Save

Kritik der Klassenbildung

Über Spaltung, Ungleichheit und Klassentheorien

In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik
Author:
Daniel Burghardt Institut für Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Ungleichheit und Soziale Bildung, Universität Innsbruck Innsbruck Österreich

Search for other papers by Daniel Burghardt in
Current site
Google Scholar
PubMed
Close
Open Access

Abstract

Critique of Class Formation. On Division, Inequality, and Class Theories

We live in an age of multiple crises: Financial crisis, climate crisis, corona crisis, oil and gas price crisis, supply chain crisis, logistics crisis or inflation crisis. As heterogeneous and multifactorial as the causes of these forms of crisis may be, they all have at least one common effect: they reinforce social inequalities, since they never hit and affect everyone in the same way. Using the Covid 19 pandemic as an example, it became obvious that the inequalities begin with the possibilities of isolation, continue globally via vaccine distribution and finally result in significantly higher death rates, which are distributed along the gap between rich and poor. Against this background, the lecture takes the popular talk of a ›division of society‹ as an opportunity to redefine the concept of class. To this end, various developments and tendencies in inequality research will be discussed and finally theses on political class formation will be presented.

1 Vorbemerkung: Von Krisen und ihren Folgen

In den letzten Jahren waren die kritischen Sozialwissenschaften dazu angehalten die globalen Krisendiagnosen beständig zu erweitern: War nach der Finanzkrise aus den Jahren 2007 noch häufig von einer neoliberalen Transformationskrise die Rede, wird das Krisenvokabular seitdem fortwährend ergänzt: Neben die dominierenden Klima- und Coronakrisen, sind allein in diesem Jahr der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, die Öl- und Gaspreiskrise, die Logistikkrise und die Inflationskrise getreten.

Auch wenn diese Aufzählung heterogen ist und fast beliebig wirkt, ist die Diagnose eindeutig: Wir leben in einem Zeitalter der multiplen Krisen, die sich mittlerweile auch in den kapitalistischen Zentren Nordamerikas und Europas Bahn brechen. Trotz der Vielstimmigkeit der Krisen zeitigen alle zumindest eine gemeinsame Wirkung, sie verstärken soziale Ungleichheiten. Dies zeigen sowohl die Kima- als auch die Coronakrise: Zwar trifft das Virus, wie es gerne heißt, alle Menschen gleich; jedoch bleibt von dieser anthropologischen Tatsache realiter nicht viel übrig. Die Ungleichheiten beginnen mit den Möglichkeiten der Isolation – Zuhause und am Arbeitsplatz –, setzen sich über die Impfstoffverteilung global fort und enden letztlich in signifikant höheren Todeszahlen, die entlang der Schere von Arm und Reich verteilt sind. Auch vom sog. Klimawandel sind bekanntlich nicht alle gleichbetroffen: Wer, wo und wie betroffen ist, ist neben der theologischen, aber eben nicht zu beantwortenden Frage nach dem Zufall des Ortes der Geburt, vor allem eine soziale und politische Frage.

Die Denomination meiner Professur »Ungleichheit und soziale Bildung« zentriert sich um diesen Problembereich. Ich nehme deren Benennung daher zum Anlass im Rahmen dieser Antrittsvorlesung den Versuch einer Bestimmung bzw. einer Vermessung des Gegenstandes, den es ja eigentlich abzuschaffen gilt, vorzunehmen.

Dies geschieht in vier Schritten: Erstens widme ich mich kurz den aktuellen Diskursen und Praktiken zur sog. Spaltung der Gesellschaft, zweitens zeichne ich Entwicklungen und Tendenzen in der sozialen Ungleichheitsforschung nach, um anhand dieser drittens den Versuch einer Neustimmung des Klassenbegriffs zu unternehmen. Dies mündet schließlich in fünf Thesen zu politischen Klassenbildung.

2 Von der Spaltung (der Gesellschaft)

Die wohl populärste und hartnäckigste Semantik der Krise, dürfte der Begriff der Spaltung sein. Der Vorteil dieses Zugangs ist, dass er kognitiv und moralisch unmittelbar einleuchtet. Die Spaltung der Gesellschaft verläuft, je nach dem welches politische Lager man fragt, zwischen alt und jung (Stichwort: Generationenkonflikt), arm und reich (Stichwort: Einkommensungleichheit), Weiblich und Männlich (Stichwort: Patriachat), zugehörig und nicht-zugehörig (Stichworte: Nationalismus und Rassismus), rechts und links (Stichworte: Nationalismus und Internationalismus), eigenem und anderem (Stichwort: Antisemitismus), gebildet und ungebildet (Stichwort: Bildungsungleichheit) normal und anormal (Stichwort: Ableismus), Wissenschaft und Esoterik (Stichworte: Verschwörungsideologien) und natürlich geimpft und ungeimpft. Letzteres Begriffspaar zeigt auch gleich die Schwäche des Modells.

Denn die Diagnose der Spaltung erklärt wenig, weil sie zugleich alles umfasst. Wer von Spaltung spricht, ist gewissermaßen immer up to date. Denn die Kategorie der Spaltung ist vor allem eine des Gefühls. In einer im März 2022 von More in Common erhobenen Studie gaben 52% der Befragten an, die Gesellschaft als gespalten zu erleben. Dieses Spaltungsgefühl hatte dabei mehr mit der Impfquote zu tun als mit der Schere zwischen Arm und Reich: So nannten 62 % der Menschen die Unterscheidung zwischen Geimpften und Ungeimpften als derzeit größte Trennlinie in Deutschland (vgl. Krause/Gagné 2022). Empirisch waren tatsächlich über dreiviertel der Deutschen und Österreicher_innen im März vollständig geimpft; Werte also die zwar weit hinter europäischen Ländern wie Italien, Spanien oder Portugal liegen, jedoch angesichts der globalen Impfstoffungleichheit als überdimensioniert wahrgenommen interpretiert werden müssen.

Wer von Spaltung spricht, generiert garantierte Aufmerksamkeit oder Clickbait. Und wer von Spaltung spricht, tut dies nicht selten, um den status quo zu verteidigen oder gar in einen Zustand vor der diagnostizierten Spaltung zurückkehren zu wollen. Wer also eine Rückkehr zur Normalität, wie sie vor Corona war, einfordert, vergisst dabei, dass diese Normalität ebenfalls eine höchst gespaltene und ungleiche war (vgl. Ebermann 2021).

