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Sabine Seichter Salzburg

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Es zählt wohl zu den wichtigen Einsichten nach der Aufklärung, dass die Annahme eines linearen Erkenntnisfortschritts trügerisch, mehr noch: unhaltbar ist. Die von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer postulierte »Dialektik der Aufklärung«, welche auf pädagogischem Gebiet vor allem in Jean-Jacques Rousseaus »Émile« bereits 300 Jahre zuvor erkennbar wurde, verweist unser Wissen an die Grenze des Nichtwissens, mithin an die Faktizität von Ungewissheiten. Wiewohl Erziehung und Bildung geplant und organisiert werden können und auch sollen, sind diese Bereiche menschlichen Handelns nicht im Sinne technologischer Herstellbarkeit, sondern praxeologischer Kontingenz zu begreifen. Die täglichen Erfahrungen von lebensweltlicher Offenheit und der damit zusammenhängenden nicht restlosen Vorhersagbarkeit praktischer Ereignisse markieren den Ausgangspunkt einerseits und die ständigen Herausforderungen an Erziehungs- und Bildungshandeln andererseits. In Anlehnung an unseren Themenschwerpunkt »Fragile Ordnungen« in Heft 1 dieses Jahres beschließen wir diesen Jahrgang unserer Zeitschrift im Sinne einer thematischen Weiterführung, und zwar mit dem Problem der »Ungewissheit(en)«.

Betrachtet man die Praxis der Erziehung und Bildung aus einer dezidiert kultur- bzw. geisteswissenschaftlichen Perspektive, so gehört Ungewissheit zu deren Strukturmerkmalen und ist damit sowohl Bedingung als auch Prinzip des menschlichen Handelns selbst. In Anerkennung der Offenheit der Situationen im Allgemeinen und der Alterität des Anderen im Besonderen sind die Räume von Erziehung und Bildung aufgrund ihrer Komplexität und Pluralität nur begrenzt kalkulierbar und kontrollierbar. Ungewissheiten sind in diesem Zusammenhang jedoch weniger als ein Machtverlust der Handelnden zu beklagen, sondern sie sind ein integraler Bestandteil pädagogischer Professionalität. Ethisch verantwortliches Erziehen und Bilden liegt dann gerade im Aushaltenkönnen von Uneindeutigkeiten und im Verstehen des partiellen Nicht-Wissen-Könnens. Neben der Hoffnung, dass Erziehung und Bildung im Kontext der Generationenverhältnisse »gelingen« möge, ist ihr doch stets bewusst, dass sie aufgrund ihrer nicht restlosen Steuerbarkeit und Technologisierbarkeit auch scheitern können muss; wohlgemerkt: können muss, freilich nicht Scheitern soll.

Die hier versammelten Beiträge sind vor dem Hintergrund prinzipieller und aktueller Ungewissheiten, nicht zuletzt auch im Kontext gegenwärtiger Pandemiezeiten, die bislang nicht geahnte Unsicherheit(en) mit sich bringen, entstanden. Mit diesen Texten soll deutlich werden, dass Ungewissheit zum einen als Spiegelbild individueller und gesellschaftlicher Umstände zu verstehen ist und zum anderen zur allgemeinen Bedingtheit pädagogischen Handelns gehört.

In seinem Beitrag über die »Inszenierung von Wahrheit und die Lust an der Vereindeutigung in krisenhaften Zeiten« zeichnet Jürgen Nielson-Sikora quasi ein Großwetterbild der gegenwärtigen Ungewissheiten im Gefolge von COVID-19 und der parallel dazu wachsenden Sehnsucht des Menschen nach Eindeutigkeiten und damit zusammenhängenden Sicherheiten. Doch diesem Verlangen quasi entgegensetzt zeigt der Autor auf, weshalb es gerade in unserer Aufgabe liegt, mit Ungewissheiten reflexiv und argumentierend umzugehen und zu lernen, diese nicht zu bagatellisieren oder zu leugnen, sondern im Sinne einer »Bildung zur Verantwortung« auszuhalten.

