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Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur

Einleitung

In: Sprache und Literatur
Authors:
Pola Groß Dr. phil., Literaturwissenschaft, Leibniz-Zentrum für Literatur-und Kulturforschung Berlin Deutschland

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Hanna Hamel Dr. phil., Philosophie und Literaturwissenschaft, Leibniz-Zentrum für Literatur-und Kulturforschung Berlin Deutschland

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https://orcid.org/0000-0003-2331-7134
Open Access

Die1 öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit für digitale Literatur nimmt rapide zu. Diese Entwicklung ist auch, aber nicht nur auf die durch die Pandemie veränderten Bedingungen für den Literaturbetrieb zurückzuführen. Die Wurzeln der digitalen Literatur reichen bis zu den konzeptuellen Texten des 20. Jahrhunderts zurück.2 Zur „digitalen Literatur“ zählen heute, wie Hannes Bajohr und Annette Gilbert in ihrem gleichnamigen Themenheft der Zeitschrift Text und Kritik festhalten, nicht nur Texte, die durch bewussten Einsatz von „Computern, Codes, Algorithmen sowie der automatisierten Verarbeitung von Textkorpora“ entstehen.3 Zur digitalen Literatur gehören auch Texte, die inhaltlich die Digitalisierung reflektieren, ebenso wie die ‚Plattformliteratur‘, die in den sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder Instagram geschrieben und in Form von Postings erstveröffentlicht wird.

Innerhalb der digitalen Literatur ist ein solches Nebeneinander verschiedener Produktions- und Reflexionsformen charakteristisch, und das bereits seit 20 Jahren.4 Für die Literatur bringt das digitale, vernetzte Schreiben nicht nur neue Textformen, sondern auch neue Kontexte hervor. Autor:innen veröffentlichen Texte, Notizen, Einfälle und Stellungnahmen in direkter medialer Nachbarschaft zu Werbung oder politischer Agitation. Der Druck zur politischen und ethischen Positionierung, den es innerhalb der sozialen Medien gibt, wirkt sich auch auf die Haltung der Autor:innen aus. Für sie entsteht ebenfalls ein Erwartungsdruck zur Positionierung, etwa als Vertreter:innen einer marginalisierten Gruppe oder eines spezifischen Milieus.5 Aber auch wenn keine deutlich markierte Position bezogen wird, müssen die Autor:innen sich zumindest zu dem Druck selbst verhalten – sei es durch konsequenten Entzug oder neue ästhetische Strategien.

Weil heute letztlich keine Literatur in ihren Produktionsbedingungen oder ihren Themen von den Effekten der Digitalisierung unberührt bleibt und literarische Texte mit diesem Umstand häufig auf selbstverständliche Weise umgehen (wie etwa Leif Randts Allegro Pastell oder Joshua Groß’ Flexen in Miami), wird zunehmend auch von ‚postdigitaler‘ Literatur gesprochen.6 Das vorliegende Themenheft widmet sich vor allem dem Bereich der postdigitalen Literaturszene, der einen besonderen Bezug zum vernetzten Schreiben und zur Literaturproduktion in neuen medialen Kontexten hat. Die Erkundungen richten sich also einerseits auf Texte, die auf Plattformen wie etwa Twitter, Instagram, Facebook u.a. entstehen, aber andererseits auch auf Literatur, die an alternativen Orten im Internet, abseits der großen Plattformen, geschrieben und verbreitet wird. Einige der Beiträge untersuchen zudem Texte, die auf die veränderten Umstände des digitalen Veröffentlichens und auf die durch die sozialen Medien hervorgebrachten neuen Phänomene reagieren und diese reflektieren.

Auffällig ist die ungeheure Fülle neuer Texte, die Anspruch auf Literarizität erheben, auch wenn sie abseits der Orte veröffentlicht werden, die von traditionellen Gatekeeper:innen wie Verlagen oder Literaturkritiker:innen gesichert sind. Die Gegenwartsliteratur bedient sich nicht nur neuer Publikationsformate und -orte, sondern bevorzugt häufig auch andere Schreibverfahren, wie etwa das „Herauskopieren, Überführen, Einfügen, Modifizieren, Rekombinieren, Umkomponieren, Ausfabulieren, Weiterschreiben, Umschneiden, Neuordnen“.7 Kenneth Goldsmith definiert die Ergebnisse dieser neuen, häufig kollaborativen, vernetzenden oder reproduzierenden Schreibverfahren nicht mehr als Werke, sondern als „textuelle Ökosysteme“.8 Solche Texte sind auch der Schriftstellerin Nikola Richter zufolge „prinzipiell weiter schreib- und lesbar“ und sperren sich so „gegen den vorherrschenden einheitlichen, abgeschlossenen Werkbegriff“.9

Die jüngsten Entwicklungen lassen sich nicht ohne direkten Kontakt zum dynamischen Feld der Literaturproduktion und ihren Akteur:innen beobachten. Viele Theoretiker:innen der Gegenwartsliteratur sind zugleich selbst Autor:innen.10 Daran zeigt sich, wie sich eine Konstellation, die letztlich für jeden Forschungsgegenstand relevant ist, in der aktuellen Literaturproduktion und ihrer Untersuchung nochmals zuspitzt. Wenn Forschende ihren Gegenstand stets mit hervorbringen, die Gestalt beeinflussen, in der er wahrgenommen wird und sogar zu seinen öffentlichen Repräsentant:innen erklärt werden können, wird kritische Distanz zur Herausforderung. Im Kontext der Untersuchung der aktuellen literarischen Phänomene handelt es sich daher um einen besonderen Fall von „kritische[r] Nähe“11 zwischen Schreibenden und (wissenschaftlich) Lesenden, einer Nähe zwischen Schreiben und Beschreiben, die in Einzelfällen sogar von ein und derselben Person praktiziert wird.12