Lenken wir den Fokus daher weg von der Spaltung hin zur analytischeren Perspektive der sozialen Ungleichheit.

3 Über Ungleichheit (Tendenzen und Entwicklungen)

Mit diesem Blickwechsel rückt eine historische und strukturelle Krisendimension in den Vordergrund. Denn soziale Ungleichheiten existierten und sie existieren in allen bürgerlichen Gesellschaften und reproduzieren sich nicht zuletzt über das Bildungssystem fort. Ungleichheit steht für die Normalität der Krise, aber immer auch für eine Krise der Normalität. Im Gegensatz zur Spaltung geht es bei Fragen zur Ungleichheit weniger um beliebige empirische Phänomene als um systematisch verwehrte Teilhabemöglichkeiten an »gesellschaftlich relevanten Ressourcen« (Burzan 2011, S. 7). Diese Ressourcen wiederum werden je nach Kontext und Epoche unterschiedlich legitimiert und begründet und wirken sich an unterschiedlichen Diskriminierungslinien entlang aus. Was zu welcher Zeit als gesellschaftlich relevante Ressource galt oder gilt, ist also ebenso wandelbar wie die Gruppierungen, die davon ausgeschlossen werden. Ungleichheit ist daher eine soziale und relationale Kategorie.

Dass Ungleichheit als problematisierungswürdig gilt – und nicht mehr als gott- und/oder naturgegeben angesehen wird –, kann als eine der zentralen Errungenschaften der Aufklärung betrachtet werden. ›Freiheit‹, ›Gleichheit‹ und ›Brüderlichkeit‹, die Leitworte der Französischen Revolution, bildeten auch eine Zäsur in der Sichtweise auf Ungleichheit, die von nun an durch die neu entstandenen Disziplinen der Soziologie und der Pädagogik analysiert werden konnten: Ungleichheit, so der Tenor der Aufklärung, kann gerade deshalb erforscht, verändert oder abgeschafft werden, da sie nicht mehr natürlich bestimmt, sondern ihre Ursachen und Mechanismen menschengemacht sind. Die Klassiker dazu sind Legion; ob Kant oder Rousseau, Marx und Engels, Weber oder Durkheim, Luxemburg oder Zetkin, Schelsky oder Dahrendorf, Bourdieu und Passeron, Luhmann oder Beck oder aber Lessenich und Reckwitz, alle haben sich um die mehr oder weniger systematische Erforschung der ungleichen Verteilung von Lebenschancen verdient gemacht. Und alle sind selbst Teil des Phänomens wie wir an Debatten über den Rassismus Kants, antisemitische Passagen bei Marx oder die Tatsache, dass Klassiker zumeist ›männlich‹ sind, unschwer erkennen können.

Die soziale Ungleichheit erstreckt sich entlang unterschiedlicher Kategorien und Asymmetrien wie Alter, Herkunft, Geschlecht, Einkommen oder auch Bildung und Vulnerabilität (vgl. Burghardt/Krebs 2022). Sie können lokal oder global in den Blick genommen werden und entlang horizontaler oder vertikaler Achsen, kultureller oder ökonomischer Dimensionen oder über räumliche Metaphern wie Zentrum und Peripherie, Stadt und Land oder ›dem Westen‹ und ›dem globalen Süden‹ ausbuchstabiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden.

In der Ungleichheitsforschung wird diese Mehrdimensionalität über verschiedene Begriffskategorien versucht abzubilden: Sprach etwa Max Weber in direktem Anschluss an Marx noch von verschiedenen ›Klassen‹ und ›Ständen‹, ergänzte Émile Durkheim diese Perspektive um sog. ›Milieus‹, Theodor Geiger fügte ein ›Schichtmodell‹ hinzu, Pierre Bourdieu nahm die ›Lebensstile‹ und den ›Habitus‹ in den Blick und Robert Castel untersuchte die unterschiedlichen ›Zonen‹ in welchen sich die sozialen Klassen je befinden.

All diese Differenzierungen schließen in irgendeiner Form an der von Marx vorgenommen Grundunterscheidung der Gesellschaft in zwei Antagonismen zwischen Kapital und Arbeit bzw. Bourgeoise und Proletariat an und erweitern diese gleichsam (vgl. dazu Nachtwey 2016, S. 28ff).

Die Erweiterung hatte ihre Gründe: Denn mit der Herausbildung einer Mittelschicht in den Zentren des globalen Nordens ab Mitte des 20. Jahrhunderts, kam die Frage auf, ob allein die ökonomischen Bestimmungsgründe die unterschiedlichen Lebenslagen der Menschen hinreichend beschreiben. Schelskys berühmte Rede von der ›nivellierten Mittelstandsgesellschaft‹ kannte schließlich überhaupt keine Klassen mehr. Auch wenn die These vom nivellierten Mittelstand heute an Überzeugungskraft verloren hat, so hat sich letztlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht mehr allein ökonomische Faktoren für soziale Ungleichheiten verantwortlich gemacht werden können. Am prominentesten dürfte dabei sicherlich Bourdieus Unterscheidung in drei relativ gleichrangige Kapitalsorten geworden sein, wobei neben das ökonomische Kapital auch soziale und kulturelle Kapitalformen treten, die für Bourdieu einen ebenso großen Einfluss auf gesellschaftliche Aufspaltungstendenzen haben (vgl. Burzan 2011, S. 41ff).

Ich möchte an dieser Stelle ein paar Tendenzen und Entwicklungen dieser zunehmenden Entökonomisierung der Ungleichheitsforschung skizzieren: Darüber soll meiner zentralen These, dass man gut daran täte, sich wieder dem Marxschen Klassenbegriff zuzuwenden, Plausibilität verliehen werden.

Die Formen der Entökonomisierung sind meines Erachtens nach durch vier Tendenzen charakterisiert: eine Pädagogisierung, eine Individualisierung, eine Kulturalisierung und eine Intersektionalisierung.

