht entscheidbar. Aber selbst wenn man ihr als Bericht von einer tatsächlichen Begebenheit – des Traumerlebnisses eben – vertraut, sichert das die Geltung des Versprechens noch keineswegs ab – war es doch bloß ein Traum!

Die Auseinandersetzung mit diesem Einwand eröffnet einen dritten Abschnitt des Gedankenganges. An seinem Beginn ist ein Umstand in Betracht zu ziehen, von dem es vielleicht scheint, dass er die epistemische Differenz von Traum und Wirklichkeit, die das Wörtchen „bloß ein Traum“ nahelegt, einebnen – und damit die weitere Auseinandersetzung überflüssig machen – könnte. Denn so wie in der griechischen Antike wurden auch in der hebräischen Träume grundsätzlich als extern verursacht aufgefasst.11 In einem gewissen Sinn kommt dann dem Traum als solchen ein realer Status – im Gegensatz etwa zu einer innerpsychisch verursachten Einbildung – zu. Aber diese Denkmöglichkeit kann nicht benützt werden, um Gottes Versprechen im Traum als ein wirkliches Sprechen zu bestätigen: Sie lässt eine Differenz offen zwischen Gott als Verursacher des Traumes einerseits, und dem Gott, der im Traum spricht – Gott könnte uns durch den Traum veranlasst haben zu glauben, dass er spricht, auch ohne aktuell in dem Traum zu sprechen.12

Weder die Überzeugung, dass der Traum stattgefunden hat, noch die weiter gehende Überzeugung, dass er von Gott eingegeben war, reicht aus, die Geltung des Versprechens – des Trauminhalts – abzusichern. In diesem dritten Abschnitt handelt es sich also um den Unterschied zwischen der Jakobserzählung einerseits, und Berichten von göttlichen Versprechungen, die im Wachzustand vernommen wurden, anderseits.

Gott hatte schon mehrfach zu Jakobs Großvater Abraham und zu seinem Vater Isaak gesprochen. Gen. 17,22 z.B. macht klar, dass die handelnden Personen – zumindest für die Dauer der Unterhaltung – einander auf gemeinsamem Boden gegenüberstehen: „Und er hörte auf, mit ihm zu reden. Und Gott fuhr auf von Abraham.“ (Schließlich sollte es auch Jakob selbst noch mit dem Herrn zu tun bekommen, in einem Ringkampf, der ihm eine körperliche Behinderung eintrug (Gen. 32,23–31)). Die Differenz ist fassbar in der Konfrontation der eben zitierten Abraham-Stelle Gen. 17,22 mit Genesis 15,12–13: „Da nun die Sonne am Untergehen war, fiel ein tiefer Schlaf auf Abraham; und siehe, Schrecken und große Finsternis überfiel ihn.- Da sprach er zu Abraham […]“

Dem Erwachenden – ob Abraham oder Jakob – mag die Realität des Erlebten unabweisbar sein. So sagte Jakob sich am nächsten Morgen: „Gewiss ist der Herr an diesem Ort […]“. Aber irgendwann wird die Reflexion sich darauf richten, dass es doch nur ein Traum war – und so verliert jedenfalls diese eine, bestimmte Erzählung ihre Verlässlichkeit als Glied in der Überlieferungskette, die dem Glauben eine Beziehung auf jenen Gott gestatten würde, der sich den Vätern wirklich geoffenbart hat. Damit ist nicht gesagt, dass nicht Ketten, die über andere Glieder laufen, haltbar sein könnten; und auch nichts darüber, in welchem Stadium der Überlieferung jenes Misstrauen aufkommen mag: sein systematischer Effekt ist davon unabhängig, ob das bei Jakob selbst, bei einem späteren Schreiber oder Redaktor oder heute der Fall sein sollte.

Spätestens seit dem Jahre 1962 ist es nicht nur definitiv der Fall, sondern auch für jedermann in den Rahmen einer philosophischen Theorie einzuordnen. In jenem Jahr erschienen die 1955 gehaltenen William James Lectures von John Langshaw Austin in Buchform unter dem Titel How to do things with words.13 Sprachliche Ausdrücke des Warnens, Sich Entschuldigens, Befehlens und eben auch des Versprechens sind Handlungen, die mit der Äußerung jener Ausdrücke vollzogen werden. Doch müssen immer gewisse weitere Bedingungen erfüllt sein, damit der Vollzug auch gelingt:

Das Äußern der Worte ist gewöhnlich durchaus ein entscheidendes oder sogar das entscheidende Ereignis im Vollzuge der Handlung, um die es in der Äußerung geht […]; aber es ist alles andere als üblich (wenn es überhaupt vorkommt), daß nur das Äußern der Worte nötig ist, wenn die Handlung vollzogen sein soll.14

Was in diesem Sinne sonst noch nötig oder vorauszusetzen ist, macht (mit einer gewissen Offenheit) die ‚normalen Umstände‘ des Handlungsvollzuges aus. Wenn es sich etwa um die Ernennung einer Person zu einer exklusiven Würde oder Funktion handelt (‚Ich ernenne Sie zu …‘), ist vorauszusetzen, dass nicht schon eine andere Person dazu ernannt worden ist – in dem Fall wäre die Handlung des Ernennens nicht geglückt.