Um daran nicht nur teilzunehmen, sondern die aktuellen Entwicklungen zu untersuchen, ziehen wir zwei Begriffe heran, die es erlauben sollen, sie mit etwas mehr Distanz zu betrachten und neue Kontexte für die Reflexion zu erschließen: denjenigen der ‚Nachbarschaft‘ und denjenigen des ‚Stils‘. Beide sollen dazu dienen, einen Schritt vom Betrieb zurückzutreten und seine Mechanismen und jüngsten Entwicklungen mit etwas Abstand zu beschreiben. Der Fokus liegt einerseits auf der Untersuchung einer neuen, von räumlicher Nähe zunächst entkoppelten Nachbarschaft zwischen verschiedenen Akteur:innen innerhalb und außerhalb des Literaturbetriebs, die andererseits direkten Einfluss auf die Entwicklung des literarischen Stils, auf die Bildung von Stilgemeinschaften und auf die literarische Reflexion gegenwärtiger, von der digitalen Vernetzung geprägter Lebensstile hat.

1 Nachbarschaften in der Gegenwartsliteratur

Um die Relationen zu untersuchen, in denen sich Lesende und Schreibende gegenwärtig in den sozialen Medien wiederfinden, bietet sich das Konzept der Nachbarschaft an. Das liegt insbesondere an den Konnotationen, die der Begriff mit seinen Assoziationen alltäglicher Nachbarschaftserfahrungen weckt:13 Nachbarschaft ist ein oft zufällig entstandenes Verhältnis der Kontiguität; zugleich wird Nachbarschaft aber auch gewählt und mitgestaltet. In ihr entstehen Spannungen zwischen räumlicher Nähe und sozialer Distanz und zwischen Nachbar:innen sind Praktiken der Distinktion und Abgrenzung häufig genauso wichtig wie Zusammenhalt und Kooperation. Nachbarschaft ist ein ambivalentes Verhältnis, das aber anders als ‚Intimität‘ oder ‚Distanz‘ bei der Beschreibung von Beziehungen noch keine Wertung impliziert. All diese teils widersprüchlichen Aspekte sind auch für die Untersuchung einer neuen Nähe zwischen Schreibenden und Lesenden in sozialen Medien von Interesse. Die ‚neuen Nachbarschaften‘ im Netz und in den sozialen Medien erscheinen zwar zunächst vom Raum entkoppelt zu sein, aber die Beziehungen zwischen den Akteur:innen ähneln nachbarschaftlichen Verhältnissen. Autor:innen geben ihren Leser:innen teils intim anmutende Einblicke in ihren Alltag und ihr Privatleben, die sich in prädigitalen Zeiten allenfalls im engen räumlichen Kontakt erschlossen hätten. Wie die räumlichen Nachbarschaften sind die neuen Nachbarschaften im Netz Beziehungsgefüge, in denen eine beständige Aushandlung zwischen Distanz und Nähe stattfindet und neue Formen von Intimität entstehen können, was Nina Tolksdorf in ihrem Beitrag am Beispiel der Verschiebung von Grenzen zwischen Privatperson, Autorpersona und Erzähler:in zeigt.

Im Prozess des postenden Schreibens bildet sich eine koproduzierende Gemeinschaft zwischen den Schreibenden und Lesenden aus: Die Lesenden kommentieren und favorisieren Tweets oder Postings und beeinflussen durch solche Feedbackschleifen den Arbeitsprozess der Autor:innen. Manchmal entwickeln diese ihren Stil in direkter Kommunikation mit den Leser:innen, wie Johannes Franzen in seinem Beitrag unter anderem am Beispiel der Plattform Wattpad demonstriert. Dabei geht er der Frage nach, wie die massiv zunehmende Feedbackkultur auch die Neuverteilung von Rollen und Machtverhältnissen in der (nicht allein) literarischen Öffentlichkeit beeinflusst.

Die vom alltäglichen Raum zunächst entkoppelten Nachbarschaftsbeziehungen im Netz wirken mit an der Ausbildung von Gruppen, die im Zusammenhang der Literaturproduktion als mehr oder weniger homogene „Stilgemeinschaften“14 konturiert werden können. Sie etablieren sich neben dem herkömmlichen Literaturbetrieb als eigene, sichtbare Communities (z.B. auf Plattformen für Fan-Fiction), verändern zugleich aber auch den Buchmarkt, die Rolle der Autor:innen und Gatekeeper:innen.

