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Roland Barthes im Gespräch mit Georges Charbonnier: Über eine mögliche Theorie der Lektüre (1967)

In: Sprache und Literatur
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  • 1 Universität Zürich, Romanisches Seminar/AVL, Plattenstrasse 43, CH-8032 Zürich sandro.zanetti@uzh.ch
  • | 2 Universität Zürich, Romanisches Seminar/AVL, Plattenstrasse 43, CH-8032 Zürich agathe.mareuge@uzh.ch
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Vorbemerkung

Im Oktober 1967 führte der Literaturkritiker Georges Charbonnier mit Roland Barthes eine Reihe von Gesprächen, die noch im selben Monat in Form von sechs jeweils rund zwanzigminütigen Rundfunksendungen auf France Culture ausgestrahlt wurden. Die hier wiedergegebene fünfte Sendung vom 24. Oktober 1967 trug den Titel „Énonciation, intersubjectivité, intertextualité et analyse psychanalytique et linguistique de la lecture“. Transkription und Übersetzung folgen der Originalaufnahme von 1967, wobei die letzten rund fünfeinhalb Minuten der Sendung, die vom Thema der Lektüre wegführen, ausgelassen wurden. 1988 wurde in der Reihe À voix nue das gesamte Tonmaterial noch einmal neu zusammengestellt und in Form von fünf Sendungen ausgestrahlt. Die Originalaufnahmen von 1967 sowie vier der fünf erweiterten und bearbeiteten Sendungen von 1988 sind seit Anfang 2016 auf der Website von France Culture frei zugänglich.1

Die von Roland Barthes gesprächsweise formulierten Überlegungen zu einer Theorie der Lektüre fallen in die Zeit des wirkungsmächtigen Aufsatzes „La mort de l’auteur“ („Der Tod des Autors“). Der Aufsatz erschien ebenfalls 1967 – zuerst im Dezember in einer englischen Übersetzung, im Jahr darauf dann auf Französisch. Der Aufsatz endet mit dem berühmt gewordenen polemischen Satz: „La naissance du lecteur doit se payer de la mort de l’Auteur.“ („Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.“) Der Wechsel in der Aufmerksamkeit von den Aktivitäten des Autors zu jenen des Lesers – einschließlich jenen des Autors als Leser – ist auch Thema des hier wiedergegebenen Gesprächs mit Georges Charbonnier. Deutlich zu spüren ist die Geste der Abgrenzung, mit der Barthes auch und gerade in seinen ersten, noch tastenden Überlegungen zu einer Theorie der Lektüre von der Fixierung auf die Figur und die Intentionen des Autors loskommen möchte. Dabei weist er die Instanz des Autors selbstbewusst bereits einer vergangenen Epoche zu. Gleichzeitig lenkt er die Aufmerksamkeit weg vom empirischen Leser hin zum Akt der Lektüre sowie, noch wichtiger, zur Frage, wie Texte und ‚Lektüresubjekte‘ sich zueinander strukturell verhalten.

Vorbereitet wurden die im Gespräch mit Georges Charbonnier formulierten Überlegungen bereits in Barthes’ literaturkritischen Schriften der Fünfziger- sowie der frühen und mittleren Sechzigerjahre, insbesondere in der Streitschrift Critique et vérité von 1966. Kurz nach den Rundfunkgesprächen beginnt Barthes außerdem sein mehrsemestriges Seminar zu Balzacs Erzählung Sarrasine an der École pratique des hautes études. Das Seminar ist die direkte Vorarbeit und Vorbereitung des Buches S/Z, das 1970 erscheint und selbst Beispiel einer neuen, strukturalistischen Art der Lektüre ist. Die „Geburt des Lesers“ trägt nun auch methodologisch Früchte, indem Barthes konsequent nicht den Autor (Balzac) in den Vordergrund stellt, sondern den Text in seinen intertextuellen Verflechtungen sowie in seiner spezifischen Organisation und Vernetzung sprachlicher Codes. Den auch in den Gesprächen mit Charbonnier verwendeten Begriff der ‚Intertextualität‘ übernimmt Barthes von Julia Kristeva, die ihn – ebenfalls 1967 – in ihrem Aufsatz „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman“ einführte. Ein Jahr zuvor, Ende 1966, stellte Kristeva ihre Überlegungen zur Intertextualität, die sie aus ihrer Auseinandersetzung mit den Schriften Michail Bachtins zur Dialogizität gewonnen hatte, im Seminar von Barthes vor. Mit dem Begriff der „écriture-lecture“ schlug sie zugleich eine Brücke zu den u.a. von Barthes vorangetriebenen Forschungen zur „écriture“ – zur Schrift und zum Schreiben, die beide nun verstärkt unter dem Gesichtspunkt der darin implizierten Lektüreaktivitäten konzeptualisiert wurden.