3.1 Pädagogisierung

Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Frage der sozialen Ungleichheit in zunehmendem Maße als eine der Bildungsungleichheit diskutiert. Damit stand nicht mehr die Kritik der Produktion ökonomischer Eigentumsverhältnisse, sondern die der Reproduktion herkunftsbedingter Ungleichheit im Vordergrund. Die Bildung bzw. das Bildungssystem schien nun als maßgebliche Ursache einer asymmetrischen Gesellschaftsordnung (vgl. Butterwegge 2020). Mit dieser Problemverschiebung geriet die Pädagogik zur Schlüsseldisziplin im Kampf gegen Ungleichheit. Dabei vollzog sich der Diskurs auf zwei Ebenen: einer bildungspolitischen und einer bildungsökonomischen (vgl. Brake/Büchner 2012). Bildungspolitisch kann die Streitschrift von Ralf Dahrendorf mit dem Titel »Bildung ist Bürgerrecht« von 1965 als Startschuss für die beginnende Phase der Bildungsexpansion gelten. Dahrendorfs Plädoyer für mehr Chancengleichheit beim Zugang zur weiterführenden Bildung brachte den Traum des ›Aufstiegs durch Bildung‹ auf die Welt. Sein Essay bildete die Antwort auf die von Georg Picht ebenfalls Anfang der 1960er Jahre ausgerufene ›Bildungskatastrophe‹. Während Dahrendorf mehr Chancengleichheit und weniger Ungleichheit als notwendig für eine demokratische Gesellschaft erachtete, ging es Picht vornehmlich um die Ausschöpfung der sog. Bildungsreserven, wolle man im internationalen Wettbewerb nicht den Anschluss verlieren. Damit war der Grundstein für einen Diskurs gelegt, der bis heute andauert. Abbau von Bildungsbenachteiligung, Aufbau von Chancengleichheit waren und sind fortan die richtungsweisenden Stichworte.

3.2 Individualisierung

Auch die Tendenzen der ›Individualisierung‹ kann als eine der zentralen Problematisierungen der ökonomischen Basis sozialer Ungleichheit begriffen werden. Ulrich Becks ›Individualisierungsthese‹ bildete eine Reaktion auf die soziale Differenzierung in den kapitalistischen Zentren, mit der eine Pluralisierung der Lebensentwürfe und eine Erhöhung des allgemeinen Lebensstandards einherging. Biographien und Berufswege verlaufen nun diskontinuierlich und weitaus weniger linear als in der Hochphase des Fordismus (vgl. Castel 2009, S. 26). Vor diesem Hintergrund ging Beck in seiner »Risikogesellschaft« (1986) Mitte der 1980er Jahre soweit, sich von jeglichen sozialen Klassen zu verabschieden: »Wir leben trotz fortbestehender und neu entstehender Ungleichheiten heute in der Bundesrepublik bereits in Verhältnissen jenseits der Klassengesellschaft […]. Auf der einen Seite sind die Relationen sozialer Ungleichheit in der Nachkriegsentwicklung der Bundesrepublik weitgehend konstant geblieben. Auf der anderen Seite haben sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung radikal verändert. Die Besonderheit der sozialstrukturellen Entwicklung in der Bundesrepublik ist der ›Fahrstuhl-Effekt‹: Die Klassengesellschaft wird insgesamt eine Etage höher gefahren […]. In der Konsequenz werden subkulturelle Klassenidentitäten und -bindungen ausgedünnt oder aufgelöst. Gleichzeitig wird ein Prozess der Individualisierung und Diversifizierung von Lebenslagen und Lebensstilen in Gang gesetzt, der das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterläuft und in seinem Wirklichkeitsgehalt in Frage stellt.« (ebd., S. 121f)

Zwar wirkt die Ungleichheit Beck zufolge fort, werde jedoch durch die Individualisierung ›verflüssigt‹. Ungleichheit buchstabiert sich demnach weniger durch Knappheit an Ressourcen als durch einen Reichtum an Wahlmöglichkeiten aus. Dagegen erhob Beck das Risiko zum gesellschaftlichen Strukturmerkmal per se, welches tendenziell klassenunspezifisch allumfassend und allbetroffen wirke.

3.3 Kulturalisierung

Unter der ›Kulturalisierung‹ von Ungleichheit kann die Hinwendung zu Formen und Praktiken der Lebensführung als ursächliche Faktoren sozialer Spaltungstendenzen begriffen werden. Andreas Reckwitz (2017), der hier als prominenter Kronzeuge dieser Entwicklung aufgerufen wird, konstatiert gegenwartsdiagnostisch die Herausbildung eines neuen Kulturkapitalismus, was sich auch auf dessen Klassen auswirkt. Konsequenterweise spricht Reckwitz auch von verschiedenen ›Kulturklassen‹ die sich insbesondere über symbolische Kämpfe um Prestigegüter distinguieren. Klassenkämpfe werden nun als »mehr oder minder subtile Kulturkonflikte« (ebd., S. 109) interpretiert. Die Muster, entlang derer diese Konflikte ausgetragen werden, sind nun diejenigen welche Individualität und Authentizität versprechen, ergo Werte, die singularisieren – »Die Gesellschaft der Singularitäten« heißt denn auch sein wissenschaftlicher Bestseller. Darin werden die Tendenzen der Singularisierungsvorteile durch eine neue akademische Mittelklasse zum Maßstab sozialer Ungleichheiten erhoben. Ob Kulturgüter, Arbeits- oder Lebenswelt nun geht es jeweils um die paradoxe Ausstaffierung der Waren oder der Subjekte mit Merkmalen der (massenhaften) Einzigartigkeit und Originalität (vgl. ebd., S. 184f). Der von Reckwitz so benannte Kulturkapitalismus bedeutet demnach, dass die Ökonomie kulturalisiert und die Kultur ökonomisiert wird. Im Fahrwasser der Individualisierung basiert Ungleichheit demnach insbesondere auf Praktiken und Möglichkeiten der »Selbstkulturalisierung« (ebd., S. 104 und 281ff).