Kooperation ist dabei nicht nur ein Effekt, der sich als Nebenprodukt der Feedbackschleifen von Likes, Favs oder Retweets einstellt, sondern wird von vielen Schreibenden und Lesenden aktiv als neuer state of the art der Literaturproduktion eingefordert. Die Verlegerin Christiane Frohmann hebt in diesem Sinne hervor, dass das Netz gerade „wegen der Differenz ein wunderbarer Ort zum kollaborativen Arbeiten sein kann“.15 Auch in Schreib-Studiengängen an Kunsthochschulen wird der Teamgeist hochgehalten. Die Autorin Gerhild Steinbuch, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien Sprachkunst lehrt, beschreibt die Praxis demgemäß: „Kollektives Schreiben heißt nicht nur, dass alle an einem Text arbeiten, sondern heißt anzuerkennen, dass andere Menschen am Text mitgedacht haben, sei es durch Feedback, Gespräche oder Lektüre, die einen beeinflusst [haben].‟16 Der in Interviews und gemeinschaftlichen Publikationen (wie Mindstate Malibu oder der Netzanthologie PRÄ|POSITION) erkennbare und reflektierte Wunsch nach konfliktfreier, achtsamer Relationalität – auch eine Form von Nachbarschaft – ist nicht nur ein ästhetisches Phänomen, sondern auch Ausdruck einer bestimmten ethischen Haltung. Er scheint sowohl dem Kontext ökologischer Diskurse (z.B. den Überlegungen von Bruno Latour oder Donna Haraway) zu entstammen wie auch der Praxis schriftstellerischer Ausbildung in Schreibschulen, in denen auf Feedbackschleifen und gemeinsame Arbeit an den individuellen Texten gesetzt wird.17

Wie in realen Nachbarschaften kann es in kooperativen Zusammenhängen der Literaturproduktion schwierig werden, Grenzen zu ziehen. Wenn einzelnen Autor:innen der ‚(Re)Entry‘ in den klassischen Buchmarkt gelingt und auf dem Buchcover schließlich doch nur ein einzelner Name prangt, wird deutlich, dass zwischen den Autor:innen nach wie vor nicht nur Beziehungen der Kooperation, sondern durch die Marktsituation auch Konkurrenzverhältnisse entstehen – und dies nicht erst auf dem Buchmarkt, sondern durch Klick- und Followerzahlen oder den Kampf um Belohnungsmechanismen durch die Algorithmen der jeweiligen Plattformen bereits zuvor im Netz. Der Begriff der Nachbarschaft soll damit schließlich auch auf die erweiterten Kontexte und Konkurrenzverhältnisse aufmerksam machen, in denen Literaturschaffende sich heute verorten müssen. Literatur hat keinen abgeschirmten Platz mehr in einer exklusiven Buchhandlung, in Literaturhäusern oder zurückgezogenen Residenzen, in denen Autor:innen mithilfe von Stipendien ungestört arbeiten können. Die Gegenwartsliteratur teilt sich ihre Schauplätze stattdessen mit den Konzernen und ihrer Werbung, mit Influencer:innen und politischen Akteur:innen. Wie ein konkreter literarischer Weg aussehen kann, mit der ungewollten medialen Nähe zu politisch radikalen Positionen und deren Rekrutierungstaktiken in den sozialen Medien umzugehen, zeigt Rupert Gaderer am Beispiel von Enis Macis Essay to blend in/into sth (Nachruf) aus dem Band Eiscafé Europa.

Vom Einfluss unterschiedlichster neuer Nachbar:innen bleibt die Literatur nicht abgeschirmt und unberührt. Die ästhetischen und ethischen Probleme der Gegenwartsliteratur weisen deutlich über innerliterarische oder innerliteraturbetriebliche Dynamiken hinaus. Die Verschränkung der literarischen Praktiken mit ihren stark erweiterten Kontexten, von denen sich die Literatur auch aufgrund einer verstärkten Ästhetisierung von Alltag und Lebenswelt nur noch schlecht abzugrenzen vermag,18 lässt sich mit dem Konzept des Stils erfassen. ‚Stil‘ bezieht sich nämlich nicht nur auf Schreibverfahren, Texteigenschaften oder die Schreibart eines einzelnen Autors oder einer einzelnen Autorin, sondern weitet sich auf geteilte Eigenschaften und Merkmale innerhalb eines Kollektivs aus und führt als Lifestyle bis zu den ästhetisch bestimmenden Merkmalen ganzer gesellschaftlicher Gruppen.

2 Schreib- und Lebensstile

In Anlehnung an K. Ludwig Pfeiffer lässt sich ‚Stil‘ zunächst als „Suchbegriff“ verstehen. In diesem Sinne wird er immer dann in Anschlag gebracht, wenn wir uns bemühen, „jene Bezüge zwischen Sprache, Verhalten und ‚Wirklichkeiten‘ zu entdecken, die sich gegen eindeutige Zuordnungen sperren“.19 Mit der Kategorie des Stils gelangt demnach auch in den Blick, wie literarische Texte, die sich mit den sozialen Medien befassen, deren Schreibweisen integrieren oder selbst aus ihnen hervorgegangen sind, zugleich das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit modellieren und verhandeln. Denn ‚Stil‘ ist auch eine Transferfigur zwischen Schreib- und Lebensformen, die den Blick auf die Elemente von Gestaltung, Inszenierung und „worldmaking“20 lenkt, sowohl im literarischen Text als auch in Tweets oder Instagram-Auftritten von Autor:innen, die gleichermaßen das Verhältnis von Subjekt, Kunst und Leben entwerfen. Die strukturelle Unschärfe und Offenheit des Stilbegriffs verstehen wir als eine Stärke: Weder soll im vorliegenden Heft ein bestimmter, bereits festgelegter Stilbegriff vorausgesetzt, noch der eine Stil der Social-Media-Literatur identifiziert werden. Vielmehr geht es um die Analyse von verschiedenen Schreibweisen und textuellen Verfahren sowie um die Betrachtung des Zusammenwirkens von neuen Medien und traditionellen Formen. Die Untersuchung des Stils eignet sich außerdem, um Ähnlichkeiten und Wiederholungen zu erkennen und damit bestimmte Lebensstile und sich gegenwärtig ausbildende Stilgemeinschaften in den Blick zu nehmen.