Für Barthes und seine Überlegungen zu einer Theorie der Lektüre ist der Begriff der ‚Intertextualität‘ von entscheidender Bedeutung, macht er es doch möglich, den ‚Text‘ selbst als ‚Geflecht‘ produktiver Lektüren zu definieren. Mit anderen Worten: Der Textbegriff selbst impliziert in seiner Struktur eine jeweils spezifische Verflechtung mit Intertexten, die wiederum als Effekte produktiver Lektüren bestimmt werden können. Insbesondere in der deutschsprachigen Diskussion ist Barthes ebenso wie Kristeva des Öfteren der Vorwurf gemacht worden, mit einem unscharfen Begriff von Intertextualität zu operieren, der es kaum möglich mache, verschiedene Formen, historische Manifestationen und Explizitheitsgrade von Intertextualität zu unterscheiden. Man muss sich allerdings vergegenwärtigen, dass Barthes wissenschaftsgeschichtlich ganz am Anfang einer Diskussion zur Erforschung von Lektüreprozessen stand: Die maßgeblichen Schriften etwa der ‚Konstanzer Schule‘ zur Rezeptionsästhetik erschienen erst später, die Arbeiten aus dem Umkreis des Reader-response criticism waren nur punktuell rezipiert, und auch Umberto Ecos Lector in fabula (1979) – obschon vorbereitet durch die Studie Opera aperta von 1962 – war noch nicht erschienen. Zugleich zeigte sich Barthes allerdings, wie auch in den folgenden Ausführungen, von Anfang an skeptisch gegenüber einer Theorie des Lesens oder des Lesers, die sich entweder – durch traditionelle Einflussforschung oder Literaturpsychologie – weiterhin auf die Instanz des Autors (was hat er gelesen und warum?) oder – durch empirische Literatursoziologie – auf die Literaturgeschichte im Sinne einer Rezeptionsgeschichte bzw. auf statistische Erhebungen realer Lesererfahrungen konzentriert.

Stattdessen rückt Barthes konsequent den Gedanken ins Zentrum, dass es der Text selbst ist, der als ein Geflecht produktiv gewordener und werdender Lektüren zu bestimmen und zu erörtern ist. Darin involviert ist das ‚Lektüresubjekt‘, das von Barthes primär sprachlich gedacht wird. Das ‚Schreibsubjekt‘ wiederum wird von ihm so bestimmt, dass es immer auch ein ‚Lektüresubjekt‘ ist – während umgekehrt das ‚Lektüresubjekt‘ ‚schreibend‘ in dem Sinne ist, dass es den Text aktiv weiterspinnt. Um diese Relationen im Einzelnen beschreiben und systematisieren zu können, schlägt Barthes eine Kooperation zwischen Linguistik, Literaturwissenschaft und Psychologie bzw. Psychoanalyse vor. Vieles bleibt in diesen Überlegungen noch ungeklärt und offen. Aus heutiger Perspektive mag deren Reiz jedoch gerade darin bestehen, dass sie von Barthes im Status des Unfertigen, erst Angedachten und Improvisierten vorgetragen werden. Man hat es hier also mit einer Theorie im Entwurf zu tun: mit ersten Erwägungen, Sondierungen und Grenzziehungen, die von Barthes später teilweise wieder verworfen werden, in anderen Zusammenhängen aber auch produktive Fortsetzungen finden.

So weisen etwa die hier gegen Ende vorgetragenen Überlegungen zum hedonistischen, erotischen, lustvollen Lesen bereits vor auf Le Plaisir du texte von 1973. Der Wechsel vom ‚strukturalistischen‘ zum ‚poststrukturalistischen‘ Roland Barthes ist gerade mit Blick auf die offenen Wege, die Barthes in den Gesprächen, aber auch in seinen Seminaren wählt, weniger eindeutig zu bestimmen, als die publizierten Schriften nahelegen könnten. Auch Barthes’ Hinwendung zur Lust am Text hat seine Vorgeschichte, auf die im Folgenden sogar explizit hingewiesen wird: die Auseinandersetzung mit der antiken Rhetorik. Bereits 1964 stellt Barthes im Vorwort zu seinen Essais critiques bündig fest, dass die Rhetorik „die amouröse Dimension der Schrift“ sei („La rhétorique est la dimension amoureuse de l’écriture“). Später, um 1970, versammelt er seine Notizen zur antiken Rhetorik in der einschlägigen ‚Gedächtnisstütze‘ „L’ancienne rhétorique. Aide-mémoire“.

Das Thema des Lesens wiederum bleibt ein konstanter Bezugspunkt in Barthes’ Arbeiten, die selbst stets praktische Verknüpfungen von Lese- und Schreibtätigkeiten sind. Diese Verknüpfungen reichen von der „sinnlichen Lektüre“ in L’Empire des signes (1970) bis zur Erprobung und Reflexion neuer Lesepraktiken in S/Z (1970) und Le Plaisir du texte (1973), sie weisen aber auch zurück und nach vorn bis zu jenen Lesevorgängen, die sich auf das Feld der Literatur und der Schrift nicht beschränken lassen (Fotografie, Mode, kulturelle Objekte und Prozesse im weitesten Sinn).

Transkription und Übersetzung des Gesprächs mit Georges Charbonnier von 1967 folgen der auf der Website von France Culture bereitgestellten Tonaufnahme. Der mündliche Duktus wurde beibehalten, ohne indessen darauf zu verzichten, einen möglichst gut lesbaren Text darzubieten.2

Transkription und Übersetzung

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