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Editorial: Das Interview

In: Sprache und Literatur
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  • 1 Ruhr-Universität Bochum, Germanistisches Institut, Universitätsstr. 150, 44780 Bochum dorothea.walzer@rub.de
  • | 2 Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften, Unter den Linden 6, 10099 Berlin anke.te.heesen@hu-berlin.de
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Das Interview ist ein Vielfaches. Die scheinbar einfache Ausgangssituation – eine Frage wird gestellt, eine Antwort wird gegeben – erweist sich bei näherer Untersuchung als kompliziert und vertrackt. Wie sind Frage und Antwort aufeinander bezogen, wie wurden sie vorbereitet und inwiefern sind sie durch Medien und Formate (Enquête und Verhör, Test und Theater etc.), durch Zeitkontingente und Rezeptionserwartungen immer schon vorformatiert? Und was passiert mit dem gesprochenen Wort, da es aufgenommen, transkribiert und wissenschaftlich, publizistisch oder mitunter auch literarisch verarbeitet wird? Eine Collage von Andy Warhol von 1971 bringt diese Komplikationen auf den Punkt.1 Sie zeigt den Künstler, der unmittelbar in die Kamera blickt. Der leicht geöffnete Mund evoziert eine Artikulation und die in die Fotografie collagierte Sprechblase ruft Comicassoziationen hervor. Hier wird ein Sprechen in Szene gesetzt. Doch die Sprechblase ist leer, der Mund nicht wirklich ein Wort zu formen in der Lage.

Abb. 1
Abb. 1

Portrait Andy Warhol, in: The Autobiography and Sex Life of Andy Warhol, hrsg. v. John Wilcock. New York, 1971, o. S.

Citation: Sprache und Literatur 47, 1 (2018) ; 10.30965/25890859-04701001

Man kann dieses Bild in Zusammenhang mit der von Warhol Ende der 1960er Jahre gegründeten Zeitschrift inter/VIEW sehen, deren erste Ausgabe 1969 auf den Markt kommt. Zunächst auf Zeitungspapier gedruckt, später dann unter dem Titel Andy Warhol’s Interview als Hochglanzmagazin herausgegeben, werden in ihm filmtheoretische Essays und Interviews veröffentlicht. Bald entwickelt sich das Magazin zu einer Jetset-Plattform, auf der vor allem mit entsprechenden celebrities Interviews geführt und inszeniert werden. Warhols Selbstportrait kann aber auch unabhängig von seinem New Yorker Kontext als eine das Interview um 1970 kennzeichnende Position wahrgenommen werden, in der Person und Gesprochenes als zwei Entitäten auftreten, die sich miteinander entwickeln und gegenseitig ausdrücken, aber auch unabhängig voneinander existieren können. Ins Bild gesetzt ist die Beziehung zwischen dem, der spricht und dem, was aufgezeichnet wird, mithin in gedruckter Form in der Sprechblase erscheinen könnte. Das Changieren zwischen dem Gesagten und dem notwendigerweise verändert Aufgeschriebenen – hier als Leerstelle markiert – ist das, was das Interview kennzeichnet. Vor allem aber verweist dieses Portrait auf die historischen Kontexte von Warhols Interview-Projekt: auf dessen Prominenz und konzentrierte Verwendung um 1970.

Die Beiträge dieses Themenheftes nehmen sich dieser Kontexte an. Bald fällt auf, dass mit dem Interview als prominentem Reflexions- und Forschungswerkzeug von den 1960er bis in die 1980er Jahre große Hoffnungen verbunden waren: In den Oral History-Projekten dominierte die Erwartung, dass eine neue Quelle und damit ein neuer Zugang zu Geschichte erschlossen werden kann, während engagierte Schriftsteller und Intellektuelle dem im Zwiegespräch angelegten Versprechen kollektiver Autorschaft und gesellschaftlicher Wirksamkeit auf den Grund gehen wollten. Hier wie dort erscheint das Interview als ein link zwischen dem gedruckten Buch und der umgebenden Welt, als Quellenkunde und Zirkulationsgeschehen, das die wissenschaftliche und literarische Sphäre mit der Wirklichkeit gelebter Leben, mit individueller Erfahrung und dem gesellschaftlichen Artikulationsraum einer medialen Öffentlichkeit verbinden kann.

Ähnlich der am Ideentheater platonischer Dialoge geschulten „Ideenreportage“ von Michel Foucault, die dem Autor wie dem Leser gleichermaßen ermöglicht, „der Geburt der Ideen beizuwohnen und ihre explosive Kraft zu erleben“,2 wird auch das Interview von einem großen Unmittelbarkeitsversprechen begleitet. Für engagierte Intellektuelle und Historiker birgt es die Utopie unverstellten Sprechens in einer entfremdeten Welt. So gesehen ergeben sich eigentümliche Verbindungslinien zwischen Roland Barthes und Hubert Fichte, Thomas S. Kuhn und Ulrich Herbert. Ihre Interviewprojekte eint die Suche nach einem Zugang zu Erfahrungen des Menschen, die aber immer auch – und das ist das Besondere – zugleich Erfahrungen des Fragenden sind. So soll das Interview im Idealfall eine Begegnung darstellen – wie seine wortgeschichtliche Ableitung von entre-vue, „Zwischensicht“, bereits angibt – und einen Dialog mit dem ganz Anderen, Fremden und bis dahin Unzugänglichen ermöglichen. Doch wo große Hoffnungen sind, stellen sich auch Enttäuschungen ein. Die Erinnerungsoffensive der Historiker zeitigt unerwartete Ergebnisse und macht deutlich, dass die in das gesprochene Wort transferierte Erinnerung nicht ohne Weiteres als eine belastbare Quelle gelten kann, während das Gespräch der Intellektuellen, statt kollektive Denkprozesse zu initiieren, im postmodernen Geplauder unterzugehen droht. Wo das Bezeugte nicht mit der Realität des Vergangenen übereinstimmt und die Freiheit des talks seinem Schematismus zum Opfer fällt, bleibt die Sprechblase leer.