Mit der Unterscheidung von explizit und implizit performativen (eine Handlung vollziehenden) Äußerungen hat Austin klar gemacht, dass das explizite Vorkommen des Verbs, mit dem der Sprechakt bezeichnet wird, keine notwendige Bedingung für seinen erfolgreichen Vollzug ist: Gott musste seinen Versprechungen an Abraham und Jakob nicht die Phrase „Ich verspreche Dir …“ voranstellen, um ein Versprechen abzugeben; er konnte einfach das Versprechen machen – gerade die Erzählung von Jakobs Traum in Beth-El bietet ein Beispiel. Auch hier spielen gewisse Voraussetzungen eine Rolle, die nun allerdings nicht das Gelingen der bestimmten Sprachhandlung betreffen, sondern ihre Unterscheidung von anderen Sprachhandlungen (die den performativen Charakter nicht teilen müssen).15

Wenn geklärt wurde, um welchen Sprechakt es sich handelt, bestehen zwischen den Hindernissen, die sein Gelingen in Frage stellen, beträchtliche Unterschiede. Ist der Kontext – wie bei einer Taufe – zeremoniell, kann auch ein scheinbar unbedeutender Verfahrensfehler, der erst spät entdeckt wird, den Worten „Ich taufe Dich auf …“ im Nachhinein ihre Kraft nehmen. Es gibt aber auch sehr allgemeine, viele Handlungszusammenhänge betreffende, Voraussetzungen, die man unter der Bezeichnung „Ernsthaftigkeitsbedingungen“ zusammenfassen könnte: ein oft zitiertes Beispiel ist der Dialog der Schauspieler auf der Theaterbühne. Im Anschluss an Austin hat John Searle16 gerade für den Fall des Versprechens eine Reihe solcher Anforderungen unter dem Titel „Normale Eingabe- und Ausgabe-Bedingungen“ aufgezählt:

Beide zusammen schließen Dinge wie z.B. die folgenden ein: der Sprecher und der Zuhörer wissen, wie die Sprache gesprochen wird; beide sind sich dessen, was sie tun, bewußt; es bestehen bei ihnen keine Kommunikationshindernisse physischer Art, wie z.B. Taubheit, Aphasie oder Kehlkopfentzündung; sie sind nicht Teilnehmer eines Spiels, erzählen sich keine Witze usw.

Offensichtlich stellt der Schlafzustand des Hörers ein Kommunikationshindernis der von Searle beschriebenen Art dar. Selbst wenn (kontrafaktisch) alle vorhergehenden Bedingungen erfüllt wären: die Existenz Gottes, die Glaubwürdigkeit des Berichts von dem Traum, die Rolle Gottes als Verursacher des Traumes – der Schlaf unterminiert die Geltung des im Traum vernommenen Versprechens.

3 Symbolik

An diesem Punkt gewinnt die Leiter Bedeutung. Sie tritt deutlich hervor im Vergleich mit alternativen Szenarien für das ‚Versprechen im Traum‘. So hätte es doch sein können, dass Gott in dem Traum einfach ‘erscheint und spricht’. Er hätte sich, in welcher Gestalt immer, in Jakobs Traumerleben hineinpflanzen können, die Vision vollständig ausfüllend, um seine Stimme zu erheben.17

Der Text lässt ihn aber in einem Umfeld anwesend sein. Wenn es heißt: „[…] und der Herr stand obendarauf“, so ist klar, dass etwas vorhanden war, worauf der Herr stand. Auch wenn es keine Leiter gäbe und es nur hieße: „Und oben der Herr!“, wäre unweigerlich ein anderer Ort unterstellt. Diese Rolle fällt in dem Traum zwar der Leiter zu – die ist freilich nicht irgendeine, sondern in Wahrheit eine hoch spezielle Vertretung für das verlangte ‘Unten’. Denn ein ‚Oben‘ bedarf keiner Leiter, um dem ‚Unten‘ verbunden zu sein – so etwa wenn Gott sich zur Erde herab geneigt hätte. Oben und Unten rufen einander vermittlungslos auf. Alleingelassen sind sie sich näher, als irgendein Drittes sie zusammenrücken könnte.

Die Leiter jedoch annonciert, indem sie verbindet, zugleich Trennung. Diese beiden Beziehungen – Trennen und Verbinden – bestehen in verschiedenen Dimensionen. In der Vision (dem gesehenen Bild) ist die Leiter tatsächlich das nächstgelegene Unten zu dem Herrn und fügt sich ganz unschuldig in die Reihe: Erde, Leiter, Gott. In diesem Sinn kann man Trennung gar nicht sehen. Ihrer wird man nur gewahr, wenn man weiß, was eine Leiter ist: Sie verbindet, wo die vermittlungslose Beziehung von Oben und Unten unterbrochen ist – wo ein Kommunikationshindernis besteht. Das bedeutet, dass in dieser zweiten Dimension die Leiter autonom symbolisiert – und nicht bloß als unselbständiger Teil eines sie mit einbegreifenden symbolischen Zusammenhanges. Sie ruft mit dem Wissen um ihre Funktion eine diskursive (letztlich: sprachliche) Kompetenz auf und ist damit – wie jedes für sich stehende Symbol – in sich verdoppelt: sowohl Teil des Bildes, wie auch Verweis auf bildunabhängiges Wissen. Sie verbindet nicht nur ein Oben (Gott der Herr) mit einem Unten (die Erde, auf und aus der wir sind), sondern auch das Ganze im Traum Gesehene mit dem sprachlich Artikulierbaren – und damit letztlich: Hörbaren.18