3.4 Intersektionalisierung

Während Reckwitz die Kulturalisierung der Ungleichheit zum Charak-teristikum der nun hegemonial wirkenden neuen Mittelklasse erklärt, müssen überdies gleichrangige Verschränkungen und Gegenläufigkeiten verschiedener Ungleichheiten ›intersektional‹ hervorgehoben werden. Schuf Dahrendorf einst die Kunstfigur der ›katholischen Arbeitertochter vom Land‹, die besonders unter dem schulischen Selektionsdruck leidet, hat dieser Sozialtypus heute das Geschlecht und den Glauben gewechselt. Rainer Geißler spricht daher von einer »Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn« (Geißler 2005) – man könnte auch weniger ausschließlich behaupten, dass sich mittlerweile dem Geschlecht die Migrationsgeschichte hinzugesellt hat. Dabei entspringt die von Kimberlé Crenshaw geprägte Frage nach dem Verhältnis verschiedener Unterdrückungsformen durchaus materieller Entwicklungen, wie etwa die Ausweitung des prekären Niedriglohnsektors, der vornehmlich von Menschen mit Migrationsgeschichte ausgefüllt wird. Gleichwohl belaufen sich intersektionale Debatten häufig auf ein »Aufsummieren von Diskriminierungsverhältnissen« (Lütten/Bernhold/Eckert 2021, S. 19). Die Gesellschaft bleibt dabei unbestimmt, insofern sie lediglich die Summe der in ihr wirkenden diskriminierenden Institutionen und Praktiken bildet. Dagegen erscheint den Diskursen die Hervorhebung der spezifischen Dynamik der strukturierenden Funktion der Klassenverhältnisse als ökonomische Verengung. Dadurch bleibt die Frage nach Ursprung und Konstitution der Klassenverhältnisse ausgespart (vgl. zur Kritik Klinger/Knapp 2007, S. 36).

Die hier aufgemachten Tendenzen der Pädagogisierung, der Individua-lisierung, der Kulturalisierung und der Intersektionlität wurden exemplarisch für eine zunehmende Entökonomisierung der Diskurse zur sozialen Ungleichheit herangezogen. Alle vier Zugänge eint, dass sie als Kritik des orthodoxen marxistischen Modells angetreten sind und den Anspruch erheben dieses zu überholen. Darüber ging indes verloren, was zwar den orthodoxen, jedoch keineswegs analytisch klar Umrissenen Nenner des Marxismus bildete – eine strukturelle Klassenanalyse.

4 Zur strukturellen Klassenanalyse

Der einst den marxistischen Klassenmodellen gemachte Vorwurf der fehlenden Lebensnähe, kann also heute auf Grund ihrer klassenanalytischen Leerstelle den Milieustudien oder den Schichtmodellen gemacht werden. Diese müssen, so etwa die Kritik von Klaus Dörre, über die Beschreibung »abgrenzbare[r] Muster kultureller Lebensführung« (Dörre 2018, S. 41) hinausgehen und sich wieder den ökonomischen Formbestimmungen und deren notwendigen Folgen widmen. Diese Erkenntnis scheint mittlerweile auf breite Resonanz zu stoßen. Die wachsende Ungleichheit auf vertikaler Eben und die verkürzten Krisenzyklen haben nämlich durchaus dazu geführt, die Frage nach dem Verhältnis von Armut im Kapitalismus neu zu stellen:

So weist Didier Eribon (2016) in seinen Bestseller »Rückkehr nach Reims« ausdrücklich auf die Leerstelle des Ungleichheitsbegriffs hin und bestimmt das Klassenverhältnis als ein explizites Gewaltverhältnis: »Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit über die Klassengesellschaft vor Augen« (ebd., S. 78).

Überdies brachte es die monumentale Studie Thomas Pikettys mit dem Titel »Das Kapital im 21. Jahrhundert« zum internationalen Bestseller und entfachte rege Debatte über die strukturellen Zusammenhänge von Kapitalismus und sozialer Ungleichheit.

Was aber hat der Klassenbegriff seinen Konkurrenten der Spaltung, der Ungleichheit, der Milieus, der Schicht oder der Kulturklassen voraus? Um dies zu beantworten, muss zunächst vorangestellt werden, was der Begriff nicht meint. Klasse geht nicht in ›Klassismus‹ auf; also der Diskriminierung oder Unterdrückung von Personen aufgrund ihrer sozialen Stellung. Und Klasse meint mehr als bloß etwas oder jemanden zu klassifizieren. Klasse bedeutet auch nicht automatisch Klassenbewusstsein oder Klassenkampf von unten – wie es der Traditionsmarxismus gerne hätte. Indes beweist das fehlende Klassenbewusstsein bzw. das Ausbleiben von proletarischen Klassenkämpfen auch nicht die Nichtexistenz von Klassen. Klassenkampf wiederum kann nicht auf symbolische Distinktionskämpfe reduziert werden – er ist mit Hegel gesprochen auch heute noch ein Kampf auf Leben und Tod – wer ärmer ist, ist früher Tod. Denn auch wenn es kein revolutionäres Proletariat mehr geben mag, welches Marx noch rein männlich vor Augen hatte, sind die Lebensverhältnisse großer Teile der Menschheit einer Proletarisierung ausgesetzt. Durch dessen Integration ins Kapitalverhältnis selbst ist in den Worten Adornos »der objektive Antagonismus nicht verschwunden. Nur seine Manifestation im Kampf ist neutralisiert« (Adorno 2003c, S. 184). So beläuft sich in Deutschland die durchschnittliche Lebensdividende reicher Männer auf über elf Jahre gegenüber armen – bei Frauen sind es immer noch neun Jahre (vgl. Lessenich 2018, S. 179ff). Wer diese Tatsache individualisiert und etwa auf mangelndes Gesundheitsbewusstsein unterer Klassen zurückführt, stellt keine Analyse an, sondern betreibt ›Klassismus‹.

Wer sich auf die Suche nach dem Kern des Klassenbegriffs begibt, muss in Walter Benjamins Worten die »Eiswüste der Abstraktion« (vgl. Adorno 2003b, S. 9) durchqueren; geht es doch darum Strukturen in den Blick zu nehmen, die hinter den empirischen Erscheinungsformen, wie etwa der ›Individualisierung‹ oder der ›Kulturalisierung‹ liegen. Um dies zu tun ist ein Rückgriff auf den späten, den sog. ökonomischen Marx von Nöten. Marx, der keine kohärente Klassenanalyse vorgelegt hat, nimmt im »Kapital« eine abstrakte Analyse des Kapitalismus in seinem idealen Durchschnitt vor, indem er ökonomische Formbestimmungen auseinandersetzt, die die Voraussetzung für jede Kapitalverwertung bilden, auch die heutige (vgl. Graf/Lucht/Lütten 2022).