Diese Leere wird für die in diesem Heft behandelten Autoren zu einer Realität, der sich ein folgenreicher Perspektivwechsel verdankt. Als Repräsentationsproblem gewendet, stellt das Scheitern der mit dem Interview verbundenen Hoffnungen den affirmierbaren Ausgangspunkt eines Dialogs dar, in den engagierte Intellektuelle und Historiker, Schriftsteller und Philosophen miteinander treten können. So zeigen die in diesem Schwerpunktheft zusammengetragenen Beiträge, dass das Interview von unterschiedlichen Formaten der Verschriftlichung und der Narrativierung lebt. Da haben wir etwa die Erfolgsgeschichten der großen Männer der physikalischen Zeitenwende des frühen 20. Jahrhunderts, die am Ende von Kuhns wissenschaftshistorischer Interview-Enquête als Dokumente unter vielen erscheinen (vgl. te Heesen) oder aber die spontanen Erinnerungsströme der Arbeiter aus dem Revier, die das von Ulrich Herbert geführte Oral History-Projekt LUISR von anekdotisch verfestigten Wissensbeständen unterscheidet (vgl. Maubach). Wir haben die ausufernden Fortsetzungsnarrative vom Hamburger Kiez, die Hubert Fichtes Versuchsreihe über das Interview von den Test-Medien einer zeitgenössischen ‚Kultur der Befragung‘ abhebt (vgl. Walzer) oder aber das als Dialog codierte Interview, mit dessen Hilfe französische Intellektuelle wie Barthes ihr Denken als discours in Szene setzen (vgl. Binczek, Zanetti/Mareuge). Nur im Umweg über solche Formen der Narrativierung lässt sich die quellengestützte Wirklichkeit historischer Transformationen und gesellschaftlicher Denkprozesse, die Unmittelbarkeit des Erlebens und Sagens bestimmen.

In den Beiträgen dieses Heftes werden zweitens unterschiedliche Konzepte von Historizität und Zeitlichkeit sichtbar, die sich im fragengeleiteten Auskunftgeben des Interviews niederschlagen. Das zeigt sich etwa in jenem Moment, in dem das lebensgeschichtliche Erinnern im LUISR-Projekt der Linearität der großen Erzählungen (des Klassenkampfs u.a.) eine kleine, aus alltäglichen Ereignissen, Gefühlen und Kontinuitätserfahrungen akkumulierte, von zyklischen Zustandswechseln geprägte Geschichte in Geschichten entgegensetzt. Es zeigt sich aber auch dort, wo umgekehrt das Fragen nach den Diskontinuitäten und Brüchen wissenschaftlicher Revolutionen den Interviewleiter Kuhn mit dem Versagen der Erinnerung an das Kleine und Umständliche, die „circumstantial details“ konfrontiert, die ihn diesen Revolutionen näher bringen könnten. Lehrbuchartige Fortschrittserzählungen und Berichte von erfolgreichen Karrierewegen treten an deren Stelle. Wenn Fichte seine Fragetechniken und Darstellungsformen auf jene Umstandsbeschreibungen ausrichtet, die Kuhn erfolglos zu erfragen sucht, dann spielt er unterschiedliche Zeitlichkeiten gegeneinander aus. Durch Aktualisierungen aller Art (Kommentierung, Reenactment oder das Spiel mit Paratexten) werden die Zeitachsen der behandelten Ereignisse, der originären Gesprächssituation, ihrer Verarbeitung und Rezeption ineinander geschichtet. Damit nähert er sich einer Logik der Verzeitlichung (oder différance) an, die das Interview Barthes zufolge grundlegend strukturiert: und zwar insofern, als die Mündlichkeit (der Primärsituation) im Interview nicht von den Kultur- und Medientechniken der Inszenierung und Verschriftung (also der Sekundärsituation) getrennt werden kann, die es in eine Kette von ‚Neuschreibungen‘ einbinden und somit immer schon prägen.

Was also bleibt von einem Interview, dessen Mündlichkeit von der Leere des Buchstabens und der Schrift durchzogen ist? Im Zweifelsfall eine leere Sprechblase.

1

Den Hinweis auf die Fotocollage von Andy Warhol verdanken wir Hubertus Butin, Berlin.

2

Michel Foucault, „Die ‚Ideenreportagen‘“, in ders., Dits et Écrits, Bd. 3. Hg. von Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange. Frankfurt am Main 2003, S. 885–887, hier S. 886.

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