Ausgehend von der wörtlichen Bedeutung (lat. stilus: Stiel, Stengel, Schreibgriffel)21 wird mit der Kategorie des Stils zunächst die spezifische Schreibart oder Ausdrucksform einer oder eines Schreibenden bezeichnet.22 Da sich Stil jedoch nur in Abgrenzung von und in Bezug auf andere Künstler:innen, auf eine bestimmte Zeit, Region oder Schule bestimmen lässt, wird deutlich, dass Stil einerseits immer auch ein relationaler Begriff ist, andererseits im Spannungsfeld von Individualität und Kollektivität, von Norm und Abweichung sowie von Authentizität und Inszenierung entsteht. In diesem Sinne lässt sich Stil auch als „Wahl“ bestimmen.23 Damit ist jedoch nicht unbedingt eine souveräne künstlerische Entscheidung gemeint. Die Wahlmöglichkeiten können „im konkreten Fall auch durch die natürlichen Anlagen des Ausführenden, die ihm verfügbaren Techniken und Mittel, die Macht der Konventionen usw. begrenzt sein“.24 Unter der Voraussetzung einer stilistischen Wahlmöglichkeit markiert Stil damit auch Übergänge oder Abgrenzungen zwischen Individuen und Kollektiven ebenso wie von Perioden und Wertungskategorien. Zudem haben Race, Class und Gender ebenfalls Einfluss auf den Stil literarischer Texte und seine Beschreibung.25 Aushandlungen zwischen Individualität und Normativität, zwischen einzigartiger Schreibweise und An- sowie Wiedererkennung in der Stilgemeinschaft kennzeichnen auch die neuen Schreibweisen im Umfeld der sozialen Medien.

Allerdings wird die Kategorie des Stils bisher nur selten für diese Texte in Anschlag gebracht. Holger Schulzes Bemerkung, dass in der ‚ubiquitären‘ digitalen Literatur „keine Übungen in Stilistik oder Eleganz unternommen“ werden würden und Autor:innen gerade von „stilistisch-gedanklicher Prätention“ entlastet seien,26 kann als symptomatisch für die Vorstellung gelten, Stil spiele im Kontext der sozialen Medien keine wesentliche Rolle. Schulze verwendet als Gegenbegriff zum literarischen Stil die „Schreibgymnastik“,27 durch die ‚ubiquitäre‘ digitale Literatur entstehe. Tatsächlich bestand die Rolle des Stils jedoch ganz im Sinne einer solchen „Schreibgymnastik“ in den westlichen Kulturen viele Jahrhunderte lang gerade darin, Übung und Wiederholung zu sein.28 In den sozialen Medien äußert sich diese Eigenschaft der Stilbildung aktuell in einer eigenen Form kollektiver Reproduktion von Trends und in erfolgreichen Accounts, deren Imitation durch die Plattform-Algorithmen gefördert und belohnt wird: ein Phänomen, das weit über die Literaturproduktion hinaus bedeutsam ist und den Erfolg von Influencer:innen mitbegründet.

Unter dem Gesichtspunkt des (zunächst literarisch verstandenen) Stils erscheint jedoch ein anderer Umstand interessanter, nämlich dass die Spannung zwischen Individualität und Normativität bzw. zwischen Individualität und Kollektivität auch die meisten Texte aus dem Umkreis der sozialen Netzwerke kennzeichnet. Viele der Texte verwenden einerseits regelhafte Stilmittel und bedienen sich bestimmter repetitiver Muster. Dazu gehören der mittlerweile schon fast zur Norm gewordene Verzicht auf Interpunktion, die Präferenz konsequenter Kleinschreibung, das kunstvoll ungrammatische Schreiben29 oder die Orientierung an standardisierten Redewendungen oder ‚Sprachmemes‘, die „kollektiv aufgegriffen, reproduziert und verändert werden“.30 Andererseits zielen die kurzen Texte in den sozialen Medien häufig in aphoristischer Tradition auf eine bestimmte Pointe und demonstrieren ein Bewusstsein für ästhetische Sprachverwendung im Sinne von Klang, Rhythmus und Literarizität. Auch die sogenannte ‚ubiquitäre‘ digitale Literatur pflegt also ausgewählte literarische Traditionen und nimmt Formen des kollektiven Schreibens auf, kopiert sie und schreibt sie fort. Zugleich bricht sie immer wieder mit gängigen Konventionen, die sich in der digitalen Textproduktion bereits etabliert haben, und sucht Räume individuellen Schreibens und formaler Innovation.31