Ihr Auszeichnendes aber liegt darin, dass sie hinsichtlich der Vernehmbarkeit (als Erfolgsbedingung eines Versprechens) auf ein Kommunikationshindernis (das Träumen Jakobs) aufmerksam macht und zugleich die Möglichkeit seiner Behebung suggeriert. Gott hat nicht nur auf überzeugende Weise in einem Traum zu Jakob gesprochen, sondern hat ihm mit der Leiter ein Symbol für die Verbindung des Getrennten gezeigt und dadurch zu verstehen gegeben, dass sein Sprechen auch den Bruch überwinden kann, den der Traumzustand darstellt. In dieser Übertragung liegt der symbolische Gehalt der Leiter, durch den sie in eine gleichsam externe Beziehung zu der umfassenden Vision tritt, in die sie integriert ist. Doch auch wenn das Symbol in dieser Komplexität erfasst wird, steht es noch weiterer Deutung offen.

Zunächst wird man es als eine an Jakob gerichtete bedingte Garantie für den Vollzug (natürlich noch lange nicht: Einlösung) der Versprechung auffassen. Bedingt deshalb, weil nur Jakob selbst diesen Vollzug effektiv werden lassen kann – durch sein Vertrauen darauf, gehört zu haben. Ein Folgeschritt wäre die Verallgemeinerung vom Traum-Szenario auf andere Situationen (eventuell mehrfach) unterbrochener Kommunikation. Damit kann die Verlässlichkeit eines Berichts gemeint sein, den Jakob selbst von seinem Traum an andere gibt, oder – noch weiter gedacht – die Wirklichkeit des göttlichen Sprechens in der Schrift. In diesen Möglichkeiten der Garantie-Erweiterung liegt ein charakteristischer Sinn der Vision im Vergleich zu all den anderen Stellen, die von einem Versprechen Gottes berichten. Zwar kommt es zuletzt immer auf das Vertrauen an, wirklich gehört zu haben – auch die Jakobsleiter bietet dafür nicht mehr an Rechtfertigung. Ihr Spezifikum ist der explizite Bezug auf eine Störung, die über die Provokation der göttlichen Offenbarung als solche hinausgeht und in den Bereich der menschlichen Angelegenheiten fällt (Traum, Brechung durch Bericht, durch Schrift, historische Distanz etc). Man könnte unter diesem Gesichtspunkt statt von bedingter Garantie auch von einem ‚zweiten Versprechen‘ sprechen, als Rahmen für das im Traum vernommene Versprechen.

Weiter gehende Deutungen des Symbols können aber auch in andere Richtungen führen. Wenn der Vollzug des Versprechens als solcher nicht problematisiert wird, sondern die Aufmerksamkeit dem Abstand zwischen dem Versprechen und seiner Einlösung gilt, nimmt das Symbol den Charakter einer Verheißung an und rückt näher an die Prophetie. Die Leiter bewahrt auch dann ihren Doppelsinn als Hinweis auf eine Unterbrechung und deren gleichzeitige Überwindung: In jüdischen Auslegungstraditionen erscheint sie als Weg durch die historischen Phasen des Exils und der Unterjochung (bezeichnet durch ihre einzelnen Stufen) hindurch.19

Klar artikuliert sich ein prophetischer Sinn der Jakobsleiter, wenn sie im Christentum gleichsam aus der umgekehrten Richtung, von der Einlösung her, gesehen wird, wie im Evangelium des Johannes 1,51:

Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn.

Was Versprechen (in den beiden oben unterschiedenen Bedeutungen) war, ist nun vor allem auch als Vorhersage zu lesen, beispielhaft bei Johann Calvin:

Uns, die wir an dem Grundsatz halten, daß Gottes Bund sich auf Christus gründet und dieser Christus das ewige Bild des Vaters ist, in welchem er sich den Alten offenbarte, wird in dieser Vision alles licht und klar. Denn die Menschen sind durch die Sünde von Gott entfremdet, und ob er gleich alles erfüllt und erhält mit seiner Kraft, haben wir doch keine Verbindung mit ihm, die uns zu ihm zöge. Vielmehr fliehen wir ihn und halten ihn für unseren Feind. Auch die Engel, deren Amt es doch ist, die Menschen auf ihren Wegen zu geleiten, stehen nicht in gegenseitigem Verkehr mit uns. So ist es allein Christus, der Himmel und Erde verknüpft. Er ist der einzige Mittler, der vom Himmel bis auf die Erde reicht: durch ihn fließen alle himmlischen Güter auf uns herab, durch ihn gelangen wir auch zu Gott empor. Er als das Haupt der Engel bewirkt, daß sie seinen Gliedern auf Erden dienen. Darum ist es nach seiner Offenbarung in der Welt ein Stück der ihm gebührenden Herrlichkeit, daß die Menschen von nun an den Himmel offen sehen und die’ Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn (Joh.1,51). Es ergibt sich also ungezwungen für uns jene Leiter als ein Bild Christi.20

Diese ungezwungene Sicherheit ist unabhängig – aus dem Glauben an den Mensch gewordenen Sohn Gottes – begründet. Der prophetische Sinn der Leiter, der damit verifiziert wird, ist nicht ihr ursprünglicher Sinn: denn sie versicherte ihrerseits schon von der Wirklichkeit der Worte des Herrn unter prekären Umständen. Aus Calvins Sicht macht die Leiter als solche aber gar kein – wie immer problematisches – Versprechen; sie bezeichnet, vor dem Hintergrund seiner christologischen Schriftdeutung, bloß den Inhalt eines Versprechens, das schon mit dem Bund Gottes gegeben und von Christus eingelöst wurde.