Danach bezeichnet Klasse ein Verhältnis, genauer: ein Zwangsverhältnis. Klassen sind in diesem Verhältnis kausal, apersonal bzw. unpersönlich, dynamisch und herrschaftsförmig strukturiert (vgl. Heinrich 2011, S. 263ff). Die Funktion dieser Mechanismen kann an der Kategorie der ›Ausbeutung‹ veranschaulicht werden (vgl. dazu Dörre 2018, S. 42ff): Denn Ausbeutung beruht erstens auf dem kausalen Verhältnis, dass die einen gerade deshalb mehr haben, weil die anderen weniger haben – um nochmal Becks Bild vom Fahrstuhl aufzurufen: Nicht der Fahrstuhl, sondern der ›Paternoster‹ charakterisiert die Kausalität in der Klassengesellschaft treffend. Dies ist keine moralische Kritik daran, dass einem etwas weggenommen wird, was einem eigentlich gehört, auch meint Ausbeutung nicht, dass etwa Löhne zu niedrig oder Arbeitsverhältnisse schlecht wären. Marx betreibt gerade keine moralische Kritik des Kapitalismus, sondern analysiert stattdessen die Wertform um dann über die Kategorie der Ausbeutung die Aneignung von Mehrarbeit als vertraglich abgesicherten Tatbestand der Klassengesellschaft offen zu legen. Ausbeutung bezeichnet somit lediglich den strukturellen Sachverhalt, dass die Produzent_innen nur einen Teil des von Ihnen produzierten Wertes erhalten. Die Mehrarbeit bzw. den Mehrwert eignet sich die Klasse der Kapitalist_innen an, um diese bzw. diesen alsdann zu reinvestieren. Darüber hinaus erweist sich das Klassenverhältnis als ein reziprokes: »Finden Kapitalist:innen keine willigen Arbeitskräfte, droht ihnen der Bankrott [auch wenn daraus nicht notwendig ein sozialer Abstieg oder Armut folgen muss, DB]; finden die Lohnabhängigen keinen Arbeitsplatz, droht ihnen die Erwerbslosigkeit« (PROKLA-Redaktion 2014, S. 154) – und damit der Abstieg und die relative Verelendung, es sei denn sie arbeiten lediglich als Hobby, da sie Erb_innen sind.

Dieses Verhältnis ist zweitens als unpersönliches strukturiert. Ein Blick in die Geschichte macht dies deutlich: So waren etwa im Feudalismus die Beziehungen der Menschen untereinander in erster Linie durch persönliche Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt. Dies ist heute nicht mehr die Regel – abgesehen von so manchen Strukturen an Universitäten. Stattdessen sind die Arbeiter_innen dem ›stummen Zwang‹ unterworfen, ihre Arbeitskraft verkaufen zu müssen – Allerdings sind sie frei in der Wahl darin wem sie diese verkaufen. Nicht mehr das unmittelbare Gewaltverhältnis zwischen Herr und Knecht charakterisiert die Herrschaftsform zwischen den Klassen, vielmehr bezeichnet das unpersönliche Vertragsverhältnis zwischen Käufer_in und Verkäufer_in eine abstrakte, marktförmige Herrschaft. Trotz dieser formellen Freiheit und Gleichheit als Tauschpartner_innen ist dieses Verhältnis ein asymmetrisches, welches aus der Stellung und Kontrolle einer Gruppe von Menschen zu den Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion resultiert (vgl. Mau 2021, S. 133).

Gleichwohl herrscht drittens eine rege Dynamik innerhalb der unterschiedlichen Klassenfraktionen. Hier geht es um politischen Einfluss, Macht, Repräsentation und Verteilung (kurzum: Herrschaft). Dieses dynamische Moment zeigt, dass durchaus ein Klassenkampf herrscht, nur lässt sich dessen Ausgang weder Ableiten noch Planen – wie Marx einst hoffte. Klassenkämpfe sind zunächst Kämpfe innerhalb des Kapitalismus, es sind Existenz- und Machtkämpfe – es sind nicht automatisch Befreiungskämpfe oder Kämpfe um die Abschaffung der Klassen selbst.

Diese Kämpfe werden mit ungleichen Waffen geführt und sie werden insbesondere in Krisenzeiten heftig geführt – wir befinden uns aktuell mitten darin. So können die umfassenden, unter den Begriff des Neoliberalismus gefassten staatlichen Privatisierungs- und Kürzungsprogramme durchaus als ›Klassenkampf von oben‹ gefasst werden.

Ohne an dieser Stelle an die unzähligen Debatten um die hier skizzierten Formbestimmungen anschließen zu können (vgl. dazu Grigat 2014), sollte verdeutlicht werden, dass diese abstrakten und daher immer kategorial unscharf wirkenden Begriffe notwendig sind, um aktuelle Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit kritisieren zu können. Ein analytisch fundierter Klassenbegriff beschreibt nicht allein die verschiedenen Formen der Spaltung oder Ungleichheit, sondern er zeigt die Mechanismen und Tendenzen auf, die im Ergebnis zu diesen Ungleichheiten führen. Zugleich schließen an das Klassenverhältnis weitere Ausbeutungs- und Unterdrückungsformen an, ohne sich direkt aus den Klassen abzuleiten. Die Analyse des vermittelten Zusammenhangs beutet gleichwohl keine Hierarchisierung in ›Haupt-‹ und ›Nebenwidersprüche‹; aus der Analyse kapitalistischer Vermittlungszusammenhänge resultiert weder eine moralische Gewichtung noch ein zeitlicher Aufschub der politischen Bekämpfung (vgl. Lütten/Bernhold/Eckert 2021, S. 26). Eine solche Reduktion wäre auch von Marx nicht gedeckt: In seiner »Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie« schreibt er (MEW 13, S. 637): »In alle Gesellschaftsformen ist es eine bestimmte Produktion, die allen übrigen und deren Verhältnisse daher auch allen übrigen, Rang und Einfluß anweist. Es ist eine allgemeine Beleuchtung, worin alle übrigen Farben getaucht sind und [die] sie in ihrer Besonderheit modifiziert. Es ist ein besondrer Äther, der das spezifische Gewicht alles in ihm hervorstehenden Daseins bestimmt.«

5 Thesen zur politischen Klassenbildung

Die abschließenden fünf Thesen umkreisen konstellativ das Klassenverhältnis; sie sind notwendig unzureichend und müssen daher eher als eine Heuristik denn als ein ausgefeiltes Programm politischer Klassenbildung betrachtet werden:

5.1 Eine Kritik der Klassenbildung ist notwendig, wenn auch nie ausreichend

Der Klassenbegriff ist zwar notwendig, um Ursachen sozialer Ungleichheit kritisch in den Blick zu nehmen, er reicht indes niemals alleine hin. So ist und war es beispielsweise ein Anliegen materialistischer Feministinnen – von denen es bekanntlich an der Universität Innsbruck einige gab und gibt – darauf hinzuweisen, dass die Reproduktions- und Carearbeit als Form der historisch unsichtbaren Ausbeutung außerhalb der Fabrik bis heute vor allem von Frauen unbezahlt entrichtetet wird. Dieser Zusammenhang bildet einen blinden Fleck in den meisten Klassenanalysen. Marxistisch gesprochen hatten und haben Frauen die pädagogische Aufgabe die Reproduktion der Arbeitskraft zu gewährleisten. Indes gehen patriarchale und sexistische Gewaltverhältnisse niemals allein in Formen der Klassenbildung auf. Auch wenn etwa der Ausbeutungsbegriff Korrelationen zur Unterdrückung von Frauen aufweist, leitet diese sich nicht aus Klassenverhältnissen allein ab.