Spätestens seit 1900 ist der Anwendungsbereich des Stilbegriffs nicht mehr allein auf sprachliche Äußerungen oder künstlerische Artefakte beschränkt, sondern wird auch auf Handlungen, „deren Ziel sich in der Tätigkeit selbst realisiert“ und damit auf nahezu alle Lebensbereiche übertragen.32 Seither spricht man ganz selbstverständlich von ‚Politikstilen‘, ‚Führungsstilen‘, ‚Schwimmstilen‘ u.a. Mit Stil ist daher häufig eine bestimmte Lebensform und persönliche oder politische Haltung assoziiert. Gerade letztere scheint für Autor:innen in den sozialen Netzwerken eine große Rolle zu spielen: als Ausdruck persönlicher Einstellungen, als Aufrechterhaltung eines bestimmten Images, aber auch im Sinne eines permanenten Sich-Verhalten-Müssens. Die Autor:innen stehen unter einem für populäre Kulturen typischen „Stilisierungsstress“.33 Um diesen Druck und die Situation der Autor:innen zu analysieren, kann der Begriff des Stils hilfreich sein, weil er einerseits die Aufmerksamkeit auf Charakteristika des Textes und der Schreibweise, andererseits aber auch den Blick darüber hinaus auf Elemente der schriftstellerischen Selbstinszenierung oder auf intermediale Paratexte – etwa den Social-Media- oder Webauftritt von Autor:innen – lenkt. Marcella Fassio führt in ihrem Beitrag die beiden Analysekriterien ‚Schreibweise‘ und ‚Haltung‘ zusammen, indem sie durch die Untersuchung stilistischer Tendenzen in literarischen Weblogs zeigt, dass sich in den betrachteten Blogs eine prädigitale Form von Autorschaft fortsetzt, die Deutungshoheit über die eigenen Texte beansprucht.

Das Konzept des Stils lässt sich aber auch losgelöst von den Intentionen oder individuellen Ausdrücken einer Autorin oder eines Autors ausschließlich auf die internen Verfahrensweisen eines Werkes anwenden.34 In diesem Sinne untersucht der Beitrag von Elias Kreuzmair am Beispiel der Romane Pixeltänzer von Berit Glanz und Miami Punk von Juan S. Guse, wie digitale Textverfahren ganz selbstverständlich Einzug in etablierte Formen des literarischen Schreibens gehalten haben. Auch Tanja Prokićs Beitrag zeigt, dass Stil sich heute nicht mehr allein als individueller Ausdruck einzelner Autor:innen verstehen lässt, sondern dass ihnen durch das Internet ein ganzer „Werkzeugkasten“ zur Verfügung steht, der allerdings nicht nur um einiges unheimlicher und unkontrollierbarer ist, als es Griffel, Schreibmaschine und Personal Computer je waren, sondern der auch an den Texten – und damit am Stil – ‚mitschreibt‘.

3 Stilgemeinschaften, Konkurrenzen und Kooperationen

Die Nachbarschaften zwischen unterschiedlichen Akteur:innen, die in den sozialen Medien nicht nur entstehen, sondern vor allem auch öffentlich sichtbar werden, bringen neue Schreibweisen und Stile hervor. Eine Möglichkeit, diese Entwicklung zu beschreiben, ist, sie als Ausdifferenzierung des gegenwärtigen Literaturbetriebs in Stilgemeinschaften zu fassen.35 Stilgemeinschaften bilden eigene ästhetische Formen, Normen, Genreregeln und stilistische Eigenschaften aus.36 Jochen Venus hat die Stilgemeinschaft im Kontext seiner Untersuchung populärer Kulturen bereits 2013 entsprechend definiert:

Wann immer populäre Kulturen einen Aufmerksamkeitserfolg erzielen, kristallisiert sich an diesem Erfolg sofort ein Konvolut ähnlicher Produkte. Jedes Faszinosum geht unmittelbar in Serie, strahlt aus, metastasiert und bezieht immer mehr Rezipienten in die spezifische Form spektakulärer Selbstreferenz ein. Auf diese Weise emergieren Stilgemeinschaften normalisierten Spektakels.37

Auch das auf serielle Produktion und ständige Fortsetzbarkeit angelegte Posten im Netz kann jene Formen der „spektakulären Selbstreferenz“ oder (einer inzwischen automatisierten und algorithmisierten) Autopoiesis mit letztlich „verlässlichen Regeln des Schreibens und Inszenierens“ produzieren,38 die für die Ansammlung einer möglichst großen Zahl an Follower:innen und Gleichgesinnten nötig sind. Nicht zu unterschätzen ist mit Blick auf den Literaturbetrieb und die aktuelle Literaturproduktion die Rolle des Autors oder der Autorin, der oder die mit seinen oder ihren regelmäßigen Posts, Stories, Kommentaren und Retweets den Zusammenhang der eigenen Texte persönlich verbürgt. Dennoch geht es nicht um eine einseitige Adressierung der Rezipient:innen durch die Autor:innen, sondern vielmehr um ein Miteinander, um eine wechselseitige Beziehung, die durch interne Verweisungszusammenhänge, stilistische Vorlieben oder auch durch Idealisierung und Identifikation mit der Figur des Autors oder der Autorin gekennzeichnet ist.