Zugleich jedoch liegt im christlichen Glauben der Ansatz zu einer Deutung der Jakobsleiter, die – über diesen prophetischen Aspekt hinausgehend – neue Potentiale des Genesis-Texts zu entwickeln erlaubt: Da das Wort Fleisch geworden ist, rückt die Verantwortung der Menschen für seine Präsenz und Verbindlichkeit in den Vordergrund.

4 Polemik

Kaum ein religiöses Bild hat in der jüdisch-christlichen Tradition eine ähnliche Vielfalt von Deutungen auf sich gezogen, wie die Leiter aus Jakobs Traum. Ihr vielleicht tiefster Sinn, die Sorge um Wirklichkeit und Beständigkeit des göttlichen Wortes, erschloss sich einer Epoche, der Renaissance, mit besonderer Eindringlichkeit: Diese Zeit wollte sich als Wiederkunft der goldenen sehen, weil sie wie keine andere die Gegenwärtigkeit der Sprache zu fühlen vermeinte, in der die Wiederkunft angekündigt worden war.

[…] consulamus Iacob patriarcham, cuius imago in sede gloriae sculpta corruscat. Admonebit nos pater sapientissimus in inferno dormiens, mundo in superno vigilans. Sed admonebit per figuram (ita eis omnia contingebant) esse scalas ab imo solo ad caeli summa protensas multorum graduum serie distinctas: fastigio Dominum insidere. Contemplatores angelos per eas vicibus alternantes ascendere et descendere. Quod si hoc idem nobis anglicam affectantibus vitam factitandum est, quaeso, quis Domini scalas vel sordidato pede, vel male mundis manibus attinget?

[…] suchen wir Rat bei dem Patriarchen Jakob, dessen Anblick eingemeißelt in die Stätte des Ruhmes erglänzt. Herunten schlafend, zugleich in der höheren Welt wachend, wird uns der allerweiseste Vater belehren. Doch belehrt er uns durch ein Bild (so pflegte jenen alles zuzustoßen), daß nämlich eine Leiter mit vielen Stufen fürwahr von der Erde bis an den höchsten Himmel reiche: und am höchsten Punkte throne der Herr. Ihn betrachtend stiegen Engel, abwechselnd zu beiden Seiten, über jene Leiter auf und nieder. Und wenn wir, das Leben der Engel nachahmend, das gleiche tun sollen – wer, frage ich, wird dann die Leiter des Herrn mit schmutzigen Füßen oder unreinen Händen anrühren?21

Giovanni Pico della Mirandola ordnet das Bild radikal neu. Jakob wacht in der oberen Welt in der Gegenwart Gottes. Es wird ein Zweifel gar nicht zugelassen, dass er vielleicht nur träumt, Gott zu hören. In der unteren Welt, auf der Erde, auf dem Stein, schläft er. Deutlicher als mit dieser Konstruktion kann man nicht sagen, dass Jakob das Wort wirklich vernimmt, obwohl er schläft. Er selbst überspannt jeden Abgrund, der den Menschen von Gott trennt: den Abgrund zwischen wahrhafter Anwesenheit und bildlicher Vertretung; den Abgrund zwischen Wachen und Traum; den zwischen Himmel und Erde.

„War das ein Traumgesicht gewesen und eine Haupterhebung!“, schreibt Thomas Mann, der – wie Jahrhunderte zuvor Pico – in der Gestalt des Patriarchen den Bogen erkennt, der sich durch das Bild wölbt. „Da ging es hoch her, da geschah es ihm, da ward ihm wirklich, wohl mitten in der Nacht, nach einigen Stunden des tiefsten Schlafes, das Haupt erhoben […]“.22 Jakob ist die Leiter.

Die entscheidende Annahme hinter Picos Deutung ist das Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit der Alten und die Gültigkeit ihrer Überlieferung. Die Väter standen in der Gegenwart des göttlichen Wortes und diese Präsenz dehnt sich aus in Verkündigung und Überlieferung: Göttliches Sprechen wird durch die Sprache der Menschen nicht grundsätzlich gebrochen.

Die Übertragung des Bildes vom Menschensohn, der Erde und Himmel eint, auf den Patriarchen Jakob kehrt die prophetische Lesart um: Der Mensch trägt die Sorge um das Wort Gottes. Pico sagt von Jakob: „Doch belehrt er uns durch ein Bild“, „per figuram’“. Jakob ist nicht nur die Leiter, sondern zugleich derjenige, der uns über ihren Sinn belehrt, der erste also, der jene Sorge auf sich genommen hat.