Eine politische Klassenbildung muss also unter sozialpsychologischen Voraussetzungen die relative Eigenlogik der je spezifisch männlichen Gewaltverhältnisse in den Blick nehmen.

5.2 Eine Naturalisierung der Klassenfrage ist das Geschäft rechter Ideologie

Klassen sind ein relationales Sozialverhältnis, kein Naturverhältnis. Die Naturalisierung sozialer Verhältnisse ist das Geschäft des Sozialdarwinismus und dieser das Kernstück rechter Ideologien. Denn rechte Weltanschauungen finden ihren gemeinsamen Ausdruck darin, dass sie Menschen über natürliche oder kulturelle Kategorien essentialisieren und darüber Gewalt gegenüber spezifischen Gruppen legitimieren oder ausüben. Rechtsextremes Denken (und das ist nicht allein das Denken der extremen Rechten) transformiert soziale Ungleichheit in natürliche Ungleichwertigkeit. Die soziale Frage wird unter rassistischen Vorzeichen gestellt (vgl. Dietl 2017; Goetz/Burghardt 2022). Im Extremfall bedeutet der rechte Antikapitalismus die Aufhebung der Klassen im nationalen Sozialismus der Volksgemeinschaft – ›Rassenkampf‹, statt Klassenkampf also: Die »Soziale Frage der Gegenwart«, heißt es etwa bei AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, »ist nicht primär die Verteilung des Volksvermögens von oben nach unten, unten nach oben, Jung zu Alt oder Alt zu Jung. Die neue deutsche Soziale Frage des 21. Jahrhunderts ist die Frage der Verteilung des Volksvermögens von innen nach außen« (Höcke zit. nach Butterwegge 2018, S. 414).

Eine antifaschistische Politische Bildung muss die Zusammenhänge von Klassen und deren ideologische Naturalisierung durchsichtig machen können; sie muss Ungleichheit als Klassenverhältnis entnaturalisieren.

5.3 Eine Personifikation von Klassen weist offene Flanken zum Antisemitismus auf

Wie dargestellt haben die kapitalistischen Klassenverhältnisse formale und unpersönliche Vertragsverhältnisse zur Grundlage. Kritik daran muss also auch an unpersönlichen Strukturen ansetzten und hat doch immer Menschen vor sich. Es gilt also die Widersprüche der Klassengesellschaft zu kritisieren, ohne diese allein zu personalisieren und zu moralisieren. Die Rede von bösen Bankern und gierigen Spekulanten kennen wir alle und Umfragen zufolge stößt diese Kritikform durchaus auf großen Zuspruch. Nun geht es einer Kritik der Klassenbildung nicht um die Ehrenrettung von Bankern und Spekulanten, sondern um die in der verkürzten Kritik mit angelegten Tendenzen. Folgen wir Moishe Postone (1988) findet eine besondere Form der Personalisierung im modernen Antisemitismus statt. Hier steht nicht mehr das religiöse Motiv des Gottesmordes im Vordergrund, sondern die abstrakte Klassenherrschaft in der bürgerlichen Gesellschaft. Prototypisch lässt sich der moderne Antisemitismus einmal mehr im Nationalsozialismus erkennen: In der Programmatik der NSDAP wurde die Bewegung der Kapitalakkumulation als Raubzug des als ›jüdisch-raffend‹ und ›heimatlos‹ deklarierten internationalen Finanz- und Handelskapitals personifiziert. Der sog. ›Zinsknechtschaft‹ wurde alsdann komplementär die ›wertschaffende‹ (deutsche) Arbeit entgegengestellt.

Die Personifikation kapitalistischer Formbestimmungen wie Abstraktheit, Unfassbarkeit, Dynamik oder Universalität als jeweils jüdisch ist indes nicht mit dem Nationalsozialismus besiegt worden. Vielmehr feiert mit jeder Krise bis tief hinein in die Universitäten, Alternativ-Ökonomien, esoterische Zirkel und natürlich die sog. ›Querdenken-Bewegung‹ der Antisemitismus fröhliche Urstände. Strukturell oder über Umwegskommunikation wurden und werden die Juden als böse Klassenherren für die Übel der Welt verantwortlich gemacht. Banken, Börsen oder Pandemien, immer gibt es Krisengewinner, soweit so kapitalistisch und immer wird eine verschworene Gruppe oder der Staat Israel dahinter vermutet, soweit so antisemitisch.

Eine politische Klassenbildung muss daher immer eine Bildung gegen jeden Antisemitismus sein.

5.4 Eine Kritik der Klassenbildung bedeutet eine Kritik der politischen Verhältnisse

Klassenverhältnisse werden durch staatliche Akteure flankiert, durchgesetzt und legitimiert. Historisch haben Strafjustiz und Polizeiapparat in hohem Maße dazu beigetragen die kapitalistischen Eigentums- und Ausbeutungsverhältnisse erst durchzusetzen. Auch im Hinblick auf die Gegenwart der Judikative sprechen Loïc Wacquant (2009) oder Ronen Steinke (2022) explizit von einer neuen Form der ›Klassenjustiz‹. Bis heute wird Armut von Justiz und Polizei verwaltet, kontrolliert und kriminalisiert. So liegt es an der sozialen Klassenposition, wer, wie oft, unter welchen Bedingungen mit der Polizei in Kontakt kommt. Und die Klassenposition verläuft entlang rassistischer Linien. Rassistische Polizeikontrollen sind weder ein Fehler im System noch das Fehlverhalten einzelner Polizist_innen; vielmehr haben sie System (vgl. Pilone 2022). Aber auch über den unmittelbaren Kontakt hinaus lässt sich der Nachweis erbringen, dass der Staat den unteren Klassen mit Druck, Einschüchterung und Punitivität begegnet, während er den oberen Klassen eher freundlich und zugewandt entgegentritt. Je prekärer die Lebenssituation desto höher das Niveau an Repression und pädagogischer Problematisierung. Die Bekämpfung von Verbrechen dient auch als symbolische Inszenierung, als pädagogische Abschreckungsmaßahme und als ein klassenspezifisches Aufrechterhaltungsprogramm. Oder in den Worten von Wacquant (2009, S. 312): »Nicht ökonomisches Versagen, sondern ökonomischer Erfolg erfordern den aggressiven Einsatz von Polizei, Gericht und Gefängnis in den Niederungen des sozialen […] Raums.«