In Situationen der Ungewissheit erfährt sich der Mensch als vulnerables Subjekt. Wiewohl – aus bildungsphilosophischer Perspektive betrachtet – die Krisenerfahrung als Motor des Um- und Nachdenkens begriffen werden kann, zeigt Moritz Krebs in seiner Analyse auf, welche Bedeutung die anthropologische Bedingtheit der Verletzlichkeit des Menschen für pädagogisches Handeln hat und wie im Anschluss an diese conditio humana Bildung gedacht werden müsste, würde man diesem anthropologischen Befund stärker Rechnung tragen als man es bislang tut.

In ihrem bildungstheoretischen Artikel arbeitet Johanna Hopfner die vielfältigen Formen und Felder von Unwissen im Kontext von Ungewissheiten auf. Einmal kann die Form des Nicht-Wissens als Beginn und als Antriebskraft von Erkenntnisprozessen verstanden werden; auf die konkrete Erziehungssituation übertragen zeigt die Autorin auf, wie das Unwissen von Eltern oder Erzieher_innen gegenüber der Lebenswelt des Kindes Unverständnis produziert und nicht selten in Ignoranz gegenüber dem Anderen münden kann. Ein drittes Feld sieht Johanna Hopfner im Bereich der Wissenschaften, wo manchen paradigmatischen Ansichten Wissen eher zu-, anderen eher abgesprochen wird.

In seinem philosophischen Essay weist Matthias Lutz-Bachmann anhand eines historisch-systematischen Streifzuges auf, in welchem Maße Ungewissheiten als Motor von Hoffnung zu verstehen sind. Denn: Hoffnung fungiert zum einen als Gegenpol gegenwärtiger Sorgen und Ängste und verweist zum anderen auf eine (wiederum stets ungewisse) bessere Zukunft. Der Autor zeigt eindrücklich auf, wie Hoffnung als eine »weltverändernde« Kraft gerade in Zeiten von Ungewissheit(en) wirken könnte.

Der Allgemeine Teil knüpft im indirekten Sinne inhaltlich an unseren Themenschwerpunkt an. Dabei wirft Friederike Schmid unter erkenntnis- und machttheoretischer Perspektive einen Blick auf die Grundstrukturen pädagogischen Verstehens und damit auf Spielarten des Wissens. In ihrem Habilitationsvortrag an der Universität zu Köln erläutert die Autorin mögliche Zugänge zur Lebenswelt pädagogischer Adressat_innen und die damit zusammenhängenden und herzuvorbringenden Subjektivierungsformen derer durch das Verstehenwollen der Professionellen.

Paul Vehse analysiert in seinem Beitrag den pädagogischen Umgang mit Differenz im Kontext von Dekonstruktion. Dabei deckt er im erziehungswissenschaftlichen Rezeptionsdiskurs um Dekonstruktion bislang eher unbelichtete Verengungen und Vereinseitigungen auf. Somit macht er mit dieser Arbeitsweise auch auf eventuell zusammenhängende unintendierte Effekte aufmerksam.

Pandemiebedingt wurde die diesjährige Jahrestagung der Görres-Gesellschaft abgesagt. Der Fachbereich Pädagogik nahm diese Situation zum Anlass, eine sowohl formal als auch inhaltlich zutreffende Online-Tagung durchzuführen. So trafen sich am 25. September 2020 über 100 Teilnehmer_innen im digitalen Raum, um über »Pädagogik und Pandemie. Zwischen Deformation, Reformation und Transformation« zu diskutieren. Nähere Informationen dazu sind dem konzisen Tagungsbericht von Theresa Lechner zu entnehmen.

In der Rubrik »Rezensionen« lassen sich Einblicke in zwei Dissertationen aus den Bereichen Bildungstheorie und Phänomenologie gewinnen und außerdem wird ein Blick auf pädagogische Nicht- bzw. Anders-Orte geworfen.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter

Salzburg

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