Moritz Baßler hat darauf hingewiesen, dass zeitgenössische Stilgemeinschaften sich vor allem durch den von den Wirtschaftswissenschaften eingeführten Begriff der „ästhetischen Genuinität“ auszeichnen.39 Angesichts einer „unendlich scheinenden Vielzahl an Entscheidungsmöglichkeiten“ in der digitalen Welt „setzt ein Vergleichsmechanismus ein, welcher sich als Affirmation bzw. Konformität (‚Ja, das entspricht mir‘) oder Negation bzw. Abgrenzung (‚Nein, das entspricht mir nicht‘) vollzieht“.40 Ästhetische Genuinität nach Baßler ermöglicht allerdings gerade keine Öffnung, sondern ist als „Form der selbstverstärkenden Schließung“ nach dem Prinzip des ‚You may also like‘ zu verstehen: „[D]ie Autorität des Urteils […] verbleibt innerhalb der Bubble.‟41 Mit Blick auf das literarische Umfeld sei zu beobachten, dass der literarische Stil selbst bei der Bildung von Stilgemeinschaften, die sich um ein bestimmtes Buch oder eine:n Autor:in herum gruppieren, häufig kaum mehr eine Rolle spiele, sondern stattdessen thematische Komplexe und ethisch-weltanschauliche Positionen in den Vordergrund rückten. Spitzt man diesen Befund zu, könnte man sagen, dass die von Baßler beobachteten Stilgemeinschaften mit literarischem Stil nur noch wenig zu tun haben.

Ein solcher Zugriff auf Stilgemeinschaften betont deren Schließung, so dass unter Umständen die Frage vernachlässigt wird, inwiefern sie nicht doch auch existenzielle Beziehungen untereinander unterhalten. Zu bedenken ist außerdem, dass Stilgemeinschaften in der beschriebenen Form wohl schon immer – inner- und außerhalb populärer Kulturen – existiert haben, aber möglicherweise durch Zusammenkünfte in Salons oder Kaminzimmern schlicht weniger sichtbar und somit auch exklusiver waren, als sie es heute im Netz sind.

Verwandte Überlegungen zur Bildung von Denkkollektiven hat etwa Ludwik Fleck bereits in den 1930er-Jahren mit seinen Ausführungen zum Denkstil angestellt. Denkkollektive, die ein „stilgemäßer Denkzwang“ kennzeichnet, also ein „Bereitsein für solches und nicht anderes Sehen und Handeln“,42 sind vergleichbar mit den von Venus und Baßler beschriebenen Stilgemeinschaften. Allerdings existieren Denkkollektive in Flecks Konzeption selten ganz isoliert voneinander. Die in ihnen gebildeten Denkstile müssen nicht zwangsläufig miteinander konkurrieren oder sich ablösen, sie können auch gleichzeitig nebeneinander oder überlappend bestehen und miteinander interagieren.43 So kommt es zu einem – wenn auch mitunter konfliktreichen – Austausch zwischen verschiedenen Denkkollektiven, da ein Individuum immer mehreren Denkkollektiven parallel angehört und damit selbst den Austausch verbürgt.44 So zirkulieren Gedanken und Vorstellungen auch zwischen Denkkollektiven. In ein anderes Denkkollektiv versetzt, kann ein Gedanke Fleck zufolge Verschiedenes bewirken, in der Regel aber „befruchtet und bereichert er den fremden Stil, wobei er sich umstilisiert und assimiliert“.45 Fasst man den Begriff der Stilgemeinschaft in Kombination mit Flecks Überlegungen zum Denkstil folglich etwas weiter, ließe sich möglicherweise auch der zeitgenössischen Ambivalenz von Stilgemeinschaften besser Rechnung tragen (ansonsten könnte man sich bei Analysen auf den in der Regel pejorativ gebrauchten Begriff der ‚Bubble‘ beschränken).46 Zu ihrer Ambivalenz gehört außerdem, dass die Relationen, in denen sie und ihre Mitglieder zueinander stehen, unterschiedlich ausgeprägt sein können und nicht exklusiv sein müssen.

Zudem ist zu bedenken, dass für die Distinktion eines einzelnen Stils die Relation zu anderen Stilgemeinschaften grundlegend ist: Ohne den Kontrast würde sich ein Stil als solcher weder abheben noch überhaupt erkennbar werden. Gerade weil sich Diversität, deren Abbildung der Buchmarkt aktuell aktiv anstrebt, nur in einer heterogenen Gruppe darstellen lässt, müssen die Autor:innen im zeitgenössischen Literaturbetrieb permanent zwischen Distinktion und Kooperation balancieren. Das gilt vermutlich nicht nur für die Betonung einer bestimmten Herkunft oder eines gewählten Lebensstils, sondern auch für unterschiedliche Schreibweisen.