Wenn sich diese Belehrung zu uns her kontinuiert – und das sagt Pico –, wird die retrograde Prophetie à la Calvin tendenziell überflüssig. Die Geschichte von der Jakobsleiter erhält den Charakter eines Versprechens wieder zurück – und dessen Einlösung fällt nun in die Verantwortung der Menschen. Doch worin besteht dann noch die besondere christliche Bedeutung der Erlösung? Es droht der Verdacht einer Komplizenschaft mit dem Heidentum. Folgerichtig suchte Calvin die Kraft des Bildes in der Sprache zu minimieren:

Gesichte sind stumm und tot, wenn nicht das Wort des Herrn ihnen Seele und Leben gibt. Das Traumbild der Leiter war nur eine untergeordnete Begleiterscheinung dieser Verheißung, wie denn Gott durch äußere Zeichen seinem Wort mehr Verständlichkeit und Nachdruck schafft. Weil bei den papistischen Sakramenten das Wort Gottes fehlt, welches die Seelen erbaut, darum sind sie ein hohles Spiel […].23

Gottes Wort kann in die Lage einfach nicht mehr geraten, in der es menschlicher Vermittlung bedürfte: das Werk des Sohnes verbürgt genau dies, und es wäre vermessen, in das geheimnisvolle Wirken der göttlichen Lösung eingreifen zu wollen. „Gesichte sind tot und stumm“: Das kann freilich nicht gegen Pico ins Treffen geführt werden. Denn der hat die Belehrung gar nicht so aufgefasst, dass sie in der Aufdeckung seiner unabhängig bestehenden Referenz für ein stummes Bild bestünde, sondern als lebendige Aktivität, als eine Bewegung, die uns in die Haltung versetzt, in der das Bild Jakob zeigt: “Herunten schlafend, zugleich in der höheren Welt wachend“. Sodass wir schließlich selbst zu jenem Bogen werden, der den Abgrund von bloßem bildlichen Schein und Wirklichkeit des Wortes überspannt. Die Bestrebungen, die der Jakobsleiter zur Zeit der Renaissance neue Gestalt gaben, finden daher nur übergangsweise ihren Ausdruck in der Auffassung der Leiter als Jakob. Ihr wahres Wesen wird allein dem Tätigen offenbar. Der Schlüssel dazu ist die Bewegung der Engel: „[…] stiegen Engel, abwechselnd zu beiden Seiten, über jene Leiter auf und nieder. Und wenn wir, das Leben der Engel nachahmend, das gleiche tun sollen – wer, frage ich, wird dann die Leiter des Herrn mit schmutzigen Füßen oder unreinen Händen anrühren?“ Als Lesende versetzen wir uns imaginativ in eine Bewegung, deren Vollzug die Belehrung sein wird. Die entschlossene Deutung der Leiter als Aufstieg ist der Aufstieg selbst, der vor das Angesicht Gottes leitet.

Das ist freilich nur unter der Voraussetzung zu verstehen, dass in der Kraft der Einbildung, die wir im Lesen aufbringen, ein Potential der Selbstüberhöhung liegt. Wer das Bild als Ganzes vertrauensvoll aufnimmt und dabei den Blick über die Stufen der Leiter wandern lässt, steht gleichwohl noch vor dem ersten Schritt des Aufstiegs – man könnte sagen: auf der Stufe des informierten, aber einfachen Sehens. Erst wenn er seine Einbildungskraft von dieser Stufe des aufnehmenden Nachverfolgens in eine höhere, produktive, überführt, könnte von einer Aneignung der dargestellten Bewegung (der Engel) in die Bewegung des eigenen Aufstiegs die Rede sein. Auf diese Art ließe sich Picos Idee, wir könnten das Leben der Engel nachahmen, konkretisieren – ein Übergang von der inspirierten Auslegung zur Mystik.

Dass eine solche Interpretation, die als Vollzug der Deutung auch schon der Beginn eines Aufstiegs vor das Angesicht Gottes wäre, noch immer den Anspruch stellen könnte, sich aus dem symbolischen Gehalt der Leiter zu rechtfertigen –, das lässt sich auch an dem Negativbild erkennen, wie es sich aus der Perspektive eines kämpferischen Einspruches abzeichnet. Martin Luther ist bei verschiedenen Gelegenheiten auf die Jakobsleiter zu sprechen gekommen und hat nie sein Misstrauen gegen diese Geschichte verhohlen:

Ey was hatt der textt irrthumbs gemacht, wievil hatt ehr leut betrogen, die juden gleich so woll als uns.24

So urteilt er in den Predigten zum 1. Buch Moses. Bereitwillig gibt er zu verstehen, wo er den Grund des Irrtums und Betruges vermutet: In der Deutung der Leiter als Weg der Menschen zu Gott. Er findet anstößig, dass auf ihr überhaupt zwei Richtungen ausgelegt sind, dass die Bewegung der Engel auch ein Aufwärts kennt. Der Beziehung Gottes zu den Menschen von deren Seite her nachgehen zu wollen, erscheint ihm als abgründige Vermessenheit.

In den Predigten zum zweiten Buch Moses sagt er einmal:

Si voluisset hac via ad se hin auff brengen, aliud verbum dedisset tibi. Ipse descendit et paravit scalam, si vit puerum fieri pater et post in virum suscrescentem si vit crucifigi et resurgere […]

Lastu die gotheit bleiben, sat habes negotii cum humanitate. Si deus eum in ventrem virginis deiecerit, laß da bey bleiben. Ipse inquit, ‘ego sum via, veritas.’. Sed volunt scire an sint praedestinati. Sed non in celum nos vexit. Sed prius descendit […]

Er will dich nicht also hinauff haben, sondern er koemet zu dir und hat eine Leiter, einen Weg und Brücken zu dir gemacht […] Wer klug und weise ist, der bleibe auff dieser furgesteckten Ban, Er koemet erst zu uns und wir steigen nicht ehe zu ihm gen Himel, sondern er wirfft den Son herunter ins fleisch […]25

Von diesem Standpunkt aus rückt in der Deutung der Jakobsleiter zuletzt, auf Kosten des Traumes und damit seines Inhalts, der Schlaf in den Vordergrund:

Darauß wyr lernen, daß daß allerbeste werk sey gotte glauben und stil halten. Praeterea Schlafen und nigst wircken Seyn der Christen werk.– Que quies operum recte per somnium significata est. Qui enim dormit, inter homines est, quos tamen non videt.26

Die Leiter ist zur Demontage freigegeben.