Eine politische Klassenbildung muss daher auch materialistisch fundierte Staatsanalyse betreiben und nicht bloß pädagogischen Anrufungen oder Anklagen des Staates folgen.

5.5 Die Herrschaft über Menschen schlägt auf die Natur zurück

Anhand der Klassenverhältnisse kann gezeigt werden, welche Formen die Herrschaft der Menschen untereinander angenommen hat. Die Herrschaft von Menschen über Menschen ist historisch in ein rationales Tauschverhältnis eingebettet und vertraglich abgesichert worden.

In der »Dialektik der Aufklärung« unternahmen Adorno und Horkheimer (1981) einst den Versuch die Verstrickungen der Menschen zwischen Emanzipation und Naturverfallenheit zu analysieren. Die Dialektik der Aufklärung beschreibt die Geschichte nicht mehr als eine von Klassenkämpfen, sondern als eine der Naturbeherrschung, welche bis heute zum Kriterium des Fortschritts genommen wird. Dabei erscheint Adorno und Horkheimer die Herrschaft des Menschen über den Menschen als ein Sonderfall der ursprünglichen Herrschaft über die Natur. Die modernen Klassenverhältnisse wären demnach lediglich eine abstrakte Spielart der ursprünglichen Nutzbarmachung der Natur. Die Autoren hatten den Rückfall in die Barbarei durch den Faschismus vor Augen, nicht aber das, was heute euphemistisch als Klimawandel bezeichnet wird. In diesem, so meine letzte These, kommt die Naturbeherrschung als kapitalistische Ausbeutung von Mensch, Tier und der Natur selbst zum Vorschein. Den Klimawandel allein als ›menschengemacht‹ zu bezeichnen, mag zwar philosophisch zutreffen, beschneidet das Phänomen indes um seinen kritischen Gehalt. Denn der Kapitalismus ist auf der Suche nach der Aneignung von Ressourcen die es in Form von menschlicher Arbeitskraft oder natürlicher Rohstoffe – als cheap labor (billiger Arbeit) und cheap nature (billige Natur) – gewinnbringend zu verwerten gilt. Der kapitalistische Wachstumszwang kann nicht vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden. Vor diesem Hintergrund spricht Jason Moore (2015) – von dem ich mir den Ausdruck der cheap nature geborgt habe – von einer Ära des Capitalocene, anstatt des Anthropozäns. Und vor diesem Hintergrund erweist sich die politische Beschwörung eines ›grünen Kapitalismus‹ als Illusion. Die Folgen der Naturausbeutung sind global. Ein weltweiter Paternostereffekt gewissermaßen, bei denen in den Wohlstandzentren die Armut zunimmt, während gemeinsam unter dem stummen Zwang der Konkurrenz der Rest der Welt ausgebeutet wird.

Das vielbeschworene Ziel der politischen Bildung, zur nachhaltigen Entwicklung beizutragen, erweist sich somit als Menschheits- und Systemfrage. Zu deren Beantwortung muss sowohl der Natur im Subjekt als auch der Natur im Kapitalismus eingedacht werden. Eine Aufgabe, die aktuell von Teilen der Klimabewegung durchaus angegangen wird.

Die hier skizzierten Dimensionen von Mensch und Natur, von Antisemitismus und Rassismus, von patriarchalen und staatlichen Gewaltverhältnissen umkreisen jeweils Klassenstrukturen, ohne sich indes komplett aus diesen heraus zu bestimmen. Sie besitzen also eine ›relative Autonomie‹: Relativ sind sie, weil keines der Verhältnisse unabhängig von ökonomischen Klassenstrukturen analysiert werden kann; autonom sind sie, insofern die Formen jeweils einer gewissen Eigenlogik folgen und Verselbständigungstendenzen in sich tragen.

Das in den Thesen skizzierte Verhältnis von Ungleichheitsideologien und Klassenbildung wird in Zukunft Gegenstand von Seminaren, Kursen, Vorlesungen und Vorträgen im Rahmen meiner Professur sein. Ich bin der Fakultät für Bildungswissenschaften dankbar, dass sie die Möglichkeit bietet, eine kritische politische Bildung mit besonderem Fokus auf Ungleichheits- und Klassenverhältnisse in Innsbruck zu etablieren. Denn kritische Wissenschaft lässt sich nicht so einfach in den akademischen Normalbetrieb etablieren; sie »steht im Ruf zu kommen, ohne dass sie jemand gerufen hat, Fragen zu beforschen, die keiner gestellt hat, und Antworten zu geben, die keiner hören will« (Decker/Kiess/Heller/Brähler 2022, S. 21).

Zu diesem Unternehmen müssen wir pädagogische Vermittlungsarbeit leisten, ohne unverständlich zu sein und ohne populistisch zu werden, wir müssen diskutieren, forschen und wir müssen streiten; kurzum wir müssen uns und andere politisch bilden.