Eine solche Ambivalenz der Stilgemeinschaft zwischen Öffnung und Schließung lässt sich gut am Beispiel der 2018 erschienenen Anthologie Mindstate Malibu veranschaulichen, die mit ihrem Fokus auf Glitches47 und virtuellen Elementen postdigitalen Schreibweisen verpflichtet ist und eine zentrale Referenz für Fragen der „Gegenwartsästhetik“ bildet.48 Einerseits argumentieren die Autor:innen der Anthologie ganz im Sinne einer geschlossenen Stilgemeinschaft, wenn sie davon ausgehen, dass die einen den „Grind“ sofort erfassen, die anderen aber nicht.49 Dieses „[G]etten“50 scheint somit exklusiv auf eine eingeweihte Bubble bezogen und zum Kriterium für Ein- und Ausschlussmechanismen zu werden. Andererseits propagieren die Autor:innen eine Kunst, die auf eine Weise verständlich ist, „dass sie auch jenseits von Insider-Bubbles in diversen anderen Mikro- und Makro-Bubbles funktioniert, die zusammen so etwas wie eine Öffentlichkeit bilden könnten“.51 Sie vertreten damit eine emphatische, aufklärerisch anmutende Öffentlichkeitsvorstellung, in der Kunst mit Stilmitteln wie Hyperironie und Überaffirmation über die Abgeschlossenheit der Stilgemeinschaft hinausführen soll. Auch in der Zusammenstellung der Beiträger:innen bildet sich dieser Wunsch nach Heterogenität ab: Andy Kassier und Clemens Setz würde man von außen betrachtet nicht ohne Weiteres derselben Stilgemeinschaft zuordnen.

An Mindstate Malibu ist in jedem Fall die Heraus- und vielleicht auch Überforderung angesichts der Sichtbarkeit einer übermäßig großen Vielfalt an Anschauungen, Haltungen, „Realitäten“52 und Stilen abzulesen, die in der Gegenwart nebeneinander präsent sind. Einerseits scheint die unendliche Pluralität an Möglichkeiten und Varianten, das Leben zu entwerfen, Individualität zu proklamieren, andererseits gibt es für jeden möglichen individuellen Entwurf bereits Modelle. Individualisierung selbst scheint zum kollektiven Zwang zu werden. Für die Literatur, die traditionell nicht nur um Individualität, sondern vor allem um Originalität bemüht ist, stellt das eine besondere Herausforderung dar. Wie eine angemessene literarische Reaktion auf diese ästhetische Überforderung aussehen könnte, bleibt offen.

Das vorliegende Heft sieht sich in einer ähnlichen Situation. Ein abschließendes Urteil über die Rolle von Stilgemeinschaften, ihre Vor- und Nachteile oder auch nur die Neuheit ihrer Existenz kann hier nicht getroffen werden. Deutlich wird aber, dass sich die Vielfalt der literarischen Schreibweisen, ihre Entstehung und vor allem die Relationen der literarischen Akteur:innen untereinander unter postdigitalen Voraussetzungen als Untersuchungsgegenstände förmlich aufdrängen, weil sie in bisher nicht gekanntem Maße im Netz für die Leser:innen sichtbar werden. Deutlich wird auch, dass mit Blick auf die Literatur im Umkreis der sozialen Medien neben der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit einzelnen Autor:innen und ihren Stilen heute die Betrachtung der technischen Interaktionen und des Einflusses der Plattform-Algorithmen, die die Stilbildung mitsteuern, an Relevanz gewinnen. Genauso gilt es, den Nachbarschaften zwischen Akteur:innen und scheinbar sozial, medial oder institutionell getrennten Bereichen zu folgen. Verbindungslinien sind dabei nicht in erster Linie über Inhalte, sondern vor allem auch über stilistische Merkmale und Einflüsse zu ziehen, sowohl synchron als auch diachron.

Wir danken allen Autor:innen für ihre Beiträge und der Redaktion von Sprache und Literatur für die gute Zusammenarbeit. Besonders möchten wir uns an dieser Stelle auch bei Georgia Lummert, Annika Gebhard und Luisa Stühlmeyer für die genauen Lektüren und die Unterstützung bei der Einrichtung der Manuskripte bedanken.

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1

Dem vorliegenden Themenheft ging die Veranstaltung „Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur“ voraus, die im November 2020 in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung stattfand. Auf Autorenlesungen von Berit Glanz, Senthuran Varatharajah und Stefanie Sargnagel und anschließende Gespräche am ersten Tag folgte am zweiten Tag der Veranstaltung ein wissenschaftlicher Workshop. Der Band präsentiert einen Teil der ausgearbeiteten Vorträge.

2

Zur Vorgeschichte der programmierten Literatur, aber auch zu ihren Differenzen zu früherer Avantgarde- und Konzeptkunst vgl. Schönthaler (2022).

3

Bajohr/Gilbert (2021b), S. 13–14.

4

Vgl. ebd., S. 18. Welche ökonomischen Faktoren dabei eine Rolle spielen und wie sich die Veröffentlichungspraktiken ändern, untersucht Carolin Amlinger (2021), insbes. S. 285–331.

5

Vgl. Groß/Hamel (2022).

6

Vgl. die Verkündung des Endes der „digitalen Revolution“ (Negroponte (1998)). Florian Cramer betont, dass „postdigital“ nicht heißt, dass das Zeitalter der Digitalität vorbei ist, sondern dass es zu einer „ongoing condition“ wurde: „Consequently, ‚post-digital‘ eradicates the distinction between ‚old‘ and ‚new‘ media, in theory as well as in practice.‟ (Cramer (2015), S. 14; 20).

7

Schulze (2020), S. 130. Holger Schulze hat den Gebrauch dieser Techniken unter dem Titel Ubiquitäre Literatur zusammengefasst und analysiert.

8

Goldsmith (2011), vgl. dazu auch den Beitrag von Elias Kreuzmair in diesem Heft.

9

Richter (2019), S. 12.