5 Resonanzen

5.1 Wittgenstein

Kurz vor dem Schluss seiner berühmten, im Jahr 1921 erschienenen Logisch- philosophischen Abhandlung schrieb Ludwig Wittgenstein:

Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) (6.54)27

Im letzten Teil der Bemerkung scheint sich eine Zuversicht Wittgensteins abzuzeichnen, dass sein Adressat, einmal bis an dieses Ende gelangt, so etwas wie einen ‚höheren Ort‘ gewonnen haben könnte – über die Sätze hinaus, die wohl als Stufen jener Leiter verstanden werden sollen, die nun wegzuwerfen ist. Die im Aufstieg erfahrene Erläuterung manifestiert sich, aus dieser Sicht, als ein Verständnis des Lesers („der mich versteht“)28 für den Autor, das über die Kompetenz hinausgeht, die zum bloßen Lesen jener Sätze erforderlich war (an ein solches Verständnis appelliert auch das Vorwort: „Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der […]“). Eine ferne Analogie zu den bei Pico angeklungenen mystischen Tendenzen ist spürbar: Ging es dort um die Fortentwicklung der bilderfassenden Imagination zu einer höheren Stufe des Einbildens, so hier um den Schritt vom nachvollziehenden Lesen zum Verstehen des Autors. In der Tat wird in vielen Interpretationen der Abhandlung deren mystische Seite betont,29 wenn auch meist mit einem Fokus auf andere Zusammenhänge (wie etwa die Abgrenzung des Sagbaren vom Unsagbaren).

In Wirklichkeit jedoch sind die bedeutungstragenden Elemente der Bemerkung anders verteilt. Das Verstehen in der Phrase „welcher mich versteht“ ergibt sich nicht als Folge des Hinaussteigens über die Sätze der Abhandlung, sondern ist eine notwendige Nebenbedingung für die Einsicht, dass sie ausschließlich durch ihre Unsinnigkeit erläutern – der Einschub dient einfach der Abweisung des Gedankens, es könnte etwas geben, was durch die Sätze erläutert wird. Dann ist aber auch keine Bewegung auf der Leiter vorstellbar, die von dem auf einer bestimmten Stufe Erreichten den Schritt auf die nächste ermöglichte – Wittgenstein lässt keine Hierarchie der Sätze zu: „Alle Sätze sind gleichwertig“ (6.4). Es gibt keinen Aufstieg auf der Leiter, sondern nur einen über sie – das heißt: die kollektive Gesamtheit der Sätze der Abhandlung – hinaus. Auf der Leiter hinauf gestiegen zu sein – wie der letzte Satz es ausdrückt –, wird sich „am Ende“ als Illusion erweisen; reale Bedeutung hat sie nur im Akt des Wegwerfens.

Der zu einem Teil schon zitierte erste Satz des Vorworts lautet vollständig:

Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat.

Hier ist das Verstehen sehr wohl Ziel und nicht bloß Nebenbedingung. Aber wenn der Satz ernsthaft eine Voraussetzung für dieses Verstehen nennt, dann müsste, wer am Anfang steht, schon die Leiter weggeworfen haben. Es muss ihm sinnlos erscheinen, einen illusionären Aufstieg durch die Sätze des Buches überhaupt in Angriff zu nehmen. Picos Leiter der Belehrung ist unbrauchbar geworden, und so sagt Wittgenstein auch: „Die Philosophie ist keine Lehre […]“ (4.112). Kann man in Bezug auf dieses Bild der Philosophie von dem Erreichen eines Höheren sprechen? In einer Notiz aus dem Jahre 1930 machte Wittgenstein sich unmissverständlich klar, was im Grund schon eine Konsequenz seiner frühen Abhandlung war:

Ich könnte sagen: Wenn der Ort, zu dem ich gelangen will, nur auf einer Leiter zu ersteigen wäre, gäbe ich es auf dahin zu gelangen. Denn dort, wo ich wirklich hin muß, dort muß ich eigentlich schon sein. Was auf einer Leiter erreichbar ist, interessiert mich nicht.30

5.2 Schönberg

Arnold Schönbergs Oratorienfragment „Die Jakobsleiter“ ist eine letzte gültige Gestalt der Vision. Seine ganze Handlung besteht in der Verweigerung des Aufstiegs. Einer nach dem andern werden die Suchenden vorstellig und präsentieren die Bilder und Taten, an denen sie sich emporzuschwingen hoffen. Jeder wird von dem Erzengel Gabriel gleich erbarmungslos abgewiesen. Ihre gemeinsame Sehnsucht nach Leichtigkeit und Höhe ist nichts anderes als das Bild, in dem sie alle befangen sind: die Jakobsleiter. An die Stelle der hilfreich-vorbildlichen Engel Picos ist ein unerbittlicher Bewacher getreten. Schon seine ersten Worte verbieten den Menschen jeden Ausblick, dem sie suchend folgen könnten:

Ob rechts, ob links, vorwärts oder rückwärts, bergauf oder bergab – man hat weiterzugehen, ohne zu fragen, was vor oder hinter einem liegt. – Es soll verborgen sein: ihr durftet, musstet es vergessen, um die Aufgabe zu erfüllen.31

In keiner Richtung gestattet der Raum ein Weiterkommen. Auf einer trostlosen Ebene, denselben Ton durch mehrere Takte festhaltend, antwortet der Chor: „Der unerträgliche Druck! Die schwere Last!“ Wenn der Engel gelegentlich eine kleine Bestätigung gibt, wenn er einen der Bittsteller darauf hinweist, wie er sich der Erfüllung nähern konnte – dann bleibt der Wink außerhalb des Bewusstseins des Fragenden, unverstanden. Der Ringende etwa hat sich eine Ökonomie des Leidens zurechtgelegt:

Eine dunkle Erinnerung vergangener Leiden befähigt mich gegenwärtige leicht zu ertragen, drum meint’ ich es sei gleichgültig, worüber man unglücklich ist.32

Ihm antwortet der Engel:

Du irrst; je mehr Anlässe imstande sind, dich unglücklich zu machen, je empfindlicher du dich erweist, desto näher bist du.

Das kann der Ringende nicht auf sich beziehen, er sagt: „Nicht deshalb klag’ ich […]“. Er vermag nicht einzusehen, dass das Einzige, was ihn wirklich aufrichten könnte, die Vertiefung der schmerzlichen Empfindung wäre.

Das Zwiegespräch des Erzengels mit dem Auserwählten lässt Schönberg mit der Zerstörung des räumlichen Aufbaues der Leiter beginnen:

Tritt näher du, der auf mittlerer Stufe ein Abbild ist und den Glanz besitzt; der einem Viel-Höheren ähnlich ist, wie dem Grundton der ferne Oberton; während andere, tiefere, selbst fast Grundtöne, ihm, wie der helle Bergkrystall, fremder sind, als Kohle dem Diamanten!33

Die Ähnlichkeit des Mittleren zu dem Viel-Höheren ist von der Art, wie die des fernen Obertones zum Grundton; Gleichheit – ein Verhältnis nicht der Dinge oder Töne, sondern der Ähnlichkeiten – besteht gerade im Gegensatz der Richtung; räumliche Nachbarschaft kann äußerste Fremdheit bedeuten. Die Beziehungen in dieser Welt selbständiger Töne lassen sich nicht auf einer von außen angelegten Leiter eintragen. Der Oberton, der dem Grundton aus der Höhe herab zuzustreben scheint, steigt in Wahrheit ebenso zu ihm auf. Das Gesetz, nachdem sie sich tatsächlich aufeinander zu bewegen, wird allein durch den inneren Bau jedes Tones bestimmt. Unmöglich, seine Bewegung in die Richtungen der Leiter aufzulösen, das Gehörte im Bild einzufangen.

Dies zeigt vor allem die Entstellung der Sprache durch ihre Bewegung im Raum. Der Auserwählte weiß, ‘dass die Entrückung sein Wort unverständlich macht. Die Leiter kann gerade die Aufgabe einer Bewahrung des Sprechens nicht erfüllen. Stattdessen fällt eine Ausscheidung von der Sprache des Auserwählten hinunter in die Welt der Suchenden, ein Klumpen, der zwar auch noch ‚Wort‘ genannt wird, aber keinerlei Beziehung mehr zum Sprechen hat. Indem er auf diesen sinnlosen Fremdkörper weist, stellt der Erzengel an die Zurückgebliebenen die grimmige Aufforderung: „Benagt einstweilen das Wort […].“

Die ungeheuerlichen, kaum einlösbaren Anforderungen an Orchestrierung und Aufführung der „Jakobsleiter“ bezeugen Schönbergs Willen, das Werk zu einem erhabenen Denkmal zu gestalten – dessen Wahrnehmung aber nun endgültig dem bilderlosen Hören vorbehalten ist. Sprachlicher Sinn artikuliert sich einzig in der Form der Klage – und deren Ende als Auslöschung:

Löse dich auf! Wenn du nicht mehr klagst, bist du nah. Dann ist dein Ich gelöscht.34

Biography

Richard Heinrich teaches philosophy at the University of Vienna.

Main areas of work are classical modern philosophy, analytical philosophy, literary aesthetics. Book publications include Kant’s Space of Experience. Metaphysischer Ursprung und kritische Entwicklung, 1986; Wittgensteins Grenze, 1993; Wahrheit, 2009: Philosophy. In: Sabine Mainberger, Esther Ramharter (eds.), Linienwissen und Liniendenken, 2017; Rechnen und Zeichnen – Klee und Wittgenstein. In: Aesthetics Today, Contemporary Approaches to the Aesthetics of Nature and of Arts, 2017; Does philosophy need (its own) words? In: Kovacs Gabor, Paar Tamas (Ed.), Working Papers in Philosophy: Registers of Philosophy 3, 2017; Incomplete Pictures and Specific Forms. Wittgenstein around 1930. in: Gabriele M. Mras, P. Weingartner, B. Ritter (Eds.), Philosophy of Logic and Mathematics, 2020.

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1

Lettre à M. Catusse. In: Correspondance V, S. 214 et seq. Hrsg. Ph. Kolb, Paris 1979.

