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Sabine Seichter Salzburg

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Sowohl in naturwissenschaftlichen als auch in sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussionen rund um die Stellung des Menschen zu seiner (Um-)Welt, ist die Thematik der Optimierung längst kein Randthema mehr. Vielmehr spiegeln sich in dem Begriff zahlreiche gegenwärtige Entwicklungen, was die Beschäftigung mit dieser Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven höchst aktuell macht. Was die pädagogische Auseinandersetzung betrifft, könnte man freilich zugespitzt sagen, dass der Prozess des Vervollkommnens und Perfektionierens des Menschen Erziehungs- und Bildungsprozessen auf der Grundlage der menschlichen ›Entwicklung‹ seit jeher inhärent ist. In der Maxime des Höher, Schneller, Weiter sind pädagogische Ambitionen inkludiert, die sich nicht selten in pädagogischen Herstellungs- und Machbarkeitsphantasien spiegeln und mit Hilfe spezieller (Selbst-)Techniken realisiert werden wollen. Folgt man kritischen Gegenwartsdiagnosen, so habe sich die Gesellschaft von einer sog. »Normalisierungsgesellschaft« hin zu einer sog. »Optimierungsgesellschaft« entwickelt, in der es vor allem darauf ankommt, vorherrschende Normierungen und Standards nicht nur zu erreichen, sondern sie fortwährend zu überschreiten. Der nach stetiger Verbesserung strebende und im ständigen Wettbewerb mit anderen stehende Mensch lässt selbstoptimierende Praktiken und Handlungen in das grelle Licht der Aufmerksamkeit rücken, unter welchem der postmoderne Mensch beleuchtet werden kann und von dort aus wohl zunehmend – vor allem auch im Kontext technologieaffiner Entwicklungen – zu verstehen sein wird.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung der Thematik macht es Sinn, dass sich der »Themenschwerpunkt« dieser Ausgabe der »Vierteljahrsschrift« im Anschluss an den für das Frühjahr 2020 geplanten und dann leider coronabedingt nicht durchgeführten DGfE-Kongress erneut – nachdem bereits Heft 3/2020 die Thematik »Der optimierte Mensch. Anthropologische und bildungstheoretische Perspektiven« aufgegriffen hatte – mit Formen und Praktiken von Optimierung beschäftigt.

Der mit der Thematik Optimierung eng verbundene Begriff der Leistung wird hier von Florian Heßdörfer und Steffen Wittig thematisiert. Die Autoren zeigen in ihrem Beitrag, vermittelt über einen virulenten Glauben an Leistung, unlösbare Versprechungen im Kontext von Subjektbildung und Optimierung auf und illustrieren an (Schul-)Ritualen, wie in diesen der Glaube an Leistung für die Selbstoptimierung eingeübt wird.

Vor dem Hintergrund dieser weitläufigen und weitreichenden Thematik scheint es Sinn zu machen, einen historisch fokussierten Blick – hier in die Zeit des Barocks – zu werfen, um von ihr aus das sozio-kulturell bedingte Gewordensein von ›Exzellenz‹ aufzuzeigen. In Verbindung mit aktuellen akademischen Bewerbungsverfahren gibt Dorotea Sotgiu zu verstehen, dass Formen der Selbstoptimierung – historisch betrachtet – neben der Demonstration von skills und Kompetenzen auch mit der Bedeutung der Persönlichkeit und der Charakterbildung einhergehen sollten.

In dem Beitrag von Merle Hinrichsen wird auf einen bestimmten Ort der Selbstoptimierung geschaut, und mit Hilfe zweier Fallstudien werden Entwürfe von individuellen Bildungsbiographien am Übergang nach der Schulzeit im Kontext des sog. Jugendfreiwilligendienstes gezeichnet. Dabei kann anschaulich gezeigt werden, wie sich jene Biographien im Spannungsfeld von sozialen Erwartungen und subjektiven Vorstellungen konstituieren und manifestieren.

Mit Nika Daryan blicken wir nicht nur in die unmittelbare Gegenwart selbstoptimierender Formen und Praktiken, sondern vor allem auch in die Zukunft. Die Autorin zeigt mit Hilfe der anthropologischen Perspektive der Mensch-Maschinen-Analogie Prozesse der Optimierung unter den technologischen Bedingungen von KI und Robotik auf und verweist so auf Möglichkeiten und Grenzen jener Optimierungsbestrebungen.

Im »Allgemeinen Teil« hinterfragt Johannes Giesinger kritisch eine Konzeption von Bildungsgerechtigkeit (im Kontext gymnasialer Abschlüsse), die den Ideen von Leistung und Verdienst eine gewichtige Rolle beimisst. Quasi als Entgegnung auf einen Aufsatz von Christian Nerowski stellt Giesinger hier das Verdienstprinzip aufgrund seines reproduzierenden Charakters von Ungleichheiten durch Belohnungsstrukturen in Frage.

Bei dem Beitrag von Daniel Burghardt handelt es sich um seinen 2020 an der Universität zu Köln gehaltenen Habilitationsvortrag. Darin thematisiert er das anthropologische Denken der Neuen Rechten bzw. deren Rezeption anthropologischer Denker_innen wie bspw. Arnold Gehlen. Die Analyse versteht sich im Umkreis einer politischen Bildungsarbeit, deren Aufgabe es sei, auf die Strategien rechter Diskurse aufmerksam zu machen.

Matthias Erhardt diskutiert in seinem Artikel die Problematik von Inklusion und Exklusion im Schulwesen und tut dies vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Sonderschule. Dabei erinnert der Autor an das (Menschen)Recht auf inklusive Bildung als gesellschaftliche Teilhabe zum Wohle des Kindes.

Die »Rezensionen« geben einen facettenreichen Einblick in jüngste Veröffentlichungen bildungstheoretischen, bildungsphilosophischen und bildungsethischen Denkens und im Hinblick auf aktuellste gesellschaftliche Herausforderungen.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter, Salzburg

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