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Regenwolken über dem Dionysos-Theater?

In: Mnemosyne
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  • 1 Universität Trier, FB II—Klassische Philologie26595, Trier, Germany
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Im antiken Athen wurden die kultischen Veranstaltungen zu Ehren des Gottes Dionysos, die Lenäen und die Großen Dionysien, jährlich in den Monaten Gamelion (Januar/Februar) bzw. Elaphebolion (März/April) abgehalten. Die dramatischen Spiele, welche in deren Rahmen zur Aufführung kamen, fanden im Dionysos-Theater statt, das bekanntlich ein Freilufttheater war. Es ist davon wohl auszugehen, dass die Zuschauer dann während der Aufführungen auch der entsprechenden winterlichen Witterung ausgesetzt waren. Denn es gibt keinen Beleg für eine Aufführungsabsage, was sich aufgrund des kultischen bzw. rituellen Rahmens der Spiele erklären lässt.1 Das Klima bzw. die Wetterbedingungen im klassischen Griechenland waren allerdings Victor Coutant und Val L. Eichenlaub zufolge nicht deutlich anders als im 20. Jh.2 Die sogenannten halkyonischen Tage, in denen für kurze Zeit im Winter schöne Wetterverhältnisse herrschen, dauern normalerweise nicht länger als zwei Wochen.3 Im antiken Athen soll daher bis April nicht nur regelmäßig kalter Nordwind geweht haben,4 vor welchem das antike Publikum dank der Lage des Theaters am Südhang der Akropolis teilweise geschützt war, vielmehr waren auch Regen und manchmal sogar Schnee zu erwarten. So berichtet Plutarch, dass in der Zeit des Demetrios Poliorketes (337/336-283/282 v. Chr.) der Festzug am ersten Tag der Dionysien einmal von starker Kälte betroffen war, die sich anschließend zu Frost entwickelte, welcher dann schwere Schäden im ganzen Land anrichtete (Plu. Demetr. 12.5).5 Bis in die Zeit Hadrians scheinen darüber hinaus im Dionysos-Theater auch Sonnensegel aufgestellt worden zu sein, welche die beiden vorderen Reihen nicht nur vor Sonne, sondern möglicherweise auch vor Regen schützten.6 Freilich verharrten die Zuschauer in der Zeit des Aristophanes wahrscheinlich nicht den ganzen Tag im Theater, sondern sie konnten sich vielleicht, wie es an einer Stelle in den Aves (786-789) angedeutet wird, aus dem Theater entfernen und dann je nach Belieben wieder zurückkommen.7 Es bleibt aber dennoch die Frage, ob unangenehme Witterungsbedingungen wie Regen grundsätzlich vor Ort erwartet wurden bzw. wie damit umgegangen wurde.

Ein indirektes Zeugnis dazu können wir aus einem antiken Scholion zu einer Stelle in Aristophanes’ Nubes gewinnen. Als Sokrates am Beginn der Parodos den Wolken-Chor herbeiruft, erinnert sich Strepsiades daran, dass er seine Kopfbedeckung zuhause gelassen hat und will deswegen einen Teil seiner Bekleidung, wie er seinem Publikum hinweisend deutlich macht, um sich legen, bevor er nass wird. Offensichtlich versteht Strepsiades das Erscheinen der ‚Wolken‛ als Zeichen für Regen. Der Text lautet wie folgt:

μήπω, μήπω γε, πρὶν ἂν τουτὶ πτύξωμαι, μὴ καταβρεχθῶ.

τὸ δὲ μηδὲ κυνῆν οἴκοθεν ἐλθεῖν ἐμὲ τὸν κακοδαίμον’ ἔχοντα.8

Noch nicht, bitte noch nicht, bevor ich dieses da um mich lege, damit ich nicht nass werde.

Mist! Ich habe das Haus ohne Kopfbedeckung verlassen.

Die Kopfbedeckung, die er zuhause vergessen hat, wird im Text als κυνῆ bezeichnet. Deren thessalischen Version wird allerdings bei Sophokles (OC 313-314) als ‚die Sonne abwehrend‛ (ἡλιοστερής) bezeichnet. Möglicherweise handelt es sich um eine Kopfbedeckung mit breitem Rand, welche unter Umständen nicht nur vor Sonne (siehe Passow, s.v. κυνέη 2), sondern auch vor Regen schützen könnte.9 Die Scholien bezeugen übrigens an dieser Stelle, dass diese Kopfbedeckung vor allem die Menschen vom Land verwendeten (Σ Ar. Nu. 268aα: ἀγροίκων φόρημα), wobei diese Nachricht vielleicht mit Vorsicht zu betrachten ist, weil sie von der Darstellung des Strepsiades im Stück beeinflusst sein könnte (vgl. Nu. 43: ἐμοὶ γὰρ ἦν ἄγροικος ἥδιστος βίος; ebd. 47: ἄγροικος ὤν).10 Für Sklaven muss diese Art Kopfbedeckung wiederum eher ein Luxus gewesen sein, wie eine weitere Stelle in den Vespae (443-447) deutlich macht. Das Kleidungsstück, das Strepsiades am Ende benutzt, stellt offensichtlich die nächstbessere Alternative dar, die man bei plötzlichem Regen verwenden konnte, falls eine κυνῆ nicht vorhanden war. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um sein Himation, wie das antike Scholion zum Vers 267 meint (Σ Ar. Nu. 267b). Das gleiche Scholion ist nun aber auch in einer anderen Hinsicht von Interesse. Denn es versucht anschließend, die Reaktion des Strepsiades mit Blick auf die meteorologischen Bedingungen in Athen zur Zeit der Dionysien zu erklären. Der Text lautet:

παρεπιγραφή. RBarbMatr. διπλασιάσας γὰρ τὸ ἱμάτιον περιβάλλεσθαί φησιν αὐτὸ θέλειν RMatr

Hinweis. Nachdem er das Himation zusammengefaltet hat, sagt er, er wolle es sich umlegen, a. zur Bedeckung, damit der Regen ihn nicht durchnässt. Die Dionysien werden nämlich im Winter begangen. b. als Bedeckung ⟨so dass der Regen weniger zum Körper durchdringt⟩. Der Anfang der Dionysien wird nämlich im Winter begangen.

Der Scholiast interpretiert den in Betracht kommenden Vers im aristophanischen Text als einen Hinweis für den Schauspieler (παρεπιγραφή), der an dieser Stelle seine Worte mit einer deiktischen Handlung begleiten soll, und erläutert, welche Funktion die Handlung erfüllen soll. Die anschließende Erklärung freilich, dass Strepsiades sein Himation überziehen wolle, weil die Dionysien (teils) im Winter stattfänden,11 scheint auf einem Missverständnis zu beruhen; denn der Regen, den Strepsiades erwartet, soll ja vom Wolken-Chor gebracht werden, den Sokrates gerade herbeigerufen hat.12 Dieses Missverständnis könnte aber mit Blick auf unsere theaterhistorische Fragestellung von einiger Relevanz sein. Soweit erhalten geblieben wurden die antiken Scholien zu Aristophanes zum ersten Mal im 9./10. Jh. kompiliert,13 doch reicht ihr Ursprung auf verschiedene Stufen antiker Aristophanesphilologie zurück, bis hin in die Zeit von Philologen wie Kallimachos und Eratosthenes.14 Der Zusammenhang zwischen Regen und dramatischen Festspielen, wie dieser im genannten Scholion hergestellt wird, könnte also aus einer Zeit stammen, in der man noch auf lebensnahe Erfahrungen mit möglicherweise auch durchnässten Festspielen im Dionysos-Theater zurückgreifen konnte.

Danksagung

Die ursprüngliche Idee für diese kurze Miszelle entsprang einer lebhaften Diskussion mit Herrn Prof. Georg Wöhrle (Trier), die sich während der traditionellen Kaffeerunde der Mitarbeiter:innen der Trierer Klassischen Philologie entfacht hat. Ich danke ihm herzlich sowohl für die Anregung, das Thema zu verfolgen, als auch für wertvolle Anmerkungen zur vorliegenden Miszelle. Ganz herzlich sei auch Prof. Bernhard Zimmermann (Freiburg) für wichtige Hinweise zum Text gedankt. Einige Stellen habe ich gelegentlich auch mit Prof. Stephan Busch (Trier) und mit Fabia Neuerburg (Köln) diskutiert. Von den Diskussionen mit ihnen habe ich auch profitiert.

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1

Mehr dazu bei von Möllendorff 2002, 44-49. Vgl. auch Burkert 1985, 227-228.

2

Coutant und Eichenlaub 1975, xxvii.

3

Dazu s. Wellmann 1894, 1583. Vgl. aber auch Chronopoulou und Mavrakis 2014, 66-69.

4

Vorkommen von Kälte während der Lenäen vermutet auch McLeish 1980, 27.

5

Pickard-Cambridge 1968, 58 n. 5.

6

Pickard-Cambridge 1968, 272.

7

Ebd. Dazu vgl. auch Dunbar 1995, 481.

8

Ar. Nu. 267-268.

9

Dazu vgl. auch Hermann und Blümner 1882, 180.

10

Zu dieser Neigung der antiken Aristophanesscholien vgl. auch Halliwell 1984, 83-88. Mehr zum Charakter des Strepsiades bei Dover 1968, xxvii-xxviii; Konstantakos 2005, 4-7.

11

Am Übergang vom Winter zum Frühling werden die Dionysien datiert auch bei Σ Ar. Nu. 10e; Comm. (= Schol. rec. Tz.) Ar. Nu. 108 und 311a; Comm. (= Schol. rec. Tz.) Ar. Ra. 810. Nur bei Σ Ar. Ach. 504a-b werden die Dionysien ausnahmsweise in den Frühling datiert, indem sie an dieser Stelle mit den Lenäen verglichen werden, die ohnehin inmitten des Winters stattfanden. Zu Datierung der Dionysien am Übergang vom Winter zum Frühling s. aber bereits Th. 5.20.1.

12

Eine weitere Schwierigkeit liegt natürlich auch darin, dass die überlieferte Version des Spiels im Ganzen nicht die der ersten Aufführung in den Dionysien des Jahres 423 v.Chr. ist, sondern eine vom Dichter teilweise revidierte Version darstellt, welche wahrscheinlich nie auf die Bühne gebracht wurde. Im Hellenismus waren allerdings beide Versionen überliefert. Mehr dazu bei Dover 1968, lxxx-xcviii.

13

Zuntz 1975, 61-62; Chronopoulos 2011, 120-121.

14

Dazu s. Halliwell 1984, 83; Dickey 2006, 29. Vgl. auch Wilson 1967, 255-256.

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