10

Wie etwa Hannes Bajohr, Berit Glanz und Kathrin Passig, die sowohl wissenschaftliche Texte über digitale Literatur verfassen als diese auch selbst schreiben.

11

Latour (2017), S. 433.

12

Vgl. Bajohr/Gilbert (2021b), S. 17.

13

Zugleich hat der Begriff eine theoretische Vorgeschichte in der Soziologie wie auch in der philosophischen und theologischen Konzeption der Nächstenliebe. Diese weiterreichenden theoretischen Kontexte sind allerdings für die folgenden Ausführungen weniger relevant. Vgl. für eine Überblicksdarstellung Reinhard (2014).

14

Venus (2013), S. 53 u. passim; Baßler/Drügh (2021), insbes. S. 290–295.

15

Christiane Frohmann zu dem von ihr herausgegebenen Sammelband Tausend Tode schreiben (2014).

16

Scholl (2021).

17

Vgl. Kempke/Vöcklinghaus/Zeh (2019).

18

Vgl. Reckwitz (2021), insbes. Kap. V: „Die singularistische Lebensführung: Lebensstile, Klassen, Subjektformen“, S. 273–370. In der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) gerät die Literatur unter Druck, denn unter „den Bedingungen einer Ästhetisierung von Lebenswelten“ universalisieren sich ehemals exklusive literarische Ansprüche; Haas (2021), S. 83.

19

Pfeiffer (1986), S. 688.

20

Vgl. Goodman, der dem Status des Stils in Ways of Worldmaking (1978) ein ganzes Kapitel widmet.

21

Vgl. Rosenberg/Brückle/Raab/u.a. (2003), S. 648.

22

Vgl. Meier/Wagner-Egelhaaf (2011), S. 19.

23

Jannidis (2014), S. 174.

24

Rosenberg/Brückle/Raab/u.a. (2003), S. 642.

25

Vgl. zu Stil als sprachlicher und kommunikativer Praxis mit Blick auf Gender und soziale Identität Dittmar (2009). Die Einflüsse von Race, Class und Gender auf die Ausprägung literarischer Stile ebenso wie auf ihre Beschreibung sind allerdings insgesamt bisher nur wenig erforscht.

26

Schulze (2020), S. 130 f.

27

Ebd.

28

Vgl. den im Erscheinen befindlichen Aufsatz von Rüdiger Campe (2022); vgl. auch Queneau (1947).

29

Vgl. beispielsweise den in der Anthologie Mindstate Malibu abgedruckten Tweet der Kunstfigur KENDRICK LLAMER aka @llamerlove vom 16.02.2018: „will so ne rakete wie bei mario kart was wo von alleine lenkt aber fürs richtige leben“; Groß/Hertwig/Kassier (2018), S. 8.

30

Glanz (2021), insbes. S. 111.

31

Vgl. dazu mit besonderem Blick auf das ‚memetische‘ Schreiben und die künstlerische Verwendung des Hashtags ebd., insbes. S. 113; Glanz (2018).

32

Rosenberg/Brückle/Raab/u.a. (2003), S. 641.

33

Venus (2013), S. 71.

34

Vgl. dazu Goodman (1984), S. 38–58, insbes. S. 52. Goodman spricht von symbolisierten Eigenschaften eines künstlerischen Artefakts.

35

Zur Konjunktur von Stilgemeinschaften vgl. Baßler/Drügh (2021).

36

Vgl. Baßler (2021b), S. 329.

37

Venus (2013), S. 67 (Hervorhebung im Original).

38

Rakow (2019), S. 602.

39

Baßler (2021b), S. 331.

40

Knödler/Martach (2018), S. 160; 165.

41

Baßler (2021a), S. 135.

42

Fleck (2019 [1980]), S. 131; 85.

43

Vgl. auch Werle (2005), S. 22.

44

Vgl. Groß (2020).

45

Fleck (2011), S. 270 f.

46

Zuletzt haben Eva Geulen und Claude Haas darauf hingewiesen, dass man Flecks Überlegungen zum Denkstil auch dahingehend weiterführen könnte, „dass eben auch und vielleicht gerade die ‚harten‘ Wissenschaften auf Stile angewiesen sind, dass sie sogar als und in ‚Stil-Gemeinschaften‘ operieren“ (Geulen/Haas (2021), S. 2).

47

Glitches sind ein wesentlicher Bestandteil „postdigitaler“ Ästhetik (vgl. Cascone (2000)). In Computerspielen bezeichnen Glitches kleine Fehler, die kurz aufflackern. Aus der Gamersprache ist das Wort in verschiedene Kunstformen eingewandert und bezeichnet im Allgemeinen kleine Störungen; vgl. auch Groß/Hamel (2022).

48

Baßler/Drügh (2021).

49

Hertwig (2018), S. 21. „Grind“ bezeichnet ein möglichst effizientes Arbeiten, um ein gesetztes Ziel zu erreichen. Für den Grind ist nicht wichtig, wie hart die Arbeit ist, sondern allein „wie smart man sie angeht“ (ebd.).

50

Baßler/Drügh (2021), S. 70. Die Autoren betonen an dieser Stelle allerdings auch, dass die Notwendigkeit des ‚Gettens‘ gegenüber jeder „ästhetische[n] Eigenschaft“ besteht.

51

Hertwig (2018), S. 26.

52

Ebd., S. 24.

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