2

Klassisch gewordene neuere Publikationen sind: de Pury, Promesse, bes. S. 347–387 und (kritisch dazu) Blum, Vätergeschichte, bes. S. 25–35.

3

Der symbolisch-emblematische Gehalt der Leiter wird betont von Houtman, What did Jacob see, S. 350.

4

Der Text nimmt, verändernd und in wesentlichen Punkten korrigierend, Überlegungen aus meinem Buch Die Erhebung des Gedankens auf (Wien: Österreichischer Bundesverlag, 1990).

5

Fohrer, Exegese, S. 208.

6

Gen. 28,12–13.

7

Eine Konzeption von Gott als Möglichkeit (im Sinne von dynamis), die sowohl gegenüber dem Sein wie auch dem Nicht-Sein abgegrenzt ist, gibt Kearney, God, bes. S. 80–82.

8

Fohrer, Exegese, bes. S. 217.

9

Selbst wenn faktisch keine dieser Erzählungen ihre Beziehung auf eine vorhergegangene reale Begegnung mit Gott jemals hat nachweisen können, so ist es doch für den (in diesem Sinne strikten) Glauben an den „Gott Abrahams“ notwendig anzunehmen, dass jedenfalls der erste Erzähler von der Realität einer solchen Begegnung überzeugt war.

10

Jörg Lanckau: Traum, S. 2.

11

Lanckau, Traum, S. 3: „Ein wirklichkeitsrelevanter Traum tritt nach antiker Mehrheitsmeinung von außen, d.h. „metaphysisch“ an die Schlafenden heran“. Ein klassisch gewordener Text zur griechischen Antike bezieht sich auf Darstellungen bei Homer: „In most of their descriptions of dreams, the Homeric poets treat wh at is seen as if it were objective fact. The dream usually takes the form of a visit paid to a sleeping man or woman by a single dream-figure […]. This dream-figure can be a god, or a ghost […]” (Dodds, Irrational, S. 104).

12

Eine ähnliche Unterscheidung hat Descartes mit dem Begriffspaar von formaler und eminenter Realität getroffen: wenn der Ausdehnung Realität nur eminent – in Gott – zukäme, wäre sie nicht substantiell vom Denken verschieden, sondern bloß eine von Gott veranlasste Einbildung (vgl. Descartes, Meditationen, bes. Med. 6).

13

Deutsch: Austin, Sprechakte.

14

Austin, Sprechakte, S. 29.

15

Im gegebenen Fall kämen Deutungen als Willensbekundung oder – alternativ – als Vorhersage in Frage. Die bloße Willensbekundung (Vorsatz) ist wegen der Abschwächung der Verantwortlichkeit, die man dem mächtigen Gott nicht unterstellen wird, keine ernsthafte Alternative zum Versprechen. Die Vorhersage hingegen ist es nicht, gerade wegen der ausdrücklichen Bekundung des Willens. Sie unterhält aber zum Versprechen eine enge Beziehung, die einerseits von theoretischem Interesse ist: denn wenn man ein Versprechen als Vorhersage interpretiert, bedeutet deren Falsifizierung zugleich auch das Nicht-Gelingen des Versprechens; anderseits auch von einem speziellen Interesse in Bezug auf die Jakobsleiter – nämlich aus der Perspektive der Deutungen, die dieses Bild in der Geschichte erfahren hat. Darauf wird weiter unten eingegangen.

16

Searle, Sprechakte, S. 88.

17

Kugel, Ladder, S. 14 et seq, weist darauf hin, dass dieses Szenario auch für den aktuellen Text eine Interpretationsmöglichkeit darstellt: Wenn man nämlich die Leiter, einschließlich der Engel, als eine reale Beziehung zwischen Himmel und Erde ansetzt, die sich nicht innerhalb von Jakobs Traum abbildet, sondern völlig unabhängig die Verlässlichkeit der Versprechung sichert. Gott ist dann im Traum nur sprechend präsent, die Leiter ist nicht gesehen und der Begriff ‚Vision‘ eigentlich nicht mehr zutreffend.

18

Die Konvergenz von Hören und Sehen als Kriterium wahrhaftiger Offenbarung ist immer wieder in Bezug auf das Buch Hiob herausgestellt worden. Alter, Wisdom, S. 177; Witte, Hiob, S. 677.

19

Kugel, Ladder, S. 19–22.

20

Calvin, Auslegung, 298.

21

Pico, Scritti, S. 114. Deutsch v. Verf.

22

Mann, Joseph, S. 103 et seq.

23

Calvin, Auslegung, S. 299.

24

Luther, WA XIV, S. 386.

25

Luther, WA IX, S. 407.

26

Aus der Predigtsammlung Poliander. Luther, WA XVI, S. 144.

27

Wittgenstein, Abhandlung. Zitate nach Nummern der Bemerkungen.

28

Auf die Bedeutung des Unterschiedes zwischen dem Verstehen der Sätze und dem Verstehen der Person hat Cora Diamond hingewiesen: Diamond, Ethics, S. 57.

29

Ein interessantes Beispiel ist das Buch von Pierre Hadot (Hadot, Wittgenstein), eines Spezialisten für spätantike Philosophie.

30

Wittgenstein, Bemerkungen, S. 22.

31

Schönberg, Jakobsleiter, 4 et seq.

32

Schönberg, Jakobsleiter, 80–82.

33

Schönberg, Jakobsleiter, S. 92–94.

34

Schönberg, Jakobsleiter, S. 155 et seq.

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