Anmerkung des Autors

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um meine Antrittsvorlesung die ich am 18.10.2022 an der Universität Innsbruck gehalten habe. Aus diesem Grund sei eine auch heute noch gültige Bemerkung Adornos vorangestellt: »So dankbar der Autor die Initiative […] zu schätzen weiß, welche seinen Vortrag […] als Druck zugänglich machen möchte, so sehr zögert er gleichwohl, der Publikation zuzustimmen. Er ist sich dessen bewußt, daß in seiner Art von Wirksamkeit gesprochenes und geschriebenes Wort noch weiter auseinander treten als heute wohl durchweg. Spräche er so, wie er um die Verbindlichkeit der sachlichen Darstellung willen schreiben muß, er bliebe unverständlich; nichts aber, was er spricht, kann dem gerecht werden, was er von einem Text zu verlangen hat […]. Wo ein Text genaue Belege zu geben hätte, bleiben dergleichen Vorträge notwendig bei der dogmatischen Behauptung von Resultaten stehen. Er kann also für das hier Gedruckte die Verantwortung nicht übernehmen und betrachtet es lediglich als Erinnerungsstütze für die, welche bei seiner Improvisation zugegen waren und welche über die behandelten Fragen selbstverständlich weiterdenken möchten auf Grund der bescheidenen Anregung, die er ihnen übermittelt.« (Adorno 2003a, S. 360)

Literatur

  • Adorno, Theodor W. (2003a): Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute [1962]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 20.1. Vermischte Schriften I. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 360383.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Adorno, Theodor W. (2003b): Negative Dialektik [1966]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 6. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 7412.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Adorno, Theodor W. (2003c): Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute [1968]. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 8. Soziologische Schriften I. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 177195.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

  • Brake, Anna/Büchner, Peter (2012): Bildung und soziale Ungleichheit. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.

  • Burghardt, Daniel/Krebs, Moritz (Hrsg.) (2022): Verletzungspotentiale. Kritische Studien zur Vulnerabilität im Neoliberalismus. Gießen: Psychosozial Verlag.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Burzan, Nicole (2011): Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien (4. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.

  • Butterwegge, Christoph (2018): Wie die AfD mit der wachsenden Armut umgeht. Problemverdrängung und Sozialpopulismus statt Sozialpolitik. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit und Sozialpädagogik H5, S. 410425.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Butterwegge, Christoph (2020): Bildungsaufstieg – Realität, Utopie und/oder Ideologie? In: Julia Reuter/Markus Gamper/Christina Möller/Frerk Blome (Hrsg.): Vom Arbeiterkind zur Professur. Bielefeld: Transcript, S. 89101.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Castel, Robert (2009): Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit. In: Robert Castel/Klaus Dörre (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt/Main: Campus, S. 2134.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Heller, Ayline/Brähler Elmar (Hrsg.) (2022): Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Neue Herausforderungen – alte Reaktionen? Gießen: Psychosozial Verlag.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Dietl, Stefan (2017): Die AfD und die soziale Frage. Zwischen Marktradikalismus und »völkischem Antikapitalismus«. Münster: Unrast.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Dörre, Klaus (2018): Die Bundesrepublik – eine demobilisierte Klassengesellschaft. Neun Thesen aus dem PKJ. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung H116, S. 4050.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Ebermann, Thomas (2021): Störung im Betriebsablauf. Systemirrelevante Betrachtungen zur Pandemie. Hamburg: Konkret Texte.

  • Eribon, Didier (2016): Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp.

  • Geißler, Rainer (2005): Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Peter A. Berger/Heike Kahlert (Hrsg.): Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: Juventa, S. 71100.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Goetz, Judith/Burghardt, Daniel (2022): »Die neue deutsche Soziale Frage« – Rechte Deutungsmuster und Politikangebote am Beispiel der Wohn- und Mietenpolitik der AfD. In: Sebastian Seng/Dyana Rezene/Ansgar Drücker (Hrsg.): »Klassismus und Rassismus« – Dimensionen einer vielschichtigen Intersektion. Broschüre des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit. Düsseldorf: ohne Verlag, S. 8993.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Graf, Jakob/Lucht, Kim/Lütten, John (Hrsg.) (2022): Die Wiederkehr der Klassen. Frankfurt/Main: Campus.

  • Grigat, Stephan (2014): Fundamentale Wertkritik versus Ideologiekritik. Was folgt aus dem Marxschen Fetischbegriff für die Kritik der kapitalverwertenden Gesellschaft und des Antisemitismus. In: Falko Schmieder/Christine Blättler (Hrsg.): Gegenwart des Fetischs. Dingkonjunktur und Fetischbegriff in der Diskussion. Wien: Turia & Kant, S. 111131.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Heinrich, Michael (2011): Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition (5. Aufl.). Münster: Westfälisches Dampfboot.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Horkheimer, Max/Adorno, Theodor, W. (1981): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente [1944/1947]. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften Bd. 3. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Cornelia, Klinger/Knapp, Gudrun-Axeli (2007): Achsen der Ungleichheit – Achsen der Differenz. Verhältnisbestimmungen von Klasse, Geschlecht, »Rasse«/Ethnizität. In: Klinger Cornelia/Gudrun-Axeli Knapp/Birgit Sauer (Hrsg.): Achsen der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Frankfurt/Main: Campus, S. 1941.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Lessenich, Stephan (2018): Neben uns die Sintflut. München: Piper.

  • Lütten, John/Bernhold, Christin/Eckert, Felix (2021): Zur Kritik des Intersektionalismus. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung H126, S. 1830.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Mau, Søren (2021): Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Berlin: Dietz.

  • Marx, Karl (1961): Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie [1857]. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Marx-Engels-Werke Bd. 13. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Berlin: Dietz, S. 615642. [= MEW 13]

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Moore, Jason (2015): Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital. New York: Verso.

  • Nachtwey, Oliver (2016): Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.

  • Pilone, Lea (2022): Polizei und Rassismus in Deutschland. Eine historische Genese. In: Eleonora Roldán Mendívil/Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung. Zur Kritik des herrschenden Antirassismus. Berlin: Dietz, S. 121139.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • Postone, Moishe (1988): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Dan Diner (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt/Main: Fischer, S. 242254.

    • Search Google Scholar
    • Export Citation
  • PROKLA-Redaktion (2014): Klassentheorien. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 44/H175, S. 152160.

  • Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp: Berlin.

  • Steinke, Ronen (2022): Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich: Die neue Klassenjustiz. Berlin: Berlin Verlag.

  • Wacquant, Loïck (2009): Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit. Opladen: Budrich.

Internetquelle

Krause Laura-Kristine/Gagné Jérémie (2022): Wie finden wir aus der Spaltung heraus? In: DIE ZEIT vom 03. März 2022. URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-03/corona-gesellschaft-spaltung-geimpfte-ungeimpfe-moreincommon (Datum des letzten Abrufs: 14. November 2022).

  • Search Google Scholar
  • Export Citation

Content Metrics

All Time Past Year Past 30 Days
Abstract Views 63 0 0
Full Text Views 339 275 21
PDF Views & Downloads 672 519 42