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Sabine Seichter Salzburg

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Wenn nach einem relativ kurzen Zeitraum eine Thematik zum dritten Male Eingang in einen Themenschwerpunkt findet, dann mag das durchaus ein Spiegelbild des (erziehungswissenschaftlichen) Zeitgeistes sein. Nach »Der optimierte Mensch. Anthropologische und bildungstheoretische Perspektiven« im dritten Heft des Jahres 2020 und »Optimierung. Formen und Praktiken« im zweiten Heft des Jahres 2021 steht nun erneut das Thema Optimierung in erziehungswissenschaftlichen Kontexten im Zentrum. Die hier unter dem Rahmenthema »Optimierung – pädagogische Sichtweisen auf Mensch, Körper und Kultur« versammelten Texte entstanden im Anschluss der letztjährigen Görres-Tagung.

Die (Ideen-)Geschichte von der sozialtechnologischen Verbesserung des Menschen ist eine sehr lange und die Sehnsucht nach Optimierung im menschlichen Kollektiv fest und tief verwurzelt. Gedanken des Perfektionierens und heute zunehmend des Optimierens beginnen mit scheinbar harmlosen literarisch-utopischen Erzählungen und schreiten nicht selten über totalitäre Programme zur politisch-ideologischen Schaffung des ›neuen‹ Menschen fort und reichen gegenwärtig bis zu biotechnologischen Machbarkeitsphantasien. Der Anspruch auf Optimierung ist der Erziehung quasi inhärent, zielt sie doch stets auf Verbesserung, wenn nicht gar Steigerung und letztlich sogar auf Überschreitung menschlicher Fähigkeiten. Die hier folgenden Texte widmen sich sowohl einer fortschreitenden begrifflichen Klärung des facettenreichen Optimierungsthemas als auch einer praxisfeldbezogenen Übertragung der Thematik und den sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Sven Kluge stellt in seinem Artikel die Praktiken der Optimierung des Menschen einem »Mut zur Unvollkommenheit« gegenüber und zeigt die sich aus der Unvollkommenheit ergebenden Chancen und Potentiale wie beispielsweise solidarische Wertschätzung und Eigensinn auf, welche sich jenseits eines linearen Fortschrittsdenkens ergeben können.

Bernd Hemetsberger überträgt in seinem Beitrag »Citius, Altius, Fortius« den olympischen Wahlspruch des ›Schneller, Höher, Stärker‹ auf den pädagogischen Bereich, speziell auf die Praxis von Leistungsstatistiken. Dabei analysiert bzw. entlarvt der Autor die darin impliziten Logiken der Leistungsoptimierung.

Dass die Praxis des Optimierens zu einem lebenslangen Projekt werden kann, demonstriert Sabrina Schenk in ihrem Beitrag »Profilneurose. Zu einer Signatur von Subjektivität in der digitalen Kultur«. Die Autorin zeigt auf, wie das Selbst im Zuge permanenter Profilierung sich nicht nur formt und inszeniert, sondern dabei stetig optimiert.

In dem thematischen Zusammenhang des sich Darstellens fokussiert der Beitrag von Esther Pürgstaller auf den Körper. In »(Im)perfect Bodies 2.0 – Body Concepts in Current Bodily Practices« thematisiert die Autorin die (digitalisierte) Inszenierung von Körperbildern im Zusammenhang ästhetischer Optimierungsprozesse.

Ulf Sauerbrey, Claudia Schick und Liubov Andreeva wenden sich der Fami-lienbildung zu und fragen in ihrem Beitrag, ob Ratgebermedien allgemein und ihre Nutzung durch Eltern im speziellen als Zeichen einer optimierten Familienerziehung gedeutet werden können. Dabei stellen sie die zukunftsträchtige Frage, inwiefern jene angestrebte Perfektionierung des Wissens durch die Nutzung von Ratgebern Einfluss auf Erziehungspraktiken der Eltern haben kann.

In ihrem Beitrag »Wie Menschen zu Unternehmer_innen werden« fragt Sabine Hering nach den Anwendungen und Auswirkungen von Optimie-rungslogiken und den darin impliziten Steuerungspraktiken gegenüber den Auszubildenden und Beschäftigten in der Berufsbildung.

Im Allgemeinen Teil befragt Volker Ladenthin die grundlegende Relevanz der Geschichte der Pädagogik für pädagogisches Handeln in der Gegenwart, um in einem zweiten Schritt an einem konkreten Textbeispiel aus der griechischen Antike den Gewinn einer pädagogischen Reflexion der Vergangenheit für die Gegenwart zu demonstrieren.

In seiner Innsbrucker Antrittsvorlesung »Kritik der Klassenbildung« zeigt Daniel Burghardt die aktuellen Diskurse und Praktiken zur sog. Spaltung der Gesellschaft auf, zeichnet Entwicklungen innerhalb der sog. Ungleichheitsforschung nach und versucht eine Neubestimmung des Klassenbegriffs, um von dort aus Thesen für eine ausständige politische Klassenbildung zu formulieren.

Christoph Röseler verschafft uns mit dem Tagungsbericht zur Jahrestagung der Kommission Pädagogische Anthropologie der DGfE Einblicke in die dort breit verhandelte Thematik von »Virtualität«.

Die beiden Rezensionen blicken in den Arbeitsbereich der (historischen) Schulpädagogik und laden zum eigenen Nach- und Weiterdenken ein.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter, Salzburg

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